Stefan Bachmann


© Sebastian Hoppe
Geboren am 1.7.1966 in Zürich. Studierte von 1986 bis 1988 Germanistik und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Zürich, danach hospitierte er am Schauspielhaus Zürich und an der Berliner Schaubühne bei Luc Bondy. Im Anschluss setzte er sein Studium fort und belegte an der Berliner FU Germanistik, Theater- und Religionswissenschaften. Während des Studiums Theaterarbeit mit Kommilitonen.

1992 gründete er zusammen mit Ricarda Beilharz, Thomas Jonigk, Tom Till und Lars-Ole Walburg das Berliner „Theater Affekt“. Überregional bekannt wird das Theater mit Inszenierungen von Heinrich von Kleists „Penthesilea“ und Goethes Singspiel „Lila“, für das die Off-Gruppe 1995 den Friedrich-Luft-Preis erhält. Seit 1993 Regiearbeiten am Schauspiel Bonn, der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, dem Züricher Theater am Neumarkt und am Hamburger Schauspielhaus.

Zu Beginn der Spielzeit 1998/1999 wechselte Stefan Bachmann als Schauspieldirektor an das Theater Basel. Ihm gelang ein so fulminanter Start, dass das Haus 1999 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum Theater des Jahres gewählt wurde. Seit 2001 betätigt er sich auch als Opernregisseur. Seinen Vertrag in Basel, der am Ende der Spielzeit 2002/2003 auslief, verlängerte er nicht.

Seit 2005 arbeitet Stefan Bachmann wieder als freier Regisseur und inszeniert am Wiener Burgtheater, Düsseldorfer Schauspielhaus, Berliner Maxim Gorki und Hamburger Thalia Theater. 2008 erhält er für seine Inszenierung von Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ am Wiener Burgtheater den Österreichischen Nestroy-Theaterpreis
Seit September 2013 ist Stefan Bachmann in der Nachfolge von Karin Beier Intendant am Schauspiel Köln.

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Porträt: Stefan Bachmann

Seine Schauspieldirektion am Theater Basel eröffnete Stefan Bachmann 1998 mit Shakespeares „Troilus und Cressida“ und legte eine Inszenierung vor, die deutlich zeigte, in welche Richtung er als Regisseur zielt. Zum einen entfaltete er das gesamte Stück und zeigte ein Panorama menschlicher Abgründe und Bestialitäten vor den Toren Trojas. Er hatte aber auch keine Scheu, mit Stilmitteln des Poptheaters einzelne Befunde zu akzentuieren. Dazu gehörten unvermittelt eingearbeitete Songs und kurze Improvisationen, mit denen er aktuelle Bezüge herstellte.

Es fällt auf, dass Bachmann in seiner Arbeit immer wieder auf Texte zurückgreift, die weit auseinander liegen und denen der Theaterbetrieb ansonsten wenig Aufmerksamkeit schenkt. Genannt seien Pierre Corneilles „Triumph der Illusionen“ und Frank Wedekinds „Franziska“. Wonach er sucht und was ihn am meisten interessiert, hat Stefan Bachmann einmal so umschrieben: „In meiner Erzählweise auf der Bühne geht es mir nicht um Eindeutigkeit. Einerseits halte ich es schwer aus, dass es so schwer ist, eindeutig zu sein. Andererseits interessiert mich natürlich nur das Komplexe und Komplizierte, da es unserer heutigen Wahrnehmung von Welt entspricht.“

Diese Grundhaltung, die von einer Ambivalenz und Komplexität heutiger Lebenswelten ausgeht, war ausschlaggebend für seine vierjährige Basler Schauspiel-Direktion. In den Spielplänen fanden sich immer wieder scheinbar weit auseinander liegende Positionen wie Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ und Tankred Dorsts „Merlin“. Dabei sondierte Bachmann vor allem in drei Richtungen. Zum einen begab er sich auf Spurensuche in die Sechzigerjahre und vergewisserte sich der Geschichte des Pop. Höhepunkt dieser Spurensuche war seine Uraufführung von Rainald Goetz' „Jeff Koons“ 1999 am Hamburger Schauspielhaus. Bachmanns Blick auf den Künstler, der sich zur Pop-Ikone stilisiert, wurde hoch gelobt. In „Theater heute“ hieß es, die Inszenierung unterlaufe „wirkungsvoll die Geschäftsbedingungen eines Kunstbetriebs, der sich vor allem selbst ernst nimmt“.

Stefan Bachmann wandte sich allerdings auch den großen Mythen zu und suchte in Dorsts „Merlin“ mit Parzival nach dem Urbild der education sentimentale. Drittes Standbein des Regisseurs Bachmann sind Werke der Klassik, die er – wie im Falle von Goethes „Wahlverwandschaften“ – in eigenwilliger Dramatisierung auf die Bühne bringt. In der Inszenierung, die er 1995 am Züricher Theater Neumarkt fertigstellte und in Basel wieder aufnahm, erkundete er Menschenseelen, die sich anziehen und abstoßen. Überzeugend war vor allem die Auswahl klug ausgeleuchteter Dialogpartien, in die Bachmann comic-stripartige Passagen und ironische Brechungen streute.

Den Grundstein für seine spätere Arbeit als Basler Schauspielchef legte Stefan Bachmann Anfang der Neunziger Jahre mit einer Produktionsgemeinschaft aus Regisseuren, Dramaturgen und Bühnenbildnern. Zum „Theater Affekt“ gehörten der Autor Thomas Jonigk, von dem Bachmann 1994 das Stück „Du sollst mir Enkel schenken“ und 2000 „Täter“ zur Ur- bzw. Erstaufführung brachte. Andere enge Mitstreiter aus der „Affekt“-Zeit wie die Bühnenbildnerin Ricarda Beilharz gingen mit ihm nach Basel. Lars-Ole Walburg, der lange Zeit Dramaturg an seiner Seite war, übernahm, wie auch früher schon, zunehmend Regiearbeiten und wurde Nachfolger Bachmanns als Basler Schauspieldirektor.

Seinen vorerst letzten großen Regieerfolg hatte Stefan Bachmann Anfang 2003 mit Paul Claudels Monumentalstück „Der seidene Schuh“. Die Reise um die Welt ist eine Mischung aus barockem Welttheater und expressionistischem Konversationsdrama. Bachmann ging dem Text acht Stunden lang bis in letzte Verästelungen nach und inszenierte das Stück in einer eigens ins Foyer des Baslers Theaters gebauten Bühne. Am Ende der Saison 2002/2003 verabschiedete sich Stefan Bachmann, der inzwischen auch Opern inszeniert, vorerst von der Bühne und ging mit seiner Familie auf Weltreise.

Seinen Wieder-Einstand als freier Regisseur gab er dann 2005 am Deutschen Theater Berlin mit Kleists „Amphitryon“, das auch als Gastspiel bei den Salzburger Festspielen zu sehen war. Als Ferdinand Raimunds Posse „Der Verschwender“ am Wiener Burgtheater folgte, war klar, dass Bachmann auch nach dem Sabbatjahr seinem Prinzip der Erkundung von Ambivalenz und Komplexität in stofflich weit auseinander liegenden Stücken treu bleiben würde. 


Dies bestätigte sich gleich am Anfang der Spielzeit 2006/2007, als er frühere inhaltliche Stränge aufgriff: Zu Amélie Niermeyers Neustart am Düsseldorfer Schauspielhaus besorgte Stefan Bachmann die Zweitinszenierung von Thomas Jonigks neuem Stück „Hörst du mein heimliches Rufen“, bevor er am Hamburger Thalia Theater die deutsche Erstaufführung von Jonigks „Liebe Kannibalen Godard“ nach Godards „Week-End“ inszenierte und innerhalb kurzer Zeit zwei mal auf seinen Mitstreiter aus der Frühzeit beim „Theater Affekt“ traf.


In den folgenden zwei Jahren inszeniert Stefan Bachmann häufiger am Wiener Burgtheater und erhält 2008 für seine Inszenierung von Wajdi Mouawads „Verbrennungen“ den Nestroy-Theaterpreis. Ausschlaggebend dürfte gewesen sein, dass er das Stück mit den „Mitteln des armen Theaters gewitzt und präzise entschlackte“, wie die Frankfurter Rundschau schrieb. In dieser, aber auch in seiner fast sechsstündigen Inszenierung von Paul Claudels selten gespielter Trilogie „Die Gottlosen“ am Berliner Maxim Gorki Theater zeichnete sich schon ab, dass Stefan Bachmann inzwischen zurückhaltender inszeniert und nicht mehr so intensiv auf die Mittel des Poptheaters zurückgreift wie vor seinem Sabbatjahr. Dass er seine inszenatorischen Mittel inzwischen neu sortiert und dabei das ein oder andere aussortiert hat, bestätigte er auch zum Neustart Barbara Freys als Intendantin des Züricher Schauspielhauses zur Saison 2009/2010. Da brachte er Thomas Jonigks Adaption von Gottfried Kellers spätem Roman „Martin Salander“ auf die Bühne und machte aus der Lebensgeschichte des braven Salander, der mehrmals um sein Geld betrogen wird und sich immer wieder aufrappelt, eine somnambule Parabel über das Auf und Ab eines Lebens in Zeiten der immer währenden Finanzkrise. Auch da hatte man den Eindruck, Bachmann bevorzuge inzwischen einen eher gemäßigten inszenatorischen Rhythmus.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Nach Wolfram von Eschenbach "Parzival"
    2015, Schauspiel Köln
  • Ibrahim Amir "Habe die Ehre"
    2014, Schauspiel Köln
  • nach Ayn Rand "der Streik"
    2014, Schauspiel Köln
  • William Shakespeare "Der Kaufmann von Venedig"
    2014, Schauspiel Köln
  • Elfriede Jelinek "Winterreise"
    2012, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Nach Harry Mulisch "Das steinerne Brautbett"
    2011, Staatsschauspiel Dresden
  • Martin Suter "Geri"
    2010, Schauspielhaus Zürich
  • Kathrin Röggla "Die Beteiligten"
    2010, Burgtheater (Akademietheater), Wien
    Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Ödön von Horvath "Geschichten aus dem Wiener Wald"
    2010, Burgtheater, Wien
  • Thomas Jonigk "Ach, da bist du ja"
    2010, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Alfred de Musset „Lorenzaccio“
    2009, Burgtheater Wien
  • Botho Strauß „Trilogie des Wiedersehens“
    2009, Burgtheater Wien
  • Friedrich Schiller „Maria Stuart“
    2008, Schauspiel Düsseldorf
  • Stefan Bachmann und Carmen Wolfram nach Thomas Mann „Der Zauberberg“
    2008, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Calderón de la Barca „Das Leben ein Traum“
    2008, Thalia Theater - Thalia im Zelt im Seelemannpark, Hamburg
  • William Shakespeare „Maß für Maß“
    2007, Thalia Theater Hamburg
  • Paul Claudel „Die Gottlosen“ (1. Teil „Die Geisel“, 2. Teil „Das harte Brot“, 3. Teil „Der Erniedrigte“)
    2007, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Wajdi Mouawad „Verbrennungen“
    2007, Burgtheater Wien
  • Thomas Jonigk „Hörst du mein heimliches Rufen ?“
    2006, Schauspiel Düsseldorf
  • Richard Wagner "Tristan und Isolde"
    2006, Oper Unter den Linden, Berlin
  • Ferdinand Raimund "Der Verschwender"
    2005, Burgtheater, Wien
  • Heinrich von Kleist "Amphitryon"
    2005, Deutsches Theater, Berlin, Salzburger Festspiele
  • Paul Claudel „Der seidene Schuh“
    2003, Theater Basel
  • William Shakespeare „Hamlet“
    2002, Theater Basel
  • Wolfgang Amadeus Mozart „Cosi fan tutte“
    2001, Oper Lyon
  • Frank Wedekind „Franziska“
    2000, Theater Basel
  • Rainald Goetz „Jeff Koons“
    UA 1999, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • William Shakespeare „Troilus und Cressida“
    1998, Salzburger Festspiele / Theater Basel
  • Pierre Corneille „Triumph der Illusionen“
    1997, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Wolfgang Bauer „Skizzenbuch“
    UA 1996, Wiener Festwochen, ausgezeichnet mit dem Josef-Kainz-Förderpreis für Regie
  • Stefan Bachmann nach Johann Wolfgang von Goethe „Wahlverwandtschaften“
    1995, Theater am Neumarkt Zürich, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Johann Wolfgang von Goethe „Lila“
    1995, Theater Affekt Berlin, ausgezeichnet mit dem Friedrich Luft-Preis
  • Thomas Jonigk „Du sollst mir Enkel schenken“
    UA 1994, Schauspiel Bonn, Einladung zu den Mülheimer Theatertagen
  • Nick Whitby „Dirty dishes“
    1993, Schauspiel Bonn
  • William Shakespeare „Titus Andronicus“
    1992, Theater Affekt Berlin
  • Bertolt Brecht „Baal“
    1991, Studiobühne an der FU Berlin