David Bösch

geboren 1978 in Lübbecke/Nordrhein-Westfalen. Studierte von 2000-2004 Regie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich und inszenierte dort u. a. „Frühlingserwachen” von Wedekind und „Leonce und Lena – a better day“ nach Georg Büchner. Für seine Interpretation von Jessica Goldbergs „Fluchtpunkt” erhielt er 2003 den ersten Preis des „Körber Studios Junge Regie“.

© Münchner Volkstheater

2004 inszenierte er im Rahmen des Young Directors Project der Salzburger Festspiele „Port“ von Simon Stephens als Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg. Es folgten „Romeo und Julia” am Schauspielhaus Bochum, „Der Drang“ von Franz Xaver Kroetz am Theater Bern, George Taboris „Mein Kampf“ im Thalia in der Gaußstraße, „Der Streit“ von Marivaux am Schauspielhaus Zürich (Schiffbauhalle) und – erneut als Koproduktion des Thalia Theaters Hamburg und der Salzburger Festspiele – Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, wofür er den Young Directors Award 2006 gewann.

Seit der Spielzeit 2005/06 ist David Bösch Hausregisseur am Schauspiel Essen unter der Intendanz von Anselm Weber. Dort inszenierte er 2005 die Eröffnungspremiere „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare, die ein Publikumsrenner wurde. Es folgten 2006 Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ und Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“, 2007 Molnárs „Liliom“ und Büchners „Woyzeck“, 2008 „Antigone“ von Sophokles .

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Porträt: David Bösch

Einer wie David Bösch hat dem Theater ganz offensichtlich gefehlt, anders ist die rasante Karriere dieses jungen Regisseurs kaum zu erklären. Noch keine 30 Jahre alt, machte Bösch mit Inszenierungen von sich reden, die ihn in Essen ebenso zum Quotenbringer und Publikumsliebling werden ließen wie in Hamburg oder Zürich. Das liegt vermutlich daran, dass Bösch, dieser leidenschaftliche Cineast und Spiel-Enthusiast, wie kaum ein anderer Regisseur des deutschsprachigen Gegenwartstheaters auf Wirkung und Gefühle setzt - ganz nach seiner oft erklärten Devise: "Man darf die Emotionalität nicht dem Kino überlassen!" Bösch ist alles andere als ein intellektueller, theorielastiger Konzeptregisseur. Sein Zugriff auf Stücke ist sinnlich, spielerisch, direkt. Begabt mit einer enormen, oft auch überbordenden szenischen Phantasie, versteht er es, mit Witz, Charme und Pfiff ein junges Publikum fürs Theater zu begeistern, gerade auch für die klassischen Stoffe, und das, ohne die Abonnenten zu vergraulen.

Böschs Inszenierungen haben Rhythmus, Tempo, Komik, Tragik, Schwung - all das, was man braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen und sie emotional aufzuladen. Sie schöpfen aus dem multimedialen Fundus der Gegenwart (Pop, Comic, Video, Film), sind von einer unbändigen Spiellust getragen und immer von einer großen Liebe durchzogen: einer spürbaren Liebe zu allen Figuren. Selbst die kleinste Nebenfigur kriegt von diesem Regisseur Aufmerksamkeit und eine Geschichte geschenkt. Als "Menschenfreund" und "Romantiker" wird David Bösch daher gerne bezeichnet, er gilt als "der Warmherzige", der Charaktere "durchfühlt" und dabei "auf den Punkt zu bringen" weiß. Die juvenile Unbeschwertheit, die er dabei an den Tag legt, stößt natürlich nicht immer auf ungeteilte Zustimmung. Kritiker des Bösch´schen Gefühlstheaters bemängeln, sein Theater verlasse sich zu sehr auf Songs, Effekte, Stimmungen und auf die Überraschungsästhetik schöner Bilder, es ziele nur ins Herz und vernachlässige den Kopf. Das sei Theater "für Bravo-Leser", befand der Kritiker der FAZ missmutig über Böschs Essener "Sommernachtstraum", herausgekommen 2005 zur Eröffnung der Intendanz von Anselm Weber. Das (junge) Publikum aber jubilierte. Die Aufführung wurde Kult und sorgte ebenso für ausverkaufte Häuser wie Böschs Essener "Woyzeck", sein "Clavigo" in Hamburg oder "Romeo und Julia" in Bochum und Zürich.

