Zidul

"Wir haben geniale Ideen, wissen aber nicht, was wir damit anfangen sollen"de

 

Interview mit der rumänischen Journalistin und Theaterkritikerin Cristina Modreanu

Von Irina Wolf

IW: Welche Änderungen fanden im rumänischen Theater nach 1989 statt?

Modreanu: Es war eine ähnliche Situation wie in anderen Ländern, in denen es eine plötzliche politische Wende gab: Das Theater machte eine akute Krise durch. Zwei bis drei Jahre nach der Revolution im Dezember 1989 ließ die Verwirrung nach. Zu dem Zeitpunkt kehrten rumänische Regisseure, die während des Ceauşescu-Regimes ins Ausland emigriert waren, wieder nach Rumänien zurück. Sie erwiesen sich für das rumänische Theater als lebensnotwendig "Erneuerer von draußen". Zum Zeitpunkt der Revolution befanden sich viele rumänische Regisseure und Schauspieler auf dem Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Karriere. Aus den Interviews, die ich über Jahre hinweg mit diesen geführt hatte, stellte sich heraus, dass alle in der einen oder anderen Weise diesen Bruch vorausgesehen hatten. Einige gaben danach eine Zeit lang das Theaterleben auf und kehrten erst zurück, nachdem die Verwirrung nachließ. Andere wandten dem Theater überhaupt den Rücken zu und ergriffen die Gelegenheit, ihr Leben komplett zu ändern. Diejenigen, die weitermachten, verstanden, dass auch eine persönliche Veränderung notwendig war, um mit der im Wandel befindlichen rumänischen Welt Schritt halten zu können. Das Wichtigste ist für mich die Änderung der Sprache. Mit dem Fall des Kommunismus verschwand die Kommunikationsbasis zwischen den Theaterleuten und ihrem treuen Publikum. Das Publikum war kultiviert und geübt, zwischen den Zeilen zu lesen und die subtilsten Anspielungen zu verstehen. Während des Kommunismus konzentrierte sich die Kreativität der Künstler darauf, den Sinn eines klassischen Texts – ob von Shakespeare oder Molière – zu benützen, um mit den Zuschauern über das im totalitären System täglich Erlebte zu sprechen. Dieser verdeckte Nachrichtenaustausch war ein gemeinsames Erlebnis, das die schon bei den antiken Griechen bekannte Katharsis auslöste. Mit dem Verlust dieses Kommunikationskanals verlor das Theater sein Publikum. Es sollten viele Jahre vergehen, bis eine neue Verbindung zu den Zuschauern hergestellt werden konnte, diesmal mit dem normalen Kulturkonsum als Ausgangsbasis, wie er in der freien Welt praktiziert wird. Selbstverständlich gibt es auch noch Relikte wie das staatliche Finanzierungssystem der Theater, das noch nicht reformiert wurde. All diese Verzerrungen haben auch Änderungen der Theaterästhetik mit sich gebracht, aber nicht so offensichtlich wie zum Beispiel in Polen, wo das Theater viel lebendiger ist und sich viel schneller verändert. Das rumänische Theater hat nicht sofort und auch nicht organisiert die Suche nach seinem verlorenen Publikum begonnen. Es blieb – mit wenigen Ausnahmen – weiterhin träge. Das Publikum ist erst nach Abklingen der Verwirrung wieder zum Theater zurückgekehrt, sei es aus Nostalgie wie bei der reifen Generation oder aus Neugier im Falle der Jungen. Diese "neue" Generation – "neu" bedeutet hier, sie hatte keinen Kontakt zum ehemaligen System – braucht jedoch ein anderes Theater, mit anderen Themen, anderen Schauspielertypen und einer anderen Dynamik. Die Nachfrage führte letztendlich zu einem neuen Angebot. Der Ausgleich zwischen Nachfrage und Angebot ist noch nicht hergestellt, liegt aber nicht mehr in weiter Ferne.

IW: Was ist das heutige Ziel des rumänischen Theaters?

Modreanu: Ich glaube, das Problem liegt darin, dass es kein Ziel gibt, und das führt zu mangelnden Führungsstrategien. Selbstverständlich kann man nicht über ein alleiniges Ziel sprechen, aber jedes Theater sollte ein Profil haben und, abhängig davon, entsprechende Strategien entwickeln. In den Nationaltheatern sollten zum Beispiel erzieherische Programme nicht fehlen, experimentelle Zonen aber auch nicht. Die von den Städten finanzierten Theater sollten ihr Repertoire nach ihrem Publikum richten, das sich von einem Bezirk zum anderen unterscheidet. Auch sollte der Austausch mit Theatern aus anderen Städten nicht vernachlässigt werden. Ein gemeinsames Ziel aller Theater sollte die Öffnung nach Europa sein, zu dem Rumänien seit Kurzem wieder gehört. Obwohl ich seit mehr als fünfzehn Jahren die rumänische Theaterszene als Journalistin, Kritikerin und neuerlich als Promoterin verfolge, habe ich den Eindruck, dass sich sehr wenige Theaterleute und -einrichtungen Ziele gesetzt haben und diese auch zu erreichen versuchen.

IW: Wer ist das Theaterpublikum in Rumänien?

Modreanu: Wie ich schon sagte, das Publikum ist zweigeteilt. Es gibt Theorien, in denen das Publikum nach Weltanschauungen eingeteilt wird. In einer posttotalitären Gesellschaft liegen die Dinge aber komplizierter. Einerseits gibt es die reife Generation, die nur eine Art von Theater erlebt hat: ein Theater der Isolation, kreiert für eine Gesellschaft, die sehr wenig Verbindung zur Außenwelt hatte. Es gibt aber auch ein neues, junges Publikum, das in der Zeit des Internets aufgewachsen und ständig in Kontakt mit der ganzen Welt ist. Man kann diese zwei Generationen nicht gleichermaßen und auch nicht über gemeinsame Themen ansprechen. Der Generationsbruch, der eigentlich in fast allen Familien zu finden ist, verlängert sich bis in den Theatersaal hinein.

IW: Wir wenden uns insbesondere an ein deutschsprachiges Leserpublikum. Inwieweit ist das Interesse für Inszenierungen deutscher Autoren vorhanden? Welche anderen Autoren werden gespielt?

Modreanu: Die Gegenwartsdramaturgie war in Rumänien erst nach dem Jahr 2000 erfolgreich. Jahre vorher hat der dynamische rumänische Theaterkritiker Victor Scoradet deutsche Theaterstücke der Gegenwart übersetzt und in Lesungen vorgeführt. Regisseure der neuen Generation zeigten viel Interesse daran, diese zu inszenieren. So hat das rumänische Publikum Autoren wie zum Beispiel Luka Barfuss, Tankred Dorst, Franz Xaver Kroetz und Marius von Mayenburg kennengelernt. Weiterhin wurden in Rumänien dank Carmen Vioreanu skandinavische Autoren wie Jon Fosse aufgeführt, aber auch englische wie Sarah Kane, Autoren aus Irland (Martin McDonagh), Ungarn (Zoltan Egressy), Serbien (Dusan Kovacevic), Tschechien (Peter Zadek), Frankreich (Jean Luc Lagarce) und Italien (Fausto Paravidino), je nachdem, wie diese von dem einen oder anderen Regisseur entdeckt wurden.

IW: Was können Sie uns über die rumänische Gegenwartsdramaturgie sagen?

Modreanu: Die rumänische Dramaturgie erlebte ihren Aufschwung 2002, als von einer Studentengruppe der Regieabteilung der Universität für Theater und Film Bukarest erstmals der dramAcum-Wettbewerb eingeführt wurde. Ziel dieser Gruppierung, die auch heute noch aktiv ist, war es, neue Autoren ausfindig zu machen und Partnerschaften mit Theatern zu bilden, um Aufführungen zu inszenieren. Leider haben bisher nur wenige Theater Bereitschaft gezeigt, Ideen von dramAcum zu unterstützen. Die dramAcum-Mitglieder sind auch als Einzelkünstler erfolgreich. Die bekannteste Persönlichkeit unter ihnen ist die Autorin und Regisseurin Gianina Cărbunariu, aber auch die anderen Mitglieder (Andreea Vălean, Radu Apostol, Alex Berceanu) sind bedeutende Künstler der rumänischen Theaterszene. Ihre Generation hat eine tiefgreifende Änderung in der Auswahl des Repertoires bewirkt. Wo früher fast nur Klassiker gespielt wurden, hat dramAcum jetzt das Interesse für die weltweite Gegenwartsdramaturgie geweckt. Manche Kritiker werfen ihnen vor, dass sie sprachliche Gewalt und Tabuthemen bevorzugen und damit nur die üblichen Schemata der Gegenwartsdramaturgie kopieren statt spezifische Stücke zu kreieren. Dieser Vorwurf ist jedoch den Nostalgikern zuzuschreiben, die nicht mit der Zeit gehen wollen. In Wahrheit hat die dramAcum-Generation die rumänische Theaterszene zur Welt hin geöffnet, eine Neuausrichtung, die im Bereich des stummen Theaters noch nicht stattgefunden hat.

IW: Inwiefern unterscheidet sich das rumänische Gegenwartstheater von dem westeuropäischen?

Modreanu: Während der letzten Jahre habe ich an den großen Theaterfestivals in Edinburgh und Avignon, aber auch an Showcases in Deutschland, Russland, Irland, Italien, Spanien usw. teilgenommen und konnte die neuen Tendenzen und neuen Namen in der Theaterwelt mitverfolgen. In Rumänien gibt es gute Schauspieler, die jederzeit mit denen in Westeuropa mithalten können. Leider schaut es in der Regieabteilung nicht so gut aus. Es gibt in Rumänien sehr wenige Regisseure, die sich einem hochrangigen europäischen Wettbewerb stellen könnten. Die Isolation, in der wir jahrelang gezwungen waren zu leben und die auch heute nicht vollständig verschwunden ist, aber auch fehlendes Wissen im Bereich des Marketings führen dazu, dass wir uns auch heute noch im Schatten des europäischen Theaters befinden. Das rumänische Theaterbildungssystem hat Schwächen und muss reformiert werden, sonst werden wir auch auf unsere Schauspieler nicht mehr stolz sein können. Die größten Probleme liegen aber bei der Bühnentechnik der Theaterhäuser. Das wird in den meisten rumänischen Aufführungen sichtbar. Die Bühnenbildner haben ein äußerst niedriges Ausbildungsniveau. Außerdem fehlen Spezialisten. Damit meine ich die "Magier", die in Westeuropa die Produktionen gestalten. Man muss zugeben, dass auch die Regisseure zuwenig nach Mitteln suchen, um ihre Ideen umzusetzen. Wahrscheinlich ist dies unser größter Schwachpunkt: Der Weg von der Idee zur praktischen Umsetzung ist voller Hindernisse und dadurch kommt es nicht zur gewünschten Verwirklichung. Aber dieses Problem herrscht in Rumänien nicht nur in der Kunst. Wir haben geniale Ideen, wissen aber nicht, was wir damit anfangen sollen.

IW: Gibt es internationale Kooperationen?

Modreanu: Ich fürchte, es gibt nur sehr wenige davon. Es gab ein paar hervorragende Kontakte. Kooperationen zwischen Regisseuren, wie zum Beispiel Yuriy Kordonskiy, Lev Dodins Schüler, derzeit tätig in New York oder Andryi Zholdak, Mitarbeiter der Volksbühne Berlin, bekannter Künstler der europäischen Theaterszene. Deren Zusammenarbeit mit rumänischen Theatergruppen führte zu sehr erfolgreichen Aufführungen. Es blieb leider bei diesen Einzelfällen. Ein konsequentes Programm, um europäische Regisseure nach Rumänien einzuladen oder eine Zusammenarbeit mit rumänischen Schauspielern, all das wurde nicht ausgearbeitet. Auch Koproduktionen mit anderen Einrichtungen wurden nicht unterstützt. Einige rumänische Theater sind Mitglieder des europäischen Theaternetzwerks. So sind zum Beispiel das Bulandra Theater Bukarest und seit 2008 auch das Ungarische Staatstheater Klausenburg Mitglieder der Europäischen Theaterunion. Das Nationaltheater Craiova ist Mitglied der Europäischen Theaterkonvention.

IW: Das UNATC, früher IATC, war die einzige Hochschuleinrichtung im Bildungssystem der Theater- und Filmbranche in Rumänien. Nach 1989 entstanden zahlreiche Hochschuleinrichtungen, was zu einer erheblichen Zunahme der Absolventen führte. Welche Chancen hat ein frischer Absolvent, sich als Künstler in der rumänischen Theaterszene zu behaupten?

Modreanu: Wenig Chancen, befürchte ich. Die größte Anzahl der Absolventen arbeitet im Bereich der neuen elektronischen Medien, der derzeit einen Aufschwung erlebt. Zum Theater schaffen es die wenigsten. Die Personalstellen sind voll besetzt. Das veraltete System erlaubt keine Aufnahmen von jungen Schauspielern. Die von den staatlichen Einrichtungen bezahlten Gehälter sind so niedrig, dass die Jugend lieber in der Privatwirtschaft arbeitet. Die vom Glück Begünstigten wenden sich dem Film zu, arbeiten in Fernsehserien oder zumindest in der Werbung. Dem Rest bleibt nur die Hoffnung. Die Situation ist widersprüchlich: Die alte Schauspielergeneration lebt fast wie im Kommunismus, mit abgesicherten Gehältern und den Vorteilen ihrer Berühmtheit, während die neue Generation in einem kapitalistischen System aufwächst und wie in New York versucht, sich eine Theaterkarriere zu schaffen! Dies ist nur eine der vielen Kuriositäten der Übergangsperiode.

