Karin Henkel


© Volker Wiciok
Geboren 1970 in Köln, aufgewachsen in Köln und Lübeck. Nach abgebrochenem Studium Regieassistenzen u.a. bei George Tabori, Regiedebüt 1993. Erste Erfolge am Wiener Burgtheater, 1996 Wechsel ans Bochumer Schauspielhaus. Seit Ende der Neunziger arbeitet die Regisseurin an diversen Stadt- und Staatstheatern, etwa in Leipzig, Zürich und Hamburg, später auch an den Münchner Kammerspielen und in Frankfurt/Main. Eine erste Einladung zum Berliner Theatertreffen erhält sie 2006 mit „Platonow“, entstanden am Staatstheater Stuttgart. 2008 inszeniert sie zum ersten Mal für die Intendantin Karin Beier am Schauspiel Köln. Mit ihr kehrt Henkel 2013 auch ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg zurück, ihr „John Gabriel Borkman“ wird zum Theatertreffen 2015 eingeladen. Es ist die fünfte Einladung in Folge für die Regisseurin.
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Porträt: Karin Henkel

Fünfmal in Folge, von 2011 bis 2015, zum Berliner Theatertreffen eingeladen zu sein – das hat vor Karin Henkel noch keine Frau geschafft. Ihre Karriere begann bereits mit einem Rekord: 1994 war sie die jüngste Regisseurin, die je in einer Spielstätte des Burgtheaters inszenieren durfte, Elfriede Jelineks „Die Ausgesperrten“. Trotz solcher Pioniertaten gilt Karin Henkel nicht als Star des deutschen Regietheaters – weil sie sich selbst nicht so inszeniert. Ihr Auftreten ist unprätentiös, Publikumsgespräche und Interviews absolviert sie freundlich-professionell, und über ihr Privatleben weiß man nur, dass sie in Berlin lebt, wenn sie nicht gerade beruflich unterwegs ist.

Die Regisseurin lässt lieber ihre Arbeit für sich sprechen. Die aber ist auch nicht so leicht auf einen Begriff zu bringen: Henkel war in den zwei Jahrzehnten ihrer Karriere nie Hausregisseurin an einem Theater, sie hat sich ihr Publikum ständig neu erobert. Und ihre Theatersprache wechselt – deutlicher als bei anderen Regisseuren – je nach Stück den Akzent. Dem Unberechenbaren Raum zu geben, ist ihre erklärte Absicht, eingeschlossen die Möglichkeit zu scheitern. Wenn sie so etwas wie ein Markenzeichen hat, dann ist es, dass sie extrem vom Stück her denkt, was immer wieder auch zu überraschenden räumlichen Lösungen führt. So brachte sie bei ihrer „Elektra“-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus (2012) nicht nur verschiedene Varianten des Stoffs (von Aischylos bis von Hofmannsthal) zusammen, sondern zeigte das Stück auch aus zwei verschiedenen Perspektiven: die Hälfte des Publikums blickte auf den Atriden-Clan im Inneren des Palastes, die andere Hälfte sah das Stück aus der Sicht von Elektra und Orest draußen vor dem Palast. Nach der Pause wurde gewechselt.

Für „Amphitryon und sein Doppelgänger“, 2013 ebenfalls in Zürich entstanden und 2014 sowohl zum Theatertreffen eingeladen als auch in der Kritikerumfrage von Theater heute zur „Inszenierung des Jahres“ gewählt, arbeitete sie mit einer Bühne auf der Bühne und trieb Kleists Spiel mit den Identitäten auf die Spitze, indem sie alle Figuren vervielfachte und sogar während der Dialoge zwischen den Bühnen wechseln ließ. Aus einem gut zweihundert Jahre alten Stück wurde so ein rasantes, raffiniertes Verwechslungsspiel für eine Gegenwart, in der jeder größten Wert auf Individualität legt, in Wahrheit aber keiner mehr unverwechselbar ist. Sie selbst ist dafür ein gutes Beispiel: Immer wieder und noch immer wird sie mit Karin Beier verwechselt, die als Intendantin erst am Kölner Schauspiel und inzwischen am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg auch mit Inszenierungen von Karin Henkel regelmäßig große Erfolge feiert. Die Verwechslung nimmt Henkel mit dem ihr eigenen uneitlen Humor.

Für den Erfolg ihrer Inszenierungen sind nicht einzelne Schauspieler entscheidend, sondern das Ensemble ist der Star. Das kann dennoch für einzelne zum Karrierekick werden, wie etwa für Lina Beckmann, die bei Henkel am Kölner Schauspiel u.a. den naiven Außenseiter Myschkin in Dostojewskis „Der Idiot“ spielte und dann die pragmatisch-verzweifelte Frau John in Hauptmanns „Die Ratten“, Henkels Beitrag zum Theatertreffen 2013.
Dass Frauen bei ihr häufig Männerrollen spielen, ist nur insofern eine feministische Botschaft, als die Regisseurin bei der Suche nach interessanten Rollen für eine Schauspielerin, mit der sie gern arbeiten möchte, nach eigener Aussage häufig einfach bei Männerrollen landet. Und da es für sie beim Theater immer um das „Er-Spielen der Rolle“ geht, spielen Geschlecht und Alter des Schauspielers erstmal keine. Für Henkels Figuren gilt, was die Regisseurin über ihre „Macbeth“-Darstellerin Jana Schulz geschrieben hat (2011, Münchner Kammerspiele): Sie sind „jenseits der konkreten Lesbarkeit. Umso mehr möchte man als Zuschauer in ihren Kopf hineinsehen.“
Bei Macbeth blickte man in den Kopf eines vom Krieg traumatisierten großen Jungen, der sich von seiner skrupellosen Frau dominieren ließ. Kontrastiert war diese innerliche Wucht von einem skizzenhaft-leichten Bühnenbild und einem überaus komischen Mörder-Duo.

