V (F) ICD-10. Transformacje

V(F)ICD-10 TRANSFORMATIONEN
von Artur Pałgya

ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten. Das Kapitel V(F) betrifft psychische Störungen und Verhaltensstörungen.

Sieben Personen (Lesiu, der Informatiker, Teresa, der Poet, Jerzy, Adaś und Zibelda) erzählen aus der Sicht von Menschen mit verschiedenartigen Behinderungen - geistiger, körperlicher oder psychischer Natur - wie sie die letzten 20 Jahre gelebt haben, was ihnen das Jahr 1989 und die darauf folgenden Jahre bis jetzt gebracht haben. Sind in ihrem Leben merkliche Unterschiede aufgetaucht?

Das Stück konzentriert sich auf den Alltag von ausgegrenzten Menschen, die sich außerhalb der anerkannten gesellschaftlichen Norm befinden. Die historischen Ereignisse der letzten 20 Jahre erscheinen als Kontrapunkt und werden in Form von Ausstellungen und Videoprojektionen zum Raum, in dem die Protagonisten agieren.

Der Text von  Artur Pałyga beruht auf authentischen Ereignissen und Erzählungen Kranker.


Sz.1
Lesiu (Monolog)
Das ist die Schlüsselszene für das Verständnis der folgenden Ereignisse. Die Welt wird in diesem Monolog von einem Menschen beschrieben, der die letzten 30 Jahre als Blinder und Gehörloser verbracht hat. Da er nicht von Geburt an behindert gewesen war, kodierte er das Bezugssystem, das er aus seiner Kindheit kannte (fünfziger und sechziger Jahre) und das in einer anderen Gesellschaftsordnung verwurzelt war und nur mit solchen Assoziationen operiert er. Der Raum der Veränderungen findet für diesen Menschen lediglich im Bereich des Geruchs- und des Tastsinns statt.

Sz.2
Der Informatiker (Monolog)
Der Informatiker agierte längere Zeit in der Wirklichkeit der Wandlungen und den sich ändernden Anforderungen und Standards. Man kann sagen, dass er sich den neuen Anforderungen der Realität nach 1989 hervorragend angepasst hat. Der Beginn des Monologs ist eine Lobeshymne auf den Angepassten. Doch die Überflutung mit neuen Reizen erreicht zu einem gewissen Zeitpunkt ein unerträgliches Maß. Wir sehen einen Menschen in einer Angstsituation, der mit dem Alltag nicht zu Recht kommt und sich völlig verloren fühlt.

Sz.3
Teresa (Monolog)
Teresa hatte einstmals eine klar umrissene stabile Welt, die aus Träumen (sie wollte Kosmonautin werden) und aus dem unerschütterlichen Glauben ihres Vaters an das Dogma der Unantastbarkeit und Unfehlbarkeit der Sowjetunion bestand. Dank ihrer Cleverness gelang es ihr, ihren Sehfehler zu verbergen, der die Aufnahme in die Flugschule verhindert hätte. Die Fundamente ihrer stabilen Welt brachen mit dem Untergang der Staatengemeinschaft des kommunistischen Blocks zusammen. „Das erste Mal bin ich erschrocken, als ich meinen Vater sah, wie er das Parteibuch in Fetzen riss.” Teresa hat nie einen Platz für sich in der neu entstehenden Welt gefunden. Die wachsende Ohnmacht und die notorische Angst vor Konfrontation bewirkten, dass sie sich allmählich aus der Wirklichkeit zurückzog, was in einer Depression mit Wahnvorstellungen endete.

Sz.4
Zibelda (Monolog)
Zibelda ist völlig von anderen abhängig. Ihre totale Lähmung bewirkt, dass die Zeit für sie nur durch die Gegenwart eines anderen Menschen zählt. Sie ist imstande, die verblüffendsten, unwahrscheinlichsten Geschichten aus ihrem Leben zu erfinden, nur, damit jemand ihr wenigstens für einen Moment seine Aufmerksamkeit schenkt. Zibelda ersinnt Lügen von der sexuellen Belästigung durch ihren Vater, die es nie gab, von einem Studium, das sie nie absolviert hat, der Arbeit in einer Korporation, der sie nie nachgegangen ist. Man verliert den Faden in diesem Mosaik von Unwahrheiten und weiß nicht, welches Element zu welchem passt.

Sz.5
Adaś (Szene ohne Text)

Sz.6
Der Poet (Monolog)
Der Poet zeigt, wie ein Schizophrener sich in der Wirklichkeit bewegt. Er liefert das Bild einer Entfremdung von der Welt, die unaufhörlich vorwärts prescht, in der jeder, der sich nicht anpasst, außen vor bleibt. Die Situation wird um so tragischer, da der Poet zwischen seinen von der Krankheit geprägten Episoden bestrebt ist, die sich von ihm entfernende Welt einzuholen, indem er sich Aufgaben stellt, die für Menschen Bedeutung haben: er bemüht sich, ein Studium abzuschließen, er möchte eine CD, ein Poesiebändchen herausgeben.

