Zazděná

Der doppelte Blick
Von Susanne Chrudina


Wenn die Inszenierung ZAZDENA/ MAUERSCHAU am 14. September in Prag zur Uraufführung kommt, blicken wir auf über ein Jahr der gemeinsamen Arbeit zurück. Die Idee, dieses besondere Projekt gemeinsam umzusetzen entstand im Mai 2008 in Berlin. Dort waren Martina Schlegelová und ich Stipendiaten beim Internationalen Forum des Theatertreffens in Berlin. Martina erzählte von dem Projekt „After The Fall“ des Goethe Instituts und schon nach wenigen Minuten war uns klar: das müssen wir zusammen machen. Unsere familiären Hintergründe und Konstellationen sind lebendige Beispiele für die jüngere europäische Geschichte, unsere eigenen Biografien geprägt von der Tatsache, dass es einmal eine Mauer gab, die Europa getrennt hat. Auch weitere Mitglieder des Ensembles kamen schon in Berlin ins Team: Tereza Richtrová und Claudia Schwartz waren ebenfalls Teilnehmer des Internationalen Forums.

Martina Schlegelová und ich, die beiden Regisseurinnen, sind, was unsere Biografien betrifft, wie gespiegelt. Martina ist in der Tschechischen Republik geboren und aufgewachsen, stammt aber aus einer deutschen Familie. Meine Eltern hingegen sind Tschechen, ich bin aber in Deutschland zur Welt gekommen und aufgewachsen. Durch unsere Familiengeschichte kennen wir das Leben auf beiden Seiten der Mauer, haben durch unsere Eltern vermittelt bekommen, wie sich Lebenswege durch die Trennlinie, die Europa durchlief, verändert haben. Einerseits hat jede von uns den doppelten Blick bereits in sich und in der Kombination als Regieteam hatten wir die Möglichkeit, unsere Sicht von unterschiedlichen Seiten auf die Mauer zusammen zu bringen.

Ich für meinen Teil kann sagen, dass die Tatsache eines geteilten Europas und die Existenz des Eiserne Vorhangs, meine Identität mit Sicherheit geprägt haben. Das politische Klima und die Lebensrealität in der CSSR in den 60er Jahren waren es, die meine Mutter den Beschluss haben fassen lassen, ihre Heimat zu verlassen. Damals erschien es wie eine endgültige Entscheidung, ein Riss im Eisernen Vorgang oder gar sein Fall waren noch lange Zeit nicht abzusehen. Mit einer temporären Urlaubsgenehmigung für Westdeutschland war sie am 21. August 1968, dem Tag an dem die Russen die CSSR besetzt haben, eine von sechs Tschechen, die das Land noch verlassen haben. Mein Vater kam 1969 nach. Ich bin aufgewachsen mit dem Wissen, dass meine Eltern ihr Land geliebt haben, aber sich aufgrund der dortigen Lebensrealität für den Neubeginn in Deutschland entschieden hatten. Ich wusste, dass unsere Verwandten in der CSSR lebten und natürlich gab es zahlreiche Kontakte dorthin. Anders als bei vielen meiner Freunde war so der „Ostblock“ immer präsent in meinem Leben. Die Mauer, die Deutschland einst geteilt hat, war auch der Grund, dass ich meine tschechische Staatsbürgerschaft nicht mehr besitze. Im Grundschulalter erhielt ich neben der tschechischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine spätere Klassenfahrt in das damals noch geteilte Berlin sorgte dafür, dass sich meine Lehrer besorgt an meine Eltern wandten. Sie wollten mich mit meinem Nachnamen und meiner Staatsbürgerschaft nicht auf eine Reise quer durch die DDR und nach Ost- Berlin nehmen - schließlich waren meine Eltern illegal ausgereist, was in der CSSR als Straftat galt. Damals haben meine Eltern kurzerhand praktisch entschieden, die Möglichkeit zu nutzen, mich von der tschechischen Staatsbürgerschaft frei zu kaufen. Aber auch weitere Ensemblemitglieder sind „Produkte“ der jüngeren Geschichte. So ist die Schauspielerin Claudia Schwartz beispielsweise das Kind von Eltern, die sich über den Eisernen Vorhang hinweg ineinander verliebt haben.

Die Autorin Barbora Vaculová hat die Familiengeschichten der Ensemblemitglieder als Inspirationsmaterial für das Stück genutzt. Sie selbst hat sich bereits mehrfach mit dem Sudetenland beschäftigt, in dem sich in der Vergangenheit wie unter einem Brennglas die deutsche und die tschechische Kultur begegnet sind.

Die persönlichen Erfahrungen des Ensembles mit dem Rückblick auf die Geschichte eines geteilten Europas sollten integrativer Bestandteil des Projektes sein. Uns war allen von Anfang an klar: Das ist ein gewagtes Experiment, dessen Ausgang wir nicht absehen können. Die Mauer hat zwei Seiten, die Geschichte stellt sich von beiden Seiten unterschiedlich dar und wurde anders erlebt. Es galt, diese Perspektiven zu verbinden, Geschichten von beiden Seiten der Mauer zu sammeln. Aber dies bedeutete konkret auch, Theatermenschen aus zwei Ländern zusammenzubringen, in zwei Sprachen zu arbeiten und zu spielen, die Handschrift zweier Regisseure in einem Theaterabend zu vereinen, unterschiedliche ästhetische Ansätze und Arbeitsweisen zu kombinieren. Während des Arbeitsprozess fielen Unterschiede auf, die uns im Vorfeld gar nicht so bewusst waren: So z.B. die Theaterterminologie, das Fachvokabular, das den Kollegen aus dem jeweils anderen Land zunächst einmal kein Begriff ist, oder unterschiedliche Regeln, was die Produktionsabläufe betrifft oder die Tatsache, dass man verschiedene Theaterprägungen erfahren hat. Ziel war es, mit dem zweisprachigen Ensemble das Stück weiter zu entwickeln; den Blick beider Regisseure und ihre künstlerischen Handschriften in dem Abend zu formulieren, der auch Raum bietet, unterschiedliche ästhetische und inhaltliche Auffassungen nebeneinander zu stellen und Spannungsfelder und Brüche als konstituierendes Mittel des Abends zu nutzen; gemeinsam mit dem Ensemble als „Produkte“ der Geschichte unseren eigenen, gegenwärtigen Kommentar zu Existenz und Fall der Mauer durch die Inszenierung zum Ausdruck zu bringen. Es war klar, dass für dieses Vorhaben nach neuen, angemessenen Arbeits- und Ausdrucksweisen gesucht werden muss. Ein Experiment für alle Beteiligten, eine aufregende Zeit.

Jetzt kommt ZAZDENA/ MAUERSCHAU zur Premiere.

Ich bedanke mich bei allen Förderern, die diese Arbeit unterstützt und dadurch möglich gemacht haben.