Czekając na Turka

ZWANZIG JAHRE ODER WIE ICH DIE GESCHICHTE ÜBERSTAND

 

VON ANDRZEJ STASIUK

Die Wende war nur ein fernes Gerücht: 1989 eröffnete sich für einen Schriftsteller-Eremiten in den Beskiden nicht der Westen, sondern das Traumland Südosteuropas.

Essay des polnischen Autors Andrzej Stasiuk, veröffentlicht am 12. Mai 2009 in der FAZ

Sind es schon zwanzig Jahre? Wie die Zeit vergangen ist. Ich habe es gar nicht richtig mitbekommen. Ich saß die ganze Zeit in den Karpaten in der Nähe der slowakischen Grenze, auf dem Land. All die Veränderungen, die ganze Revolution habe ich aus der Ferne verfolgt. Ein bisschen so, als wären sie in einem fremden Land passiert. Im Rückblick von zwanzig Jahren sehe ich, dass ich mich wenig dafür interessiert habe. Ich war nicht beteiligt. Es fällt mir schwer, einen Wendepunkt, eine Zäsur zu erkennen. Angefangen hat es wohl damit, dass die Grenzsoldaten nicht mehr in unsere Hütte kamen, um die Ausweise der Gäste zu kontrollieren. Vorher war das Routinesache gewesen. Die Jungs kamen auf Motorrädern, im Winter auf Schneepflügen und legten eine gleichgültige Höflichkeit an den Tag. Neuigkeiten brachten Freunde aus der Stadt. Wir hatten keinen Fernseher und kauften keine Zeitungen, denn während der Kommune stand nichts Ernstzunehmendes darin. Es blieben die mündlichen Berichte von Bekannten und Freunden. Die Erzählungen waren interessant, aber ein bisschen unwirklich. Sie handelten von einem anderen Land. Hier, in unserer Gegend, hatte sich so gut wie nichts verändert. Die Menschen warteten auf etwas, glaubten aber nicht so recht daran, dass es kommen würde. Und selbst wenn, musste man damit rechnen, dass es auch wieder gehen würde. Das sind der uralte Fatalismus und die Vorsicht des mitteleuropäischen Volkes, die ich mir für alle Fälle auch angeeignet habe.

Unsere Freunde also kamen mit immer besseren Autos, sie erzählten von Freiheit und Demokratie, von gut laufenden Geschäften, Auslandsreisen, Handys und den Wundern des Web, und ich nickte nur, lächelte und wandte mich wieder meinen dörflichen Beschäftigungen zu, dem Holzhacken, dem Ziegenmelken, der Lektüre der Wüstenväter und dem Trinken bis zur Bewusstlosigkeit mit Holzfällern und Schafhirten.

Natürlich, ab und zu zog ich auch in die große Welt hinaus. In meine Geburtsstadt Warschau zum Beispiel. Dort aber, in meinen Kreisen, herrschte ein ähnliches Klima wie in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als ich diese Stadt für immer verlassen hatte: Alle waren hoch erregt. Nur dass uns in den Achtzigern die Dekadenz des Kommunismus erregte, die malerische und absurde Atrophie des Systems. Es war wie der Ball auf der Titanic – wir feierten bis zum Umfallen vielleicht in der Ahnung, dass es nie mehr so sein würde: so fröhlich, so dekadent, so no future – denn das System ging wirklich zugrunde, nur konnte niemand von uns sich vorstellen, was danach kommen sollte.

In den frühen Neunzigern feierte die Stadt auf ähnliche Weise, aber heftiger. Man feierte Tag und Nacht, ohne Unterlass, alles war ein riesengroßer Spaß: wahnsinniges Ackern sechzehn Stunden am Tag, erste Erkundungen, was das sei – der Markt, unternehmerische Auf- und Abstiege, Ruhe, eine Freiheit, deren Grenzen man erst noch austesten musste, und so weiter. Ich schaute mir das zwei, drei Tage mit an, ich amüsierte mich bis an die Grenze der Erschöpfung und kehrte zu meinen Ziegen und Holzfällern zurück. Wie von einer Auslandsreise. Oder vom Rummelplatz. Vom Karneval. Und es zog mich nicht im Geringsten dorthin zurück. Alles brannte wie ein Feuerwerk, so lichterloh, dass es bald erlöschen musste.