Schon 2003, noch während seines Regiestudiums an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich, wurde der Westfale Bösch mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet und erhielt das Angebot, ab der Spielzeit 2005/06 Hausregisseur am Grillo-Theater Essen zu werden. 2004 reüssierte er beim "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele mit dem Sozialdrama "Port" von Simon Stephens, einer Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater, an dem er seither regelmäßig als Gast inszeniert. Bei den Salzburger Festspielen wurde auch Matthias Hartmann auf ihn aufmerksam, damals noch Intendant in Bochum. Er vertraute dem jungen Sprudelkopf Shakespeares Liebestragödie "Romeo und Julia" an. Die Inszenierung war ein derartiger Renner, dass sie von der kleinen auf die große Bühne verlegt und später von Hartmann ans Schauspielhaus Zürich übernommen wurde. Bösch machte aus dem Stück großes, leidenschaftliches Gefühlskino mit irrwitzigen Fechtszenen und lustigen Wasserplanschereien. Wie später noch oft, erzählte er auch hier die Geschichte als Generationenkonflikt: Zwei kindsköpfige Liebende rennen gegen die Zwänge der Erwachsenenwelt an - und am Ende gehen die beiden Toten selig in den Theaterhimmel ein.

Shakespeares "Sommernachtstraum", seine Einstandsinszenierung am Schauspiel Essen, erzählte Bösch alptraumhaft-ironisch im Stil eines Teen-Horrorfilms. Im Zauberwald von Athen trieben Freddy Krueger, Boris Karloff, Leatherface und andere Monsterberühmtheiten aus den einschlägigen Genrefilmen ihr Unwesen mit Kettensäge, Bohrmaschine und den Kinobildern der Angst. Zwar verzettelte sich Bösch zunehmend im Dickicht seiner Erfindungen, doch wie er die Figur des Puck ins Zentrum rückte und ihr eine Familien- und Pubertätsgeschichte erfand, war von anrührender Zartheit und Kraft. Die junge Schauspielerin Sarah Viktoria Frick, Böschs Essener Muse, spielte ein Pummelchen in Latzhosen, teils Mädchen, teils Horror-Zwerg, das auf der Suche nach seiner sexuellen Identität Traum und Trauma grandios vermischte und dabei die Strippen zog in dieser frenetisch gefeierten Teenie-Horror-Picture-Show.

Mit "Viel Lärm um nichts", seinem dritten Shakespeare in Folge, gewann David Bösch 2006 beim "Young Directors Projekt" den internationalen Regiewettbewerb der Salzburger Festspiele. In der Begründung der Jury hieß es, Bösch kehre mit dieser Arbeit "zu den volkstheaterhaften Ursprüngen des Komödiantischen zurück" und mache "den Geist des Theaterdichters Shakespeare nahezu körperlich spürbar". Die Inszenierung, die mit grandiosem Komödien-Furor in einem Zirkuszelt spielte, war eine Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater, wo Bösch 2007 auch Goethes Künstlerdrama "Clavigo" aus einem heutigen Lebensgefühl heraus erzählte. 2008 folgte am selben Haus Dirk Lauckes Road-Drama "alter ford escort dunkelblau", die Geschichte dreier Zeitarbeiter aus der ostdeutschen Provinz, die Bösch mit aggressiver, aber auch romantischer Energie auflud.

Obwohl schwer umworben von großen Bühnen, hat David Bösch sich vorerst für das Essener Grillo-Theater als seine "Homebase" entschieden, weil er hier jede nötige Hilfe bekomme, um sich weiterzuentwickeln. Denn stehen bleiben und eine Masche bedienen will dieser junge Regisseur nicht, vielmehr redet er davon, noch stärker "in die Schmerzpunkte" von Stücken vordringen zu wollen. In Zürich inszenierte er Schillers "Kabale und Liebe" ganz ernsthaft in einem einfachen Bühnenbild aus schwarzen Vorhängen. Aus Franz Molnárs Rummelplatz-Schmonzette "Liliom" holte er in Essen die ganze Tragik und rührende Komik heraus und entsorgte sie auf einer (Gefühls-)Müllhalde von heute; Büchners "Woyzeck" siedelte er in beklemmenden, hochemotionalen Bildern in einer post-zivilisatorischen Science-Fiction-Szenerie an, wobei er noch der widerwärtigsten Figur einen Moment menschlicher Anteilnahme gewährte. Mit Sophokles´ "Antigone" inszenierte Bösch 2008 seine erste antike Tragödie: nicht als rechtlich-moralisches Diskursstück von archaischer Wucht, sondern als Familien- und Generationendrama von heute, erzählt aus dem Geist der Geschwisterliebe und des Kinderspiels. Sarah Victoria Frick spielt einen renitenten Teenager im pubertären Amoklauf: eine Antigone, die im Aufstand gegen Kreon sämtliche Pop-, Agitprop- und Polit-Posen der Rebellion durchprobiert und ihren Protest schon mal als Punksong herausschreit: "Mich schreckt das Sterben nicht!". Ihre beiden toten Brüder sind als Erzähler und Kommentatoren der Geschichte auf der Bühne stets gegenwärtig, und am gar nicht so traurigen Ende finden die Geschwister alle im Totenreich zusammen.

