Young authors workshop in Budapest

"Ich habe mich auf das Experiment eingelassen, während des Schreibens noch nicht zu wissen, wohin es geht."


Alice Müller über ihr Stück

Was hat Sie als Deutsche nach Ungarn verschlagen?

Ich hatte vorher als freischaffende Schauspielerin in Deutschland und der Schweiz gearbeitet. Es gab dann ein Theater in Deutschland, das mir ein Festengagement angeboten hat und eines hier in Ungarn. Da wir eine Freie Theatergruppe in der Schweiz aufgebaut hatten, habe ich zu den Deutschen gesagt: Ich würde sehr gerne kommen, aber nur für ein Jahr und zwischendurch muss ich frei haben. Die Antwort war: Nein, das ist zu kompliziert. Und die Ungarn haben gesagt: Ja, klar. Insofern war es einfach eine Frage der Herangehensweise, die mich hierher gezogen hat, die ganz andere Einstellung. Nachdem ich zwei Jahre lang an der Deutschen Bühne Ungarn gearbeitet habe, bin ich jetzt in Budapest freischaffende Schauspielerin und Journalistin für die Budapester Zeitung.

Was hat Sie daran gereizt, an dem Schreibworkshop zu „After the Fall“ teilzunehmen?

Ich wollte ausprobieren, ob ich so etwas auf Ungarisch kann. Mit meiner deutschen Gründlichkeit habe ich alles, was in der Ausschreibung stand, eingereicht – fünf Mal so viel wie die Übrigen. Der Mauerfall selbst interessiert mich persönlich sehr, weil ich aus dem Westen komme, aber auch im Osten gearbeitet habe. Ich wollte den Gefühlen und Stimmungen, die sich im neuen Deutschland aufgebaut haben, auf den Grund gehen. Vielleicht kommt das in dem Stück auch heraus: Es geht um ein großes Missverständnis, das aber viel zu wenig angepackt wird. Deswegen verstehen sich bei mir die Figuren ständig falsch. Sie denken, sie sind in der Freiheit und dann kommt es ganz anders, sie werden ausgehorcht und dann auch noch beschuldigt, dem Geheimdienst des anderen Landes anzugehören und das Land ausspionieren zu wollen, obwohl sie gar nichts gemacht haben.

Spielt das Stück an einem konkreten Ort, in einer konkreten Zeit?

Es spielt nach der Wende in London. Zwei Frauen kommen aus dem Theater, es ist neblig, es ist Abend, nicht besonders schön und auf einmal ist da ein Zaun. Da sagt die eine: „Hier steht ein Zaun.“ Und die andere: „Ja und?“ – „Ja, aber dieser Zaun war vorhin nicht hier, als wir ins Theater gegangen sind.“ – „Ja wie? Soll der jetzt auf einmal hier..., ist der auf einmal gewachsen oder was willst du sagen?“ – „Nein, hier war nur kein Zaun.“ Und dann stellen sie fest, dass sie sich verirrt haben. Ich habe mir diesen Zaun wie einen Kreis vorgestellt, von dem man auf der Bühne aber nur einen Ausschnitt sieht – sie gehen also weiter und beschließen, sie haben sich nicht verlaufen, sie werden jetzt zum Hotel finden. Auf diese Weise kommen sie auf der anderen Seite wieder auf der Bühne heraus. Und das machen sie mehrfach. Dann sagt die eine: „Hier waren wir schon.“ Und so fort. Ganz seltsame Gestalten treten auf, erst ein Mann auf einem riesengroßen Einrad, der mit irgendwelchen Figuren spricht, die man nicht sieht. Die Frauen wissen auch nicht, ob er mit ihnen redet oder nicht. Danach kommen Polizisten und fragen die Frauen aus, zuerst ganz freundlich, aber mit der Zeit stellt sich heraus, dass sie die Frauen anklagen, Spione zu sein. Die Polizisten sind siamesische Zwillinge, weil der Staat nur so sicher sein, dass nicht einer etwas macht, das der andere nicht mitkriegt. Schließlich trägt der eine Zwilling den anderen schlafend herein, denn nur so kann er mit den Frauen, die sie vorher an den Zaun gefesselt hatten, ungestört reden. – Weiter bin ich noch nicht gekommen.

