Hartmann, der trotz seines jungen Alters die ganze Ochsentour vom Regieassistenten über die Provinz zu den mittleren und großen Bühnen bis zum Regiestar und Intendanten am reichsten Theater der Welt, dem Wiener Burgtheater, zurücklegte, hat sich mit jeder neuen Erfahrung auch thematisch verändert. Galt er in den Anfangsjahren seiner Regieerfolge noch als junger Freund alter Methoden, der klassische Stoffe mit großem Schauspielertheater in Kassenmagneten verwandelt, so bemüht er sich als junger Intendant in Bochum um die stimmige Umsetzung zeitgenössischer Autoren, um als neuer Burgtheaterdirektor in Wien angekommen als erstes den einzig adäquaten Stoff für einen Mann zu inszenieren, der dort steht, von wo es eigentlich nur wieder abwärts gehen kann: Goethes Faust, beide Teile, in einem Stück.
Dem vermittelnden und verschönernden Anspruch des Theaters ist Hartmann dabei bis heute treu geblieben. Betrachtet man sich eine seiner erfolgreichsten Inszenierungen der frühen Neunziger, die bildsatte und verspielte Modernisierung von Kleists „Käthchen von Heilbronn“, die sieben Jahre lang am sonst eher experimentierfreudigen Deutschen Schauspielhaus Hamburg mit grandiosem Erfolg lief, dann findet man hier den gleichen einladenden Gestus wie bei seinem späteren Video-Theater Bochumer Inszenierungen wie Falk Richters „Electronic City“ oder die Adaption von Christian Krachts Roman „1979“, die Hartmann über Zürich bis nach Wien mitgenommen hat – arbeiten zwar mit live auf der Bühne agierenden Kameraleuten, diversen Leinwänden und digitalen Mischtechniken, aber die Unterordnung der Technik unter die Erzählung wird nie angetastet. Der kommentierende oder widerspenstige Gebrauch von Video, wie er ansonsten im deutschen Theater überwiegt, ist Hartmann fremd.
Diese Liebe zum spielerischen, aber verständigen Erzählen hat Hartmann großen Erfolg beim Publikum und den Kulturpolitikern beschert, das Feuilleton aber stets etwas auf Distanz gehalten. Das warme Willkommenheitsgefühl, das seine Regie wie seine Intendanz den Zuschauern vermittelt, führte als erstes das darniederliegende Bochumer Schauspielhaus zurück zum Erfolg. Bereits in der Mitte seiner Intendanz bekam er dank dieses Bravourstücks dann zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Theater angeboten (zwischen dem Züricher und dem Hamburger Schauspielhaus entschied er sich für die Schweiz).
Und auch dort, wo er ab 2005 nach den langjährigen Krise zwischen dem Marthaler-Team und der Stadt das Theater wieder auf ein anständiges bürgerliches Verständigungsniveau bringen sollte, wiederholte sich der Bochum-Effekt. Dem Publikum gefällts, doch den Theater-Profis mißfällt die Gefälligkeit. Kritiker bemängelten das harmonische Streben in seiner Kunst immer wieder als unzeitgemäß und stellten Hartmann in Opposition zu den prägenden Regiegestalten der letzten 20 Jahre, Frank Castorf und Christoph Marthaler. Deren Kunst, aus Brüchen, Störungen und bewussten Überforderungen eine intellektuelle Haltung zu gewinnen, widerspricht Hartmann konsequent mit moderner Werktreue.
Doch bei aller Prägung des zeitgenössischen Theaters durch die eher montierende Technik der letzten Jahre ist beim Publikum die Sehnsucht nach der psychologisch genauen Arbeit mit Schauspielern eben nicht verloschen. Und Matthias Hartmann arbeitet auf diesem Feld mit einem Ausnahmetalent für menschliche Nähe in großen Bildern. Effektsicher und kräftig im Stil, variantenreich im Umgang mit Theatermitteln und findig im Wecken der darstellerischen Wandlungsfähigkeit hat Hartmann für manche Sternstunden des Schauspielertheaters gesorgt. Die 1999 zum Berliner Theatertreffen eingeladene Inszenierung von Botho Strauß’ „Der Kuss des Vergessens“ mit Anne Tismer und Otto Sander oder der gelungen Clou, in „Warten auf Godot“ den Sklaven Lucky mit dem Late-Night-Komiker Harald Schmidt zu besetzen, zeugen von seiner seltenen Gabe, Entertainment und Nachdenklichkeit zu versöhnen. Und seine hoch unterhaltsame Inszenierung von Thomas Bernhards „Immanuel Kant“ fand nach dem Beifall in Zürich auch die Zustimmung der Wiener Kenner dieser genialen Reizfigur. In solchen Momenten verbindet Hartmann seine beiden großen Lieben kongenial: in der Neuverfilmung uralter Theatertraditionen. Dass seine videobildlastige Faust-Eröffnung in Wien dann von der versammelten Kritikerschar wegen „intellektueller Dürftigkeit“ als „Siebenstundenqual“ verrissen wurde, wird nur ein kurzer Filmriss in der Spur seines Erfolgs sein. Als echter Theater-Rocky steht Matthias Hartmann immer wieder auf.












