Jan Bosse


© Arno Declair
Geboren 1969 in Stuttgart. 1990-1993 Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen/Nürnberg. 1993-1997 Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin.

Danach Regieassistenzen u.a. bei Manfred Karge und Robert Wilson. Ab 1998 Regisseur an den Münchner Kammerspielen unter der Intendanz von Dieter Dorn.

Von 2000–2005 Hausregisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg (Intendant: Tom Stromberg). Seither freier Regisseur, unter anderem am Züricher Schauspielhaus, dem Wiener Burgtheater, dem Maxim Gorki Theater und dem Deutschen Theater Berlin sowie dem Thalia Theater in Hamburg.

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Porträt: Jan Bosse

Er war die prägende Regiegestalt von Tom Strombergs Intendanz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Der Mut zu großen Stoffen, der bei jungen Regisseuren in dem Maße nicht selbstverständlich ist, ließ Jan Bosse in den fünf Jahren zwischen 2000 und 2005, die er als Hausregisseur in Hamburg arbeitete, unter anderem Sophokles, Goethe, Molière, Tschechow und Beckett inszenieren.

Dabei verlief der Einstand Bosses in Hamburg alles andere als glücklich. Nachdem er im Anschluss an sein Studium an der berühmten Ernst-Busch-Schule in Berlin zunächst bei Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen mit einigen Uraufführungen von sich reden machte, übertrug ihm Stromberg gleich die Eröffnungsinszenierung seiner Intendanz mit einem extra dafür geschrieben Auftragswerk. Drei Jahre nach seiner Diplominszenierung schien das für Bosse dann doch der Bürde zu viel. Jedenfalls missriet seine Inszenierung von Helmut Kraussers „Haltestelle. Geister“ im Jahr 2000 völlig. Die danach ausbrechende Krise am Hamburger Schauspielhaus, dem größten deutschen Sprechtheater, wurde deswegen auch mit seinem Namen verbunden – weswegen es nur gerecht war, dass er sich als Protagonist der folgenden Kehrtwende rehabilitieren durfte.

Denn nach dem chaotischen Start mit vielen misslungenen Experimenten zog Stromberg die Reißleine mit konventionellen Stadttheaterspielplänen, in denen die klassischen Stoffe wieder dominierten – nur eben interpretiert von jungen Regisseuren. Und Bosse lieferte mit Sophokles „Ödipus“ am Ende der ersten Saison den versöhnlichen Nachweis, dass ein bilder- und erzählstarkes Theater auch modern sein kann. Die Tragik des gottgegebenen Schicksals verwandelte er sehr anschaulich in die Verzweiflung einer individualisierten Gesellschaft.

Bosses Aktualisierungen von Klassikern treten stets jugendlich auf, bleiben dabei aber texttreu. Goethes Irrfahrt der Eheversprechen, „Clavigo“, verleiht er die Dynamik eines Video-Clips. Molières „Menschenfeind“ verlegt er in das Ambiente eines Edelbordells mit Blumenwänden. Und der Salon der „Drei Schwestern“ verwandelt sich in eine Container-Landschaft für Szene-Parties. Bei allen Inszenierungen aber liegt Bosses Augenmerk auf der fatalen Oberflächlichkeit einer Spaßgesellschaft, aus deren Perspektive er die Klassiker betrachtet. Seine Figuren sind immer eher grell als melancholisch, eher laut als klug, weswegen sie oft als die kritische Rekonstruktion von Fernsehdarstellern beschrieben werden.

Diesem leichten Klang seiner Spielart blieb Bosse auch als freier Regisseur treu, der in den folgenden Jahren eine erstaunliche Karriere als Fachmann für faltenfreie Evergreens an den wichtigsten deutschsprachigen Theatern hinlegte. Ob er Goethes „Werther“ am Berliner Maxim Gorki-Theater mit Hans Löw und Fritzi Haberlandt in ein rührendes Erregungsschauspiel verwandelte, „Hamlet“ im Züricher Schiffbau in einem opulenten Spiegelsaal mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle zum Theaterrausch ausformte, oder Jens Harzer als „Peer Gynt“ am Hamburger Thalia-Theater zu einer fulminanten One-Man-Show der Verwandlungen trieb, stets galt, was ein Kritiker mal anerkennend schrieb: „Keiner bringt einem die Klassiker so nahe wie der Regisseur Jan Bosse.“ Und dafür wurde er dann reihenweise und einmal sogar mit zwei Stücken zum Berliner Theatertreffen der zehn wichtigsten Inszenierungen eingeladen.

Bosses Talent zur Komik, das schon manchmal den Eindruck vermittelte, er nehme die Vorlagen zu leicht, verhüllt aber tatsächlich eine eher pessimistische Weltsicht. „Unsere Selbst- und Weltbilder sind ins Wanken geraten“, erklärte Bosse einmal anlässlich einer „Roberto-Zucco“-Inszenierung seine Gegenwartsbetrachtung. „Der Humor liegt dann wie ein Firnis über der latenten Gewalt, die unter der Oberfläche der Gesellschaft brodelt und jederzeit ausbrechen kann“. Diese Latenz spürbar zu machen, bemüht sich Bosse mit seinen Aktualisierungen von Klassikern. Und dazu verfolgt er das Rezept der Verschärfung von Oberflächenreizen – „denn die Menschen im Überfluss brauchen eine Überdosis, um ihr Leben zu füllen und zu fühlen“.