Wie sind Sie auf diese Geschichte im Rahmen eines so bedeutungsschweren Themas wie dem Mauerfall gekommen?

Ich saß im Workshop und alle haben von der schweren Materialität der Mauer gesprochen, die ich ja nur nach ihrem Fall kennen gelernt habe, weil ich damals gerade zehn Jahre alt war. Vor meinen Augen baute sich in dem Raum schon eine riesige Steinmauer auf – das passte nicht für mich. Und auf einmal stellte sich bei mir das Bild von einem Zaun ein und die Namen der beiden Hauptfiguren, Petunia und Elvira. Es ist eine Art kindliches Verstehen, das ich in dem Stück nachvollziehe: Das ist doch eigentlich so, aber jetzt ist es nicht so, wieso ist es nicht so?

Das heißt aber, die Idee ist tatsächlich aus dem Workshop heraus entstanden?

Ich kam mit etwas ganz anderem im Workshop an, mit einer fertigen Dramaturgie. Das habe ich alles weggeworfen und mich auf das Experiment eingelassen, während des Schreibens noch nicht zu wissen, wohin es geht. Für ein Theaterstück ist das vielleicht ungewöhnlich und im Rahmen dieses Workshops nicht unbedingt der Normalfall. Aber wenn ich schon weiß, was passiert, dann schreibe ich es nicht mehr auf. Für mich ist das eine Art Reise, die ich sehr genossen habe.

Hat die Entwicklung des Stückes auch etwas mit den Schauspielern zu tun, die ab der zweiten Runde des Workshops dabei waren?

Nicht wirklich. Es sind eigentlich zwei verschiedene Prozesse, die nebeneinander stattfinden. Dass ich durch das Hören mein Stück sozusagen zurückbekommen habe, ohne wirklich beteiligt zu sein, war sehr interessant. Aber ich habe mir die Frauen deutlich älter vorgestellt und die Figuren, die sich in meinem Kopf gebildet haben – ausgehend von diesen zwei blöden Namen –sind so stark, dass die Schauspielerinnen diese Figuren zwar spielen können, aber sie sind trotzdem immer noch so in meinem Kopf, wie ich sie am Anfang gedacht habe.

Hat das Projekt Sie inspiriert, in Zukunft auf Ungarisch zu schreiben?

Ich schreibe ja nach wie vor auf Deutsch: Kurzgeschichten und Gedichte. Als ich aber dieses Stück übersetzt habe, habe ich gemerkt, auf Deutsch ist es für mich tot. Alles, was ich an diesen Figuren so liebe, ist weg. Es ist trocken und fast ein bisschen uncharmant. Die ungarische Sprache und die Art, wie ich an das Stück heran gehe, passen anscheinend sehr gut zusammen.

Bei ihrem Stück wurde am meisten gelacht. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie einen spezifisch ungarischen Humor mitverarbeitet haben?

Dieses Stück ist das Gegenteil von dem, was ich eingereicht habe. Es ist nicht gründlich, nicht fertig durchgedacht. Ich erlebe hier in Ungarn immer wieder, wie die Leute sich ganz schnell verstehen. Alles ist eigentlich kein Problem. Dadurch kommt man aber auch ganz schnell in diese Kreisbewegung, man redet immer drum herum – und das machen meine Figuren bis zum Abwinken. Außerdem habe ich auf Ungarisch viel weniger sprachliche Mittel als auf Deutsch, wo meine Figuren auf ganz verschiedenen Sprachebenen reden können: vom Hochschulabsolventen bis zum Kellertreppenputzer. In diesem Stück reden alle ganz einfach. Wenn man ein Wörterbuch nimmt, kann man das vielleicht sogar verstehen, ohne Ungarisch zu können. Ich glaube, das prägt den Stil. Für die Zuschauer ist es natürlich auch komisch, dass diese Frauen so blöd sind, weil die sich so simpel unterhalten und immer im Kreis gehen.

Das Interview führten Aimée Torre Brons und Martin Hager.

 

AUDIO-INTERVIEWS WITH THE AUTHORS AND WORKSHOP LEADERS



Alice Müller
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Ferenc Csuszner
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Márk Péter Vargha
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Anna Lengyel
and László Márton
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