Felicitas Brucker


© Mülheimer
Theatertage

Geboren am 7. November 1974 in Stuttgart. Von 1995 bis 2001 Studium der Theaterwissenschaften, Kommunikationswissenschaften und der Neueren Deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München; Abschluss als M. A. Anschließend Regiestudium am Goldsmith College der University of London via DAAD-Postgraduiertenstipendium. Während des Aufenthaltes in London bis 2003 entstehen erste eigene Projekte.

2003 bis 2006 Regieassistenz an den Münchner Kammerspielen; u.a. mehrfach bei Andreas Kriegenburg und Jossi Wieler. Gleichzeitig erste eigene Regiearbeiten in Deutschland; neben den Münchner Kammerspielen z. B. am Theater Freiburg, am schauspielhannover, dem Maxim Gorki Theater Berlin und dem Thalia Theater Hamburg.

2007 erhält Felicitas Brucker den Förderpreis der Akademie der Künste Berlin im Bereich Darstellende Kunst. Im gleichen Jahr wird sie mit ihrer Anja-Hilling-Inszenierung "Engel" an den Münchner Kammerspielen zum Nachwuchsregie-Festival "Radikal jung" eingeladen.

Seit der Spielzeit 2009/10 ist Felicitas Brucker Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien. Darüber hinaus arbeitet sie regelmäßig am Berliner Maxim Gorki Theater.

    Porträt: Brucker, Felicitas

    Felicitas Brucker gehört zu den markantesten deutschen Regisseurinnen der jüngeren Generation. Bildstärke und körperbetontes Spiel verbinden sich in ihren Arbeiten mit einem analytischen Zugriff auf Texte, dem man – im besten Sinne - die Geisteswissenschaftlerin anmerkt: Brucker studierte Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften, bevor sie sich der Regiepraxis zuwandte. Auf Inszenierungen vom Blatt wird man bei ihr vergeblich warten. Vielmehr befragt sie ihre Textvorlagen präzise auf Struktur, Eigenlogik und Zeitgenossenschaft, akzentuiert Personal, das ihr in dieser Hinsicht problematisch erscheint, um und entwickelt stets eine klare Arbeitsthese zum Stoff. Folgerichtig ist Brucker auch keine illustrierende Regisseurin, die Texte gleichsam performativ verdoppelt. Sondern ihre Inszenierungsmethode lässt sich tatsächlich als Übersetzungsleistung beschreiben: Realistische Vorgänge werden zu abstrakten szenischen Prozessen mit Symbolcharakter verdichtet; gern auch mal mit einer zusätzlichen Video-Ebene.

    Deutlich ließ sich dieser Zugriff zum Beispiel an den "Wahlverwandtschaften" beobachten, die Felicitas Brucker 2006 am Theater Freiburg in einer eigenen Spielfassung aufführte. In Goethes Roman eines doppelten Ehebruchs, den sie als Beziehungsdrama von heute mit H&M-Chic und Bulimie-Anfällen interpretierte, erwartet Charlotte von ihrem Mann Eduard ein Kind, obwohl beide längst eine außereheliche Affäre unterhalten. Während im Ursprungstext aus der bizarren Zeugungsnacht, in der beide Ehepartner an ihre jeweiligen Geliebten denken, eine Art Homunkulus hervorgeht, der optisch eben diesen Geliebten ähnelt, lässt Brucker Charlotte ohne Umwege ein kopfloses Huhn gebären: Ein irreales, hoffnungsloses und von Anbeginn lebensunfähiges Kunstwesen, das folglich auch nicht, wie bei Goethe, auf einer Kahnfahrt versehentlich aus den Armen von Eduards Geliebter Ottilie ins Wasser rutschen muss, sondern direkt nach der Geburt von beiden Frauen wie ein Ball hin und her geworfen wird, bis es irgendwann zu Boden fällt.

    Der Hang zu starken Bildern auf der einen und der Anspruch intellektueller bzw. philologischer Genauigkeit auf der anderen Seite verrät zwei prägende Regie-Vorbilder aus Bruckers Lehrjahren: Jossi Wieler und Andreas Kriegenburg. Beiden assistierte sie nach Abschluss ihres Studiums an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität sowie einem anschließenden Regie-Studium in London ab 2003 an den Münchner Kammerspielen. Während Brucker bei Wieler lernte, Texte genau auszuhorchen, auf ihre verschiedenen "Schichtungen von Sprache" hin zu befragen und zu überlegen, "wie die Schauspieler klug und eigeninitiativ mit diesen unterschiedlichen Ebenen spielen können", erfuhr sie bei Kriegenburg die Faszination eines konsequent "körperlichen Zugriffs auf das Spiel".

    Als weiterer wichtiger Einfluss kommt die britische Tanz-, Performance- und Live-Art-Szene hinzu, mit der Felicitas Brucker Ende der 1990er Jahre während ihres Regiestudiums am linksliberalen Londoner Goldsmith-College in Berührung kam. Begegnungen mit Gruppen wie Forced Entertainment oder dem Théâtre de Complicité befeuerten nicht nur ihre Lust an der Improvisation und an Sparten-Übergriffen in Richtung Performance, visual arts oder Bewegungstheater, sondern sensibilisierten sie auch für eine hierarchiefreie Inszenierungsweise, die das Proben ausdrücklich als "kollektiven Denk- und Arbeitsprozess" feiert. Brucker gehört zum Beispiel zu jenen Regisseur/innen, die dezidiert nach der "Schnittmenge" zwischen einer Rolle und der betreffenden Schauspieler-Persönlichkeit suchen. Das heißt: Die Bühnencharaktere werden den Akteuren nicht konzeptionell übergestülpt, sondern grundsätzlich mit ihnen zusammen bzw. aus ihnen heraus entwickelt.

