Der Fälscher

THE FALL OF WHAT?

Vladimir Arsenijević

EIN GOLDENES ZEITALTER?

Die Bombe, die am 13. Juli 1968 im Belgrader Kino „20. Oktober”1 in die Luft ging, schien die Vorstellung vom goldenen Zeitalter der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zunächst kaum ins Wanken zu bringen. Dieser blockfreie Staat, der so stolz auf seine Einzigartigkeit und Unabhängigkeit war, wurde mit starker Hand von Marschall Josip Broz Tito geführt – Präsident auf Lebenszeit, über alles geliebter Sohn und überlebensgroße Integrationsfigur aller Völker des Landes. Wir Jugoslawen besaßen damals ein nahezu unerschütterliches Selbstbewusstsein. Nach Jahren des Kampfes, in denen unser Staatswesen in den verschiedenen Stadien seiner Existenz – von dem nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Königreich Jugoslawien über die Föderative Volksrepublik Jugoslawien hin zu seiner letzten Inkarnation, der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, – die verschiedensten Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden hatte, schien sich das Land nun endlich in einer Phase des Friedens und der Stabilität zu befinden. Ganz Europa war in den späten fünfziger und in der ersten Hälfte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von einem schier unerschöpflichen Optimismus ergriffen, der sich hauptsächlich aus der dubiosen Vorstellung speiste, dass alle Kriege, zumindest was den eigenen Kontinent anbetraf, nunmehr der Vergangenheit angehörten und eine Epoche des unaufhaltsamen Fortschritts angebrochen sei. Obwohl die Realität um uns herum so trostlos wie ehedem war und die Welt weiterhin ein einziges Jammertal voller Tragödien, Elend und Ungerechtigkeit, in dem Hass, Zorn und Gewalt das Zepter schwangen, sah die Zukunft in den Augen des Durchschnittseuropäers so sauber und adrett aus wie jene raffinierten Fernsehwerbespots für noch raffiniertere Produkte, die seit neuestem über die Bildschirme flimmerten. Diese Bilder einer schönen neuen Welt halfen uns Europäern offensichtlich, alle Widrigkeiten äußerst gekonnt auszublenden. Im Laufe der sechziger Jahre vollzog sich ein weiterer Wandel in unserer Sichtweise: Während die Vergangenheit sich nunmehr in tristem Schwarzweiß präsentierte, erschienen Gegenwart und Zukunft in einem farbenfrohen Gewand. Die Jugendkultur erlebte eine nie gekannte Blüte: Die Haare wurden immer länger, die Hosenschläge immer weiter, die Uniformität von Anzug und Krawatte wurde abgelöst durch die fast grenzenlose Freiheit der verschiedensten Formen und Farben legerer Kleidung. Allem, was älter war als ein oder zwei Jahre, haftete in unseren Augen der Ruch des Uralten, längst Vergangenen an. Jedes einzelne Jahr, das ins Land ging, schien uns damals von gewaltiger Bedeutung zu sein, und dementsprechend waren die Veränderungen, die sich vor unseren Augen vollzogen, viel tiefgreifender, massiver und dramatischer als alles, was heute vor sich geht.

Oder sollten wir uns da etwa getäuscht haben?

ES WAR KOMPLIZIERT

Jugoslawien gehörte zu keiner der beiden Hälften, in die Europa damals so deutlich geteilt war. Weder dem Osten noch dem Westen zugehörig, steckte es irgendwo zwischen den Blöcken fest. Während es in wirtschaftlicher Hinsicht eher dem Westen zuneigte, der es mit schier unerschöpflichen Krediten verwöhnte, war Jugoslawien besonders stolz auf die politische Unabhängigkeit, mit der es einen dritten Weg initiiert und maßgeblich geprägt hatte: die so genannte Blockfreiheit. Nach außen hin trug das Land jedoch alle unverzichtbaren Kennzeichen eines unbeugsamen kommunistischen Staatswesens zur Schau: Vom ausgeprägten Persönlichkeitskult mit den obligatorischen alljährlichen Jubelfeiern für unser geliebtes Oberhaupt, deren Ausmaß und Choreographie man sich beim kommunistischen Bruder China abgeschaut hatte, über die pompösen Militärparaden zum 1. Mai, wobei der Marx- Engels-Platz im Zentrum der Hauptstadt Belgrad – wie könnte es auch anders sein – mit riesigen Flaggen in Sowjetrot und den überlebensgroßen Konterfeis von Marx und Engels (und Väterchen Lenin obendrein) dekoriert war.

Kurz und gut: Die Sache mit Jugoslawien war einfach kompliziert. Es setzte sich aus einer verwirrenden Vielzahl unterschiedlich großer Nationen und „Nationalitäten“ (so nannten wir all jene nationalen und ethnischen Minderheiten, die das Land mit den so genannten „konstitutiven“ Völkern Jugoslawiens teilten) zusammen. Alles in allem ergab das ein kunterbuntes Gemisch, und in jener Zeit hatten wir Jugoslawen zum ersten Mal in der wechselvollen Geschichte unseres Landes das Gefühl, uns uneingeschränkt über diese Vielfalt freuen zu können. Schließlich waren wir ja samt und sonders Jugoslawen, der offizielle Wahlspruch unseres Landes lautete „Brüderlichkeit und Einheit“, und ethnische Mischehen mit den entsprechenden Kindern, die alle als kleine Jugoslawen aufwuchsen, waren an der Tagesordnung; in diesem schönen Bild war für die düsteren Schatten der Vergangenheit kein Raum mehr. Manch einer glaubte sogar an den ganzen faulen Zauber; na ja, zugegebenermaßen waren das gar nicht so wenige. Erst Jahre später wurden uns auf äußerst brutale Art und Weise die Augen geöffnet, und wir mussten erfahren, dass fast alles, an das wir damals noch glaubten, eine Fata Morgana war, ein geschickt inszeniertes mediales Trugbild, das man dem nichts ahnenden Publikum vorsetzte. Und die gutgläubige und träge Bevölkerung schluckte alles bereitwillig, so lange sie nur über einen festen Arbeitsplatz und ein gesichertes Einkommen verfügte, sich den alljährlichen Sommerurlaub leisten und obendrein die Kredite für das nagelneue Auto oder den Fernseher abbezahlen konnte.

DAS STAATSSCHAUSPIEL

Dabei war das Leben im Jugoslawien der sechziger Jahre zum ersten Mal seit vielen Jahren, ja sogar Jahrzehnten komfortabel und angenehm. Schicke Neubauwohnungen entstanden in großer Zahl, moderne Küchengeräte von Gorenje, Autos der Marke Zastava, Fernsehgeräte und Plattenspieler von EI Niš, Skis der Marke Elan und viele andere Annehmlichkeiten überschwemmten das Land. Die Moderne hielt Einzug, und zwar in einem Tempo, das uns selbst wohl am meisten überraschte. Unsere Grenzen waren offen, große Festivals zogen Stars und Prominenz aus aller Welt an, unsere traumhaften Küsten wurden von Scharen von Touristen, vornehmlich aus Schweden und Deutschland, bevölkert; mit unseren roten Pässen stand uns fast die ganze Welt offen, unser Präsident erfreute sich allgemeiner Wertschätzung, und – ein Punkt, dessen Bedeutung kaum zu unterschätzen ist ‒ wir kamen in den Genuss schier unerschöpflicher Kredite aus dem Ausland, die geschickt in andere Kanäle geleitet wurden. Der Staat erkaufte sich mithilfe dieser Gelder soziale Stabilität, und – hier darf man sich keinerlei Illusionen hingeben ‒ wir alle, ohne jede Ausnahme, waren begierig, ein Stück von dem Kuchen abzubekommen.

Alle amüsierten wir uns also in jenen Jahren aufs Prächtigste, allen voran unser stets vorbildhafter Präsident Tito. Was er sich schließlich auch verdient hatte. Immerhin hatte er für sein Land keinerlei Kosten und Mühen gescheut und einen nicht enden wollenden Strom illustrer ausländischer Gäste empfangen, darunter politische Schwergewichte wie Richard Nixon, Königin Elisabeth von England, Haile Selassie oder Saddam Hussein – garniert mit einer tüchtigen Portion Glamour in Gestalt der Diven Elizabeth Taylor oder Sophia Loren. All diese prächtigen Empfänge und rauschenden Feste mit Präsident Tito als Gravitationszentrum wurden von Kameras in allen Details festgehalten.

Daher ist es auch nur folgerichtig, dass die eingangs erwähnte Bombe während der „Filmske novosti“ explodierte. Diese staatlich produzierten „Kinonachrichten“ wurden obligatorisch vor jedem Kinofilm ausgestrahlt, um die Bevölkerung daran zu erinnern, dass dem Staat jede Gelegenheit recht und billig war, um einen weiteren Erfolg in der an Erfolgen so reichen Gesichte unseres Landes und seines weisen Oberhauptes in Szene zu setzen. Die Bombe zerriss die Leinwand und im übertragenen Sinne auch das raffiniert gesponnene Geflecht der staatlichen Inszenierung. Nach der Explosion befand sich das ganze Land eine Zeitlang in einem Schockzustand, bevor es wieder zu Normalität zurückkehrte; der Riss in unserem Selbstbild jedoch, der durch die Explosion entstanden war, ließ sich nie wieder kitten – selbst wenn das vielen von uns damals noch nicht bewusst war. Mit jedem Tag wurde der Riss tiefer; und schien er im Laufe der Jahre bisweilen zu verschwinden, dann stellte sich das alsbald als optische Täuschung heraus. Geradewegs führt dieser Riss denn auch in das Heute, in die postjugoslawische Ära, in der der Vielvölkerstaat Jugoslawien aufgehört hat zu existieren.

Das Leben in Jugoslawien fand nach jener Bombenexplosion nie wieder zu jener Unbeschwertheit zurück, die wir uns damals vorgegaukelt hatten – inmitten der farbenfrohen Kulissen der sechziger Jahre.

IM LAND DER DIEBE UND GAUNER...

Eben jene folgenschwere Explosion dient Goran Marković als Ausgangspunkt und Katalysator für die Geschehnisse, die er in seiner neuen Tragikomödie Falsifikator (Der Fälscher) so meisterhaft in Szene setzt. Das Belgrader Schauspieltheater hat Markovićs Stück für das vom Goetheinstitut initiierte und durchgeführte Theaterprojekt „After the Fall. Europa nach 1989“ auf die Bühne gebracht. Für dieses transeuropäische Projekt wurden siebzehn bedeutende Dramatiker aus verschiedenen europäischen Ländern gebeten, den Auswirkungen des Falls der Berliner Mauer auf kreative Weise nachspüren. Goran Marković gibt angesichts der schwierigen Situation Jugoslawiens in jener Zeit des großen Umbruchs die einzig konsequente Antwort. Das Land war wie ehedem zwischen Ost und West eingezwängt und in einer Vielzahl innen- wie außenpolitischer Probleme gefangen, für die der Mauerfall wie ein Katalysator wirkte. Während im übrigen Europa eine Epoche der Erneuerung eingeläutet wurde, sahen wir Jugoslawen uns mit der völligen Zerstörung aller uns vertrauten Wahrheiten und Werte konfrontiert.

Goran Marković wählt für sein Stück daher einen anderen Ansatz – anstatt sich mit den Auswirkungen des Falls der Berliner Mauer auseinanderzusetzten, versucht er die Ursachen und Hintergründe des Zerfalls von Jugoslawien zu beleuchten. Auch wenn die Idee des Vielvölkerstaates durchaus von noblen Idealen getragen war, war die Verwirklichung dieser Utopie nie von wirklichem Erfolg gekrönt. Dabei haben wir Jugoslawen uns die Verantwortung für dieses Scheitern selbst zuzuschreiben. Jeder Einzelne von uns war in jenen Jahren von einer schier grenzenlosen Raffgier ergriffen, mit der wir alles, was uns der Staat vorsetzte, gierig hinunterschlangen und obendrein kleine Leckerbissen nach Hause trugen, um uns das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten; und bei alledem ließen wir uns von einem ebenso simplen wie irreführenden Grundsatz leiten: Im Land der Diebe und Gauner ist jeder, der sich nichts zuschulden kommen lässt, ein Narr... Wir alle gemeinsam – daran lässt Goran Markovićs Stück keinen Zweifel – haben Jugoslawien zu Grabe getragen.2

DER GUTE FÄLSCHER

In diesem Sinne handelt der Falsifikator von ganz gewöhnlichen Jugoslawen, von Menschen wie du und ich – auch wenn die Handlung von offiziellen Bildern durchsetzt ist (in Form idyllischer Sequenzen aus den erwähnten „Filmskie novosti”, in denen Präsident Tito in einer seiner Lieblingsrollen zu verfolgen ist, nämlich als Gastgeber rauschender Feste auf seiner wunderschönen Privatinsel Brioni, umringt vom „Who is Who“ der weltweiten Prominenz) und auch wenn der blutige Terroranschlag der faschistischen Ustascha-Bewegung in ebenjenem Belgrader Kino als ihr Aufhänger dient. Die Handlung des Stückes verdeutlicht, dass wir Durchschnittsjugoslawen aktiv und gegen jede Vernunft an der völligen Zerstörung unserer Gesellschaft mitgewirkt haben und wir folglich die Verantwortung für den Zerfall Jugoslawiens eben nicht auf eine verantwortungslose Führungselite oder auf in der überkommenen Denkweise des Zweiten Weltkrieges befangene Extremisten und Nationalisten egal welcher Couleur abschieben können. Jede einzelne Figur in Markovićs Stück ist ein Lügner und Betrüger, ein Dieb und Gauner, der sogar vor Freunden und Verwandten nicht Halt macht ‒ wider alle Regeln der Vernunft, ganz ohne jeden Grund, einfach nur, weil es alle anderen auch tun.

Die Hauptfigur ist Anđelko, der gute Fälscher. Wenn das in Ihren Ohren absurd und widersprüchlich klingt, dann liegt das ganz in der Absicht des Autors. Anđelko ist auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher Krimineller, der Schulzeugnisse fälscht; er will sich dadurch jedoch nicht bereichern, sondern er tut es schlicht und einfach, um seinen Mitmenschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Kurz und gut: Er ist durch und durch ein Menschenfreund; und wenn es je einen ehrlichen Verbrecher gegeben hat, dann den guten Fälscher Anđelko. Zudem ist dieser idealistische Träumer mit Leib und Seele jugoslawischer Patriot. Als die Nachfrage nach Anđelkos Künsten steigt und die Schar seiner Kunden wächst, landet er aufgrund seiner Unfähigkeit, Aufträge abzulehnen und seines naiven Vertrauens in das Gute im Menschen zwangsläufig ins Gefängnis. Tief im Labyrinth des berüchtigten Gefängnisses von Zenica begegnet unser guter Fälscher der anderen, dunklen Seite des sich so glanzvoll präsentierenden Jugoslawiens. Anđelko wird in eine Zelle mit drei politischen Gefangenen und einem kaltblütigen Massenmörder gesteckt. Einer seiner Mitgefangenen ist ein junger Mann, den man beschuldigt, die besagte Bombe in dem Belgrader Kino gelegt zu haben, und der nun im Gefängnis auf seine Verhandlung wartet. Der naive und gutherzige Anđelko ist von der Unschuld des Jungen überzeugt und versucht, ihm zu helfen, indem er einem Ermittlungsbeamten die Version der Geschichte erzählt, die ihm der Junge anvertraut hat. Aber Anđelkos Versuch, der Gerechtigkeit zum Zuge zu verhelfen, trägt nur dazu bei, den jungen Mann noch mehr zu belasten. So sieht sich der gute Fälscher mit den tragischen Konsequenzen seiner guten Absichten konfrontiert, hat er doch möglicherweise dazu beigetragen, dass ein Unschuldiger zum Tode verurteilt wird.

Goran Markovićs Menschenbild ist erschreckend düster: Für ihn ist der Mensch durch und durch böse und verkommen. Denn jeder Mensch, so gut seine Absichten ursprünglich auch sein mögen, wird zwangsläufig früher oder später Böses tun. Ohnehin ist jede gute Tat von vorneherein zum Scheitern verurteilt. In Falsifikator wird alles und jeder von Gier und blindem Gewinnstreben angetrieben. Marković legt den Finger auf die offene Wunde – seht hin, will er mit seinem Stück sagen, es ist kein Wunder, dass das Land letztlich vor die Hunde gegangen und auseinandergefallen ist, schließlich haben alle seine lebenserhaltenden Systeme zugleich versagt. Wir alle gemeinsam, jeder Einzelne von uns hat das Land mit seinem Egoismus und seiner unersättlichen Gier zu Fall gebracht. Die Quintessenz des Stückes lautet dementsprechend auch: Niemand ist von der Schuld an der Katastrophe freizusprechen, in der die Idee des Vielvölkerstaates Jugoslawiens endete. Diese Botschaft, die Marković, einer unserer herausragenden Dramatiker und Filmemacher mit charakteristischer Handschrift an die Wand schreibt, zeugt trotz ihres Pessimismus und ihrer Düsterkeit von seinen zutiefst humanistischen Grundüberzeugungen.

DIE UMSETZUNG

Einige der Schauspieler, allen voran der herausragende Tihomir Stanić in der Hauptrolle des guten Fälschers Anđelko oder auch Ljubomir Bandović als in der Todeszelle einsitzender Soziopath und Massenmörder, verkörpern ihre Rollen äußerst überzeugend eindrücklich. Andere der Darsteller hingegen, zum Beispiel Danijel Sič als blutjunger Terrorist, sind in ihrer Rolle jedoch weniger glaubwürdig, gelingt es ihnen doch nicht, die volle Tragweite und Konsequenz des Grundgedankens, der sich hinter Markovićs Stück verbirgt, schauspielerisch umzusetzen.

Auch insgesamt gesehen ist die Inszenierung nicht ohne Abstriche als gelungen zu bezeichnen. Die größte Schwachstelle der Umsetzung ist meiner Ansicht nach das Bühnenbild. Es besteht aus einer von einem Rahmen eingefassten Erdfläche in Form eines großen fünfzackigen Sterns. Dieses öde, sternförmige Areal bildet eine Art von Bühne auf der Bühne, die die Schauspieler nie verlassen. Zu allem Überfluss ist es von einer wahren Flut blühender Rosen umgeben, was einen Anhauch von Kitsch über die ganze Szenerie legt. Von den genannten Schwächen der Umsetzung einmal abgesehen, ist das Ende des Stücks selbst eine Schwachstelle: Zwar verfehlt es seine Wirkung auf den Zuschauer nicht, aber da die aufgegriffenen Fäden und Themen nicht zu einem befriedigenden Ende verknüpft werden, wirkt das Finale letztlich ein wenig oberflächlich und überzogen. Dennoch gelingt es Goran Marković mit seinem Stück, den Zuschauer in den Bann eines Geschehens zu ziehen, das in einer genialen Mischung aus Komik und Schrecken zu den Wurzeln jener Konflikte führt, deren Spuren so deutlich bis in unsere heutige Realität zu verfolgen sind.

1 Bei diesem folgenschweren Terroranschlag wurden über 80 Menschen verletzt; ein Angestellter des Kinos kam zu Tode, und eine Studentin verlor beide Beine. Die Bombe befand sich unter der Sitzfläche von Sitz 6 in der 16. Reihe. Später präsentierte man den minderjährigen kroatischen Extremisten Miljenko Hrkač als Täter. Er wurde schließlich vor Gericht gestellt, der Tat für schuldig befunden und in den frühen Morgenstunden des 10. Januars 1978 von einem Exekutionskommando erschossen, nachdem der Oberste Gerichtshof des Landes seine Revision abgelehnt hatte.

2 Sollten Sie glauben, dass diese These weder Hand noch Fuß hat und dass doch kein Mensch so ausgesprochen dumm sein könne, dann schlage ich vor, dass Sie Ihre Meinung nochmals gründlich überdenken. Um Ihnen dabei ein wenig auf die Sprünge zu helfen, führe ich Ihnen ein weiteres, schlagendes Beispiel an. Vor Jahren kam man darauf, dass die Bewohner von Kaludjerica, der größten von mehreren illegalen Ansiedlungen unweit von Belgrad, Quecksilber verwendeten, um den Abfall aus ihren Müllhalden möglichst kosteneffizient zu entsorgen. Sie dachten wohl, das ganze giftige Zeugs würde sich so geradewegs zur anderen Seite der Erde durchfressen und schließlich in China, bei den Antipoden in Australien oder sonst irgendwo wieder rauskommen. So vergifteten sie also das Land, auf dem sie selbst lebten, fröhlich weiter, einschließlich des gesamten Umlandes und ihrer eigenen Familien. Ohne dabei auch nur ein einziges Mal an die schrecklichen Konsequenzen ihres Tuns zu denken. Hatten sie Gewissensbisse? Kamen sie sich dumm dabei vor? Ganz im Gegenteil! Sie legten sogar Protest ein, als man sie zwang, ihr absurdes Tun zu unterlassen. Sie empfanden das als eine Einschränkung ihrer Rechte.

Vladimir Arsenijević wurde 1965 in Pula, Jugoslawien (heute: Kroatien), geboren. Für seinen ersten Roman Cloaca Maxima wurde ihm der renommierte serbische Nin-Literaturpreis verliehen.

Übersetzung aus dem Englischen von Petra Huber