Milo Rau, International Institute of Political Murder

"Milo Rau" Foto: International Institute of Political Murder


Milo Rau wurde 1977 in Bern/Schweiz geboren. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Romanistik und Soziologie in Zürich, Berlin und an der Pariser Sorbonne. Parallel war er als Journalist für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften tätig, seit 2001 vor allem für die Neue Zürcher Zeitung.

Nach dem Studium, das Milo Rau 2002 mit einer Arbeit über Heinrich von Kleists „Penthesilea“ abschloss, arbeitete er zunächst als Autor und Regisseur an diversen freien wie Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum, unter anderem am Staatsschauspiel Dresden, dem Maxim Gorki Theater Berlin oder dem Theaterhaus Gessnerallee Zürich. Viele Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit Raus Regie-Kollegin Simone Eisenring.

Der Durchbruch gelang Milo Rau ab 2009 mit der Etablierung des Reenactments als politisches Theaterformat: Die 2009 entstandene Inszenierung „Die letzten Tage der Ceauşescus“ wurden zum Festival d`Avignon eingeladen. „Hate Radio“ – das Reenactment einer Sendestunde des ruandischen Völkermordradios RTLM – gastierte 2012 sowohl beim Münchner Nachwuchsregie-Festival „Radikal jung“ als auch beim Berliner Theatertreffen.

Bis heute ist Milo Rau über seine künstlerische Arbeit hinaus als Publizist, Wissenschaftler und Dozent tätig. 2007 gründete er das „International Institute of Political Murder (IIPM)“, das sich dem fruchtbaren Austausch zwischen wissenschaftlicher Theorie und künstlerischer Praxis verschrieben hat. 

    Milo Rau: Porträt

    Mit der Aufführung „Die letzten Tage der  Ceauşescus“ wurde das deutschsprachige Theater 2009 um ein politisches Format reicher. Der Regisseur Milo Rau hatte in Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Simone Eisenring das „Reenactment“ - die künstlerische Rekonstruktion realer historischer Ereignisse, die etwa in der bildenden Kunst längst en vogue war – wirkungsvoll auf den Bühnenbereich übertragen. Nach einer Originalvideoaufnahme stellte Rau den Strafprozess gegen das rumänische Diktatorenehepaar Nicolae und Elena Ceauşescu am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1989 nach. Die Reaktionen waren kontrovers: Während einige Kritiker dem Künstler ein immenses Innovationspotenzial bescheinigten, zeigten sich andere von dem gerade in der freien Theaterszene ungewöhnlichen ästhetischen Realismus irritiert. Manche/r fragte sich sogar grundsätzlich nach dem Mehrwert einer Aufführung, die vermeintlich nichts anderes tut, als einen filmisch dokumentierten Prozess so originalgetreu wie möglich zu reproduzieren.

    Dieser Einwand beruht allerdings auf einem Missverständnis. Denn abgesehen davon, dass man beispielsweise auf dem Dokumentationsvideo des Ceauşescu-Prozesses lediglich einen kleinen Ausschnitt des Raumes sieht und Milo Rau daher viele Details über aufwändige Recherchen selbst rekonstruieren musste, ist er sich sicher: „In dem Moment, in dem man das auf die Bühne bringt und es also zu einem künstlerischen Ereignis wird, das wieder beobachtbar ist, merkt man seltsamerweise, dass es keinerlei Verarbeitung dessen gegeben hat.“ Und genau darin, „an diesen traumatischen Kern heranzukommen“, besteht eine der wesentlichen Antriebskräfte für seine Arbeit.

    Dreh- und Angelpunkt der Kunst ist dabei nicht Tatsächlichkeit, sondern Wahrheit, beruft sich Milo Rau gern auf den russischen Regisseur Sergej Eisenstein. Und präzisiert: „Es geht nicht um Wahrheit im technischen, sondern um Wahrheit, um Wieder-Holung, im Kierkegaardschen Sinn; um die Wiederherstellung einer Situation, einer Ergriffenheit, nicht eines korrekten Bedeutungszusammenhangs.“ Dass der Regisseur von Haus aus Geistes- und Sozialwissenschaftler ist und eine Dissertation über die „Ästhetik des Reenactments“ verfasst hat, lässt sich nicht überhören. Bis heute bildet die wechselseitige Befruchtung von Theorie und Praxis Raus wichtigste Arbeitsgrundlage: Statt einer freien Theatergruppe gründete der Regisseur im Jahr 2007 mit dem „International Institute of Political Murder (IIPM)“ eine wissenschaftlich fundierte Institution, die den Austausch zwischen Theater, bildender Kunst, Film und Forschung auf dem Gebiet des Reenactments sowohl intensivieren als auch theoretisch reflektieren soll.

    Was Theoreme à la Eisenstein oder Kierkegaard konkret für die ästhetische Praxis bedeuten, lässt sich ideal an Raus Inszenierung „Hate Radio“ aus dem Jahr 2011 vergegenwärtigen. Mit Schauspielern aus Ruanda rekonstruiert der Regisseur hier – gerahmt von Berichten aus der Opfer-Perspektive - eine Programmstunde des ruandischen Radiosenders RTLM, der als eines der zynischsten Propagandainstrumente in die Geschichte des ruandischen Völkermords von 1994 einging: Vier Moderatoren – verkörpert von Darstellern, deren Familien selbst dem Genozid zum Opfer fielen - rufen ihre Hörer zwischen Popsongs, saloppen Witzen und kruden Pseudo-Rassentheorien zum bestialischen Morden auf. Allerdings rekonstruiert „Hate Radio“ keine  Sendestunde, die tatsächlich bis ins letzte Detail so stattgefunden hat, sondern verdichtet vielmehr Originalmaterial von RTLM, Texte aus extremistischen Zeitschriften und Zeugenaussagen zu einem komplexen Abend, der im Dienste produktiver Zuschauer-Irritation bewusst widersprüchliche Zeichen ausstellt. Viele Äußerungen, die die zum Völkermord anstachelnden Moderator/innen zwischendurch tätigen, sind etwa klassischerweise links konnotiert. Eine Sprecherin trägt ein T-Shirt mit dem Konterfei Nelson Mandelas unter ihrer Trainingsjacke.