    Im Idealfall entstehen dann Arbeiten wie die Uraufführung von Anja Hillings "Engel" an den Münchner Kammerspielen, wofür Brucker 2007 zum Regienachwuchs-Festival "Radikal jung" eingeladen wurde. Hillings Stück versammelt geheimnisvoll zwischen Vergangenheit und Gegenwart balancierende Figuren in einer Bar: Einer glaubt eine Frau zu erkennen, die er vordem als Tote am polnischen Ostseestrand gesehen hat; ein anderer begegnet seiner Liebe von vor 19 Jahren, die sich allerdings an nichts erinnern kann usw. Bei Brucker treffen all diese zwischen den Zeitebenen gestrandeten Personen in einer Halfpipe aus Sperrholz aufeinander: Ein typisches, symbolgewaltiges Brucker-Bild, das den unsicheren Boden unter den Füßen der Figuren ganz nebenbei auch noch auf einen Spieltrieb fördernden Punkt bringt und das Schlingern und Rutschen zum tragikomischen Fortbewegungsstandard macht.

    Dass Bruckers Ansatz indes auch Fallstricke birgt, zeigte ihre "Urfaust"-Inszenierung 2008 am Berliner Maxim Gorki Theater. Der anspruchsvolle Versuch, die vergleichsweise marginalisierte Gretchen-Figur aus ihrer Dulderinnen-Ecke zu holen, ihr aktivere Konturen zu verleihen und damit auch die bei Goethe dramaturgisch eher untergeordnete Frage ins Zentrum zu stellen, warum eine Frau ihr Kind tötet, blieb allzu deutlich im Konzeptionellen stecken. Dennoch wurde in den Kritiken zu Recht Felicitas Bruckers Wagemut honoriert:
    Wenn die Regisseurin scheitert, dann bis dato auf hohem intellektuellen Niveau.

    Heute arbeitet Brucker, die nach ihrer Assistenzzeit schnell mit eigenen Projekten an den Münchner Kammerspielen betraut wurde, zudem regelmäßig am Berliner Maxim Gorki Theater sowie - als Hausregisseurin – am Schauspielhaus Wien. Hier entwickelte sich auch die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem in der Fachzeitschrift "Theater heute" zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2008 gekürten Ewald Palmetshofer. Felicitas Brucker gelangen mit "hamlet ist tot. keine schwerkraft" (2008) und "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete" (2009) zwei viel beachtete Uraufführungen dieses jungen Autors, die jeweils zum renommierten Gegenwartsdramatik-Festival "Stücke" nach Mülheim eingeladen wurden.

    War die Regisseurin, wie fast alle Berufsanfänger/innen, zunächst auf Uraufführungen junger Dramatiker/innen abonniert, erweiterte sich ihr Repertoire in den letzten Jahren jedoch auch zusehends um Kanon-Klassiker.
    Christine Wahl

    Inszenierungen - Eine Auswahl

    • Friedrich Schiller "Die Jungfrau von Orleans"
      2012, Theater Freiburg
    • Christian Dietrich Grabbe "Herzog Theodor von Gothland"
      2011, Schauspiel Hannover
    • Kevin Rittberger "Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung"
      2010, Schauspielhaus Wien
      Einladung zu den Mülheimer Theatertagen
    • Anders Thomas Jensen "Adams Äpfel"
      2010, Schauspiel Hannover
    • Thomas Freyer "Amoklauf mein Kinderspiel"
      2010, Deutsches Theater, Berlin
    • Jean-Paul Sartre "Geschlossene Gesellschaft"
      2009, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Nach Aischylos "Die Orestie"
      2009, Theater Freiburg
    • Nach Herta Müller "Herztier"(Solo mit der Schauspielerin Anja Schneider)
      2009, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Ewald Palmetshofer "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete"
      2009, Schauspielhaus Wien
    • John Birke "Armes Ding"
      2008, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
    • Nach Lukas Moodysson "Lilja Forever"
      2008, Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin
    • Nach Frank Wedekind "Frühlings Erwachen"
      2008, Theater Freiburg
    • Thomas Freyer "Amoklauf mein Kinderspiel"
      2008, Thalia Theater (Gaußstraße), Hamburg
    • Johann Wolfgang Goethe "Urfaust"
      2008, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Ewald Palmetshofer "hamlet ist tot. Keine schwerkraft"
      2007, Schauspielhaus Wien
    • Justine del Corte "Sex"
      2007, Thalia Theater, Hamburg (Autorentheatertage)
    • Klaus Hoggenmüller "So nah und doch so fern"
      2007, Maxim Gorki Theater (Studio), Berlin
    • Elfriede Jelinek "Ulrike Maria Stuart"
      2007, Schauspiel Hannover
    • Nach Johann Wolfgang Goethe "Die Wahlverwandtschaften"
      2006, Theater Freiburg
    • Anja HIlling "Engel"
      2006, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
    • "Die perverse Familie" (Projekt im Rahmen des 2. Brandherde Wochenendes)
      2006, Münchner Kammerspiele (Neues Haus)
    • Kathrin Röggla "Draußen tobt die Dunkelziffer"
      2005, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
    • Nach Michel Houllebecq "Ausweitung der Kampfzone"
      2005, Münchner Kammerspiele (Werkraum)