Auf die Leichtigkeit, die Offenheit, den Witz von Karin Henkels Inszenierungen, die immer wieder auch die Theatersituation reflektieren und sich bei der Ausstattung die Freiheit nehmen, sich nicht unbedingt auf eine Zeit festzulegen, muss man sich einlassen. Wer es nicht tut, wird ihre Arbeiten möglicherweise als zu beliebig abtun.
Aber auch ihren Kritikern dürfte nicht entgehen, zu welchen Höchstleistungen Karin Henkel ihre Schauspieler bringt. In „John Gabriel Borkman“, der Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus, mit der die Regisseurin zum Theatertreffen 2015 eingeladen ist, spielt Josef Ostendorf die Titelrolle, Julia Wieninger seine Frau, Lina Beckmann deren Schwester. Man blickt in alle drei Köpfe gleichermaßen und sieht jede Menge Aggressionen, Zwänge und Unglück. Henkel nimmt die selbstverschuldete bürgerliche Tragödie aber nicht ernster als nötig und zeigt die drei als Untote, gefangen in einer Vergangenheit, die sie am Leben hindert. Die Regisseurin hat sich mit dieser Inszenierung ein Haus erobert, an dem sie früher nicht immer erfolgreich war. Scheitern als Chance, das ist bei ihr kein Spruch.

Anke Dürr

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Bernard-Marie Koltès "Roberto Zucco"
    2015, Schauspielhaus, Zürich
  • Henrik Ibsen "John Gabriel Borkman"
    2014, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
    Eingeladen zum Berliner Theatertreffen"
  • Lars von Trier "Dogville"
    2014, Schauspiel Frankfurt
  • Nach Heinrich von Kleist "Amphitryon und sein Doppelgänger"
    2013, Schauspielhaus, Zürich
    Eingeladen zum Berliner Theatertreffen
  • Nach Hugo von Hofmannsthal/Sophokles/Aischylos/Euripides "Elektra"
    2013, Züricher Schauspielhaus
  • Gerhart Hauptmann "Die Ratten"
    2012, Schauspiel Köln
  • Nach Fjodor Dostojewski "Der Idiot"
    2012, Schauspiel Köln
  • Ödön von Horváth "Geschichten aus dem Wiener Wald"
    2012, Züricher Schauspielhaus
  • Henrik Ibsen "Die Wildente"
    2011, Schauspiel Frankfurt
  • William Shakespeare "Macbeth"
    2011, Münchner Kammerspiele
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2011, Schauspiel Köln
    Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Maxim Gorki "Sommergäste/Nachtasyl"
    2010, Münchner Kammerspiele
  • Euripides "Alkestis"
    2010, Schauspielhaus Zürich
  • Anton Tschechow "Drei Schwestern"
    2009, Schauspiel Frankfurt
  • Molière "Der Menschenfeind"
    2009, Schauspiel Köln
  • Choderlos de Laclos "Gefährliche Liebschaften"
    2009, Deutsches Theater, Berlin
  • Gotthold Ephraim Lessing "Minna von Barnhelm"
    2008, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg"
  • Heinrich von Kleist "Amphitryon"
    2007, Schauspielhaus Düsseldorf
  • Arthur Schnitzler "Die Komödie der Verführung"
    2007, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Franz Molnár "Liliom"
    2007, Staatstheater Stuttgart
  • Gerhart Hauptmann „Die Ratten“
    2006, Schauspiel, Leipzig
  • Edward Albee „Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?“
    2005, Schauspielhaus, Düsseldorf
  • Anton Tschechow „Platonow“
    (Eingeladen zum Berliner Theatertreffen)
    2005, Schauspiel, Stuttgart
  • William Shakespeare "König Lear"
    2005, Theater Bremen
  • Arthur Schnitzler "Das weite Land"
    2004, Schauspielhaus Zürich
  • Ödön von Horvath "Glaube, Liebe, Hoffnung"
    2003, Schauspielhaus Bochum
  • Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“
    2003, Theater Bremen
  • Elfriede Jelinek „In den Alpen“
    2003, Theater Bremen
  • Lukas Bärfuss „Vier Bilder von der Liebe“
    2002, Schauspielhaus Bochum
  • Maxim Gorki „Sommergäste“
    2001, Schauspiel Leipzig
  • August Strindberg „Rausch“
    2000, Schauspielhaus Bochum
  • William Shakespeare „Heinrich IV.“
    1999, Volksbühne Berlin im Prater
  • Georg Büchner „Woyzeck“
    1999, Schauspielhaus Zürich
  • Michael Frayn „Der nackte Wahnsinn“
    1997, Schauspielhaus Bochum
  • Eugene O’Neill „Eines langen Tages Reise in die Nacht“
    1996, Schauspielhaus Bochum
  • Friedrich Schiller „Kabale und Liebe“
    1995, Burgtheater Wien
  • Arthur Miller „Hexenjagd“
    1994, Akademietheater Wien
  • Coline Serreau „Hase Hase“
    1993, Hessischen Staatstheater Wiesbaden