Sz.7
Adaś (Szene ohne Text)

Sz.8
Begegnung der Figuren:  Mama, Lesio und der rätselhafte „-”, das alter Ego des Autors. Lesio wird von der Mama zu Therapieworkshops gebracht, denn obwohl er dank eines Implantats erst seit kurzem hört und schon seit einigen Jahrzehnten nichts sieht, schreibt er ausgezeichnet auf dem Computer. Über eine einfache Aufgabe, um die Lesio gebeten wurde, erfahren wir mehr über seine Welt. Alles, was er auf die Frage „Was magst du?“ zu antworten in der Lage ist, beginnt und endet mit Kindheitserinnerungen.

Sz.9
In dieser Szene auftretende Personen: Mama I, Mama II, Mama III, Mama IV und eine Hygienikerin.
Sexualität und Behinderung: Das Hauptmotiv der Szene sind die Standpunkte der Eltern, Betreuer und auch der Personen, die sich mit Menschen beschäftigen, die mit Behinderungen unterschiedlichen Grads leben, und deren Recht auf sexuelle Bedürfnisse und deren Befriedigung. Besonders in Polen ist das ein heikles Thema. Behinderte Personen werden gewöhnlich von ihrer Geburt an bis zu ihrem Tod wie Kinder behandelt.

Sz.10
Personen: Nymphe, Maciek, Olek, Grześ
Wir bleiben im Thema der erotisch geprägten Partnerbeziehungen. Die Szene ist eine Übertragung von Verhaltensweisen, die bestimmt viele Personen kennen: das Verlangen jemanden anzubaggern, der einem gefällt. Etwas zu tun, was ihn fasziniert, die erotischen Wünsche und die Wünsche, eine Beziehung einzugehen, zu befriedigen. Die Träume von der Liebe zu erfüllen.

Sz.11
Hänschen (poln. Jaś) und der heilige Paulus: Einer Gestalt namens Hänschen, man begegnet ihm nur einmal, mit Tourette- und Koprolalie-Syndrom wurde das Recht auf Teilnahme an den Therapieworkshops abgesprochen, weil er keine Fortschritte macht. Das ist ein in seiner Aussage zynisches Bild, der Junge spaziert weiterhin jeden Tag mir seinem Vati an den Ort, von wo ihn das Auto aus der Therapiewerkstatt abgeholt hatte, nur dass ihn jetzt niemand mehr abholt, an dem Ort wartet auf ihn hingegen der heilige Paulus, der Hänschen mit den Worten seines Briefs an die Korinther Geduld, Liebe lehrt.

Sz.12
Personen: Karol, Lesiu
Lesiu ist in der Begegnung mit Karol offen, interessiert an der Welt, die ihm der „Andere” bietet.  Interessiert, aber nicht verwundert darüber, dass Karol aus dem Radio die Muttergottes aufgenommen hat. Die Muttergottes, die zu Karol spricht, ihn warnt, andere durch Karol warnt. Das wundert Lesiu nicht. Das einzige, was Lesiu überrascht, ist die Tatsache, dass Karol nirgends wohnt, keine Wohnung hat. Er hat ein Tonbandgerät, Kassetten mit der Muttergottes, aber seinen Platz, den hat er nicht.

Sz.13
Über Jerzy, der gegen alle und alles kämpft. Jerzy kämpft gegen jede Gesellschaftsordnung, jedes Gesetz, jeden Trend der Kleidermode, der Ernährungsweise, der Musik, der Sprache. Jerzy verfasst hervorragend Anträge, Klagen und Beschwerden. Jede Situation ist gut dafür, dass Jerzy mit Zorn und Widerspruch darauf reagieren kann. Worauf? Egal, auf alles. Jerzy widersetzt sich jedem, dem Redakteur, dem Journalisten, dem Politiker, dem Beamten, selbst dem Arzt widersetzt er sich. Jerzy kämpft, ständig.

Sz.14
Personen: Lesiu, „-”
Wie soll man die Veränderungen begreifen, die sich nach 1989 vollzogen haben, wenn man keinen Bezug zwischen damals und jetzt hat? „-” versucht, Lesiu zu erklären, was geschehen ist, welche Änderungen eingetreten sind. Wie aber soll man Lesiu das Wort „Freiheit“ nahe bringen, wenn er schon seit langem nicht mehr frei ist? Für ihn sind Freiheit und Unfreiheit in anderen Grenzen eingeschlossen. Freiheit sind die Friedensfahrt und der polnische Kosmonaut Mirosław Hermaszewski. Lesiu zwingt „-” durch seine fehlende Orientierung, die Fragen genau zu formulieren und direkte Antworten zu erteilen. Ohne Metaphern und Bilder. Die „normale” Welt von „-” muss angesichts dessen klarer und einfacher werden.

Sz.15
Agni träumt von einem Mann. Agni träumt vom Sex, denn sie schreibt die Mail nicht mir ihren Händen, liest nicht mir ihren Augen. Agni ist gelähmt. Ihr Körper ist äußerlich bewegungsunfähig, doch innerlich verzehrt sie das Feuer des Lebens, der Wünsche und Handlungen. Er weiß bereits, dass sie gelähmt ist, dass ihre Mutter sie in das Einkaufszentrum bringt. Agni tanzt gern, sie träumt davon, mit dem Geliebten zu tanzen und wartet ungeduldig auf den Sonntag.

Sz.16 und 17
Personen: Zosia/Michał
Eine Szene über die Liebe, die zwischen zwei Behinderten nicht möglich ist.

Sz.18
Personen: Agni, Zibelda, Teresa, Lesiu, Jerzy, der Poet
Diese Szene führt die Behinderten in die Welt der „wahren Ordnung”. Der Internationale Tag der Erde  – freiwillige Reinigungsaktionen der Welt, jeder sorgt für Sauberkeit, wie er es versteht und es leisten kann. Aber vor dem Hintergrund des Sorgens um Sauberkeit sprechen die Behinderten in ihrer Sprache darüber, wie die Welt ihrer Meinung nach jetzt aussieht, wie es einstmals war, welche Rolle sie darin spielen und wo in dieser neuen Welt Platz für sie ist.
Ein Gespräch darüber, was Vergangenheit ist und wie sie beschreiben werden kann. Wie lassen sich einfache Worte finden, um die Geschichte zu erzählen, die vergangen ist? Wie lassen sich die Änderungen begreifen und wie soll man sich mit der Tatsache abfinden, dass es irgendwo gut ist, aber bestimmt nicht an dem Ort, an dem sich unsere Helden befinden?

Sz.19
Personen: Lesiu, der Poet, Teresa
Eine Szene über die Abrechnung, über die Verurteilung jener, die für ihre Taten einer gerechten Strafe zugeführt werden müssten. In Polen wurden keine Gesetze erlassen, die es Leuten, die in kommunistischen Zeiten hohe staatliche Ämter inne gehabt hatten, verbieten würden, staatliche Ämter auszuüben. Prozesse über Verbrechen von damals gehen ohne Urteil aus wie im Fall der Ermordung von Bergleuten in der Grube „Wujek”. Der Prozess hatte 1991 begonnen und dauerte ohne Unterbrechung bis  2007,  ohne dass ein rechtskräftiges Urteil gefällt wurde.

Sz.20
Personen: Adaś (Monolog)
Den Adaś kennen wir bereits, wir wissen, dass Adaś zeichnet, dass Adaś das Downes-Syndrom hat.
Adaś schildert uns seine Welt, öffnet sie uns, schafft sie von Anfang bis Ende. Mit Substantiven. Vom Fingernagel aus erweitert und erfasst er den Raum, beherrscht, kreiert ihn. Er wird zum Demiurgen. Er wird zu allem, was er kennt, was er gesehen hat, und auch zu dem, was weiter entfernt ist als sein Blick reicht.

Sz.21
Personen: Lesiu (Monolog)
Lesiu lädt alle in die metaphorische Titanic ein, Orchester, Plätze für Auserwählte, Geladene, aber in dem Text, den wir hören ist etwas Unheilschwangeres, der Ort des Vergnügens ist durch einen Einstiegsschacht versperrt, der durch eine Schraube geschlossen ist. Die Fenster sollen hermetisch abgedichtet sein, jedes wird geprüft, der Sauerstoff wird verteilt. Die Figuren selbst isolieren sich von uns und flüchten vor etwas, das sie in der Außenwelt entsetzt, oder aber „wir” schaffen eine solche Situation, dass einige Menschen es vorziehen, nicht am Leben mit uns teilzunehmen, sogar um den Preis eines „flachen Atems“. Womöglich baut jeder von uns (durch unsere Ignoranz und den Mangel an Verständnis) einen durch einen Einstiegsschacht verschlossenen Raum für sie, weil wir davon überzeugt sind, dass dies für sie der beste Platz ist.

Sz.22
Personen: Adaś, Zibelda, Teresa, Agni, Jerzy, der Poet, Lesiu
Diese Szene gibt Hoffnung, ist durch gemeinsamen Optimismus optimistisch. Man befindet sich an einem Ort, den sowohl die „Normalen“ als auch die „Anderen“ vergöttern: Dem Einkaufszentrum, Tempel der modernen Materialität und eine andere Welt – eine Welt der Farben, der Zugänglichkeit, der Töne und der Menschen, vieler Menschen. Hier bleibt keiner allein, man kann überall hineingehen, alles anfassen, betrachten, prüfen. Man kann den Eindruck von Gemeinschaft, von Einheit gewinnen. Das „Anderssein“ schwindet, es gibt keine Barrieren, „wir“ und „sie“ – alle treffen sich auf einer Ebene.
Deutsch von Antje Ritter-Jasińska

    Videoreportage zu „V(F)ICD-10 TRANSFORMATJE“