Gob Squad

Gob Squad © Manuel Reinartz
Gob Squad © Manuel Reinartz
Gob Squad © Manuel Reinartz


Das deutsch-englische Performancekollektiv Gob Squad (zu Deutsch etwa: Schnauzencombo) wurde 1994 von Creative-Arts-StudentInnen der Nottingham Trent University und StudentInnen der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen, einer Kaderschmiede der deutschen Postdramatik (der auch Künstler wie René Pollesch, Rimini Protokoll oder Showcase Beat Le Mot entstammen) gegründet. 1997 auf der documenta X in Kassel machte die Gruppe mit „15 Minutes To Comply“ auf sich aufmerksam. 1999 holte die Kuratorin Aenne Quiñones sie ans Berliner Podewil und später in den Prater der Volksbühne. Hier entwickelten Gob Squad ihre charakteristischen Interaktionsformate mit Videoschaltungen. 2009 gewannen sie mit „Saving The World“ den Preis des Goethe-Instituts beim Festival „Impulse“, dem alle zwei Jahre stattfindenden wichtigsten Theatertreffen der Freien Szene.

Permanente Mitglieder von Gob Squad sind Johanna Freiburg, Sean Patten, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost and Simon Will. Aus einem Pool von etwa 25 Künstlern treten regelmäßig weitere Musiker, Videokünstler und SchauspielerInnen (u. a. Laura Tonke) zu den Performances hinzu. Da die Arbeiten in einem betont einfachen Englisch gehalten sind, kann die Gruppe weltweit touren. Erfolgsstücke wie „Super Night Shot“ (Prater, 2003) oder „Room Service“ (Kampnagel, 2003) bleiben über Jahre hinweg im Gastspiel-Repertoire.
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Gob Squad: Porträt

Gob Squad sind Meister des popkulturellen Experiments und ihr Testmaterial ist die moderne Großstadt. Mit Videokameras bewaffnet entert das deutsch-englische Performancekollektiv den öffentlichen Raum und erprobt Kino-, Fernseh- oder Computerspielfantasien. So begibt sich in „Super Night Shot“ (Prater, 2003) ein selbsternannter Superheld auf Mission ins urbane Nachtleben, um sich mithilfe von Passanten eine filmreife Geschichte herzustellen. Drei Begleiter sondieren für ihn das Terrain und halten nach Filmpartnern Ausschau, während sich der Held von vorübereilenden Leuten einen möglichst heroischen Auftrag zurufen lässt. Wenn alles glatt läuft, wird seine Mission im Happy End durch einen Kuss mit einem frisch gecasteten Nachtschwärmer gekrönt. Es ist eine einstündige Video-Stadterkundung im Look eines Ego-Shooters, die nach den Außenaufnahmen im Theatersaal live abgemischt über vier parallele Monitore gezeigt wird.

Eine eigentümliche Mischung aus Coolness und Lächerlichkeit prägt den Stil der Auftritte. Mit großer Pop-Geste werden Geringfügigkeiten aufgeladen. Das eigentliche Faible gilt den Antihelden, dem Dasein der Ratlosen und Einsamen. „Help Me Make It Through The Night“ lautet der Untertitel von “Room Service” (Kampnagel, 2003), einer Hotelperformance, in der vier isolierte Akteure per Video und Telefonschaltung mit Zuschauern in Kontakt treten und um Ideen für die Nacht bitten. Lasst mich durchhalten, oder auch: Lasst uns gemeinsam die Zeit totschlagen. Die Kunst von Gob Squad ist stets halb banal, halb pathetisch. In der Stadterkundung „Saving The World“ (Kampnagel, 2008) steckt dieser Doppelsinn bereits im Titel: Wer den Alltag auf Celluloid festhalten will, der tut dies als Weltretter. Nur das popkünstlerisch zum Schillern Gebrachte ist auffällig und bewahrenswert.

Gob Squads Werk ist Schelmenkunst. Es lebt davon, dass die Performer nie das rechte Maß finden. Ihre Absichten und Behauptungen sind immer zu groß (Weltrettung), die Realitäten immer zu schlicht. Ihre schönsten Momente findet sie entsprechend in verfremdeten Miniaturen: Wenn Punks nachts in einer Sparkasse unvermittelt eine Choreographie mittanzen, wenn Wartende still von der „Liebe auf den ersten Blick“ erzählen oder Drogenabhängige vom Helden lallend die Abschaffung von Drogen fordern, dann berührt diese Live-Art die Realität auf wunderbar skurrile Weise, dann triumphieren Gob Squad als Theaterguerilleros unter der Narrenkappe.

Ihre charakteristischen Interaktionsformate entwickelte die Gruppe nach 1999 zunächst am Berliner Podewil, danach am Prater der Volksbühne. In der bis dato einzigen Veranstaltungsreihe, in der der Dramatiker und Leiter des Praters René Pollesch Stücke von sich zur Inszenierung durch andere Künstler freigab, übernahmen Gob Squad „Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine“ (2004). In der Aufführung casteten sie live Passanten, statteten sie mit Kopfhörern aus und schickten sie anschließend quasi ferngesteuert in den Theaterraum. Zögerlich vollzogen die gecasteten Spieler die unhörbar vorgegebenen Handlungen und Sprechtexte. Live waren ihr Ringen um Verständnis und ihre von Belustigung und Berührung gezeichneten Reaktionen auf jene Texte, die zu den kompliziertesten in der Postdramatik zählen, mitzuerleben. Die Show wurde zum Höhepunkt der Prater-Serie.

Das Castingprinzip ist weiter vervollkommnet worden. In „Gob Squad’s Kitchen“ (2007) werden Zuschauer (wiederum per Kopfhörer gesteuert) eingeladen, alte Andy-Warhol-Filme nachzustellen und die Aura der Popära der 1960er Jahre zu revitalisieren. Kritik erfuhr die Gruppe jüngst für ihren ersten Auftritt im Großen Haus der Volksbühne mit „Revolution Now!“ (2010). Hier wird das im Theater oft unhinterfragt geltende Dogma von der notwendigen „Veränderung der Verhältnisse“ per Casting problematisiert. Das Publikum verbleibt so lange in Geiselhaft, bis sich vor den Türen des Theaters ein Passant als fahneschwenkender Barrikadenkämpfer rekrutieren lässt. Die Wartezeit wird durch Popzirkus überbrückt, man spielt mit E-Gitarren statt mit Maschinengewehren.

Naiv und hohl sei dieses Experiment, so war zu lesen. Als Bankrotterklärung des politischen Theaters galt es manchem Kritiker. Dabei fordert die Gruppe in der besagt närrischen Manier diese Reaktion bereits selbst im Stück heraus. „Wollen Sie mit uns Revolution machen?“, fragt eine Aktivistin großäugig auf dem Rosa-Luxemburg-Platz herum. Und ein Vorübereilender kontert lässig: „Es gibt gar keine revolutionäre Situation. Das ist völlig konfus, was sie vertellen.“ Das ist Schelmenkunst par excellence. Wo Künstler wie Gob Squad bereit sind, sich selbst lächerlich und klein zu machen, kann gewissermaßen auf ihrem Rücken eine solche Aussage mitsamt ihrer historischen Tragweite in den Kunstraum gelangen.

Christian Rakow

Gob Squad: Inszenierungen (Auswahl)

Western Society
2013, Theater Hebbel am Ufer, Berlin

Before Your Very Eyes
2011, Theater Hebbel am Ufer (HAU 2), Berlin

Revolution Now!
2010, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Live Long and Prosper
2009, Hebbel-am-Ufer, Berlin

Saving The World
2008, Kampnagel, Hamburg

Gob Squad’s Kitchen (You’ve never had it so good)
2007, Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Me The Monster
2006, Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

King Kong Club
2005, Hebbel-am-Ufer, Berlin

Prater-Saga 3: In diesem Kiez ist der Teufel eine Goldmine
2004, Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Super Night Shot
2003, Prater der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Room Service (Help Me Make It Through The Night)
2003, InterCity Hotel (Kampnagel), Hamburg

Where Do You Want To Go To Die
2000, EXPO 2000, Hannover

15 Minutes To Comply
1997, “Theaterskizzen”, documenta X, Kassel

Work
1995, NOW Festival, Nottingham/England

House
1994, Expo 94, Nottingham/England