Stephan Kimmig


© Arno Declair
Geboren 1959 in Stuttgart. 1981 – 1984 Ausbildung zum Schauspieler an der Neuen Münchner Schauspielschule; anschließend Regieassistenzen am Berliner Schillertheater. Von 1988 bis 1996 lebt Kimmig in Amsterdam und inszeniert als freier Regisseur in der niederländischen und belgischen Off-Theater-Szene.

1991 engagiert ihn der Intendant der Städtischen Bühnen Freiburg, Friedrich Schirmer, erstmals wieder in Deutschland. Als Schirmer die Leitung des Schauspiels Stuttgart übernimmt, wird Kimmig von 1998 bis 2000 dort fester Regisseur. Seither Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin, den Münchner Kammerspielen, dem Wiener Burgtheater sowie regelmäßig am Thalia Theater Hamburg unter der Intendanz von Ulrich Khuon, dem Kimmig 2009 als Hausregisseur ans Deutsche Theater Berlin folgt. Im gleichen Jahr unternimmt er an der Bayerischen Staatsoper München erstmals einen Ausflug in die Musiktheaterregie.

Stephan Kimmigs Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Neben regelmäßigen Einladungen zum Berliner Theatertreffen erhielt der Regisseur unter anderem den Wiener Nestroy-, den Rolf-Mares- und den Faust-Preis sowie – zusammen mit seiner Ehefrau, der Bühnenbildnerin Katja Haß - den 3sat-Innovationspreis.
2011 wird er mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST für die Inszenierung "Kinder der Sonne" geehrt.

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Porträt: Stephan Kimmig

„Die große Welt“, ist Stephan Kimmig überzeugt, „lässt sich am besten in der kleinen Beziehungshaftigkeit abbilden“. Wenn Menschen im Privaten die sozialen Rollen abstreifen, die ihnen das Tagesbusiness gewöhnlich abverlangt, trete „das Zerrissene, Labile, Poröse“ besonders deutlich hervor. Deshalb spiegeln sich in Kimmigs Arbeiten gesellschaftliche Makro- immer wieder in familiären Mikrostrukturen; ganz gleich, ob er Kanon-Klassiker oder Gegenwartsdramatik inszeniert.

Dieser Zugriff prädestiniert den 1959 geborenen Regisseur geradezu für ein Stück wie Lukas Bärfuss` „Öl“, das er – als neuer Hausregisseur - zur Eröffnung von Ulrich Khuons Intendanz 2009 am Deutschen Theater uraufführte. „Öl“ importiert die globalen Fragen nach Ressourcenausbeutung, Wirtschaftsimperialismus und europäischer Profitgier gleichsam an den Abendbrottisch des deutschen Akademiker-Ehepaares Eva und Herbert, das seit geraumer Zeit in einem fiktiven Land der Dritten Welt lebt, weil Herbert dort nach Ölvorkommen sucht. Nach dem Vorbild kanonischer Ehetragödien inszenierte Kimmig den Stoff als subtiles Psychodrama, wobei die Macht-, Ausbeutungs- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den Partnern immer wieder auf die weltumspannenden gesellschaftspolitischen Zusammenhänge verwiesen und umgekehrt.

Was die Stückwahl betrifft, lassen sich bei Kimmig keinerlei historische Präferenzen erkennen: Sein Spektrum reicht von der Antike über die europäischen Klassiker bis hin zu Moderne und Gegenwart. Dabei ist ihm allerdings kein sofort wieder erkennbarer Regiestil zu eigen. Der gebürtige Stuttgarter gehört zweifellos zu den wandlungsfähigsten Künstlern seines Fachs. Sein erklärtes Credo, dem „Offensichtlichen“, mithin dem allerersten Interpretationsimpuls, zu misstrauen, um die Komplexität der Textvorlagen und die Widersprüche ihrer Figuren nicht kurzsichtig einzuebnen, hat ihn zu ästhetisch sehr unterschiedlichen Ergebnissen geführt. In seiner Inszenierung „Kabale und Liebe“ 2010 am Deutschen Theater vertraute er zum Beispiel werktreu auf den Schiller-Text und überließ die Vergegenwärtigung der Standeskonflikte ausschließlich dem Spiel seiner Darsteller sowie einer vergleichsweise zeitlosen Ausstattung. Der Kontrast zu einer Arbeit wie „Viel Lärm um nichts“ 2002 im Hamburger Thalia Theater könnte nicht deutlicher ausfallen. Dort verknüpfte Kimmig das Shakespeare-Stück mit Rainald Goetz` „Jeff Koons“ zu einer Art Techno-Farce mit Spitzen gegen die Spaßgesellschaft im Allgemeinen und die SMS-Generation im Besonderen.

