Falsifikator
(Der Fälscher)
von Goran Marković

Schauspiel, Belgrad 2009
„Das ist deine Krankheit! So viel Gutes tun, sich sein Leben lang für andere opfern, das ist im Grunde ein schwerer Fall von Egoismus. Totale Besessenheit von sich selbst.! Nie hast du andere Menschen wirklich angesehen, dich ein bisschen in ihr Leben vertieft. Die Welt ist schlecht, die Menschen sind böse, jeder versucht den anderen zu betrügen oder ihm wenigstens eins auszuwischen. Das ist die Realität! Aber das nimmst du nicht wahr. Du schaust durch eine rosarote Brille, durch die man nichts sieht als Illusionen.“
(Suljo zu Anđelko in „Der Fälscher“)
Diese Geschichte um den Fälscher Anđelko spielt Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Bosnien. Es war die Zeit, in der das Ideal eines gerechteren und anständigeren Lebens, das die Studenten in aller Welt bei ihrer großen Revolte 1968 auf ihre Fahnen geschrieben hatten, scheiterte, und die Zeit, in die der Anfang vom Ende einer ebenso großen Illusion namens Jugoslawien fiel.
Es hat sich herumgesprochen, dass der Schuldirektor Anđelko „der beste Mensch in Jugoslawien“ ist und den Menschen seiner Umgebung mit gefälschten Zeugnissen und Urkunden zu besseren Berufsaussichten verhilft. Er macht das unentgeltlich und aus sozialer (und sozialistischer) Überzeugung, da er an das grundsätzlich Gute im und am Staate glaubt. Anđelko „hat sein Leben dem Bildungswesen geweiht und dem Fortschritt unseres Landes. Wenn er nicht wäre, hätten Tausende ihren Arbeitsplatz verloren, und ihre Kinder müssten heute hungern.“
Natürlich wird er eines Tages verraten und eingesperrt. Doch er lässt sich in seinem Glauben an das Gute von niemandem beirren. Anderen politischen Gefangenen, von denen schnell klar wird, dass sie zum Teil völlig unschuldig im Gefängnis sitzen und misshandelt werden, empfiehlt er, sich direkt an Tito zu wenden, um an seinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, einem minderjährigen fälschlich angeklagten Bombenleger verspricht er, dass der Staat keine Minderjährigen zum Tode verurteilt.
Der Bombenleger wird aber ebenso unbarmherzig hingerichtet, wie auch der Tito- Briefschreiber noch unmenschlicher misshandelt wird.

Nur für ihn selber scheint sich plötzlich alles zum Guten zu wenden. Er wird entlassen und darf seine Arbeit wieder aufnehmen. Es stellt sich heraus, dass er nur deshalb verschont wurde, da die Menschen, die über ihn zu urteilen hatten, ebenfalls durch seine falschen Zeugnisse zu ihrer Machtposition gekommen waren und eine Enttarnung fürchteten
Die Welt ist für Anđelko nicht mehr dieselbe wie zuvor. Er wird wieder, nun von seiner Frau, gebeten, Zeugnisse zu fälschen, aber er kann es nicht mehr. Als er plötzlich auch noch einen Orden für „seine Verdienste um das Volk“ bekommen soll, geht er in ein fast menschleeres Kino und sprengt sich dort vor einer Lobrede auf Tito in die Luft.
Das Stück thematisiert den Verlust von sozialen Idealen und Utopien. Es behandelt den Verfall von Moral, der einherging mit der Zerstörung des Glaubens an ein "geeintes Jugoslawien". Der Ursprung für den Zerfall Jugoslawiens lag nach Marković in der Zeit Titos. Diese Meinung teilt sich der Autor mit einem Teil der serbischen Bevölkerung, während für den anderen Teil der Tod Titos zur Spaltung führte. Auf die heutige Situation in Serbien verweist das Stück noch mehr durch die Thematisierung von Verrat und Korruption, die in den heutigen Balkanstaaten immer noch ein großes Problem darstellen. Der neue Staat stützt sich auf ein Fundament, das zum Teil immer noch aus gefälschten Zeugnissen und Urkunden besteht. Ein Zustand, der sich auch in den nächsten Jahren kaum korrigieren lässt. Das Stück weist unaufdringlich über seine eigene historische Begrenztheit hinaus und stellt immanent die Frage: Werden die nachfolgenden Generationen letzten Endes nicht noch schlimmer, weil sie an nichts mehr glauben? Der ältere Sohn, der in die Fälscherfußstapfen seines Vaters tritt, verbindet mit seiner Tätigkeit keinerlei gute Absichten, Idealismus oder moralische Skrupel mehr. Der jüngere Sohn trägt den Vornamen Slobodan, der Familienname ist Milosevic.
Ein Text von Jens Groß









