Friederike Heller

Geboren 1974 in West-Berlin. 1996 bis 2000 Studium der Schauspielregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, u. a. bei Jürgen Flimm. Währenddessen präsentiert Heller ihre erste eigene Produktion "Peepshow" von George Tabori in den Hamburger Zeisehallen.

Anschließend Inszenierungen am Dresdner Staatsschauspiel, dem Burgtheater Wien, dem Schauspiel Köln, den Münchner Kammerspielen, dem Staatstheater Stuttgart, dem Schauspiel Frankfurt und weiteren renommierten Bühnen im deutschsprachigen Raum.

2004 wird Heller für ihre Handke-Inszenierung "Untertagblues" von der Kritikerjury der Fachzeitschrift "Theater heute" zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt. Im folgenden Jahr gastiert sie damit auch beim Nachwuchsregie-Festival "Radikal jung" in München. Mit der Handke-Arbeit "Die Unvernünftigen sterben aus" ist Heller 2006 beim "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele vertreten.

Über ihre freie Regietätigkeit hinaus arbeitet sie ab der Spielzeit 2009/10 als geschäftsführende Dramaturgin der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, wo sie seither auch eigene Inszenierungen realisiert.

Porträt: Friederike Heller

Der 1974 geborenen Regisseurin Friederike Heller wurde zu Beginn ihrer Karriere ein ungewöhnliches Etikett angeheftet: Sie galt als scharfsichtige Zweitaufführerin. Hatte ein namhafter Regisseur der Generation fünfzig plus gerade ein renommeeträchtiges Werk urinszeniert, warf sie wenige Tage später einen unverbrauchten, kritischen und vergleichsweise respektlosen zweiten Blick darauf. Zu Recht attestierten die Rezensenten ihrer Version oft mehr Intelligenz und szenischen Witz als der Uraufführung.

So verhielt es sich schon bei Hellers erster Inszenierung nach dem Studium der Schauspielregie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater im Jahr 2000. Frank Castorf hatte gerade Michel Houellebecqs "Elementarteilchen" – seinerzeit der Skandalroman par excellence – an der Berliner Volksbühne herausgebracht. Die damals 26-jährige Heller, die den Roman eigentlich schon für ihre Diplominszenierung adaptieren wollte, als Berufsanfängerin im Wettrennen um die Uraufführungsrechte aber chancenlos geblieben war, durfte knapp zehn Tage später nachziehen. Im Dresdner Theater in der Fabrik (TIF), der einstigen jungen Experimentierbühne des dortigen Staatsschauspiels, setzte sie Castorfs Vier-Stunden-Marathon einen prägnanten 90-Minüter entgegen.

Bereits hier zeigten sich viele Qualitäten, die ihren Regiestil bis heute ausmachen: Statt sich hoffnungslos im Bebilderungsversuch des Mammutwerks zu verirren, destillierte Friederike Heller mutig ihre ureigene Version für drei Schauspieler aus der personalstarken Vorlage heraus. Die beiden wichtigsten Handlungsträger – den sexbesessenen Bruno und seinen frigiden Bruder Michel, der sich lieber biogenetischen Forschungen hingibt als Menschen - vereinte sie zu einem ambivalenten Charakter namens Bruno-Michel und machte ihn als letzten Vertreter der Spezies Mensch zum Forschungsobjekt zweier geklonter Wissenschaftlerinnen in einem Labor der Zukunft.

Mit diesem Schachzug transportierte die Regisseurin nicht nur die wissenschaftliche Ebene und die düstere Endzeitstimmung des Romans wie nebenbei mit auf die Bühne. Sondern sie verschob den Fokus auch so radikal wie unverkrampft von der ursprünglich männlichen zu einer weiblichen Erzählperspektive und bewies damit – ein weiteres grundlegendes Merkmal ihrer Arbeit – ein hohes Maß an spielerischer Ironie. Schließlich nahm die Setzung, das Geschehen von geradezu anarchisch spielfreudigen Laborantinnen eines künftigen Zeitalters Revue passieren zu lassen, Houellebecqs Romanbotschaft "Die Zukunft ist weiblich" quasi wörtlich - und führte sie mit entsprechendem Witz ad absurdum.

Der Durchbruch vom viel versprechenden Talent zu einer der prägendsten Regisseurinnen der jüngeren Generation gelang Heller dann mit ihrer zweiten Zweitaufführung: Peter Handkes "Untertagblues", in dem ein Misanthrop den Mitpassanten in einer U-Bahn seinen geballten Weltekel entgegen schleudert. Wiederum nur wenige Tage nach der Urinszenierung – diesmal durch Claus Peymann, der das "Stationendrama" am Berliner Ensemble mit mehr als 30 Schauspielern in einem realen U-Bahn-Zügen nachempfundenen Szenario aufgeführt hatte – zeigte sie ihre Version am Akademietheater der Wiener Burg. Der "wilde Mann" wurde zum narzisstischen Alleinunterhalter, der seinen oft selbstmitleidigen Monolog virtuos in einem Spiegelkabinett vorführte; Diskolicht, Live-Musik und Tanz- bzw. Gesangsintermezzi inklusive. Zudem schloss Heller das Stück formal mit Handkes 1966 uraufgeführter "Publikumsbeschimpfung" kurz: Die Zuschauer ersetzten gleichsam die stummen Mitfahrer, an die der "wilde Mann" seine Hasstiraden adressierte. Damit erhielt ein weiteres wichtiges Element Einzug in Hellers Arbeit: Die dezidierte Auseinandersetzung mit der "vierten Wand", die sie seither immer konsequenter zu öffnen sucht.

