Auftrag: Lorey

Auftrag: Lorey © Auftrag: Lorey
Auftrag: Lorey © Auftrag: Lorey
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Stefanie Lorey (geboren 1974 in Bingen am Rhein) studierte zunächst in Köln, dann in Giessen, wo sie ihr Studium 2005 als Diplom-Theaterwissenschaftlerin abschloß. 
Neben der Realisation von eigenen Arbeiten im Bereich Hörspiel, Theater und Performance, assistierte sie bei diversen Hörspielproduktionen sowie bei Heiner Goebbels Uraufführung der Oper »Landschaft mit entfernten Verwandten« am Grand Théâtre de Génève.


Bjoern Auftrag (geboren 1973 in Ruit auf den Fildern) studierte zunächst in Göttingen und Berlin, bevor er in Giessen das Studium der Angewandten Theaterwissenschaft aufnahm und 2005 als Diplomtheaterwissenschaftler abschloß. Neben seiner Regietätigkeit arbeitete und arbeitet er im Bereich Sounddesign und Tonregie für diverse Tanz- und Theaterproduktionen, unter anderem für Stefan Kaegi und Saburo Teshigawara.


(Verlag schaefersphilippen)

    Auftrag: Lorey: Porträt

    Sechs überlebensgroße Porträts älterer Menschen werden auf die Glasfassade des Frankfurter Schauspiels projiziert. Während das Publikum auf kleinen Hockern vor dem Theatergebäude Platz nimmt, versinken die Hochhaustürme in unserem Rücken langsam im Dunkel der Nacht. Die Gesichter scheinen zu leuchten. Nahezu regungslos schauen sie von oben auf uns herab, ein Moment der Stille und des Innehaltens inmitten der sonst so belebten Stadt. Über Kopfhörer hören wir sie sprechen, ohne zu wissen, welche Stimme zu welchem Gesicht gehört. Die Stimmen erzählen von einer Hochzeitsfahrt durch das zerbombte Nachkriegs-Frankfurt, von einer Demonstration gegen Neo-Nazis in einem Stadtviertel gerade so, als fänden die vergangenen Ereignisse augenblicklich jetzt im Moment statt. Mittendrin und doch ohne körperliche Verortung wird aus jeder persönlichen Erinnerung plötzlich eine allgemeine und übertragbare Aussage. Die Interviewten vergegenwärtigen die Geschichte der Stadt durch ihre Geschichten. Sie artikulieren Erfahrungen, die das lebendige Gewebe einer Stadt ausmachen. In ihrem „Museum des Augenblicks“, so der Titel der Installation des Regieduos Auftrag: Lorey, fallen Erinnerung und Gegenwart zusammen.

    In ihren Theaterentwürfen suchen Stefanie Lorey und Björn Auftrag nach dem alles verändernden Moment, der dem Leben eine unerwartete Wendung gibt, nach Momenten des Kontrollverlusts und des Glücks, die das Leben auf besonders intensive Weise spürbar werden lassen. Der Stoff, aus dem sonst die Geschichten für das Theater gesponnen werden, ist auch ihr Stoff. Nur suchen Auftrag: Lorey die dramatischen Höhe- und Wendepunkte nicht mehr in der dramatischen Handlung, sondern in den Biographien der Menschen selbst. Ihre Stücke erproben neue Übersetzungen für Geschichten, die die Zuschauer auf eine andere Art und Weise ins Geschehen involvieren. Für sie ist Theater ein Ort, an dem Stimmen und Körper im Hier und Jetzt zusammenkommen, an dem Sprache, Klang, Bild und Körper sich im Kopf der Zuschauer und Zuhörer verbinden.

    Björn Auftrag und Stefanie Lorey haben sich bei ihrem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen getroffen und arbeiten seit 2001 zusammen. Nicht das Inszenieren von dramatischen Texten liegt ihnen am Herzen, sondern die Suche nach anderen Mitteln, Theater zu machen, ein Theater, das keine abgeschlossene Kunstwelt behauptet, sondern eintaucht in die Wirklichkeit, um deren theatrales Potential zu erkunden. Das Besondere an der Arbeitsweise von Auftrag: Lorey ist ihr Eintauchen in die Gedankenwelt der Menschen, die sie unhinterfragt akzeptieren. Auftrag: Lorey sprechen den Menschen, mit denen sie arbeiten, ihr Vertrauen aus und sind neugierig auf das, was Menschen denken, zu sagen haben oder gar ihr Leben nennen. Die beiden Regisseure fungieren dabei als Echolot für gesellschaftliche Befindlichkeiten und momentane Stimmungen, aus denen sie aus den Einzelteilen wie in einem Puzzle ein Bild zusammenbauen.

    Für „Standbild mit Randexistenzen“ etwa, ihrem Erfolgsstück, das nach seinem Start 2004 am Hebbel am Ufer in Berlin unter anderem auch an den Münchner Kammerspielen und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg zu sehen war, suchen sie in jeder Stadt, in der sie das Stück aufführen, jedes Mal aufs neue 30 Bürgerinnen und Bürger, denen sie auf der Bühne je eine Minute Redezeit einräumen. Ein Mann macht einer Frau im Publikum eine Liebeserklärung, jemand zitiert ein Gedicht oder erzählt einen Witz. Jeder der Redner hält dabei eine Lampe in der Hand, deren Stecker er nach Ablauf seiner Redezeit dem allgemeinen Stromkreis zuführt, ums ich schließlich neben seine Lampe zu stellen. Auftrag: Lorey rücken die Bürger ins rechte Licht. Sie formieren sie zum Gruppenbild, damit uns ein Licht aufgeht.

    Anlässlich des zwanzigsten Jahrestages des Berliner Mauerfalls und dem Ende der Apartheid haben sie 2009 im Auftrag des Goethe Instituts Johannesburg Probebohrungen in der südafrikanischen Gesellschaft vorgenommen. An strategischen Orten im Stadtgebiete haben sie Postkarten verteilt, auf denen sie die Menschen baten, den Satz „I am afraid of….“ Zu vervollständigen. Vierzehn Sprecher haben die Antworten dann flüsternd gelesen. Die Aufnahmen wurden anschließend auf dreißig Lautsprecher entlang der Mauer des Goethe-Instituts verteilt. Auf diese Weise entstand beim Vorbeilaufen ein Geräuschteppich, der sich mit der Bewegung der Passanten veränderte und aus dem jeder und jede einzelne Stimmen auswählen konnte. Auftrag: Lorey lassen die anderen sprechen, damit wir ihnen zuhören können, um dabei etwas über sie und uns zu erfahren. Ihr Theater ist Ansprache und Aussprache zugleich.

    Gerald Siegmund

    Auftrag: Lorey: Produktionen

    Horror Vacui
    2011, Schauspiel Frankfurt

    [blank] (Video- und Klanginstallationen), Goethe - Institut Johannesburg - Okt. / Nov. 2009

    Im Vorübergehen (Theaterproduktion), Schauspielhaus Bochum - Spielzeit 08/09

    Goethes Wunderkammer. Museum des Augenblicks (Ein mobiler Theaterraum in Zusammenarbeit mit Das Helmi, raumlabor berlin und Jens Heitjohann), Schauspiel Frankfurt - Frankfurt a. M. August 2008

    151 Meter über dem Meer. Selbstportrait einer Stadt (Theaterproduktion), Rabenhof Theater, Wiener Festwochen – Wien Mai 2007

    Casa blanca / White House (Recherchen über den venezuelanischen Traum von Zukunft), Festival Internacional de Teatro, Apartamentos X – Caracas April 2006

    WMF. Wiedersehen macht Freude (Sprechtheater für 12 Schauspieler und 12 Zuschauer), Hebbel am Ufer – Berlin Juni 2005, republic , Salzburger Festspiele, Young Directors Project – Salzburg August 2007, Schauspiel Frankfurt - Spielzeit 07/08, Hebbel am Ufer - Berlin Juni 2008,

    Seitenwechsel. Standbild mit Randbemerkungen (Performance), diskurs, Festival für junge Performancekunst – Giessen Oktober 2004

    Augen. Zeugen (Videoinstallation für Lochfassaden), Hessische Theatertage – Giessen Juni 2004, Marktplatz – Giessen November 2005

    Die Akte Berthild (Inszenierung einer Wohnung), Hebbel am Ufer, X Wohnungen – Berlin Juni 2004

    Standbild mit Randexistenzen (Performance), Hebbel am Ufer, 100° Festival des freien Theaters – Berlin Januar 2004, Mousonturm, Sommerakademie – Frankfurt a. M. August 2004, Münchner Kammerspiele, Glaubenskriege – März 2005, Deutsches Schauspielhaus, go create™ resistance – Hamburg Mai 2005, Schauspiel Frankfurt, I will survive –Arche 2006 - Februar 2006, Teatr Maly, EC 47. Schattierungen der Politik – Warschau April 2006, Schauspielhaus Zürich, re/location I: Sanatorium –Mai 2006, SaLog, Heimat. Eine Gemeinschaftsprojektion – Saalfeld August 2006, Stadttheater Giessen –Juni 2007, Kaserne Basel - September 2008

    WYSIWYG Karambolage (Rauminstallation), Inszenierung einer Hotelzimmertür, Hessische Theatertage – Kassel Juni 2002, Inszenierung einer Wohnungstür, Theater der Welt, X Wohnungen – Duisburg Juni 2002, Vollsperrung einer Brücke, 20/30 - Auf der Suche n. d. versunkenen Stadt Lahn – Wetzlar August 2002