1992 gab ich mein erstes Buch heraus. Ein alter Freund kam mit einem Haufen Geld aus Finnland zurück, wo er hundert Meter hohe Fabrikschornsteine gestrichen hatte, und beschloss, einen Verlag zu gründen. Sein Verlag hatte mit Literatur im engeren Sinne nicht viel zu tun. Er publizierte buddhistische Devotionalien, die Geschichten der Meister, Weisheiten eines dänischen Schlitzohrs namens Ole Nydhal, das in den siebziger Jahren Lehrer des Buddhismus geworden war, und Tarot-Bücher. Inmitten solcher Esoterik erschien mein erstes Buch: Es handelte von den Erlebnissen in einem Gefängnis, in dem ich Anfang der achtziger Jahre anderthalb Jahre hatte verbringen dürfen. Das Buch war so "abstoßend, schmutzig und böse", dass man es nicht einmal in den unabhängigen Untergrundverlagen veröffentlichen wollte. An die Publikation in normalen Verlagshäusern während der Kommune habe ich nicht einmal gedacht. Und jetzt auf einmal klappte es. Mein Freund sagte: Gib mir diesen Unflat, ich druck dir das. Damals habe ich wohl am eigenen Leibe gespürt, dass etwas sich veränderte und ich selbst von diesen Veränderungen betroffen war. Ja, das war eine ziemlich amüsante Erfahrung: Meine "Mauern von Hebron" erschienen neben buddhistischen Predigten in dem Verlag eines Freundes, der sich nur wenig für Literatur interessierte, und wurden innerhalb weniger Wochen zu einer literarischen Sensation. Nolens volens begann ich den Schriftsteller zu spielen. Das fiel mir schwer, weil ich nie im Leben einen echten Schriftsteller gesehen hatte, nicht einmal einen Kritiker. So verreiste ich von Zeit zu Zeit und tat so, als ob, um ein bisschen neues, kapitalistisches Geld zu verdienen, und kehrte dann zur Lektüre der Wüstenväter und zum Trinken mit den Schafhirten zurück.

Ich versuche hier, meine private Geschichte der Revolution und der Freiheit zu rekonstruieren, doch mein Gedächtnis wartet nicht mit eindrucksvollen Bildern auf. Die Jahreszeiten wechseln, im Winter schneidet der Schnee uns von der Welt ab, im Frühling kommen die Hirten mit ihren Schafen, im Sommer mehren sich die Besuche der Freunde, im Herbst ziehen die Schafe ab, und wieder schneit es. Irgendwann fange ich an, für Zeitungen in Polen zu schreiben, und dann, besonders im Winter, halten Monika und ich nach dem Briefträger Ausschau, der mir durch den Schnee das Honorar in klingender Münze bringt. Das Geld geht sofort zur Schuldentilgung in den umliegenden Lebensmittelläden drauf. Das ist der Geschmack der Freiheit: Du kannst schreiben, was du willst, und bekommst dafür Geld fürs Essen. Früher, im Kommunismus, hatte ich nie für irgendeine Zeitung schreiben wollen. Manchmal hätte ich wohl Lust gehabt, aber ich konnte es einfach nicht, und niemand hätte irgendeinen Text von mir genommen. Von einem Idioten, der im Gefängnis saß, Ziegen melkt und mit den Holzfällern trinkt? Doch lieber nicht. Später wurde in unserer Nähe der Grenzübergang geöffnet. Man brauchte nur etwa fünfzehn Kilometer zu fahren, schon war man über die Grenze. Zwei Jahre nach meiner Buchveröffentlichung besorgte ich mir zum ersten Mal im Leben einen Reisepass. Früher hatte ich das nicht gebraucht. Die meisten meiner Freunde fuhren in den Achtzigern in den Westen Europas, aber ich hatte einfach keine Lust dazu. Das Reisen war so eine Art Gnadenakt des kommunistischen Staates. Ich wollte mich nicht erniedrigen lassen. Auch hat sich die Phantasievorstellung des unerreichbaren Westens in meinem Denken niemals zu einem Mythos kondensiert. Der Westen war einfach eines von vielen Elementen meines Imaginariums.

Der Grenzübergang in der Nähe unseres Hauses dagegen war so etwas wie ein Wink des Schicksals. Es wäre sündhaft und dumm gewesen, diese Einladung auszuschlagen. Wir begannen zu reisen. In den Süden. Eine reflexhafte, natürliche Entscheidung. Der Süden war die Befreiung vom ewigen polnischen Fatalismus: Ost-West, West-Ost, Paris-Berlin-Moskau, Moskau-Berlin-Paris, er war die Befreiung von diesem ewigen Durchzug der Geschichte, Abkehr von jener unseligen und düsteren mitteleuropäischen Tiefebene, die immer von der Geschichte mit Füssen getreten, immer von Armeen durchzogen wurde. Von Flandern bis zum Ural. Langeweile und Melancholie.

Die errungene Freiheit war also die Freiheit, in den Süden zu reisen. Die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Moldawien, Ukraine, später der Balkan bis nach Albanien. Man stand frühmorgens in der Wildnis der Karpaten auf und konnte fünf Stunden später in Budapest den Donaublick von den unvergleichlichen Brücken dieser Stadt genießen. Oder weiter fahren, um nachmittags in Istrien dunkelblauen, bitteren Ternar zu trinken und dabei dem Gequengel der Möwen zu lauschen. Im Winter bedeutete diese zweite Möglichkeit den blitzschnellen Tausch nördlichen Nebel und Schnees gegen das Blau des Mittelmeers. Jene südöstlichen Länder weckten ein viel größeres Interesse, denn in ihnen war es zu heftigen und fundamentalen Veränderungen gekommen. Zudem konnte man, selbst wenn man von außen kam, mental an diesen Veränderungen teilhaben, denn uns verband die Gemeinsamkeit der Schicksale, der Geschichte und ebendieser Veränderungen. Und hatte man einmal begonnen, gleichsam instinktiv in diesen Süden einzutauchen, dann landete man schließlich auch einmal in Tirana, um festzustellen, dass dies vermutlich die interessanteste Hauptstadt in Europa ist. Auf jeden Fall die malerischste und unberechenbarste. Sie ist so anziehend, dass ich im Laufe der letzten Jahre sechs- oder siebenmal dort gewesen bin. Öfter war ich nur in der Hauptstadt der europäischen Melancholie, in Budapest. Ja und in Berlin, aber dorthin fahre ich als traditioneller slawischer Gastarbeiter. Ich war auch einmal in Rom und einmal in London. Mir gefielen diese Städte gut, aber nicht so sehr, dass ich ein zweites Mal hätte dort hinfahren müssen.

Dagegen bin ich eines Tages ins Auto gestiegen und nonstop bis Istanbul gefahren, um dort eine Nacht und den folgenden Tag zu verbringen und die tausendvierhundert Kilometer zurückzufahren. Heute träume ich fast jede Nacht von Istanbul. Vermutlich bin ich ein absoluter Provinzler, nur hat der Sturz des Kommunismus es mir erlaubt, diese Provinzialität auch international auszuleben. Ja, die Berliner Mauer ist gefallen, die Solidarnosc hat die Sowjets ausgetrickst, und das alles nur, damit ich nach Tirana reisen kann, so oft es mir gefällt. Ich verdiene Euro in Berlin, indem ich das dortige literarische Publikum unterhalte, und gebe sie in Montenegro für Vranac oder in Moldawien für Dionis-Wein aus. Das ist mein Beitrag zur Vereinigung des Kontinents, das ist meine geheime Mission, die die meisten diplomatischen Geheimmissionen meines Landes an Bedeutung übertrifft. Schon zwanzig Jahre, sagen Sie? Wie die Zeit vergangen ist! Ich habe ein gutes Dutzend Bücher publiziert, Monika und ich sind bestimmt eine halbe Million Kilometer auf der Suche nach der ungreifbaren, überwältigenden Aura der südöstlichen Gefilde gefahren, wir haben ein Haus gebaut, unsere Tochter, fast gleichaltrig mit der errungenen Freiheit, wird uns im Herbst verlassen und in die Stadt ziehen . . .

Dennoch gelingt es mir nicht, dies alles von den Ereignissen, Dingen und Bildern zu trennen, die vorher waren. Ich habe mich durchgemogelt, bin unmerklich von einer Epoche in die andere gehuscht. Durch die Hintertür, heimlich und ohne großes Aufsehen. Mein Gott – ich habe im Fernsehen nicht gesehen, wie die Berliner Mauer barst, habe Ceausescus Hinrichtung nicht gesehen, den Putsch in Moskau, die samtene Revolution in Tschechien mit der mit Schlüsseln klimpernden Menschenmenge auf dem Wenzelsplatz. Eigentlich kann man sagen, die Geschichte hat mich in gewisser Weise umgangen. Hier in unserer Gegend, genannt Osteuropa oder Mitteleuropa, ist das eine unerhörte und luxuriöse Situation. Ich hatte Glück, nichts hat mich bei der Lektüre der Wüstenväter, beim Melken der Ziegen und beim Trinken mit den Holzfällern gestört.

Aus dem Polnischen übersetzt von Olaf Kühl.
Andrzej Stasiuk, geboren 1960 in Warschau, veröffentlichte auf deutsch zuletzt "Dojczland. Eine Reise" (2008).
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Erstveröffentlichung am 12. Mai 2009

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