Doch ganz gleich, auf welchem Weg: Bis jetzt ist jede antike Tragödie, jeder Klassiker bei Stephan Kimmig dezidiert in der Gegenwart angekommen. Die Nahsicht, glaubt der Regisseur, ermögliche wesentlich tiefere Einsichten als der distanzierte Blick. „Stoffe werden größer, dringender und erfahrbarer, je intensiver ich sie heranrücke.“ Das „frei bleibende, kunsthafte, ätherische Etwas“ ist seine Sache nicht. So ließ Kimmig den archaischen Bruderkampf innerhalb der Tantaliden-Sippe in seiner „Thyestes“-Inszenierung 2001 am Staatstheater Stuttgart von einer Reporterin mit Mikrofon und Laptop kommentieren. Henrik Ibsens „Nora“ fand sich ein Jahr später am Hamburger Thalia Theater in einer ganz und gar zeitgenössischen Durchschnittsehe wieder. Ohne plakative Modernisierungsmaßnahmen gelang es Kimmig in dieser Erfolgsinszenierung, den emanzipatorischen Aufbruchs-Impetus von damals hin zu einer aktuellen, quasi postfeministischen Entscheidungsunfähigkeit zwischen anstrengender Selbstverwirklichung und pragmatischem Beziehungsluxus zu verschieben: Im Gegensatz zu Ibsen lässt Kimmig offen, ob Nora ihren Mann am Schluss tatsächlich verlässt. Zwar kündigt sie es noch an, zieht sich dann aber erst einmal für eine Zigarette – und das Schlussbild - auf die Dachterrasse zurück. Friedrich Schillers „Maria Stuart“ wiederum schnallte der Regisseur - ebenfalls am Hamburger Thalia Theater - 2007 auf einem Guantanámo-Assoziationen weckenden Gefängnisstuhl fest, während ihre Kontrahentin Elisabeth sich in einem kalten, gläsernen Konferenzraum gegen eine männlich dominierte Führungselite zu behaupten suchte. Wie die meisten Kimmig-Szenarien wurde diese Schaltzentrale der Macht von der mit dem Regisseur verheirateten Bühnenbildnerin Katja Haß entworfen.

Dass diese Dramen-Vergegenwärtigungen, die Stephan Kimmig zu einem Stammgast des Berliner Theatertreffens machten, allerdings auch scheitern können, zeigte zum Beispiel die Grillparzer-Inszenierung „Das goldene Vließ“ 2004 am Wiener Burgtheater. Zwar wurde diese Arbeit mit dem Wiener Nestroy-Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Dennoch schlug hier zumindest in der Wahrnehmung vieler Kritiker der Versuch, den Medea-Mythos mit Discomusik, Medea als „ewigem Teenager“ und einem „erdnusskauenden Chef Kreon“ (FAZ) ins Heute zu transferieren, allzu oberflächlich in Richtung „Antikensoap“ um.

Stephan Kimmig ist stark geprägt von seinen Berufsanfängen in der freien holländischen und belgischen Theaterszene, wo er nach einer Schauspielausbildung in München und Regieassistenzen am Berliner Schiller-Theater das Regiehandwerk erlernte. Die in Deutschland erst später breit in Mode gekommene Überzeugung, dass hinter der Rolle unbedingt die Schauspielerpersönlichkeit, mithin die Privatperson, sichtbar werden darf, merkt man seinen Arbeiten ebenso an wie die Lust an körperbetonten Darstellungsweisen.