IW: Wie ist die Situation der Minderheitentheater in Rumänien und welche Position nehmen sie zur Mehrheit der Bevölkerung ein?

Modreanu: Das Theater der Minderheiten hat des Öfteren bemerkenswerte Leistungen erbracht und ist bei den jährlichen Nominierungen für die Gala der Uniter Preise (die Preise der Theaterbranche) zum Theater der "Mehrheit" in Konkurrenz getreten. Derzeit hat das Ungarische Theater Klausenburg, geleitet von Regisseur Tompa Gabor, eine der besten Theatergruppen. In diesem Theater, wie auch in den anderen Theatern der ungarischen oder deutschen Minderheiten sowie im Jüdischen Staatstheater Bukarest, werden die Aufführungen mit Übersetzung für das rumänischsprachige Publikum gespielt, so dass die Gefahr der Isolation in den jeweiligen Gemeinschaften nicht gegeben ist.

IW: Sie sind Autorin des Buchs "Die Masken des Alexander Hausvater". Warum Alexander Hausvater?

Modreanu: Weil ich das Theater zu lieben begann, nachdem ich die Aufführung "Und Sie legten den Blumen Handschellen an" gesehen hatte. Hausvater inszenierte dieses Stück kurz nach seiner Rückkehr nach Rumänien. Erst nach vielen Jahren habe ich den Menschen Alexander Hausvater kennengelernt. Ich war von seinem Einfluss auf das rumänische Theater nach 1990 beeindruckt. Das trifft übrigens auch auf Andrei Serban zu, einem anderen berühmten Regisseur. Sie waren die "Erneuerer von draußen", die ich am Anfang des Interviews erwähnte. So habe ich beschlossen, nach meinem literarischen Debüt über die rumänische Regie der neunziger Jahre mit dem Buch "Schach beim Regisseur" ("Sah la regizor") – erschienen 2003 beim Verlag Fundaţia Culturala Româna – den "Fokus“ auf einen bestimmten Regisseur zu legen. So entstand in der Kollektion Galeria teatrului românesc das Buch, das Sie erwähnten. Herausgeber war die Zeitschrift Teatrul Azi, dessen Leiterin die Theaterkritikerin Florica Ichim ist. Ich habe ein weiteres Buch, das allgemeine Themen über das rumänische und das Welttheater behandelt, in Vorbereitung (Casa dinăuntru bzw. Das Haus von innen, beim Verlag Cartea Românească). Ich bin auch am Überlegen, einen "Fokus“ auch auf andere Theaterkünstler mit besonderem Profil zu legen.

IW: Sie wurden vor kurzem zur alleinigen Intendantin des Nationalen Theaterfestivals gewählt. Was bedeutet dieses Festival für die rumänische Theaterwelt?

Modreanu: Das Nationale Theaterfestival entstand im Jahr 1990 und bot von Anfang an ein Gesamtbild der besten rumänischen Theaterproduktionen, eine Art Auslage, in der sich die Besten wiederfanden, selbstverständlich nach den von jedem Intendanten angewandten Kriterien. Leider ist das FNT jahrelang nur das gewesen. Es hat die Vision gefehlt. Die Intendanten wurden jährlich oder alle zwei Jahre gewechselt. Mit dem ersten dreijährigen Auftrag, der meiner Vorgängerin, der Theaterkritikerin Marina Constantinescu, erteilt wurde, kam endlich die Veränderung. Sie war diejenige, die das Festival in ein Internationales umwandelte und die Gelegenheit ergriff, das rumänische Theater an das Welttheater anzuschließen. Das FNT wurde somit das wichtigste Ereignis für die rumänische Theaterbewegung. Ich habe mir vorgenommen – sofern mir das in den drei Jahren meines Auftrages gelingen wird – diese Wandlung fortzusetzen und durch das FNT das rumänische Theater ans Theater der Welt heranzuführen.

IW: Frau Modreanu, vielen Dank für das Interview!

Das Interview mit Frau Modreanu erschien zum Theater-Schwerpunkt Rumänien des Online-Kulturmagazins Aurora und ist hier mit freundlicher Genehmigung des Online-Kulturmagazins Aurora www.aurora-magazin.at veröffentlicht

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