Christoph Schlingensief


© David Baltzer
Geboren am 24. Oktober 1960 in Oberhausen, gestorben am 21. August 2010.

1981 Studienbeginn in München (Germanistik, Philosophie, Kunstgeschichte), daneben Kamera-Assistent und erste Kurzfilme. 1983 drehte er seinen ersten Spielfilm: „Tunguska – Die Kisten sind da“. 1986/87 fungierte er als 1. Aufnahmeleiter der TV-Serie „Lindenstraße“. Im Anschluss dreht er eigene, provozierende Spielfilme wie „100 Jahre Adolf Hitler“ (1988/89), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) oder „Terror 2000“ (1992).

1993 debütierte er mit „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“ als Theaterregisseur an der Berliner Volksbühne, der er bis heute als Regisseur verpflichtet ist. Es folgten diverse Projekte außerhalb des Theaters, etwa 1997 das Missions-Projekt für Junkies und Obdachlose am Hamburger Hauptbahnhof „Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland“ oder 2000 das Big-Brother-Spiel für Asylanten in Wien „Bitte liebt Österreich“.

1997 wird er bei einer Kunstaktion auf der documenta X verhaftet, weil er ein Schild mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“ verwendet. 1998 gründet er die Partei „Chance 2000“ und zieht in den Bundestagswahlkampf. 1998 moderierte er einige Folgen lang eine Talkshow im Kulturkanal. Schlingensief arbeitet mittlerweile an den großen Staats- und Stadttheatern in Wien, Berlin, Zürich und Frankfurt und inszenierte 2004 bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth den „Parsifal“. Die zweite große Opernregie folgte im März 2007 mit der Inszenierung von Wagners "Der fliegende Holländer" in Manaus/Brasilien. Im Jahr 2008 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Seitdem beschäftigte sich Christoph Schlingensief in seinen Theaterarbeiten wie „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (2008) oder „Mea Culpa“ (2009) intensiv mit dem Sterben. In „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein: Tagebuch einer Krebserkrankung“ beschrieb er 2009 die Auseinandersetzung mit seiner Krankheit auch in Buchform. Mit dem großen Projekt „Ein Festspielhaus für Afrika“, dessen Grundsteinlegung Anfang 2010 stattfand, versuchte Schlingensief in Burkina Faso ein Operndorf zu entwickeln, dass seine künstlerischen Ideen mit den lokalen Bedürfnissen in einer kreativen Ministadt vereint. Für die Kunstbiennale 2011 in Venedig wurde Schlingensief ausgewählt für die Bespielung des deutschen Pavillons.

Am Samstag, den 21. August 2010 ist Christoph Schlingensief gestorben.

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Christoph Schlingensief: Porträt

Der treueste Freund von Christoph Schlingensief war der Zynismusverdacht. Schon seine erste wilde Phase als Filmregisseur wurde von heftigen Reaktionen begleitet. Spielfilme wie „100 Jahre Adolf Hitler“ (1988), „Das deutsche Kettensägenmassaker“ (1990) oder „Terror 2000“ (1992) verquickten das Geiseldrama von Gladbeck, Morde an Asylbewerbern, Taten von Neonazis oder die deutsche Wiedervereinigung mit Splatter- und Trash-Ästhetik, Obszönitäten und Hysterie. Das wurde von überernsten Intellektuellen wie von sensationsheischenden Medien oft gleichermaßen als Zumutung, unwürdig und zynisch empfunden und kommentiert. Berliner Autonome zerstörten 1993 sogar Kopien seines Films „Terror 2000“ im Kreuzberger Sputnik-Kino mit Buttersäure, weil diese deutsche Politgroteske mit ihren lächerlich übertriebenen Gewalt- und Sexszenen „stumpfsinnig, rassistisch und sexistische Propaganda“ sei.

Auch seine Hamburger Bahnhofsmission mit dem Deutschen Schauspielhaus „Passion Impossible“ 1997, bei der er Junkies, Obdachlose, Prostituierte und andere ausgegrenzte Bewohner des Bahnhofsviertels für eine Woche in seine Mission in einer verlassenen Polizeiwache lud, wurde von diversen Schauspielern des Theaters abgelehnt, weil er die armen Menschen nur für seine Eitelkeit missbrauchen würde. Ähnliche Vorwürfe richteten sich gegen Schlingensiefs Zusammenarbeit mit behinderten Menschen an der Berliner Volksbühne, wo er seit 1993 Stücke, Projekte und Aktionen veranstaltet, auf seine Inszenierung von „Hamlet“ mit angeblich ausgestiegenen Neonazis in Zürich, seine Opernregie für „Parsifal“ bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth 2004, und setzten sich fort bis zu seinem letzten Projekt: Remdoogo, das „Festspielhaus für Afrika“, wie es seit Januar 2010 in Burkina Faso als Operndorf nach Schlingensiefs Vision vom Architekten Francis Kéré realisiert wird, empfinden viele Beobachter trotz (oder gerade wegen) der breiten Unterstützung von Politikern und Medien als kulturimperialistische Grille und egomanisches Missverständnis.

