Young authors workshop in Budapest

Anna Lengyel und László Mártonde

„Es war sehr aufregend zu sehen, wie eine dramaturgische Denkweise entsteht.“

Ein Gespräch mit der Dramaturgin Anna Lengyel und dem Autor László Márton über den Nachwuchsautoren-Workshop in Budapest.

Im Rahmen des Projektes „After the Fall“ werden in der Regel Autoren mit einem Stück zu den Auswirkungen des Mauerfalls in ihrem Land beauftragt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen stattdessen einen Nachwuchsautoren-Workshop zu veranstalten?

Anna Lengyel: Hier wird das Dramaschreiben nicht unterrichtet. Ich lehre an der Theaterakademie und da wird auch Dramaturgie, Regie und Schauspiel angeboten, aber viele glauben nicht daran, was ich blöd finde, denn in der ganzen Welt funktioniert das glänzend. Und dann habe ich vorgeschlagen, die Mittel statt für die Beauftragung eines Autors für einen Workshop auszugeben. Im ersten Teil sollten die Autoren einfach nur Texte einsenden und wir haben eine Auswahl gemacht. Im zweiten Teil wurde bereits mit den Schauspielern weitergearbeitet und im dritten Teil kamen noch die Regisseure dazu. Ich kenne dieses Modell aus Finnland. Dort gab es auch nicht so viele junge Dramatiker und dann wurde überlegt, wie man das an der Uni unterrichten könnte. Entscheidend ist die frühe Einbeziehung von Schauspieler und Regisseuren. So kann man gleich ausprobieren, wie die Texte funktionieren, nicht nur ästhetisch oder stilistisch, sondern auch theatral.

Welche Vorgaben gab es für die Teilnehmer?

Anna Lengyel: Eigentlich nur die Altersgrenze. Ursprünglich hatten wir 25 Jahre festgelegt, dann haben wir festgestellt, das wäre viel zu jung, dann haben wir 30 Jahre festgelegt.

László Márton: Wir haben aber auch Ausnahmen gemacht, einige Teilnehmer sind über 30 Jahre alt. 30-35 Texte wurden eingesandt; das waren ganz gemischte Sachen. Bekommen haben wir Details aus Stücken, Novellen, Prosagedichten, sogar Essays. Anna und ich sind das Material durchgegangen und waren uns in der Beurteilung der Texte erstaunlich einig. Am Ende sind 14 übriggeblieben. Ich habe einige Themen eingeführt, damit der Workshop auch ästhetisch, theoretisch begründet wird. Und dann sind wir zum Praktischen übergegangen, haben die Texte gelesen und darüber diskutiert. Ich habe auch etwas über die jüngere Geschichte erzählt, über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Mittelosteuropa. Das war ziemlich nötig, weil einige Leute so gut wie nichts davon wussten.

.. aber interessanterweise haben einige Autoren eher historische Themen gewählt.

László Márton: Ich glaube, dieses Interesse wurde während der gemeinsamen Arbeit geweckt. Es war schon auch vorher da, aber irgendwie fehlten die Kenntnisse. Und diese Lücken konnten gefüllt werden.

Anna Lengyel: Das ist Lázslo zu verdanken, denn dieses Thema hätte gerade für junge Autoren auch problematisch werden können. Man könnte dennoch darüber diskutieren, ob das Thema (Mauerfall, gesellschaftlicher Wandel danach) nicht auch in manchen Fällen ein bisschen oberflächlich bleibt.

Das Gewinnerstück „Ich ertrinke“ von Bettina Almássy spielt in der DDR in den 70er- bis in die 90er-Jahre hinein. Es ist von einer Ungarin geschrieben, die keine eigene historische Erfahrung aus dieser Zeit hat ...

László Márton: Trotzdem fühlt man das Persönliche sehr stark in diesem Stück. Was Unterdrückung oder Missbrauch oder auch Enttäuschung in den menschlichen Beziehungen bedeuten kann, das weiß sie ganz genau. Und ich glaube, sie war auch Schwimmerin...

Anna Lengyel: ... Das habe ich auch geglaubt, aber sie kann gar nicht schwimmen. Das ist wirklich merkwürdig.

Worum geht es in dem Stück?

Lászlo Márton: Es geht um eine junge Frau, die in der DDR zur Schwimmerin abgerichtet wurde. Sie muss immer dem Willen der Anderen folgen. Daran zerbrechen alle ihre menschlichen Beziehungen – die Freundschaften, die Liebesbeziehungen. Sie kann sich emotionell nur mit ihrer sehr eintönigen und düsteren Tätigkeit identifizieren. Und schließlich verändert sie sich auch körperlich, sie wird durch die Hormonbehandlung maskulin und schließlich wird ihre Rolle sogar von einem männlichen Schauspieler gespielt. Einerseits ist sie Siegerin und Weltmeisterin, andererseits aber ein menschliches Wrack. Sprachlich ist das Stück auch sehr interessant. Bettina Almássy verwendet eine merkwürdige Collagetechnik. Wie sie die einzelnen Szenen nebeneinander montiert verleiht dem Stück eine besondere Dynamik und einen sehr ausgeprägten Rhythmus.

Glauben Sie, dass die Tatsache, dass sie sich die DDR ausgesucht hat, auch ein bisschen dafür spricht, dass in Ungarn die Mentalität herrscht, in der DDR, da war der Kommunismus ja noch viel schlimmer, da hat man die Leute viel schlimmer abgerichtet, als das in Ungarn selbst der Fall war?

László Márton: Nein, die Grenzsituation funktioniert. Und manchmal braucht man Distanz, sowohl geographische, kulturell als auch sprachlich, um die eigene Sache besser zu verstehen.

Anna Lengyel: Aber trotzdem stimmt es, was sie sagen. Die Menschen aus der DDR kamen sehr oft nach Ungarn zum Plattensee. Das war das Klischee, aber das stimmte auch. Sie kamen auch nach Budapest, um Platten zu kaufen, die man hier zum Beispiel kaufen durfte und in der DDR nicht. Hier war es schon ein bisschen freier. Die „lustigste Baracke des Ostens“ hat man das genannt.

Haben sich ihre Workshop- Teilnehmer in irgendeiner Weise an aktuelle gesellschaftspolitische Themen heran gewagt?

Annan Lengyel: Ja, Márk Péter Vargha, der Autor von "Herzlosigkeit" beschreibt in seinem Stück die Verhältnisse vor und nach einer Diktatur.

László Márton: Und er behandelt ziemlich offen die ungarischen Verhältnisse.

Anna Lengyel: Das war uns nicht gleich bewusst, aber es gibt z.B. in „Herzlosigkeit“ eine große Rede von dem neuen Herrscher des Landes, der genauso heißt wie der alte. Und das wiederholt sich, der Premier hat immer denselben Namen, es ist immer dieselbe Figur. Und diese erste Rede am Anfang des 2. Akts...

László Márton: ... ist voller Floskeln. Sie stammen von Miklós Németh und zwar aus den Reden aus dem Jahre ´89.

Márk Péter Vargha hat uns erzählt, dass er vorher noch kein Theaterstück geschrieben hat, sondern nur Prosa. Könnten Sie uns den Entwicklungsprozess in seinem Fall noch etwas erläutern?

László Márton: Für mich war es aufregend nicht nur zu sehen, wie ein Stück vor unseren Augen entsteht, sondern wie eine dramaturgische Denkweise vor unseren Augen entsteht. Dieser sehr talentierte und sehr intelligente junge Mann hatte vorher vom Theater überhaupt keine Ahnung, aber er wollte sich auf diesem Gebiet ausprobieren. Und er ist ganz auf Problemlösungen eingestellt. Sobald er begreift, wo das Problem ist, sucht er nach einer Lösung. Was nicht gut funktionierte korrigierte er umgehend. Das macht er so, tack-tack-tack. Also ich möchte nicht übertreiben, aber er ist auf seine Weise genial.

Worum geht es inhaltlich in seinem Stück?

László Márton: Ursprünglich hatte er eine Novelle geschrieben und dort ging es um ein Familienmittagessen mit Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Es stellt sich heraus, dass dem Jungen das Herz fehlt, aber er musste trotzdem am Mittagessen teilnehmen und schließlich fiel er in Ohnmacht. Und niemand wollte zur Kenntnis nehmen, dass ihm das Herz fehlt. Und dann haben wir die Frage gestellt, wie er die Novelle zu einem Stück verarbeiten kann. Dazu muss man immer wissen, wenn etwas geschieht, warum geschieht es. Also: „Warum hat der Junge das Herz verloren“? Und so entstand allmählich die Idee zum Stück. Das war wirklich eine gemeinsame Idee. Sämtliche Teilnehmer haben sich beteiligt. Es muss irgendwie ein Zwang herrschen, weil eine Diktatur in dem Land herrscht. Und dieser Zwang muss irgendwie allgemein sein. Und dann kamen wir darauf, dass im zweiten Teil die Diktatur aufgehört hatte. Unter den neuen Verhältnissen musste man mit der allgemeinen Herzlosigkeit etwas anfangen. Und im neuen Kapitalismus wurde das Herz oder die Herzlosigkeit verwertbar – auch finanziell verwertbar. So entstand ein einerseits natürliches Stück und andererseits kann das auch als Martyrer-Drama aufgefasst werden, weil das Stück – mindestens im heutigen Zustand – mit dem Martyrium des Jungen endet. Das wird wahrscheinlich nicht so bleiben, sondern noch grotesker werden.

Anna Lengyel: Ich habe noch keinen Autor außer Márk erlebt, der einfach immer zuhört, was man ihm so empfiehlt. Und er kann genau herausfiltern, was für ihn funktioniert und was nicht. Und ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass er nicht nur keine Stücke geschrieben hat, sondern dass er bis zu diesem Workshop auch kein Stück gelesen hat. Er ist sehr logisch, ein ganz kleines bisschen wie der Anti-Held seines Stückes, nicht herzlos, aber sehr logisch, sehr rationell.

