Zidul (Die Mauer)
von Theodora Herghelegiu
Ein Triptichon: 2007 / 2009 / Ewig.
Zehn mit Strumpfmasken entindividualisierte Personen (Schauspieler?) spielen im ersten Teil (2007) fünf kleine Alltagsszenen, die an eine absurd, groteske Theatertradition Rumäniens erinnern. Miniaturen um Gewalt, Macht und Sozialverhältnisse, der Sprache und der Problematik möglicher oder unmöglicher Verständigung. Doch unter der Oberfläche absurder Szenerie verbirgt sich eine pessimistische Sicht über die Entfremdung, die fehlende Authentizität und die Hilflosigkeit im Umgang mit der neuen Freiheit.
Der zweite Teil (2009) bricht mit dieser literarischen Tradition, stellt dem bewusst einen realistischen Alltagsjargon entgegen. Sechs junge Schauspieler eines Provinztheaters stehen im Blickpunkt des Interesses, die sich im eigenen Theater zu einer ungewöhnlichen Protestaktion versammelt haben. Sie haben den zweiten Stock des Theaters besetzt und sich hinter einer selbstgebauten Mauer verbarrikadiert. Protest durch Selbst- Einkerkerung.“ Der Wortführer Mischka bringt es vor einer Radioreporterin auf den Punkt: „Kurz gefasst – wir dulden keine Gleichgültigkeit mehr, verstehen Sie? Und keine Rücksichtslosigkeiten, im Allgemeinen. Unser Hauptziel ist, dass alle Theater in Rumänien zu spielen aufhören bis diese Gesellschaft imstande ist, sich wie eine auf gesunden Menschenverstand basierte Gesellschaft zu verhalten. Aber wir haben selbstverständlich in unserem „Hof“ begonnen – mit unserem Arbeitsplatz. Wir wollen, dass unser Streik offiziell angemeldet wird. Die Leitung hat sich geweigert. Und dann haben wir die Mauer gebaut. Und wir gehen nicht mehr raus hier, bis sich die Dinge ändern.“
Die jungen Menschen wollen ein anderes Leben, ein anderes Theater, eine andere Freiheit, wollen individuelle und persönliche Anerkennung erzwingen. Aber sie werden in der Öffentlichkeit vom Intendanten gönnerisch und allgemein entschuldigt: „Wissen Sie, Fräulein, die Künstler sind eigenartige Wesen. Ein inneres Feuer verzehrt sie, trübt sie. Sie müssen sich ausdrücken. Die Mauer ist, wenn Sie wollen, eine Form von Kunst.“ Doch durch diese Überhöhung des Protestes zur „Kunst“ wird das Anliegen der jungen Menschen wieder entwertet, wird absurd. Weder eine vorübergehende Geiselnahme des Theaterintendanten, noch die Verlautbarungen über die Medien führen zu verwertbaren Ergebnissen.

Drinnen hofft man zwar noch immer, wichtig genug genommen zu werden, um wenigstens überwacht zu werden, einen Spitzel geschickt zu bekommen, aber nichts geschieht und der Widerstand bröckelt. Bis eines Tages die Mauern auch von außen abgedichtet worden sind. Der sinnlose Protest wird dem lautlosen Vergessen preisgegeben. Wer sich auszugrenzen versucht, geht verloren.
Der dritte Teil (Ewig) spielt an der Grenze zwischen Rumänien und dem Rest der Welt. Wieder die zehn Namenlosen, diesmal ohne Strumpfmasken, dazu Gartenzwerge mit Geigen, singen gemeinsam ein rumänisches Volkslied über eine arme Friseur, der eine Schneiderin liebte, die an Tuberkulose starb. Im Refrain erfährt man, die Schneiderin ist nicht eigentlich tot, sondern sie verwandelt sich.
Fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall wird in diesem rumänischen Beitrag Theater als Spiegel einer sich stets ändernden Welt gezeigt, innovativ und provokativ und gleichzeitig ratlos in unterschiedlichsten Facetten. Es wird versucht, Rumänien in Bezug auf Europa in ein neues Licht zu setzen, basierend auf einer neuen Grundeinsicht: Nicht das Theater verändert die Gesellschaft, sondern die Menschen verändern das Theater, wenn überhaupt. Theater im Sozialismus war ein Zufluchtsort für die Menschen. Diese traditionelle Funktion des Theaters scheint verloren. Jeder Protest verhallt an ganz neuen Mauern.
Ein Text von Jens Groß