"Untertagblues" bescherte Heller nicht nur eine Einladung zum Nachwuchsregie-Festival "Radikal jung" sowie den Titel "Nachwuchsregisseurin des Jahres" in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift "Theater heute". Sondern zur "scharfsichtigen Zweitaufführerin" kam noch das Label der "Handke-Spezialistin" hinzu, die gleich im Anschluss am Burgtheater dessen Stücke "Die Unvernünftigen sterben aus" (in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen) und "Spuren der Verirrten" aufführen durfte.

Die Spannung zwischen der kindlichen Lust an Theaterfiguren bzw. Spielformen auf der einen und dem Anspruch intellektueller Durchdringung und konzeptioneller Strenge auf der anderen Seite, die den spezifischen Reiz von Heller-Inszenierungen ausmacht, scheidet freilich die kritischen Geister: Christopher Schmidt etwa lobte angesichts der "Spuren der Verirrten" in der "Süddeutschen Zeitung", wie "federleicht" Heller und ihre Akteure "den schwersinnigen Text ... vom Kopf auf die Füße gestellt" hätten. Martin Lhotzky von der "FAZ" hingegen konstatierte enttäuscht, wie wenig der Inszenierung zu Handkes "Steilvorlage" eingefallen sei: Bloßes "Phrasendreschen" und "allerlei Schabernack".

Die Regisseurin selbst verordnete sich nach dieser Arbeit eine "Handke-Pause" und wandte sich wieder verstärkt Roman-Vorlagen zu. "Ich mag es, dass Prosatexte die Frage nach der Bühnenbehauptung umspielen", erklärte sie einmal. "Ich möchte im Theater nicht psychologisch überrannt werden." Zudem kommen komplexe Vorlagen, die man sich "dramaturgisch besser `zubereiten` kann als Stücke", Hellers Vorliebe für das "Herauslesen eigener Perspektiven" aus Texten entgegen. Als Roman-Adapteurin hat sie bereits den Kosmos von Elias Canettis "Blendung" über Iwan Turgenjews "Väter und Söhne" bis zu Thomas Manns "Zauberberg" vermessen. Ihre Bühnenversion von Goethes "Wilhelm Meister" gehörte zu den Inszenierungen, mit denen Wilfried Schulz zum Saisonauftakt 2009/10 seine Intendanz am Staatsschauspiel Dresden eröffnete.

Gleichzeitig arbeitet Friederike Heller seit jener Spielzeit neben ihrer Regietätigkeit auch als geschäftsführende Dramaturgin an der Berliner Schaubühne. Zugrunde liegt der Wunsch, über das Inszenieren hinaus "ein Haus von innen kennen zu lernen" - durchaus auch mit der gedanklichen Perspektive, "vielleicht einmal selbst ein Theater zu leiten".

Christine Wahl

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • William S. Burroughs, Tom Waits, Robert Wilson "The Black Rider"
    2012, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • M. de Voltaire "Candide"
    2011, Residenztheater, München
  • Gerhart Hauptmann "Einsame Menschen"
    2011, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Paul Brodowsky "Regen in Neukölln"
    2011, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Sophokles "Antigone"
    2011, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Bertolt Brecht "Der gute Mensch von Sezuan"
    2010, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin,
  • Johann-Wolfgang Goethe »Wilhelm Meister«
    2009, Staatsschauspiel Dresden
  • »Dann heul doch (eine szenische Installation zu Postfeminismus)«
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Botho Strauß »Trilogie des Wiedersehns«
    2009, Schauspiel Stuttgart
  • »Doktor Faustus – my love is as a fever
    2008, Akademietheater, Wien
  • Rafael Spregelburd »Die Dummheit«
    2007, Schauspiel Stuttgart
  • Peter Handke, »Spuren der Verirrten«
    2007, Akademietheater, Wien
  • Thomas Mann »Zauberberg«
    2007, Schauspiel Frankfurt
  • Nach Iwan Turgenjew »Väter und Söhne«
    2006 Schauspiel Stuttgart
  • Peter Handke »Die Unvernünftigen sterben aus«
    2006, Akademietheater, Wien
  • Elias Canetti »Die Blendung«
    2005, Schauspielhaus, Graz
  • DBC Pierre »Jesus von Texas«
    2005, Schauspielhaus, Köln
  • Peter Handke »Untertagblues«
    2005 Akademietheater, Wien
  • Anton Tschechow »Iwanow«
    2004, Deutsches Theater Göttingen
  • Viktor Pelewin "Generation P"
    2004 TIF Dresden
  • Kathrin Röggla »fake reports«
    2003 Schauspiel Köln
  • Neil La Bute »Tag der Gnade«
    2003 Akademietheater, Wien
  • Igor Bauersima »Norway today«
    2002 Münchner Kammerspiele
  • Nach Robert Anton Wilsson "Die Illuminaten"
    2002, TIF Dresden
  • Marcel Luxinger "BONDage-Agent entfesselt"
    2001, TIF Dresden
  • Nach Michel Houllebecq "Elementarteilchen"
    2000, TIF Dresden