Mit „Überfluss“ und „Überdosis“ musste Bosse natürlich bald zum deutschen Zentraldrama, Goethes „Faust“ finden, das er zum Abschluss der letzten und endlich geglückten Saison von Tom Stromberg 2005 am Hamburger Schauspielhaus inszenierte. Auf einer Drehbühne in der Mitte des Zuschauersaals, für die das gesamte Theater in eine Arena umgebaut wurde, spielte Bosse mit Edgar Selge als Faust und Meyerhoff als Mephisto eine rasante Tragikomödie, die oberflächlich keinen unterhaltsamen Effekt ausließ, dabei aber sehr scharf den Verfall eines deutschen Egomanen durchexerzierte.

Wenn Bosse wie in dieser Inszenierung die Balance aus Verführung und These gelingt, wenn er über seine manchmal kindliche Freude am Bühnengag und Klamauk nicht die Zerrissenheit des Menschen als Grundstoff des Theaters aus den Augen verliert, dann entwickeln seine Arbeiten jene Reife, die den Stoffen auch angemessen ist, die er sich wählt.

Dabei verlief der Einstand Bosses in Hamburg alles andere als glücklich. Nachdem er im Anschluss an sein Studium an der berühmten Ernst-Busch-Schule in Berlin zunächst bei Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen mit einigen Uraufführungen von sich reden machte, übertrug ihm Stromberg gleich die Eröffnungsinszenierung seiner Intendanz mit einem extra dafür geschrieben Auftragswerk. Drei Jahre nach seiner Diplominszenierung schien das für Bosse dann doch der Bürde zu viel. Jedenfalls missriet seine Inszenierung von Helmut Kraussers „Haltestelle. Geister“ im Jahr 2000 völlig. Die danach ausbrechende Krise am Hamburger Schauspielhaus, dem größten deutschen Sprechtheater, wurde deswegen auch mit seinem Namen verbunden – weswegen es nur gerecht war, dass er sich als Protagonist der folgenden Kehrtwende rehabilitieren durfte.

Denn nach dem chaotischen Start mit vielen misslungenen Experimenten zog Stromberg die Reißleine mit konventionellen Stadttheaterspielplänen, in denen die klassischen Stoffe wieder dominierten – nur eben interpretiert von jungen Regisseuren. Und Bosse lieferte mit Sophokles „Ödipus“ am Ende der ersten Saison den versöhnlichen Nachweis, dass ein bilder- und erzählstarkes Theater auch modern sein kann. Die Tragik des gottgegebenen Schicksals verwandelte er sehr anschaulich in die Verzweiflung einer individualisierten Gesellschaft.

Bosses Aktualisierungen von Klassikern treten stets jugendlich auf, bleiben dabei aber texttreu. Goethes Irrfahrt der Eheversprechen, „Clavigo“, verleiht er die Dynamik eines Video-Clips. Molières „Menschenfeind“ verlegt er in das Ambiente eines Edelbordells mit Blumenwänden. Und der Salon der „Drei Schwestern“ verwandelt sich in eine Container-Landschaft für Szene-Parties. Bei allen Inszenierungen aber liegt Bosses Augenmerk auf der fatalen Oberflächlichkeit einer Spaßgesellschaft, aus deren Perspektive er die Klassiker betrachtet. Seine Figuren sind immer eher grell als melancholisch, eher laut als klug, weswegen sie oft als die kritische Rekonstruktion von Fernsehdarstellern beschrieben werden.

Besonders deutlich wurde das in seiner letzten Inszenierung, Becketts „Warten auf Godot“. Hier sind Wladimir und Estragon zwei kalauernde Comedy-Karikaturen vor einem glitzernden Show-Vorhang, die ihre innere Leere mit faden Witzchen übertünchen. Allerdings wurde gerade in dieser Inszenierung auch deutlich, wie schmal der Grat zwischen Kritik und Affirmation ist, denn das Missverständnis, hier einer reinen Gaudi-Version des Stückes beizuwohnen, lag doch sehr nahe.

Bosses Talent zur Komik, das schon häufiger den Eindruck vermittelte, er nehme die Vorlagen zu leicht, verhüllt aber tatsächlich eine eher pessimistische Weltsicht. „Unsere Selbst- und Weltbilder sind ins Wanken geraten“, erklärte Bosse einmal anlässlich einer „Roberto-Zucco“-Inszenierung seine Gegenwartsbetrachtung. „Der Humor liegt dann wie ein Firnis über der latenten Gewalt, die unter der Oberfläche der Gesellschaft brodelt und jederzeit ausbrechen kann“. Diese Latenz spürbar zu machen, bemüht sich Bosse mit seinen Aktualisierungen von Klassikern. Und dazu verfolgt er das Rezept der Verschärfung von Oberflächenreizen – „denn die Menschen im Überfluss brauchen eine Überdosis, um ihr Leben zu füllen und zu fühlen“.