Christine Wahl

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Tracy Lett "August: Osage County"
    2015, Staatstheater Stuttgart
  • Ödön von Horváth "Geschichten aus dem Wiener Wald"
    2014, Münchner Kammerspiele
  • Ferenc Molnár "Liliom"
    2014, Münchner Kammerspiele
  • Fjodor Dostojewski "Der Idiot"
    2013, Schauspiel Frankfurt
  • Michel Houellebecq "Plattform"
    2013, Münchner Kammerspiele
  • Eugen Ruge "In Zeiten des abnehmenden Lichts"
    2013, Deutsches Theater, Berlin
  • Ewald Palmetshofer "räuber.schuldengenital"
    2012, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Franz Xaver Kroetz/Stephan Kaluza "Stallerhof / 3D"
    2012, Staatstheater Stuttgart
  • Yasmina Reza "Ihre Version des Spiels"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Sophokles, Euripides, Aischylos "Ödipus Stadt"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Simon Stephens "Wastwater"
    2012, Burgtheater (Akademietheater), Wien
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Tom Lanoye "Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas"
    2011, Münchner Kammerspiele
  • Eugene O'Neill "Trauer muss Elektra tragen"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Judith Herzberg "Über Leben"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Arthur Schnitzler "Liebelei"
    2011, Schauspiel Frankfurt
  • Maxim Gorki "Kinder der Sonne"
    2010, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Frank Wedekind "Lulu"
    2010, Schauspiel Frankfurt
  • Friedrich Schiller "Kabale und Liebe"
    2010, Deutsches Theater, Berlin
  • Lukas Bärfuss "Öl"
    20098, Deutsches Theater, Berlin
  • Lukas Bärfuss "Amygdala"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Dennis Kelly "Liebe und Geld"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Ödön von Horvath "Kasimir und Karoline"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • William Shakespeare "Rosenkriege"
    2008, Burgtheater, Wien
  • Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht"
    2008, Thalia Theater, Hamburg
  • Tom Lanoye "Mamma Medea"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • Friedrich Schiller "Maria Stuart"
    2007, Thalia Theater, Hamburg
    Einladung Berliner Theatertreffen
  • Ödön von Horvath "Glaube Liebe Hoffnung"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • Nach Pierre Ambroise Francois Choderlos de Laclos/Heiner Müller (“Quartett”)/Christopher Hampton “Gefährliche Liebschaften”
    2006, Gebläsehalle/Landschaftspark Duisburg-Norf, Ruhrtriennale
  • Johann Wolfgang Goethe “Torquato Tasso “
    2006, Burgtheater, Wien
  • John von Düffel nach Thomas Mann „Buddenbrooks“
    2005, Thalia Theater, Hamburg
  • Moritz Rinke „Café Umberto“
    2005, Thalia Theater in der Gaußstraße, Hamburg
  • Heinrich von Kleist “Penthesilea”
    2005, Salzburger Festspiele
  • Lukas Bärfuss "Der Bus"
    2005, Thalia Theater Hamburg
  • Enda Walsh "The New Electric Ballroom"
    2004, Münchner Kammerspiele
  • Henrik Ibsen "Hedda Gabler"
    2004, Thalia Theater Hamburg
  • Aki Kaurismäki „Wolken ziehen vorüber“
    2004, Deutsches Theater Berlin
  • Franz Grillparzer „Das goldene Vließ“
    2004, Burgtheater Wien
  • Thomas Vinterberg / Mogens Rukov „Das Fest“
    2003, Thalia Theater Hamburg
  • Henrik Ibsen „Nora“
    2002, Thalia Theater Hamburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Johann Wolfgang von Goethe „Stella“
    2002, Deutsches Theater Berlin
  • William Shakespeare „Viel Lärm um nichts“
    2002, Thalia Theater Hamburg
  • Hugo Claus nach Seneca „Thyestes“
    2001, Staatstheater Stuttgart, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Harold Pinter „Celebration“
    2001, Thalia Theater Hamburg
  • Moritz Rinke „Republik Vineta“
    UA 2000, Thalia Theater Hamburg
  • Moritz Rinke „Der Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte“
    UA 1999, Staatstheater Stuttgart
  • Albert Camus „Caligula“
    1998, Staatstheater Stuttgart
  • Georg Büchner „Leonce und Lena“
    1997, Staatstheater Stuttgart
  • Botho Strauß „Groß und Klein“
    1997, Theater Heidelberg
  • Hubert Fichte „Hotel Garni“
    1996, Staatstheater Stuttgart
  • Robert Musil „Die Schwärmer“
    1996, Städtische Bühnen Graz
  • „3 x Jan Fabre“
    UA 1995, Staatstheater Stuttgart
  • James Joyce „Anna Livia Plurabelle“
    1991, Theater Freiburg
  • Franz Xaver Kroetz „Lieber Fritz“
    1990, Maastricht / Niederlande
  • Anton Tschechow „Die Möwe“
    1987, Eindhoven / Niederlande