

Theater T1 wurde 1994 von Thorsten Lensing (geb. 1969) gegründet, der gleich mit seiner ersten Inszenierung, „Krieg“ von Rainald Goetz, überregionale Aufmerksamkeit gewinnen konnte. Seit Mitte der neunziger Jahre kontinuierliche Zusammenarbeit mit Jan Hein (geb. 1967), der nach dem Germanistik-Studium als Regieassistent bei Peter Palitzsch und Dimiter Gotscheff begann. Hein ist seit 2007 als Dramaturg am Schauspiel Köln beschäftigt, 2002 bis 2005 arbeitete er in gleicher Funktion am Schauspielhaus Hamburg und 1999 bis 2002 am Theater Bielefeld, wo er sich jeweils für die Arbeit mit Lensing freistellen ließ.
Das Gerüst ihrer Inszenierungen sind Texte mit analytisch-genauen und detailreichen Alltags- und Lebensbeschreibungen, die sie bei den amerikanischen Literaten T.S. Eliot („Sweeney Agonistes“, 2000) oder William Carlos Williams („Der Lauf zum Meer“, 2009) finden, aber auch in Dramen von Bernard-Marie Koltès („Quai West“, 1998), William Shakespeare („König Lear“, 2002) oder Anton Tschechow. Nach „Onkel Wanja“ aus dem Jahr 2008 wird im Dezember 2011 „Der Kirschgarten“ Premiere haben.
Lensing/Hein gewinnen immer wieder namhafte Schauspieler und ganz unterschiedliche Kooperationspartner für ihre Inszenierungen, die dreimal zum Impulse-Festival eingeladen waren: „Der König stirbt / Die letzten Tage der Menschheit“ 1996, „Sweeney Agonistes“ 2000 und „Catharina von Siena“ im Jahr 2001.
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Thorsten Lensing, Jan Hein (Theater T1): Porträt
Nur wenige Regisseure, die mit ihren Inszenierungen in der freien Szene von Anfang an erfolgreich waren, arbeiten so konsequent abseits des Stadttheaterbetriebs wie Thorsten Lensing. An Angeboten hat es nie gemangelt. Lensing hatte 1994 Rainald Goetz überzeugen können, ihm die Rechte an der Trilogie „Krieg“ zu überlassen. Die erste Inszenierung brachte ihn über Nacht mit Theaterintendanten ins Gespräch. Doch Verhandlungen scheitern bis heute daran, dass Lensing, im herkömmlichen Sinne ein Autodidakt, der nie an eine Regieausbildung absolviert hat, nicht anders kann und mag als nach einem Prinzip zu arbeiten, das sich mit der Logik des Apparats beißt.
Lensing und Dramaturg Jan Hein inszenieren in einem Tempo, das unserer Zeit fremd ist. Alle anderthalb bis zwei Jahre kommt eine Premiere heraus, die dann nicht „fertig“ ist, sondern weiter wachsen und sich entwickeln soll. In der ersten Probenphase durchdringt das Duo den Text und sammelt genaues Wissen jenseits der gängigen Interpretationen. Im nächsten Schritt wird den Schauspielern diese Genauigkeit vermittelt, damit sie in den Vorstellungen eigenständig mit dem Text operieren. Eine Mischung aus Texttreue und Improvisationstheater, bei der Lensing den Schauspielern freie Wahl der Mittel überlässt, solange der Inhalt des Texts nicht verfälscht wird. Beispielhaft dafür ist T.S. Eliots „Sweeney Agonistes“ aus dem Jahr 2000. Mit beiläufiger Heiterkeit bewegte sich die Inszenierung auf die beklemmende Präsenz des Todes zu. Zwei Huren saßen an einem Tisch, tranken Milch, spielten Karten, zwei Freier kamen vorbei, man unterhält sich, mehr nicht. In Lensings Inszenierungen geschieht auf den ersten Blick nie sehr viel. Aber stets kippen Stimmungen. In der Inszenierung von Robert Walsers „Schneewittchen“ im Jahr 2000 säte sich zwischen den vier Protagonisten - Königin, Prinz, Jäger und Schneewittchen – zunehmend Zweifel, verschoben sich die Beziehungen untereinander, bis das Happy End völlig ungewiss war. Die Auseinandersetzung mit dem Märchenstoff fand hier eine wunderbar konzentrierte Form.
Lensings Spielflächen sind leer, ausgestattet nur mit unterschiedlichen Klein-Requisiten. Schwere Bühnenbilder würden nicht nur den Gastspielreisebetrieb zu der gewachsenen Zahl koproduzierender Spielstätten erschweren (mit den sophiensaelen Berlin und dem Theater im Pumpenhaus Münster als Stammhäusern), sondern wären auch für das Spiel unnötig. Denn die Schauspieler stehen im Zentrum. Lensing und Hein starten ihre Projekte nicht, bevor nicht die ideale Besetzung gefunden ist. Mit der fast schon unheimlichen Überzeugungskraft, mit der beide ihre Ideen nach außen erklären, haben sie schon so manch prominenten Schauspieler gewonnen: Miriam Goldschmidt, Nicole Léon, Matthias Habich, Clemens Schick, Charly Hübner. Ursina Lardi war mehrmals besetzt. Im „Onkel Wanja“ aus dem Jahr 2008 spielten Josef Ostendorf den Wanja und Devid Striesow den Arzt Astrow. Rotwein schwappte, Strumpfhosen rissen, Stühle, Gläser, Medikamentenpackungen flogen durch die Luft, mit dem Gartenschlauch nüchterte Sonja (Ursula Renneke) den volltrunkenen Astrow aus. Ein harter, antipsychologischer „Onkel Wanja“, in dem von der ersten Minute an mit vollem Körpereinsatz gespielt wurde. Dieses Gegenkonzept zur kanonischen Tschechow-Melancholie fand viel Anklang Die Inszenierung litt aber auch darunter, dass sich Verzweiflung über dreieinhalb Stunden nicht auf immer neue Gipfel treiben lässt, selbst wenn die Schauspieler furiose Auftritte hinlegen.
Die starke Konzentration auf die Energie der Schauspieler und die Hervorhebung von Details findet nicht nur Beifall, und mehr noch als ohnehin am Theater fallen die Aufführungen je nach Tagesform anders aus. In schwachen Momenten geraten die Spieler in Gefahr, aneinander vorbei zu agieren. An starken Abenden, wie man es zum Beispiel 2009 mit „Der Lauf zum Meer“ erleben konnte, entfesselt sich die Dynamik des Spiel. Katharina Schüttler und Viviane de Muynck übernahmen die Rollen einer jungen Frau, die ihre Zukunft vor sich hat, und einer älteren Frau, die auf ihr Leben zurückschaut. Lensing führte sie mit drei Improvisationsjazzmusikern zusammen. Heraus kamen intensive 75 Minuten, in denen die Musik Pointen setzte und kommentierte, was ungesagt blieb, und die Schauspieler mit Hilfe eines Textgerüsts die Stimmungen der Musik konkretisierten. Die Arbeit an einer musikalischen Struktur, die sie zuvor in Ansätzen ausprobiert hatten, hat für Lensing und Hein damit ihren Extrempunkt erreicht und wird nicht im „Kirschgarten“ weiterverfolgt, dessen Premiere für Dezember 2011 geplant ist. Bis dahin gilt für Lensing und Hein wie immer: maximal genau den Text lesen und den Schauspielern den Inhalt vermitteln, damit sie ihn auf der Bühne in spielerische Extreme verwandeln.
Thorsten Lensing, Jan Hein (Theater T1): Produktionen (Auswahl)
Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
2011, sophiensaele, Berlin, Kampnagel, Hamburg
2012, Theater im Pumpenhaus Münster, Grand Théâtre Luxembourg, TAK Theater Liechtenstein, Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
Brigitte Kronauer„Die Kleider der Frauen"
2011, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, sophiensaele Berlin, FFT Düsseldorf, TAK Theater Liechtenstein
William Carlos Williams „Der Lauf zum Meer“
2009, spielzeit’europa Berlin, Theater im Pumpenhaus Münster, FFT Düsseldorf, Theater Chur
Anton Tschechow „Onkel Wanja“
2008, Theater im Pumpenhaus Münster, sophiensaele Berlin, Theater am Neumarkt Zürich/Zürcher Festspiele, Kampnagel Hamburg, Schauspiel Frankfurt
Robert Walser „Schneewittchen“
2005, sophiensaele Berlin, Theater am Neumarkt Zürich, Theater im Pumpenhaus, Münster
Johann Nestroy „Häuptling Abendwind oder Das gräuliche Festmahl“
2003, sophiensaele Berlin, Theater im Pumpenhaus Münster
William Shakespeare „König Lear“
2002, sophiensaele Berlin, Theater im Pumpenhaus Münster
Jakob Michael Reinhold Lenz „Catharina von Siena“
2001, Theater im Pumpenhaus Münster, sophiensaele Berlin
T.S. Eliot „Sweeney Agonistes“
2000, Theater im Pumpenhaus Münster, sophiensaele Berlin
Bernard-Marie Koltès „Quai West“
1998, Düsseldorfer Schauspielhaus, sophiensaele, Berlin
Eugene Ionesco / Karl Kraus „Der König stirbt / Die letzten Tage der Menschheit“
1996, Fabrikhalle Eupener Straße Köln, Theater im Pumpenhaus Münster
Volker Braun „Transit Europa“
1995, Staatstheater Mainz
Rainald Goetz „Krieg“
1994, Fabrikhalle Eupener Straße Köln