Mit „Überfluss“ und „Überdosis“ musste Bosse natürlich irgendwann zum deutschen Zentraldrama, Goethes „Faust“ finden, den er zum Abschluss der letzten und endlich geglückten Saison von Tom Stromberg 2005 am Hamburger Schauspielhaus inszenierte. Auf einer Drehbühne in der Mitte des Zuschauersaals, für die das gesamte Theater in eine Arena umgebaut wurde, spielte Bosse mit Edgar Selge als Faust eine rasante Tragikomödie, die oberflächlich keinen unterhaltsamen Effekt ausließ, dabei aber sehr scharf den Verfall eines deutschen Egomanen durchexerzierte.

Wenn Bosse wie in dieser Inszenierung die Balance aus Verführung und These gelingt, wenn er über seine manchmal kindliche Freude am Bühnengag und Klamauk nicht die Zerrissenheit des Menschen als Grundstoff des Theaters aus den Augen verliert, dann entwickeln seine Arbeiten jene Reife, die den Stoffen auch angemessen ist, die er sich wählt.

Till Briegleb

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Henrik Ibsen "Hedda Gabler"
    2013, Thalia Theater, Hamburg
  • Nach Ingmar Bergman "Szenen einer Ehe"
    2013, Schauspiel Stuttgart
  • Armin Petras "Gladow-Bande"
    2013, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Thomas Bernhard "Der Ignorant und der Wahnsinnige"
    2013, Burgtheater, Wien
  • Anton Tschechow "Platonow"
    2012, Thalia Theater, Hamburg
  • Nach Daniel Defoe "Robinson Crusoe. Projekt einer Insel"
    2012, Burgtheater, Wien
  • Heinrich von Kleist "Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe"
    2011, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • William Shakespeare "Was ihr wollt"
    2010, Thalia Theater, Hamburg
  • Armin Petras nach Günter Grass "Die Blechtrommel"
    2010, Ruhrtriennale, Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Francesco Cavalli "La Calisto"
    2010, Theater Basel
  • Heinrich von Kleist "Der zerbrochene Krug"
    2010, Maxim Gorki Theater, Adaption der Inszenierung von 2006 am Schauspielhaus Zürich
  • Nach Peter Licht von Molière "Der Geizige"
    2010, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • William Shakespeare "Othello"
    2010, Burgtheater, Wien
  • Georg Büchner "Leonce und Lena"
    2009, Maxim Gorki Theater, Berlin, Koproduktion mit dem Schauspiel Köln
  • Sophokles/Hölderlin (Bearbeitung von Jan Bosse und Andrea Koschwitz) "Antigonae"
    2008, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Edward Albee "Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?"
    2008, Burgtheater, Wien
  • Armin Petras nach Leo Tolstoi "Anna Karenina"
    2008, Grubenbauwerkstatt in Marl, Ruhrfestspiele Recklinghausen
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2007, Schauspielhaus Zürich (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
  • Heinrich von Kleist "Amphitryon"
    2007, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • William Shakespeare "Viel Lärm um nichts"
    2006, Burgtheater Wien (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
  • Johann Wolfgang Goethe "Die Leiden des jungen Werther"
    2006, Maxim Gorki Theater Berlin (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
  • Eugène Ionesco „Die kahle Sängerin“
    2006, Schauspielhaus, Bochum
  • Heinrich von Kleist „Der zerbrochene Krug“
    2006, Schauspielhaus, Zürich
  • Jon Fosse „Heiß“
    2005, Deutsches Theater, Berlin
  • Werner Schwab "Die Präsidentinnen"
    2005, Schauspielhaus Zürich
  • Thomas Bernhard „Am Ziel“
    2004, schauspiel frankfurt
  • Samuel Beckett „Warten auf Godot“
    2004, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Johann Wolfgang Goethe "Faust I"
    2004, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Anton P. Tschechow „Drei Schwestern“
    2003, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Heinrich von Kleist „Die Familie Schroffenstein“ <
    2003, Schauspielhaus Zürich
  • Sophokles "Ödipus"
    2003, Residenztheater München
  • Molière „Der Menschenfeind“
    2002, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Johann Wolfgang Goethe „Clavigo“
    2001, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Sophokles „Ödipus“
    2001, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Helmut Krausser „Haltestelle. Geister“
    2000, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Theresia Walser „So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr“
    2000, Münchner Kammerspiele
  • Johann Wolfgang Goethe "Torquato Tasso“
    1999, Münchner Kammerspiele
  • Marguerite Duras „Die Krankheit Tod“
    1999, Schauspiel Frankfurt
  • Marius von Mayenburg „Feuergesicht“
    1998, Münchner Kammerspiele
  • Marius von Mayenburg „Psychopathen“
    1998, Wiener Festwochen