Vermutlich sind diese Meinungen die notwendige Begleiterscheinung von gelebter und oft provokanter Irritation, auf die Christoph Schlingensief wie wenige andere Künstler und Regisseure konsequent vertraut hat. Vor allem Auftritte der Selbstgenügsamkeit waren die Angriffsfläche seiner zornigen Aktionen, die in opulenten Kraftakten und hoher Taktfrequenz experimentelle Kunst mit Oper, Video und Performances, Sprechtheater und Subkultur, Vortrag und Talkshow verbanden. Die alltäglichen verlogenen Triumphbotschaften, die zahlreichen Masken der Zufriedenheit und der massenmediale Exhibitionismus reizten ihn zur Suche nach den dahinter verborgenen Schmerzen. Politische Inszenierung oder private Doppelmoral wurden dabei mit dem gleichen vorlauten Widerspruch behandelt: Egal ob Kohl, Schröder, Merkel oder das eigene Publikum, das beruhigte Gewissen und die allzu einfache Logik von Problem und Lösung waren für Schlingensief ein Zeichen mumifizierten Denkens und damit immer wieder Anlaß für drangsalierende Aufklärung mit dem Mittel der Unverschämtheit.

Erstaunlich angstfrei hat Schlingensief stets die Grenzen des Anstands, des guten Geschmacks sowie des gesicherten Terrains des Verständlichen überschritten. Aktionen wie das Big-Brother-Lager für Asylbewerber in Wien, die Verhaftung auf der Documenta 1997 wegen eines Schildes mit der Aufschrift „Tötet Helmut Kohl“, die Beschimpfung der Wagner-Familie nach seiner Arbeit am Grünen Hügel in seinen folgenden Inszenierungen oder seine Parteigründung „Chance 2000“ für die Bundestagswahl, die Demokratie als einen Zirkus des Scheiterns feierte, waren unerschrockene Tabubrüche, die nicht zuletzt durch die negativen Reaktionen ihre Wirkungsmacht entfalteten. Die Frage, Zynismus oder Moral, die sich bei etwas intensiverer Beschäftigung mit seinen politischen und menschlichen Anliegen doch schnell beantworten lässt, erzeugte trotzdem stets genug mediale Aufmerksamkeit, dass Christoph Schlingensief zuletzt eine nationale Kulturmarke wurde.

Obwohl er sich und seine subjektive Aggressivität immer mit ins Zentrum seiner Arbeiten gestellt hat, veränderte eine Krebsdiagnose Anfang 2008 die Betonung konkret ins Persönliche. In großer Offenheit und Angriffslust stellte er seither den Tod, seine Angst und die Relativkraft des Sterbens in den Mittelpunkt seiner Produktionen. Aufwändige Theaterperformances wie „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ (2008), „Mea Culpa“ (2009) oder „Via Intolleranza II“ (2010) waren komplexe Kompositionen, die Verzweiflung über das Sterbenmüssen wie Spott über das Unvermeidliche, Trauer und absurde Festlichkeit, die Fragen nach der Vergänglichkeit und nach möglichen spirituellen Antworten mit dem Willen zum Trotzdem verbanden – bei „Via Intolleranza II“ unter Mitwirkung zahlreicher Künstler aus seinem „Sehnsuchtsort Afrika“, genauer: aus Burkina Faso, dem Land seiner Operndorfvision.

Schlingensiefs scheinbar unbekümmertes Zutrauen, sich immer neue Genres zu erschließen, war im Resultat erstaunlich frei von Dilettantismus und Selbstüberschätzung. Denn als einziger deutscher Regisseur hat Christoph Schlingensief für sich eine universelle Kunstsprache entwickelt, die er sowohl auf Theater wie Oper, Literatur, Film, Installation, Performance, aber auch auf die mediale Selbstdarstellung anwenden konnte. Seine Website (www.schlingensief.com) ist sicherlich die umfangreichste und professionellste Plattform eines Einzelkünstlers in Deutschland, seine Fernseh-Auftritte, die er mit Frechheit, Poesie und Herzlichkeit meisterte, waren äußerst begehrt – und trotzdem entging Schlingensief auch als öffentliche Person der medialen Schablonierung.

