Jorinde Dröse

© Iko Freese, DRAMA© Iko Freese, DRAMAJorinde Dröse, geboren 1976 in Hanau, Dramaturgie-Studium an der Theaterakademie München, Ausbildung am Institut für Schauspieltheaterregie in Hamburg von 1998 bis 2003. Regieassistentin bei Andreas Kriegenburg und Sebastian Nübling. Seit 2003 arbeitet Jorinde Dröse kontinuierlich als Regisseurin, insbesondere am Thalia Theater Hamburg, aber auch am Volkstheater München, am Bochumer Schauspielhaus, am Maxim Gorki Theater Berlin, am Staatstheater Wiesbaden und am Schauspiel Frankfurt.

    Inszenierungen - Eine Auswahl

    © Iko Freese, DRAMA
    • Henrik Ibsen "Ein Volksfeind"
      2012, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Nach Heinrich Mann und Josef von Sternberg "Der blaue Engel"
      2012, Schauspiel Frankfurt
    • Theodor Fontane "Effi Briest"
      2012, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Nach Hans Fallada "Jeder stirbt für sich allein"
      2011, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Henrik Ibsen "Nora"
      2011, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • Gotthold Ephraim Lessing "Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück"
      2010, Schauspiel Frankfurt
    • Georg Büchner in der Fassung von Robert Wilson, Tom Waits und Kathleen Brennan "Woyzeck"
      2009, Deutsches Theater, Berlin
    • nach William Shakespeare "Die Schock-Strategie. Hamlet"
      2009, Schauspiel Leipzig (Centraltheater)
    • Ken Kesey "Einer flog über das Kuckucksnest"
      2008 Schauspielhaus Bochum
    • Theodor Storm "Der Schimmelreiter"
      2008 Thalia Theater Hamburg
    • Friedrich Hebbel: "Maria Magdalena"
      2007 Maxim Gorki Theater Berlin
    • Thomas Vinterberg "Das Fest"
      2007 Volkstheater München
    • Anton Tschechow "Platonow"
      2007 Schauspielhaus Bochum
    • Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht"
      2006 Kammerspiele Bochum
    • Franz Xaver Kroetz "Furcht und Hoffnung in Deutschland"
      2006 Thalia in der Gaußstraße Hamburg
    • Sabine Harbeke "nur noch heute"
      2006 Kammerspiele Bochum
    • William Shakespeare "Viel Lärm um nichts"
      2006 Volkstheater München
    • William Shakespeare "Sommernachtstraum"
      2006 Thalia Theater Hamburg
    • Patrick Marber "Hautnah"
      2005 Staatstheater Wiesbaden
    • Theodor Fontane "Effi Briest"
      2005 Thalia Theater Hamburg
    • Johann Wolfgang Goethe "Urfaust"
      2005 Schauspiel Frankfurt
    • Brüder Presnjakow: "Opfer vom Dienstag"
      2004 Staatstheater Wiesbaden
    • Karin Duve "Dies ist kein Liebeslied"
      2003 Thalia in der Gaußstraße Hamburg
    • Lukas Bärfuss "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern"
      2004 Thalia in der Gaußstraße Hamburg
    • William Shakespeare "Was ihr wollt"
      2003 Volkstheater München
    • Ödön von Horváth "Kasimir und Karoline"
      2003 Thalia in der Gaußstraße Hamburg
    • Tom Lanoye "Mamma Medea"
      2009 Thalia Theater Hamburg

    Porträt: Jorinde Dröse

    © Iko Freese, DRAMAWenn Jorinde Dröse Bilder machen würde, würde man sie vielleicht eine Naive nennen. Aber was in der Bildenden Kunst ehrenwertes Genre ist und eine Auszeichnung sein kann, darf es im Theater nicht geben. Es steht dort unter dem Verdacht der Belanglosigkeit, Oberflächlichkeit und Gewöhnlichkeit. Also ist Jorinde Dröse keine Vertreterin der neuen Naivität in der Theaterregie. Gleichwohl leben ihre Aufführungen davon, dass eine Geschichte erzählt wird, dass der Zuschauer mitleben und sich berührt fühlen kann, dass die Aufführungen nicht hermetisch sind, sondern sich unmittelbar mitteilen. Ihre Phantasie wirkt unbekümmert und leicht. Die Erzählweise ist entspannt. Man glaubt es ihr sofort, wenn sie sagt: "Ich habe einen intuitiven Zugang zu meiner Arbeit."