László Márton: Aber er ist eine starke Persönlichkeit, sehr konsequent. Auch Ferencz Csuszner ist sehr intelligent und talentiert. Er ist aber nicht so selbstsicher wie Márk. Und er hatte auch einen schwerwiegenderen Stoff, mit dem er kämpfen musste.

Welcher war das?

László Márton: Ich meine die persönliche Involviertheit, weil er noch als kleines Kind die Diktatur erlebt hatte und das Erbe der Ceausescu-Ära schwer zu verarbeiten ist. Er kommt aus Siebenbürgen, dort ist er geboren und groß geworden. Er versucht eine relativ realistische Theaterwelt zu entwickeln und knüpft damit an der realistischen Tradition an, die in der ungarischen Literatur in Rumänien sehr stark präsent ist.

Sie haben in dem Workshop auch intensiv mit jungen Schauspielern des Nationaltheaters Budapest zusammengearbeitet, die ab der zweiten Phase dabei waren. Hat die Zusammenarbeit mit den Schauspieler auf die Entwicklung der Stücke Einfluss genommen?

Anna Lengyel: In der zweiten Workshop-Phase haben wir nachmittags mit den Schauspielern zusammen gearbeitet, vormittags oder abends waren wir nur unter uns. Wir hatten noch kein Stück und wussten überhaupt noch nichts über die Besetzung oder welche Rollen man spielen wird. Ich musste die Schauspieler auswählen und wollte welche, die ganz offen und aufgeschlossen sind, die auch spielerisch sind. Sechs Schauspieler haben dann mitgemacht. Keiner hatte vorher mit Autoren zusammengearbeitet oder beim Entstehen eines Stückes mitgewirkt. Für sie war das sehr interessant Aber auch für die Autoren war das neu: Márk (Péter Vargha hat das auch thematisiert. Zwei aufeinanderfolgende Sätze konnten logisch sein und auf Papier funktionieren, wenn man sie dann aber gesprochen hört, sagt man sich, das funktioniert doch nicht. Wir konnten uns lange nicht zwischen Bettina (Almássys) und Alice Müllers Stück entscheiden. Und dann haben wir die Schauspieler gefragt, was sie mehr interessieren würde. Und die haben sich für Bettina (Almássys) Stück entschieden.

Wie möchten sie das Projekt weiterführen. Die Stücke sind ja nicht alle fertig?

Anna Lengyel: Als Dramaturgin interessiert es mich momentan, internationale neue Dramatik mit szenischen Lesungen, kleinen Produktionen nach Ungarn zu holen. Ich bringe aber auch ungarische Stücke ins Ausland. Nun möchte ich gerne die besten Stücke des Projektes ein bisschen vertreten. Als Dramaturgin kenne ich die Regisseure, die Theater und weiß vielleicht, welches Stück wohin passt. Und da möchte ich gerne mit Bettinas (Almássys) sowie Márks (Péter Varghas) Stücken und auch mit dem von Alice (Müller) etwas anfangen. Alice finde ich unheimlich spannend, nicht nur, weil sie Deutsche ist. Vor allem absurdes Theater fehlt heute in Ungarn. Was mich immer gewundert hat: Mann geht hier auf die Post oder in einen Laden und bräuchte nur aufzuschreiben, was man da hört und schon ist das ein absurdes Stück. Und das erzählt man sich gegenseitig, das sind so absurde Situationen. Mich wundert es, wieso kein Mensch hier Absurdes Theater schreibt.

Alice Müller erwähnte, dass sie bei dem Versuch einer Rückübertragung des Stückes ins Deutsche für sich zu der Erkenntnis gekommen ist, dass das Stück, auf Deutsch für sie „tot“ sei. Das Absurde in ihrem Stück sei durch Ungarn inspiriert und möglich. Im Deutschen würde das weder sprachlich noch vom Kontext her funktionieren.

László Márton: Ja, ich kenne diese Erscheinung. Manchmal versuche ich auch auf Deutsch zu schreiben und diese Texte wären ins Ungarische übersetzt wohl nichts – meine ich. Jede Sprache erfordert eine eigene Denkweise, selbst für die Nicht-Muttersprachler. Und in einer anderen Sprache muss eine Geschichte ganz anders aufgebaut werden, sowohl auf der Bühne als auch in den Seiten eines Romans.

Anna Lengyel: Sie (Alice Müller) hat ein sehr starkes Gefühl für die Sprache. Manchmal schreibt sie ein Wort falsch. Man weiß, was sie sagen will, aber wie sie das formuliert, da muss man wirklich schwer überlegen, ob man das korrigieren sollte. Denn eigentlich versteht man, was gemeint ist und eigentlich ist es dann in den meisten Fällen doch besser oder interessanter, es so zu lassen, wie sie es geschrieben hat.

Würde es demnach den deutschen Dramatikern gut tun, öfter mal nach Ungarn zu kommen...?

Anna Lengyel: Vielleicht.

Das Gespräch führten Martin Hager und Aimée Torre Brons

 

AUDIO-INTERVIEWS WITH THE AUTHORS AND WORKSHOP LEADERS



Alice Müller
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Ferenc Csuszner
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Márk Péter Vargha
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Anna Lengyel
and László Márton
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TEXTINTERVIEWS MIT: