Mousefuckers

Sarajevo Marlborode

»Wir verstehen unter Liebe, dass wir unsere Frau keinem anderen geben.« 

Duško Trifunovic 



Ich weiß nicht, wie es anderswo ist, aber in Europa ist es so: Rick leidet, weil Irma Laszlo liebt. Er weiß, dass sie seine Liebe erwidert, aber trotzdem bei Laszlo bleibt. Rick träumt davon, dass Irma ihm treu ist, es genügt ihm nicht, dass sie ihn nur liebt. Diese Geschichte haben Sie in verschiedenen Varianten tausendfach gehört, gesehen und gelesen. Der Schlüssel zur Liebe ist Treue. Kaum jemand denkt darüber groß nach. Treue versteht sich von selbst. Und wäre die Treue nicht, gäbe es wahrscheinlich keine unglückliche Liebe. Übrigens auch keine glückliche. 
Senka und Mašo mussten im nachbarlichen Tratsch regelmäßig als Paradebeispiel für eine glückliche Liebe herhalten. Sie konnte keine Kinder bekommen, aber er machte ihr im Gegensatz zur üblichen Reaktion balkanischer Männer daraus keinen Vorwurf. Senka arbeitete bei der Post, Mašo war Installateur. Sie sagte immer »mein Mašo«, und er sagte »meine Senka«. Die Geschichte wäre uninteressant, wäre nicht der Krieg ausgebrochen, weil Geschichten vom lang andauernden Glück nie interessant sind. 
Mit den ersten Granateinschlägen meldete sich Mašo zur Territorialen Verteidigungseinheit. Senka war darüber nicht glücklich, aber ihr war klar, dass sie ihn ziehen lassen musste, wenn sie ihr Ein-Zimmer-Eden bewahren wollte. Sie hatte Angst und war drauf und dran, die Stadt zu verlassen, glaubte sie doch, ein anderer Ort bedeute andere Umstände und eine andere Geschichte, gegebenenfalls mit anderen Hauptpersonen. 
Eines Morgens kam ein unbekannter Mann in Uniform und dreckigen Stiefeln. Er nahm sie fest in die Arme und flüsterte ihr zu, Mašo sei gefallen. Er stellte eine Papiertüte mit den persönlichen Habseligkeiten auf den Tisch: Taschentuch, Soldbuch, Armbanduhr, Brille mit Brillenetui und das Portemonnaie. Nach der ersten Trauerzeit, die immer eher der Zeremonie als der Trauer gehört und in der man sich gefasst geben muss, schon weil die Trauergäste auf jede Gefühlsregung geiern, legte Senka alles vor sich hin, was statt Mašo nach Hause zurückgekehrt war. Sie berührte nacheinander die Gegenstände und öffnete schließlich das Portemonnaie. Darin fand sie fünfzig Deutsche Mark (so viel hat ein vorsichtiger Mann immer bei sich) und Zettel mit Telefonnummern oder Notizen zu Wasserleitungen und Ähnlichem. In dem Plastikfensterchen war ihr Foto. Dieses Fenster in Portemonnaies dient ausschließlich dazu, dass wildfremde Leute an der Kasse im Supermarkt einen Blick in den Intimbereich werfen können. Aber das Portemonnaie hatte noch ein Geheimfach. Senka schaute hinein und fand – das Bild einer Unbekannten. Auf der Rückseite stand: »Für immer dein, Mirsada«. Die Handschrift war verspielt und voller Schnörkel. 
Am nächsten Tag erzählte Senka in der Nachbarschaft, was »diese fiesen Typen aus seiner Einheit« ihr angetan hätten. Voller Wut, mal zornig aufbrausend, mal verzweifelt heulend, zeigte sie die inkriminierte Fotografie herum, und die Frauen schnalzten mit der Zunge und schüttelten die Köpfe. Sie trösteten sie bis an die Wohnungstür, dann zerrissen sie sich das Maul über sie. Im Grunde waren alle, bis auf Senka natürlich, froh, dass Mašo kein »Heiliger« gewesen war, und sie nannten sie hinter vorgehaltener Hand nur die »Ärmste«, weil sie ihre »Schande« so offen herumzeigte und diese noch nicht einmal annahm. 
Als nach fünfzehn Tagen einige Kameraden ein Paket »für die Gattin eines gefallenen Kämpfers« brachten, ließ Senka sie nicht in die Wohnung. Sie schrie sie 
durch die geschlossene Tür an, verfluchte und beschimpfte sie. Die Nachbarn hielten sie für verrückt, weil sie die humanitäre Hilfe ablehnte. Sie zupften die Soldaten am Ärmel, sie sollten das Paket dalassen, sie würden es ihr später geben, wenn sich Senka beruhigt hätte. Mit der Zeit wurde Senka eher belächelt als bemitleidet. Man konnte ihre tausendfach ausgeschmückte Geschichte von dem untergeschobenen Foto nicht mehr hören. Sie hingegen feilte ständig weiter an einer Mär, in der kein Schatten auf ihren Mašo fiel. Jeden Tag musste sie sich neue Einzelheiten ausdenken. Die gestrigen Erklärungen zerfielen im heutigen Zweifel mit rasender Geschwindigkeit. Aber die glückliche Liebe trug am Ende stets den Sieg davon. Senka opferte alles dafür, auch den Verstand. In einer Stadt im Krieg, jeder Hoffnung beraubt, hatte sie nichts anderes. 
Wie es weiterging, weiß ich nicht, weil ich Sarajevo verlassen habe, aber es ist auch nicht wichtig. Wieder einmal hat sich bestätigt, dass Treue der Grundpfeiler der Liebe ist, wichtiger vielleicht als die Liebe selbst. Über die Grenzen dieser Geschichte hinaus weist jedoch das Bedürfnis, sich eine Fabel zurechtzulegen, einen Rahmen zu schaffen, der das Leben rechtfertigt und ihm letztlich Sinn verleiht. 
Menschen, die über diesen Krieg schreiben, ohne sich selbst zu beweihräuchern oder mit toten oder lebenden Köpfen abrechnen zu wollen – es gibt nicht viele solcher Menschen, aber es gibt sie –, machen im Grunde nichts anderes als Senka. Ohne konkrete Absicht für sich oder andere versuchen sie verzweifelt, das geborstene Bild der Welt zu kitten. Ihre präzisen Beschreibungen und endlosen Aufzählungen, Formulierungen, die in der »Öffentlichkeit« Proteste auslösen, Texte, die die Rechtgläubigen als Vaterlandsverrat denunzieren, all das sind vergebliche Versuche, in der Wahrheit einen Grund zu finden, um nicht aus der Haut zu fahren. In Augenblicken, in denen alles andere verloren ist, bleibt nur der Glaube an die Treue. Wenn dann die maßgeblichen Geschichtsbücher geschrieben werden, sind nur Menschen wie Senka gegen deren Lügen gefeit.

Aus: Miljenko Jergović, Sarajevo Marlboro, Schöffling & Co 2009
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages