Zazděná

Cabaret ohne Fahrplan

In dem kleinen sudetischen Dorf Nebeská Rybná brennen tausende von Kerzen. Es ist die Nacht von Allerseelen, die Nacht in der die Toten wieder zu Leben erwachen und die Vergangenheit zurückkehrt. Drei Frauen von der ortsansässigen freiwilligen Feuerwehr kontrollieren den Brand. Aber in diesen geheimnisvollen Autobus, der wie aus dem Nichts an der Friedhofsmauer hält, sollten sie vielleicht nicht einsteigen. Mut, meine Damen und Herren. Wir heißen Sie Willkommen an Bord unserer internationalen Linie von Land zu Land, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt... Schnallen Sie sich an, bevor es Jemand anders tut. Fehlt Ihnen etwa der Mut, der eigenen Vergangenheit in die Augen zu schauen?

Das Stück entstand in enger Zusammenarbeit der jungen Dramatikerin Barbora Vaculová und dem künstlerischen Team. Die Autorin hat authentische Ereignisse aus dem Leben und dem familiären Umfeld der Ensemblemitglieder verarbeitet. Das Team wurde so zusammengestellt, dass die Beteiligten persönlichen Bezug zum Thema der tschechisch- deutschen Beziehungen und der gemeinsamen jüngeren Geschichte haben. Grundlegend für die künstlerische Konzeption ist der doppelte tschechisch-deutsche Blick auf das Thema. Aus diesem Grunde wurde das Modell einer Doppel-Regie gewählt, mit zwei Regisseurinnen, deren Biografien beispielhaft die tschechisch-deutschen Verflechtungen widerspiegeln: Martina Schlegelová wurde in der Tschechischen Republik geboren, lebt und arbeitet dort. Ihre Familie stammt allerdings aus Deutschland. Susanne Chrudina wurde in Deutschland geboren, allerdings als Kind tschechischer Emigranten.

Zwei Fragen an die Autorin Barbora Vaculová:

Das Stück Zazděná/Mauerschau haben Sie in enger Zusammenarbeit mit dem Inszenierungsteam geschrieben. Gefällt Ihnen diese Arbeitsweise oder bevorzugen Sie, solo zu arbeiten?
Es hängt davon ab, was ich schreibe. Manchmal arbeite ich lieber alleine, ein anderes Mal in Zusammenarbeit mit einem Dramaturgen. Das Auftragsschreiben in dem Maße, wie es im bei Zazděná der Fall war, ist für mich aber eine ganz neue Erfahrung. Zeitweilig anspruchsvoll, immer spannend. Wenn ich in Zukunft ein ähnliches Angebot bekommen sollte, würde ich mich dagegen jedenfalls nicht wehren.

Das Thema der tschechisch-deutschen Beziehungen tritt in Ihren Stücken oft auf. Gibt es einen konkreten Grund dafür?
Ich halte mich oft im Sudetenland auf. Mich inspiriert diese besondere Landschaft, die menschlich und historisch zerrissen ist.

Zwei Fragen an den Komponisten:

LETÍ ist ein Theater, dessen Schwerpunkt auf aktuellen Stücken liegt. Wie ist Ihre Beziehung zur zeitgenössischen Dramatik?

Zeitgenössische Dramatik berührt mich, weil sie in der Zeit entsteht, in der ich selbst lebe, und weil sie mir zeigt, wie diese Zeit reflektiert werden kann. Am letzten Montag war ich in Robert Wilsons Watermill Center Zeuge eines Gesprächs zwischen Wilson und dem Dramatiker Martin Mc Donagh, in dem dieser das Konzept seines neuen, nur in groben Umrissen skizzierten Stückes Very Dark Matter vorstellte. Gemeinsam suchten die zwei die für die noch nicht komponierte Musik von Tom Waits geeigneten Stellen. Sie vermieden, das Stück zu stark ausarbeiten, um Waits nicht zu stark zu einzugrenzen. Ihre Souveränität und gleichzeitig Demut waren enorm inspirierend. So etwas erlebt man mit einem toten Autor nie.

In der Inszenierung Zazděná/Mauerschau ist außer den Gesang- und Klavierparts auch die Instrumentalbesetzung interessant. Wie einfach oder kompliziert war es, für zwei Violoncelli und zwei Trompeten zu komponieren?
Je löchriger und bizarrer die Besetzung, desto größere Freude für den Komponisten, weil er keine Klischees meiden muss.

Aleš Březina (*1965), Komponist und Musikwissenschaftler, ist besonders im Bereich der Filmmusik erfolgreich. Er hat die Filmmusik für 18 Filme der bekanntesten tschechischen Regisseure geschrieben, u.a. für den Film Musíme si pomáhat, der für den Oskar nominiert wurde. Für das Nationaltheater in Prag komponierte er die Oper Zítra se bude aneb Hra na proces über den politische Prozesse in der ehemaligen Tschechoslowakei. Für diese Oper erhielt er den Alfréd-Radok-Preis als Komponist des Jahres 2008.