Czekając na Turka

ZITTERN VOR EUROPA
ein Bericht von Katrin Bettina Müller

 

„After the Fall“: In Krakau wurde Andrzej Stasiuks „Warten auf den Türken“ uraufgeführt

Von Katrin Bettina Müller

„Die Veranstalter laden einen nach all diesen Lesungen meist in ein italienisches Restaurant ein,“ schreibt der polnische Autor Andrzej Stasiuk in „Dojczland“, seinem 2008 erschienen Buch über seine Lesereisen in Deutschland. „Keine Frage, sie haben einen Komplex. Das bessere Leben ist im sonnigen Italien.“

Auf dem Stadtplan von Krakau, den das Goethe-Institut dort den Besuchern, die zu einer Stasiuk-Premiere aus Deutschland angereist kommen, in die Hand drückt, sind lustigerweise 5 italienische Restaurants als Ausgehempfehlung markiert. Andrzej Stasiuk weiß, wovon er redet, wenn er von nationalen Vorlieben, Komplexen und Vorurteilen erzählt. Das ist auch ein Thema seines Stücks „Warten auf den Türken“, das am 19. Juni im Stary Teatr Krakau seine Uraufführung erlebte.

Was wäre die Sprache ohne die Vorurteile, was wäre das Denken ohne Komplexe wert. Sie liefern im „Warten auf den Türken“ einen unendlichen Bilderreichtum, zum Beispiel dem „Chor der Schmuggler“: „Und man weiß nicht, Gefährten, was furchtbarer ist: Das Albion oder der gnadenlose Muselmann? Die grenzenlose Freiheit oder das mohammedanische Joch? Europa oder Asien!? Gefährten, mir wird Angst und Bange, denn die Entscheidung überfordert mich.“

Mit einem kleinen Ballett und flüsternd, wie noch unterwegs auf heimlichen Pfaden, eröffnet der dreiköpfige „Chor der Schmuggler“ die Inszenierung von Mikolaj Grabowski, Intendant des Stary Teatr. Arbeitslos geworden lungern sie nun ebenso wie der alter Grenzer in Rente, Edek, an einem aufgegebenen Grenzposten zwischen Polen und der Slowakei in den Beskiden herum. Die Schmuggler vermissen die Grenze als Ordnungsmuster ebenso wie Edek, ihr früherer Gegner. In ihrem gemütlichen Jammer scheucht sie Patryk, ein junger Wachschutzmann auf, der das „Gelände“ nun im privaten Auftrag eines türkischen Investor bewachen soll.

Ihre Wortgefechte sind witzig und spitz, durchsetzt von männlichen Eitelkeiten, Geprotze und Stolz. Es ist eine deftige Sprache, in die Stasiuk ihre ideologischen Auseinandersetzungen packt, das Verhandeln der Verwurzelung in alten Hierachien und die Hoffnung auf Veränderung. Die Inszenierung von Mikolaj Grabowskis lässt keinen Moment daran zweifeln, dass Edeks Sehnsucht nach alten Ordnungsmustern auch auf seiner Fähigkeit zu Selbstbetrug und Verdrängung beruht. Ebenso wie Patryks Schwärmen für ein Leben in London keine zu genaue Nachfrage nach seinem Wohlergehen dort verträgt.

„Andrzej Stasiuk hat die Systemwende fortwährend begleitet“, sagt Mikolaj Grabowski, der vor vier Jahren auch schon Stasiuks erstes Theaterstück „Die Nacht“ inszeniert hat. Er sieht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in Polen von vielen Tabus belastet und deshalb ist Stasiuk wichtig als einer, „der in diesem Ameisenhaufen rührt.“ Und Jan Peszek, der den Edek spielt, findet in dem Stück „das Zittern, das wir alle fühlen, ausgesprochen. Weiß man denn, wodrauf dieses Europa hinausläuft.“

„Warten auf den Türken“ ist im Rahmen des Projekts „After the Fall“ entstanden, einer Initiative des Goethe-Instituts. „Wie erzählt man über die Gegenwart, die Vielzahl der Entwicklungen in Europa, die unterschiedlichen Demokratiebewegungen, die Verschiebungen der Grenzen nach außen?“, zählt Martin Berg, einer der Initiatoren, im Stary Teatr die Fragen auf, die man Theaterautoren auf den Tisch legen wollte. Das Ziel ist, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer die europäische Dimension der Geschichte mit einer Vielzahl von Stimmen einzufangen. Stasiuk antwortet auf diese Fragen mit einer politischen Groteske, die sich ihren stärksten Effekt für den Schluss aufhebt.

Denn der Türke, der dem Stück seinen Titel gibt, erweist sich am Ende als eine Frau, die eigentlich genau das will, dessen Untergang Schmuggler und Grenzer bejammern. Sie bietet ihnen ein Fortspielen ihrer alten Rollen an, in einem Themenpark „Das Leben an der Grenze“. Da könnten sie dann, was ihre Wirklichkeit war, als folkloristisches Abziehbild verkaufen.

Zwar hat das Stück einige Schwächen: Es ist ein etwas zu vorhersehbarer Schwank. Tritt man aus dem Stary Teatr wieder hinaus auf die Straßen Krakaus, die abends von trinklustigen Touristenbanden geradezu überschwemmt werden, haftet ihm auch etwas vom Rückzug an einen Ort an, dem als Zukunft noch bevorsteht, was die Stadt Krakau schon längst erlebt hat. Aber vielleicht braucht es die Beschränkung, um das schon alltäglich Gewordene wieder sichtbar zu machen.

TV SymbolVideo-Reportage „Warten auf den Türken" in Krakau

Bericht der Deutschen Welle zu „Warten auf den Türken“