Zidul

Theodora Herghelegiu über ihr Stück "Zidul"

Eine Gesellschaft von wandernden Mauern

Das Gespräch führte Harald Olkus

In Ihrem Stück „Zidul” zeigen Sie Szenen aus dem öffentlichen und privaten Leben Rumäniens. Sie sind in einem grotesken Ton gehalten, aber es ist offensichtlich, dass Sie die rumänische Gesellschaft als gewalttätig, hasserfüllt, gleichgültig und hoffnungslos charakterisieren. Sehen Sie die gegenwärtige rumänische Gesellschaft so?

Ja, so ich sehe sie. Der erste Teil des Stücks spielt im Jahr 2007, also bereits in der Vergangenheit. Er stellt nicht mehr die rumänische Gegenwart dar. Aber 2006 und 2007 waren die Dinge genau so, wie ich sie dargestellt habe. Natürlich sind die Szenen in einem grotesken Ton gehalten, aber sie enthalten die Beobachtung von Gewalt in verschiedenen Ausprägungen und Stadien. Die zentrale Aussage des ersten Akts stellt genau meine Gefühle über die rumänische Gesellschaft zu dieser Zeit dar.

Die Sprache in dem Stück ist ebenfalls sehr gewalttätig. Ist das von Ihnen als ein Zeichen für die Dringlichkeit des Themas gedacht?

Im ersten Akt sind die Brutalität, die Flüche und die harte Sprache ein Mittel, um meine Reaktion auf diese Art der Gewalt darzustellen, die uns tatsächlich umbringt. Sie hält uns davon ab, unsere Häuser zu verlassen und veranlasst alle anständigen Menschen, sich Stück für Stück zu isolieren, um sich vor dieser Gewalt zu schützen. Die Gewalt hat verschiedene Formen: verbale Gewalt, physische Gewalt, psychische Gewalt – jede Art von Gewalt. Im zweiten Akt fluchen die Figuren auch und sie reden viel Slang, benutzen saftige Ausdrücke. Aber das ist eine ganz andere Art der Sprache. Sie gebrauchen ähnliche Worte, aber nichts ist mehr gewalttätig.

Die Mauer im Stück scheint mir ein Symbol für die Möglichkeit zu sein, sich schützen zu können. Auf der anderen Seite beinhaltet das aber immer auch die Gefahr, sich selbst einzusperren.

Genau. Und das ist auch passiert. Unglücklicherweise geschieht das gerade jetzt in Rumänien. Nach der ganzen Periode von 2005 und später – als die Gesellschaft diesen Ausbruch der Gewalt erlebte – begannen die Leute, diese Mauern um sich herum aufzubauen, um durchzuhalten und sich zu schützen. Wenn also nichts geschieht, werden wir über kurz oder lang eine Gesellschaft von wandernden Mauern sein. Stellen Sie sich das einmal vor.

Der zweite Akt spielt in einem Theater. Er handelt von der rumänischen Gesellschaft, aber auch vom Theater. Was denken Sie über das zeitgenössische Theater in Rumänien?

Meine Meinung über das rumänische Theater generell schließt natürlich die Mainstream-Theater mit ein, die das System repräsentieren. Um es radikal auszudrücken: Da würde ich am liebsten eine Bombe legen. Was ist ein System überhaupt? Sagen wir so: Ein System besteht aus Menschen, es ist kein abstraktes Konzept, eher ein Regelwerk. Aber diese Regeln werden ausgeführt, erfunden und angewandt von Menschen. Und in jedem Theater in Rumänien, auch in den Mainstream-Theatern, den offiziellen Theatern, kann man wundervolle Leute antreffen: die Schauspieler, die Künstler, ob mehr oder weniger talentiert, das spielt keine Rolle. Es sind wirklich spezielle und wundervolle Menschen. Man kann hier und da auch großartige Manager finden. Sie sind selten, aber es gibt sie. Aber sobald man auf die Management-Ebene kommt, die Verwaltungs- und Finanzebene, wird es zur Katastrophe. Dort wird das künstlerische Endprodukt häufig zunichte gemacht. Man kämpft gegen Faulheit, dumme Kommunisten, alte Mentalitäten, die sich erhalten haben, Geldknappheit, aber nicht weil sie kein Geld hätten, sondern weil sie nicht wissen, wie sie ihr Geld investieren sollen. Und so weiter. Das ist eine Katastrophe.

Lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen. Ich habe in Bacau gearbeitet, einer Stadt in Rumänien; zwei Mal, zwei Projekte. Sie haben – und da basiert der zweite Akt in meinen Stück ganz konkret auf der Realität – einen zweiten Stock über dem Theater, mit Räumen für die jungen Schauspieler. Es leben dort aber auch arbeitslose Schauspieler, die gar nicht zum Theater gehören. Der zweite Stock im Bacovia – so heißt das Theater in Bacau – ist voll von Leuten, die gegen jeglichen Missbrauch oder jede Ungerechtigkeit des Systems rebellieren. Und das war der Kern, der mich zu der Geschichte des Stücks inspirierte. Ich glaube fest daran: wenn es eine Konstellation, eine Gruppe von Leuten gibt, die in Rumänien radikal gegen Gleichgültigkeit und Gewalt eintreten kann und ihre Stimme dagegen erhebt, dann ist es eine Gruppe, die aus Schauspielern besteht, aus Künstlern.

Ihr Stück handelt auch von Rumäniens Vergangenheit. Von zwei Generationen, der einen, die im Kommunismus lebte, und der anderen, die nach der Revolution aufwuchs.

Ja, eigentlich sind es drei Generationen: Die Alten, die ganz Jungen, die keine Verbindung mit dem Kommunismus haben, und die mittlere Generation, die damals etwa zwanzig war. Sie sind ein Übergangsprodukt, noch halb vom Kommunismus geprägt. Sie sind ein seltsames Hybrid.

Wie wichtig ist es für die rumänische Gesellschaft, diesen Generationenkonflikt zu lösen?

Die große Tragödie Rumäniens ist, dass man nicht weiß, wie sich die ganz junge Generation entwickeln wird. Die “saubere” Generation, die nach der Revolution geboren wurde – wir nennen sie so, “sauber” – wurde allerdings von Eltern erzogen, die im Kommunismus gelebt haben. Meine Frage ist also: wie lange dauert es, bis alle Zeichen, alle Prägungen des Kommunismus völlig verschwunden sind. Sehen sie, meine Generation zum Beispiel – ich war 22 Jahre alt im Dezember ’89 – wir haben Kinder, die 15 oder 18 sind. Ich bin immer noch ein Produkt der Angst, die der Kommunismus in uns auslöste. Ich bin keine wirklich freie Persönlichkeit, egal wie sehr ich für freies Denken kämpfe, ich habe immer noch meine Ängste. Diese Kinder, die jetzt etwa 15 Jahre alt sind, wenn sie ihrerseits Eltern werden, sie könnten eine freie Generation erziehen. Es wird also immer noch eine ganze Weile dauern.

Sie haben das Stück geschrieben und Sie führen auch die Regie. Im geschriebenen Stück haben Sie sehr interessante Regieanweisungen. Sie wirken absichtlich vage und scheinen eine Aufforderung an den Regisseur zu sein, bestimmte Einzelheiten selbst zu entscheiden. Als ob Sie es nicht selbst wären, die diese Dinge entscheidet.

Der Grund dafür ist folgender: als ich das Stück schrieb, war ich ziemlich sicher, dass ich nicht Regie führen würde. Dafür war jemand anderes geplant. Ich hatte einen rumänischen Regisseur dafür vorgesehen, Alexandru Dabija. Meiner Meinung nach ist es der größte Regisseur, den wir haben. Er ist Anfang fünfzig und er ist wundervoll. Ich kenne ihn und ich kenne seine Haltung gegenüber dem ganzen Elend und dem Müll in dem wir leben. Der Text ist für ihn geschrieben. Er hat ihn gelesen und er hat ihm gefallen, er war sehr amüsiert. Vor allem über die Dialoge. Er entschloss sich, die Regie zu übernehmen. Ich hatte auch ein Theater gefunden, dass das Stück aufführen wollte, aber dann kamen die Probleme. Sie haben es fertig gebracht, mir immer wieder zu versprechen, dass sie es produzieren werden, aber am Ende ist nichts dabei herausgekommen. An einem gewissen Punkt sagte der Regisseur: Ich will es machen und ich werde mein bestes dafür tun, aber ich habe einen vollen Terminplan, ich kann nicht ewig warten. Ich brauche die Zusage von diesem Theater. Ich habe auch noch andere Verpflichtungen.

Also sagte ich, ok ich werde den Text niemand anderem geben. Wenn Alexandru Dabija es nicht machen kann, dann mache ich es eben selbst. Es war dann ein großes Abenteuer, ein Theater in diesem Land zu finden, das den Text akzeptierte. Die Manager hatten Angst wegen der Sprache und wegen der Aussage. Die Sprache diente häufig als Ausrede, das Stück nicht zu nehmen. Bis ich schließlich Lucian Sabados fand, der den Mut dazu hatte.

INTERVIEW

Theodora Herghelegiu
über ihr Stück „Zidul“ (in Englisch)
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INTERVIEW

Lucian Sabados über "Zidul" und das rumänische Theater
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