Heiner Goebbels

Heiner Goebbels © Wonge Bergmann
Heiner Goebbels © Wonge Bergmann
Heiner Goebbels © Wonge Bergmann

Heiner Goebbels wurde 1952 in Neustadt/Weinstraße geboren und lebt seit 1972 in Frankfurt/Main. Nach seinem Studium der Soziologie und Musikwissenschaft war er 1976 Mitbegründer des Sogenannten Linksradikalen Blasorchester, das bis 1981 existierte, und des Duos Heiner Goebbels/Alfred Harth sowie des Art Rock Trios Cassiber (1982–92). Zur selben Zeit schrieb er Theatermusiken für Inszenierungen von Hans Neuenfels, Claus Peymann, Matthias Langhoff, Ruth Berghaus und andere zu schreiben. Mitte der 1980er-Jahre begann Heiner Goebbels eigene Hörspiele vor allem zu Texten von Heiner Müller zu schreiben und zu inszenieren.

Nach ersten szenischen Konzerten wie etwa Der Mann im Fahrstuhl (1987) oder Die Befreiung des Prometheus (1991) wandte er sich verstärkt eigenen Theaterinszenierungen zu. Seither sind fast alle seine Theaterarbeiten bei den größten und wichtigsten Theater- und Musikfestivals auf der ganzen Welt gezeigt worden. Viele seiner Kompositionen sind auch auf CD erhältlich. Neben seinen Bühnenstücken, die er in der Regel am Théâtre de Vidy in Lausanne, Schweiz, erarbeitet, schreibt er weiterhin Musik unter anderem für das Ensemble Modern. 2003 wurde sein Orchesterwerk Aus einem Tagebuch (From A Diary), ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle, uraufgeführt. Seit April 1999 ist Heiner Goebbels Professor am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. 2006 wurde er zum Präsidenten der Hessischen Theaterakademie HTA gewählt. Für die Spielzeiten 2012–2014 übernimmt Heiner Goebbels die Intendanz der Ruhrtriennale

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Heiner Goebbels: Porträt

Eines sollte man über Heiner Goebbels Inszenierungen nicht sagen, nämlich dass sie Gesamtkunstwerke sind. Liegt bei seinen Kompositionen aus Klang, Musik, Licht, Raum, Bewegung, Objekten, Text und Stimme der Gedanke an Wagners einst revolutionäre Idee von der Verschmelzung der Künste zwar nahe, zielt Goebbels Arbeit jedoch nie auf eine wie auch immer geartete Totalität des Sinns ab. Nicht verbinden sollen sich die Künste, sondern im gleichen Raum ko-existieren, mit einander auftreten, sich widersprechen und aneinander reiben, statt immer nur das Gleiche auf andere Weise zu sagen. Der in Frankfurt lebende Musiker und Komponist hat seit Ende der 1980er Jahren mit dieser Herangehensweise ans Theater den Horizont für ein zeitgenössisches Musiktheater fast im Alleingang abgesteckt. Je nach Fokus des Stücks verwendet er für seine Arbeiten verschiedene Bezeichnungen. Ob „Musiktheater“, „szenisches Konzert“ oder „performative Installation“ – immer trennt er die Mittel und gibt ihnen einen eigenen Raum auf der Bühne, wo sie wahrgenommen, gehört und gesehen werden können. Musik wird so nicht nur in einer Konzertsituation vor Publikum aufgeführt. Sie wird regelrecht inszeniert.

Komponieren ist für Heiner Goebbels damit immer auch ein szenischer und ein theatraler Vorgang. Sei es, dass er mit dem Sampler vorgefundene und damit immer schon gesellschaftlich geprägte und verwendete Klänge, Töne und Geräusche bearbeitet, sei es, dass er sein Klangmaterial konkret durch Bühnenvorgänge produziert und als wesentlichen Bestandteil seiner Inszenierungen auffasst – stets laden seine gestischen Kompositionen die Zuschauer dazu ein, eigenen Entdeckungen zu machen. Der reine Ton der neuen Musik jedenfalls ist Goebbels’ Sache nicht. Auf diese Weise entstehen aus der Reibung und der Widersprüchlichkeit des Materials Wirkungen und Assoziationsräume für den Zuschauer und Zuhörer.

In seinem Musiktheaterstück Hashirigaki aus dem Jahr 2000 etwa erweitert er die schwebende Musik der Beach Boys, indem er deren Instrumentierung aufgreift und sie von einer Musikern auf der Bühne bearbeiten lässt. Zu Texten von Gertrude Stein, Avantgardistin der ersten Stunde, verwandelt er die Bühne in eine leuchtende Welt mit eigenen Gesetzen. Stifters Dinge (2007), eine performativen Installation, kommt gar ganz  ohne Sänger und Darsteller aus. Wie von Geisterhand gelenkt, führen die Bühnenelemente darin ein faszinierendes Eigenleben. Ein Stein wird während der gesamten Aufführung langsam über eine Steinplatte gezogen, Nebel steigt auf und fünf ineinander verschachtelte Klaviere bewegen sich plötzlich auf die Zuschauer zu. Adalbert Stifters detailgenaue Naturschilderungen bilden den Hintergrund für Goebbels Expedition an die Grenze zwischen Natur und Kultur, an der sich für die Zuschauer ein Wahrnehmungsraum für das Fremde, noch nicht Gesehene und Gehörte eröffnet. Zusammen mit den vier Sängern des Hilliard Ensembles entstand 2008 I went to the House but did not enter, drei Bilder zu Texten von T.S. Eliot, Maurice Blanchot und Samuel Beckett mit einem Zwischenspiel von Franz Kafka. – Abschiedstexte allesamt, die das Alltägliche in ein besonderes Licht rücken.

Sprache ist für Heiner Goebbles jedoch nie in erster Linie Überbringerin einer Botschaft. Vielmehr als der Sinn des Gesagten interessiert ihn die Art und Weise des Sprechens, der Rhythmus, die Phrasierung und der Klang der Stimme, mit denen gesprochen wird. So gewinnt ein Schauspieler wie André Wilms, den mit Heiner Goebbels eine lange Zusammenarbeit verbindet, Freiheiten, sich in den Texten zu bewegen, ohne sie psychologisch unterfüttern und einengen zu müssen. In den exakt ausgetüftelten Stückn von Heiner Goebbels ist die Musikalität der Sprache eine weitere Schicht für Wahrnehmungs- und Sinnpotentiale, deren Realisierung ganz in die Hand der Zuschauer gelegt wird. Oft entstehen Ideen oder Vorgänge, die später in die Stücke Eingang finden im Arbeitsprozess, der geprägt ist vom spielerischen Umgang mit dem Material. Wie in Max Black, dem Erfolgsstück aus dem Jahr 1998, in dem André Wilms einen experimentierfreudigen Wissenschaftler spielt, sind Goebbels Stücke immer auch ein Versuchslabor, in dem über die Möglichkeiten von Theater nachgedacht und in dem sie schließlich im Zusammenspiel mit dem Publikum erprobt werden.

Gerald Siegmund

Heiner Goebbels: Produktionen (Auswahl)

Stifters Dinge
Neue Version
2013, Ruhrtriennale

When the Mountain changed its clothing
2012, Ruhrtriennale, Koproduktion mit dem Steirischen Herbst Graz, Maribor Theatre Festival , Festival d'Automne Paris, Grand Theatre Luxembourg und den Kunstfestspielen Herrenhausen

Industry and Idleness, Staged Concert for Ensemble  
2010, Collegium Novum, Zürich

I went to the house but did not enter, staged concert with the Hilliard Ensemble
2008, Theatre Vidy, Lausanne(Switzerland)
Koproduktion mt dem Schauspiel Frankfurt, Grand Theatre Luxembourg, Fondazione Teatro Comunale & Auditorium Bolzano, Edinburgh International Festival

Genko-An 12353
2008,  Installation Berlin Gropiusstadt

Stifters Dinge eine performative Installation
2007, Koproduktion Theatre Vidy Lausanne und T&M-Nanterre Paris, Schauspielfrankfurt, Berliner Festspiele - Spielzeit Europa, Grand Theatre Luxembourg, Teatro Stabile Turino

Eraritjaritjaka Museum der Sätze
2004, Koproduktion des Theatre Vidy Lausanne und Schauspiel Frankfurt, Berliner Festspiele, T&M-Odeon Theatre Paris

Landschaft mit entfernten Verwandten Opera for Ensemble, Choir and Soloists
2002, Ensemble Modern, Genf

Ou bien le débarquement désastreux / Oder die glücklose Landung / Or the hapless landing
1993, Théatre des Amandiers Paris-Nanterre, Theater am Turm Frankfurt, Hebbel-Theater Berlin

Der Mann im Fahrstuhl
1987, Mousonturm, Frankfurt