V (F) ICD-10. Transformacje

Über das Stück V(F)ICD-10 TRANSFORMATIONEN

Kann man eine klare und stimmige Vision der nahen Vergangenheit ausarbeiten? Bestimmt nicht, doch das heißt noch lange nicht, dass man dieses Thema nicht ansprechen soll. Es ist ziemlich einfach, das Szenario einer Ausstellung zum Thema „Der Fall des Kommunismus” vorauszusehen. Unser Denken von dem zwanzigsten Jahrestag dieser wichtigen Ereignisse wird immernoch vor allem durch symbolische Gesten wie Runder Tisch und der Fall der Berliner Mauer gepägt, oder auch durch eingängige Sprüche über „die Samtrevolution”, „unseren Präsidenten, euren Ministerpräsdenten” und den späteren „Krieg an der Spitze”. Weiter werden ökonomische Reformen erwähnt, die je nach der Stellungnahme mit dem Satz „Balcerowicz muss gehen” oder „Balcerowicz muss bleiben” quittiert werden können. Man denkt auch vielleicht an die Änderungen der architektonischen Landschaft, vor allem in den Großstädten, wo die Hochhäuser rasant wachsen und wo immer mehr kitschige Einkaufszentren gebaut werden. Würden wir heute nach den Namen fragen, die mit dem Prozess der Transformation in Polen assoziiert werden, so würden wohl Politiker jeder Art angegeben, mit Lech Wałęsa an der Spitze. Und so ist die Ausstellung eigentlich fertig. Je nach der Zielgruppe kann sie natürlich um eine Menge von mehr oder weniger bekannten, medial kommentierten Ereignissen  bereichert werden. Doch ist das die ganze Wahrheit über die Transformation? Vielleicht haben wir hier mit dem „Gołota-Syndrom” zu tun oder mit der Situation, die Adam Michnik als „Der Pole kann!- alles verpassen” bezeichnet hat?

Große Gesten alleine sind zu wenig, um von den realen Änderungen sprechen zu können. Viel wichtiger ist hier die graue Realität - weniger medial, schwieriger zu erfassen aber erbarmungslos real. Deshalb soll die Aufgabe der Transformation vor allem in der Veränderung des menschlichen Bewusstseins bestehen. Leider lässt sich hier statt wilder Euphorie oft steigende Frustation beobachten. Und so dienen große, symbolische Gesten immer häufiger den Interessen von verschiedenen politischen Gruppen. Jede von ihnen will auf diesem Gebiet einen Nährboden für ihre Wähler finden. Jede hat eine eigene Vision von den großen Gesten und ist bereit alles zu tun, um sie durchzusetzen. Deshalb sind die 20 Jahre Freiheit vor allem eine Zeit der Zerstückelung und politischer Ausbeutung des Freiheitsmythos. Dieser Prozess zeigt gleichzeitig, dass es keine kohärente Narration auf dem Feld „der neuesten Geschichte” gibt. Genau in diesem Moment folgt eine große Enttäuschung – das scheinbar einfache Szenario der Ausstellung lässt sich in Wirklichkeit gar nicht schreiben. Die Erfüllung aller Erwartungen würde in diesem Fall von der größten Verlogenheit zeugen.

Aus diesem Grund ist es vielleicht sinnvoll, eine alternative Narration zu schaffen und auf die Periode der Systemtransformation mit den Augen von sozial ausgeschlossenen Menschen zu blicken. Nur wenn man die Situation ironisch und von außerhalb des Systems betrachtet, ist man imstande, die Paradoxe aller derzeit existierenden Narrationen wahrzunehmen.

„V-ICD 10- Transformationen. Das Therapeutische Theater” unter der Regie von Paweł Łysak dient nicht der Ausarbeitung einer richtigen Narration in Bezug auf die nahe Vergangenheit. Es ist vielmehr eine      Erzählung  von den Menschen, die eine alternative Geschichte schaffen. In diesem Modell lassen sich die Identität bildenden Mechanismen beobachten, die im Falle von Erschütterung und Gewaltversuchen selbst eine Quelle von Gewalt und Frustration werden.

Deutsch von Antje Ritter-Jasińska

Videoreportage zu „V(F)ICD-10 TRANSFORMATJE“