Die große Integrität, mit der er als einer der größten Popstars der deutschen Kultur aufmerksam, politisch, widersprüchlich und dabei so nett blieb, machte seinen Ruhm wirklich verdient und die vielen Ehrungen, die er zuletzt erfuhr, korrumpierten seine Anliegen in keiner Weise. Zynisch an dieser ganzen Geschichte war nur die Krankheit, die ihm am 21. August 2010 das Leben kostete. Aber auch die war Teil seines lebenslangen Ringens um Aufrichtigkeit mit den Mitteln der Kunst.

Till Briegleb

Christoph Schlingensief: Produktionen

  • Christoph Schlingensief "Via Intolleranza II"
    2010, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel
    Eine Produktion der Festspielhaus Afrika gGmbH in Koproduktion mit Kampnagel Hamburg, dem Kunstenfestivaldesarts Brüssel, der Bayerischen Staatsoper München und in Kooperation mit dem Burgtheater Wien und den Wiener Festwochen.
    Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Christoph Schlingensief "Sterben lernen! Herr Andersen stirbt in 60 Minuten"
    2009, Koproduktion des Schauspielhaus Zürich mit dem Theater am Neumarkt, Zürich
  • Christoph Schlingensief "Mea Culpa"
    Eine Ready-Made Opera

    2009, Burgtheater, Wien
  • Christoph Schlingensief "Der Zwischenstand der Dinge"
    2008, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Christoph Schlingensief "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir"
    Ein Fluxus-Oratorium

    2008, Ruhrtriennale, Gebläsehalle, Landschaftstpark Duisburg-Nord
  • "Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna"
    Dichtung nach den Prozessakten, Text und Musik von Walter Braunfels

    2008, Deutsche Oper, Berlin
  • Richard Wagner "Der fliegende Holländer"
    2007,Teatro de Amazonas, Manaus
  • Christoph Schlingensief “Area 7 – Matthäusexpedition”
    2006, Burgtheater, Wien
  • Christoph Schlingensief „African Twintowers – der Ring 9/11”
    2005, Namibia
  • Christoph Schlingensief „Der Animatograph – Odins Parsipark“
    2005, NVA-Flugplatz, Heuhardenberg
  • Christoph Schlingensief „Schlingensiefs Animatograph“
    2005, Arts Festival, Reykjavik
  • Christoph Schlingensief „Keine Chance Regensburg“
    2005, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • Christoph Schlingensief "Kunst und Gemüse. A. Hipler"
    2004, Volksbühne Berlin
  • Richard Wagner "Parsifal"
    2004, Festspiele Bayreuth
  • Christoph Schlingensief nach Elfriede Jelinek „Attabambi-Pornoland-Trilogie“
    2003/2004 Volksbühne Berlin / Burgtheater Wien / Schauspielhaus Zürich
  • Christoph Schlingensief „Church of Fear“
    2003, Kunstbiennale Venedig
  • Christoph Schlingensief nach William Shakespeare „Hamlet“
    2001, Schauspielhaus Zürich
  • Christoph Schlingensief „Bitte liebt Österreich“
    2000, Wiener Festwochen
  • Christoph Schlingensief „Berliner Republik“
    1999, Volksbühne Berlin
  • Christoph Schlingensief „Artisten in der Zirkuskuppel – Ratlos“
    1998, Volksbühne Berlin im Prater
  • Christoph Schlingensief „Passion Impossible – 7 Tage Notruf für Deutschland“
    1997, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Christoph Schlingensief „Mein Fett, mein Filz, mein Hase – 48 Stunden Überleben für Deutschland“
    1997, documenta Kassel
  • Christoph Schlingensief „Schlacht um Europa I-XLII – Ufokrise 97“
    1997, Volksbühne Berlin
  • Christoph Schlingensief „Rocky Dutschke ‘68“
    1996, Volksbühne Berlin
  • Christoph Schlingensief „Hurra, Jesus! Ein Hochkampf!“
    1995, steirischer herbst Graz
  • Christoph Schlingensief „Kühnen ‘94 – Bring mir den Kopf von Adolf Hitler“
    1994, Volksbühne Berlin
  • Christoph Schlingensief „100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen“
    1993, Volksbühne Berlin