Czekając na Turka

Czekajac na Turka (Warten auf den Türken) von Andrzej Stasiuk

Dreißig Jahre habe ich ihn bewacht. Fünfunddreißig Jahre. Fünfunddreißig Jahre lang bin ich vor Morgengrauen aufgestanden und hierher gekommen. Oder ich bin mitten in der Nacht aufgestanden und auch hierher gekommen. Wenn sie mich zum Einsatz riefen. Ich hob diesen weißroten Schlagbaum anfangs mit der Hand, später mechanisch, am Ende elektrisch. Anfangs selten, dann immer öfter, und am Ende... am Ende auf Wunsch von jedem Hinz und Kunz. Sogar die Zigeuner kamen von drüben her! Sie zeigten ihren beschissenen Pass...
(Edek in „Warten auf den Türken“)

An der polnisch-slowakischen Grenze in der Nähe des Dujawa-Passes im Hauptkamm der Niederen Beskiden siedelt der polnische Autor Andrzej Stasiuk sein jüngstes Theaterstück „Warten auf den Türken“ an. Bis Dezember 2007 bestand an dieser Stelle der Straßengrenzübergang Konieczna – Becherov. Heute, nach der Aufnahme der Nachbarländer in die Schengen-Zone, ist der Übergang verschwunden und an seine Stelle treten bei Stasiuk ehemalige Grenzgänger und Grenzwächter, die im Niemandsland zwischen hier und drüben, gestern und heute einer ungewissen Zukunft entgegenblicken. Was wird sein, jetzt wo es keine Grenze mehr gibt und die Koordinaten der ehemals berechenbaren Welt durcheinander geraten? Wird das Neue auch das Bessere sein? Und wird es von allen mit derselben Begeisterung begrüßt? Wehmütig, ironisch und zuweilen recht derb gedenkt man der alten Zeiten des „kleinen Grenzverkehrs“ als die Schmuggler gegen die Grenz-Wachen antraten, Marika die Grenzhure, ihren Spirituosenladen betrieb und Edek noch Herr über den weiß-roten Schlagbaum war. 35 Jahre lang hat er diese Zone der Grenze bewacht und nun taucht plötzlich der junge Patryk auf, der behauptet, das Grenzland sei an die Türken verkauft worden und er habe den Auftrag im Dienst einer Wachschutzfirma der neuen Investoren auf den Boden aufzupassen. Ob es wahr ist, dass die Grenze, „die heiligste Erde des Landes“, verkauft wurde? Und wird tatsächlich über den Pass eine „Magistrale, die zwei Welten verbindet, die Einzugsgebiete der Ostsee und des Schwarzmeers“, verlaufen? Wenn sie entsteht, dann „von Nord nach Süd und von dort wieder von Süd nach Nord. Alles wird hier vorbeikommen, Wassermelonen, Volvo, Kebabs, Fisch, Hefe, Playstations, Rachat Lokum, Server, Decoder, Kreuzkümmel, Carsaf, Teekessel, Hybridmotoren, Zeibekiko, Lampen, Alladine, Technologien, Futurologien, Orient, Okzident, die Hagia Sofia, das Brandenburger Tor, Tomaten, Spülmaschinen, Streuwagen, Schnurrbartwichse, sonstige Cremes (...)“.

Willkommen im Disney-Land des grenzenlosen Kapitalismus scheint das Stück uns süffisant ironisch zuzurufen. „Warten auf den Türken“ ist melancholischer Abgesang wie bittersüße Satire in einem. Stasiuk geht dabei mit der Vergangenheit wie mit der Gegenwart kritisch ins Gericht. Weder die „gute alte Zeit“ noch die „verheißungsvolle Zukunft“ kommen dabei gut weg, sondern offenbaren nur immer wieder ihre Absurdität. Einzig der Zigeuner, jener Vertreter eines „alterwürdigen unsteten Volkes“ bleibt stoisch unberührt von den Verwerfungen der Zeit. „Er wanderte umher als es noch keine Grenzen gab, er wanderte, als es Grenzen gab, und jetzt wandert er weiter umher“. Er haftet nicht an dem Boden unter seinen Füssen, seine Heimat ist die Fremde, jede Grenze wird ihm vollkommen sinn- und bedeutungslos erscheinen.

In „Warten auf den Türken“ hingegen ist das Grenzland „heilige Erde“, die bis dahin nur von der Natur, der Geschichte und den Geschichten seiner Bewohner bewohnt wurde. Nun aber erobern Fremde diesen „heiligen Boden“, wollen ihn bebauen und seine Erinnerung vereinnahmen. Aus dem Niemandsland der Grenze an der Peripherie Europas soll ein Themenpark werden: Hier, so die türkischen Investoren, kann man das Projekt „Räuber an der Grenze“ unter dem Motto „Grenzübergang im alten Osteuropa“ realisieren. „Das wird eine Attraktion für die ganze Welt.“

Warten auf den Türken

Uraufführung am 19 Juni 2009 im Stary Teatr, Krakau, Polen
Autor: Andrzej Stasiuk
Regie: Mikołaj Grabowski
Bühne / Kostüme: Magdalena Musiał
Musik: Mikołaj Trzaska
Darsteller:
Iwona Bielska
Paulina Puślednik (PWST)
Piotr Głowacki
Zbigniew W. Kaleta
Wiktor Loga-Skarczewski
Jan Peszek
Jacek Romanowski
Krzysztof Wieszczek

TV SymbolVideo-Reportage „Warten auf den Türken" in Krakau

Bericht der Deutschen Welle zu „Warten auf den Türken“