    Im Gegensatz zu anderen Formen politischen Theaters, die Prozesse analysieren und einzuordnen versuchen, verzichtet Milo Rau bewusst auf jedwedes erklärende Moment: Im Reenactment wird ausschließlich gezeigt – wenn auch nach einem klug durchdachten Konzept. „Die Wirkung eines analytischen Ansatzes ist immer eine bereits vertraute“, grenzt sich Rau von den deutungsfokussierten Ansätzen ab. Dagegen liege die Kraft des Reenactments darin, „etwas Distanziertes auf eine sehr komplexe Weise erfahrbar zu machen, die sich aber ganz naiv gibt und unmittelbar zeigt, dass man total in das Geschehen verwickelt, dass das Vergangene nicht vergangen ist“: Für Milo Rau ein „kathartisches Erlebnis“. Voraus gehen seiner Arbeit stets sehr aufwändige Recherchen: Ganze zwei Jahre hat er „Hate Radio“ vorbereitet und allein in Ruanda an die fünfzig Gespräche mit Zeitzeugen geführt – am liebsten jeweils über fünf bis sechs Stunden. „Ich muss in allem, was ich verwende, quasi die Authentizitätsspur erkennen“, erklärt Rau. „Anders komme ich gar nicht an die Temperatur eines Ereignisses heran.“

    Obwohl der Regisseur mit dem theatralen Reenactment ein veritables Erfolgsformat geschaffen hat – „Die letzten Tage der Ceauşescus“ wurden zum Festival d'Avignon eingeladen, und „Hate Radio“ gastierte 2012 sowohl beim Münchner Nachwuchsregie-Festival „Radikal jung“ als auch beim renommierten Berliner Theatertreffen – erschöpft sich Rau nicht in ästhetischer Reproduktion, sondern sucht für jedes Sujet erneut nach der adäquaten Form. Sein Abend „Breiviks Erklärung“ am Berliner Theaterdiscounter – eine Verlesung der für die Öffentlichkeit gesperrten Verteidigungsrede, die der norwegische Rechtsterrorist und Massenmörder Anders Breivik im April 2012 vor dem Osloer Gericht hielt - hat sich konzeptionell so weit wie möglich von jedweder Breivik-Verkörperungsidee, mithin vom klassischen Reenactment, entfernt. Rau lässt die Rede von der deutsch-türkischen Schauspielerin Sascha Ö. Soydan lesen: langsam, sachlich, Kaugummi kauend. Dank dieser Distanzierungsmaßnahmen findet nicht nur eine Entdämonisierung, sondern geradezu eine Enttheatralisierung Breiviks statt: Rau und Soydan tragen die vertrauten Medienbilder gleichsam Schicht für Schicht ab und legen die Architektur eines rassistischen Gedankengebäudes offen, das eine erschreckende Anschlussfähigkeit an mehr oder weniger etablierte rechtsnationale Diskurse aufweist.

    Sicher gehört Milo Rau zu den derzeit öffentlichkeitswirksamsten und im besten Sinne polarisierendsten Vertretern eines politischen Theaters, der es mit brisanten Themen und Konzepten tatsächlich schafft, Zuschauer wie Institutionen produktiv herauszufordern. „Breiviks Erklärung“ etwa hatte im Vorfeld für einen Theaterskandal gesorgt: Das Deutsche Nationaltheater Weimar, das vor der Berliner Premiere eine Voraufführung der Inszenierung zeigen wollte, distanzierte sich kurzfristig von dem Projekt, so dass Rau auf ein privates Kino als Veranstaltungsort ausweichen musste. Die bis dato heftigsten Reaktionen auf seine Arbeit erntete der 1977 in Bern geborene Regisseur allerdings in der heimischen Schweiz: Als er ein Theaterprojekt über den 1999 in St. Gallen verübten Mord eines Kosovo-Albaners am Lehrer seiner Tochter plante, der für die Schweizer Ausländerpolitik eine immense Bedeutung bekommen sollte, erhielten er, seine Familie und das Theater im Laufe weniger Tage über hundert Morddrohungen – auch infolge haltloser Falschbehauptungen in der Presse. Raus Eltern mussten den Wohnort wechseln. Die Produktion wurde abgesagt und konnte erst ein Jahr später in veränderter Form gezeigt werden.

    Christine Wahl

    Milo Rau: Produktionen

    Inszenierungsliste Milo Rau (Auswahl)


    The Civil Wars
    2014 Zürcher Theater Spektakel

    You will not like what comes after America
    # 1: Breiviks Erklärung
    2012 Theaterdiscounter Berlin

    Hate Radio
    2011 Kunsthaus Bregenz / Memorial Centre Kigali / Theater Hebbel am Ufer, Berlin

    City of Change
    2010 Theater St. Gallen

    Die letzten Tage der Ceausescus
    2009 Teatrul Odeon Bukarest / Theater Hebbel am Ufer, Berlin

    „Montana“
    2007 Theaterhaus Gessnerallee Zürich / Ballhaus Ost, Berlin

    „Out of focus“
    2006 Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin