Susanne Kennedy

Susanne Kennedy © Jan Versweyveld
Susanne Kennedy © Jan Versweyveld
Susanne Kennedy © Jan Versweyveld


Geboren 1977 in Friedrichshafen. Regiestudium in Amsterdam an der Hogeschool voor de Kunsten. Im Anschluss zahlreiche Inszenierungen in den Niederlanden, u.a. Stücke von Ibsen, Jelinek und Fassbinder, v. a. am Theater Gent und am National Theater in den Haag. Mehrere Einladungen zum Niederländischen Theatertreffen. Seit 2009 Regiearbeiten auch in Deutschland. 2013 Nachwuchsregisseurin des Jahres in der Kritikerumfrage von Theater heute. 2014 Einladung zum Berliner Theatertreffen mit „Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer. Dort ausgezeichnet mit dem 3sat-Preis für eine künstlerisch-innovative Leistung.

    Susanne Kennedy: Porträt

    Susanne Kennedy © Jan VersweyveldIst Susanne Kennedy überhaupt eine deutsche Regisseurin? Geboren wurde sie 1977 in Friedrichshafen, ausgebildet aber an der Hogeschool voor de Kunsten in Amsterdam. Dort, erzählt Kennedy, „galt meine Art Theater zu machen immer als deutsch.“ Bei ihren ersten Inszenierungen in der Heimat (u.a. „Platz der Republik“ von Katharina Schmitt, Oldenburg 2009) stellte sich dennoch kein Gefühl des Nach-Hause-Kommens ein. Im Gegenteil: „Ich empfand das eher so, als käme ich in die Fremde“. Allein wie deutsche Schauspieler sprechen - „Aus voller Brust. Wie viel Luft da drin ist!“ - war für sie schwer gewöhnungsbedürftig. Im holländischen Theater würde nicht nur viel körperlicher gespielt, sondern auch weit natürlicher gesprochen. Insofern war es überraschend, dass Susanne Kennedy das Ensemble ihrer ersten großen Regiearbeit in Deutschland definitiv nicht zu einem möglichst natürlichen Ton angehalten hat. In „Fegefeuer in Ingolstadt“ an den Münchner Kammerspielen, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2014, trieben die Schauspieler den Kunstdialekt Marieluise Fleißers in maximale Künstlichkeit. Dabei schienen sie sich förmlich zu krümmen unter den Worten. „Mich interessiert, wie Sprache körperlich wird“, erklärt Susanne Kennedy. Dass sie in „Fegefeuer“ die Sprache gleichzeitig von den Körpern der Schauspieler löste - sämtliche Dialoge wurden von Tonband eingespielt, die Darsteller sprachen stumm, aber lippensynchron mit - steht dazu nur scheinbar im Widerspruch. Wie ferngesteuert sonderten die Fleißerschen Figuren zwar ihre Gemeinplätze und Gemeinheiten ab, in ihren wächsern geschminkten Gesichtern und verkrampften Leibern jedoch hatte die boshafte Sprache unübersehbare Spuren hinterlassen. Ihre psychische Deformation: hier wurde sie physisch. Susanne Kennedy spricht von einem „Menschenbild“, das sie auf der Bühne sichtbar macht.

    Nicht wenige Zuschauer reagierten schwer irritiert auf diese Kleinbürger-Zombies, die Kennedy in einem Alptraum-Raum ausgesetzt hatte, der dank flimmernder Videoprojektionen ein unheimliches Eigenleben führte. Bei der Premiere setzte es dafür Buhs und Bravos. Die Regisseurin war überrascht, aber auch erfreut: „Die Energie, wie die Leute ihre Aufregung gezeigt haben, das fand ich großartig! Diese absolute Leidenschaft habe ich in Holland manchmal vermisst.“ Übrigens auch bei den Schauspielern. Wie deutsche Darsteller auf dem Theater reden, wundert sie zwar immer noch. Wie sie aber über Theater reden, mit Hingabe und enormem Wissen – davon ist restlos begeistert. Gründe genug, ihre Arbeit in Deutschland fortzusetzen.

    In „Warum läuft Herr R. Amok?“ (2014, abermals Münchner Kammerspiele) nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler knüpfte Susanne Kennedy an ihre Fleißer-Inszenierung an. Wieder wurde in einem beklemmendem Raum gespielt - diesmal ein mit Nut und Federbrettern verkleideter, trostloser Partykeller; wieder hatten die Figuren etwas Zombiehaftes - diesmal durch gespenstische Silikonmasken, die ihnen die Überforderung mit dem Leben ins Gesicht schrieben; und wieder lief die Aufführung im Vollplayback ab, wobei diesmal die Drehbuchdialoge, die fast vollständig aus belanglosem Alltags-Bla-Bla bestehen, von Laien eingelesen wurde. Durch deren amateurhaften Duktus, schwankend zwischen Monotonie und Überbetonung, bekamen die geballten Banalitäten etwas geradezu schmerzhaft Triviales. Susanne Kennedy zeigte die Geschichte des Herrn R., der seine Familie erschlägt, nicht als Fallstudie eines sozialen Außenseiters. Wenn es eine Antwort gibt auf die Frage nach dem Warum seines Amoklaufs, dann liegt sie in der bis zur Unerträglichkeit ausgewalzten Alltäglichkeit seines Tun und Treibens, in der der Zuschauer auch die Nichtigkeit seiner eigenen Existenz gespiegelt sehen konnte. Das war mitunter quälend. Aber gerade das Quälende machte die Qualität dieser Arbeit aus. „Mich interessieren Zustände“, sagt Susanne Kennedy. Die Handlung tritt demgegenüber in den Hintergrund. Weshalb ihre Inszenierungen oft wie Installationen wirken, geprägt von einem starken Formwillen und klaren Konzepten. Das war es, was an ihr in Holland als besonders deutsch galt.

    Mit dem Label Installation kann sich Susanne Kennedy durchaus anfreunden. Die Grenzen des Theaters hin zu anderen Kunstformen zu weiten, ist ihr ein Anliegen. Das Wort Formwille aber bereitet ihr Unbehagen, klingt ihr zu rational. „Ich versuche wie ein Bildhauer Zeit und Raum eine Form zu geben - aber aus seinem starken Gefühl heraus.“
    Christoph Leibold

    Inszenierungen (Auswahl)

    Susanne Kennedy © Jan VersweyveldRainer Werner Fassbinder „Warum läuft Herr R. Amok?“
    2014, Münchner Kammerspiele
    Eingeladen zum Berliner Theatertreffen

    Susanne Kennedy/Jeroen Versteele nach Horace McCoy
    „They shoot horses, don't they?“
    2011, Münchner Kammerspiele

    Marieluise Fleißer „Fegefeuer in Ingolstadt“
    2013, Münchner Kammerspiele
    Eingeladen zum Berliner Theatertreffen

    Katharina Schmitt „Platz der Republik“
    2009, Staatstheater Oldenburg