    In Jorinde Dröses Welt kann es zum Beispiel ohne weiteres passieren, dass die Personen riesig werden, weil sich jemand ganz klein fühlt. So war das in Franz Xaver Kroetz' Arbeitslosendrama "Furcht und Hoffnung der BRD", das 2006, über 20 Jahre nach seiner Uraufführung, in Dröses Inszenierung lebendig-aktuell wirkte und großen Erfolg hatte. Sechs Schauspieler spielten im Thalia in der Gaußstraße in Hamburg etwa 20 Figuren als Puppen, mal als Sexpuppe, mal übergroß, mal schrill. Was auf den ersten Blick wie Verniedlichung aussah, machte Kroetz' Sozialstück aber lebendig, es erzählte ganz direkt von der entseelten Mechanik und der Leere dieser Ausgeschlossenen. So rettete es durch souveräne und entspannte Leichtigkeit das Stück vor seiner Tendenz zum Sozialkitsch.

    Dröse ist eine der Meisterinnen des Witzes im Theater. Ihre Lustigkeit ist fast nie angestrengt, sondern wirkt so leicht und frei wie ihre Phantasie. Offenbar kann sie diese intuitive Freiheit auch auf die Schauspieler übertragen. In Dröses Aufführungen sind sie im besten Fall so, als habe sie jemand zu sich selbst befreit: einfach, klar, lustig, verspielt.

    Ihre Stoffe - zu denen immer mehr Bearbeitungen von Romanen oder Filmen gehören - nimmt Dröse direkt, sie befragt sie darauf, was sie sie angehen, sie liest genau. Daraus erarbeitet sie dann kein Konzept sondern entwickelt das, was man ihre Intuition nennen könnte. Vielleicht liegt es daran, dass sie einen ganz unmittelbaren Zugang zu den Bühnenmitteln zu haben scheint, die die Sprache des Theaters ausmachen. Die Dinge, die auf der Bühne geschehen, erscheinen bei ihr nicht als Mittel zum Zweck sondern um ihrer selbst willen.

    Als sie den "Urfaust" in Frankfurt inszenierte, war gleich klar, wie direkt die Übersetzung des Stückes von damals nach heute funktionierte. Faust war kein alter Mann, sondern ein Spätstudent, Mephisto kein Teufel sondern ein junger Studienkollege. Er irritierte Faust nur leicht, Pakt gab es keinen und wenn Mephisto den Teufel gab, war er ein Monsterchen, um den frankfurternden Studiosus Wagner zu schrecken.

    Im "Sommernachtstraum", ihrer zweiten Arbeit für die große Bühne des Thalia Theaters, machte sie aus dem Anfang des Liebes-, Elfen- und Handwerkerdramas ein Stück über Terrorherrschaft in Athen. Die Flucht der Liebespaare wurde so fast zwingend, die Liebenden brachen durch die Bühnenwände in die Freiheit - um so in den berühmten Zauberwald zu entkommen. So liest Jorinde Dröse die Texte: Aus heutiger Perspektive, sie lässt sie mit heutigen Erfahrungen kommunizieren. So sorgt sie dafür, dass sie transparent werden.

    Ihre größte Stärke liegt dabei vielleicht darin, wie sehr die Schauspieler dabei zum Spielen kommen. In ihren letzten Arbeiten paarte sich das nicht mehr automatisch mit Verspieltheit. Der "Schimmelreiter", ihre vorerst letzte Arbeit am Thalia Theater, war zwar voller Elemente, wie sie zu Jorinde Dröse passen, eine Bühne voller Wasser, ein überdimensionales Papierschiffchen, eine verhockte Dorfgesellschaft von kargen und schrägen Misanthropen. Aber Dröse schaffte auf einer schwarzen großen Bühne mit etwas Sprühregen, vor allem aber durch diese merkwürdigen Figuren eine düstere Deichatmosphäre, die sich am Ende zur Endzeitvision verdichtete.
    Peter Michalzik