Seiner inszenatorischen Freimütigkeit zum Trotz ist David Bösch ein im Grunde altmodischer Regisseur, der zum Geschichtenerzählen zurückkehrt und dabei weder Pathos noch Einfühlung scheut. Als seine Vorbilder nennt er tatsächlich Altmeister wie Luc Bondy und George Tabori, weil er das "Jüdische" an ihren Arbeiten schätzt, ihren Humor und ihre Menschlichkeit. Ohnehin will er von älteren Regisseuren eher lernen, als sich gegen sie aufzulehnen. Ein Theaterrebell ist Bösch nicht, auch kein Berserker. Er wird seinen Weg gehen, und man darf annehmen, dass es nicht nur der sichere ist.
Christine Dössel

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Heinrich von Kleist "Das Käthchen von Heilbronn"
    2015, Burgtheater, Wien
  • Henrik Ibsen "Peer Gynt"
    2014, Residenztheater, München
  • William Shakespeare "Othello"
    2014, Schauspielhaus Bochum
  • Bertolt Brecht "Mutter Courage und ihre Kinder"
    2013, Burgtheater, Wien
  • Johann Nepomuk Nestroy "Der Talisman"
    2013, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Henrik Ibsen "Gespenster"
    2012, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Nach Hans Fallada "Kleiner Mann - was nun ?"
    2012, Schauspielhaus Bochum
  • William Shakespeare "Romeo und Julia"
    2011, Burgtheater, Wien
  • Johann Wolfgang Goethe "Urfaust"
    2011, Myeongdong Theater, Seoul
  • Nis-Momme Stockmann "Die Ängstlichen und die Brutalen"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Franz Xaver Kroetz "Stallerhof"
    2010, Burgtheater (Kasino), Wien
  • William Shakespeare "Der Sturm"
    2010, Schauspielhaus, Bochum
  • Nach Jakob Hein "Liebe ist ein hormonell bedingter Zustand"
    2010, Schauspiel Essen
  • Franz Grillparzer "Das goldene Vließ"
    2009, Deutsches Theater, Berlin
  • Gerhart Hauptmann "Vor Sonnenaufgang"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Anthony Burgess "A Clockwork Orange"
    2008, Schauspielhaus Zürich
  • Sophokles "Antigone"
    2008, Schauspiel Essen
  • Dirk Laucke "alter ford escort dunkelblau"
    2008, Thalia Theater, Hamburg
  • Georg Büchner "Woyzeck"
    2007, Schauspiel Essen
  • Friedrich Schiller "Kabale und Liebe"
    2007, Schauspielhaus Zürich
  • Franz Molnár "Liliom"
    2007, Schauspiel Essen
  • Johann Wolfgang von Goethe "Clavigo"
    2007, Thalia Theater, Hamburg
  • Heinrich von Kleist "Das Käthchen von Heilbronn"
    2006, Schauspiel Essen
  • William Shakespeare "Viel Lärm um nichts"
    2006, Thalia Theater, Hamburg / Salzburg Festspiele im Rahmen des "Young Directors Project", ausgezeichnet mit dem Young Directors Award 2006
  • Werner Schwab "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos"
    2006, Schauspiel Essen
  • Marivaux "Der Streit"
    2006, Schauspielhaus Zürich
  • William Shakespeare "Ein Sommernachtstraum"
    2005, Schauspiel Essen
  • George Tabori "Mein Kampf"
    2005, Thalia Theater, Hamburg
  • Franz Xaver Kroetz "Der Drang"
    2005, Stadttheater Bern
  • William Shakespeare "Romeo und Julia"
    2004, Schauspielhaus Bochum
  • Simon Stephens "Port"
    2004, Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele im Rahmen des "Young Directors Project"
  • Frank Wedekind "Frühlings Erwachen"
    2004, Theater an der Sihl, Diplominszenierung des Studienganges Regie der Hochschule für Musik und Theater in Zürich
  • Andri Beyeler "Kick and Rush"
    2003, Theater an der Sihl Zürich
  • Andri Beyeler "Je ne m en souviens plus (mais ce n'est pas vrai)"
    2003, Fabriktheater Zürich
  • Jessica Goldberg "Fluchtpunkt"
    2003, Theater an der Sihl Zürich, erster Preis des "Körber Studios Junge Regie"
  • Georg Büchner "Leonce und Lena - a better day"
    2003, Theater an der Sihl Zürich, ausgezeichnet mit dem Ensemblepreis sowie dem Publikumspreis beim Treffen der deutschsprachigen Schauspielschulen in Graz