Volker Lösch

Geboren 1963 in Worms. Aufgewachsen in Montevideo / Uruguay. 1986-1989 Ausbildung zum Schauspieler in Kiel und Hamburg; 1989-1995 Schauspieler am Deutschen Theater in Göttingen, am Deutschen Nationaltheater Weimar und am Theater am Neumarkt in Zürich. Seit 1995 ist er ausschließlich als Regisseur tätig. Seine erste Inszenierung, "Gerettet" von Edward Bond, entstand in der freien Szene in Zürich (1995, Theater Rote Fabrik). Er arbeitete an zahlreichen Stadt- und Staatstheatern: in Bern, Bonn, St. Gallen, Berlin, Tübingen, Saarbrücken, Essen, Wuppertal, Graz, Freiburg, Dresden, Düsseldorf, Oberhausen und Stuttgart.

Aufsehen erregte er 2004 mit seiner Inszenierung "Die Weber" nach Gerhart Hauptmann am Staatsschauspiel Dresden, die wegen der umstrittenen Textpassagen eines Dresdner Bürgerchors vom Landgericht Berlin zunächst verboten wurde. Die neue Fassung, die Lösch daraufhin unter dem Titel "Die Dresdner Weber" herausbrachte, wurde von der Zeitschrift "Die deutsche Bühne" 2005 zur "Inszenierung des Jahres" gewählt. Seit der Spielzeit 2005/06 ist Lösch Hausregisseur und Leitungsmitglied am Schauspiel Stuttgart unter der Intendanz von Hasko Weber. Hier hat er sein chorisches Theater weiter getrieben und perfektioniert. Als Gastregisseur inszenierte er weiterhin in Dresden, aber auch am Schauspiel Leipzig und am Schauspielhaus Düsseldorf sowie an der Schaubühne in Berlin.
2012 erhält Volker Lösch den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen.

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Porträt: Volker Lösch

Volker Lösch ist ein dezidiert politischer Regisseur, der mit seinen Arbeiten auf den Bürger und homo politicus im Zuschauer abzielt. Theater ist für ihn ein Forum der gesellschaftlichen Auseinandersetzung - nicht nur ein Ort der Aufklärung, sondern auch ein Ort der Irritation, der Wut und der Auflehnung. "Wir Theaterleute leiden ja alle aufgrund unserer Arbeitsbedingungen an Erfahrungsmangel", sagte er einmal in einem Interview. "Das steckt schon in dem Gegensatz ,wir im Theater´ und , die Gesellschaft draußen´. Als gehörte das Theater nicht zur Gesellschaft ..."

Es ist diese Kluft, die Lösch zu überwinden sucht, indem er seine Inszenierungen fest an der Wirklichkeit andockt, ja, mehr noch: sie direkt aus der gesellschaftlichen Realität heraus schöpft. Die Methode, mit der er dabei verfährt, ist inzwischen nicht nur sein Markenzeichen, sondern fast schon wieder eine eigenständige neue Form von politischem Theater geworden: der Einsatz von Bürger-Chören, Laien, die auf der Bühne ihre politischen Ansichten, ihre Ängste, Sorgen und Lebenserfahrungen artikulieren. Seit dem Tod von Einar Schleef im Jahr 2001 hat niemand mehr den Chor derart explizit, konsequent und kraftvoll als theatralisches Erzählmittel eingesetzt wie Volker Lösch. Doch anders als bei Schleef - oder im Tanztheater von Johann Kresnik - sind es nicht die nationalen Mythen, nicht die Verdrängungen und Verwerfungen der deutschen Geschichte, die mit dem Massenchor gespenstisch martialisch wieder aufmarschieren. Vielmehr ist es tatsächlich Volkes Stimme, die sich bei Lösch entlädt. Es sind Erfahrungen der sozialen Wirklichkeit, die der Regisseur sammelt und in den Bezugsrahmen klassischer Stücke integriert.

Löschs Chor-Theater ist ein Barometer der gesellschaftlichen (Er-)Regungen, ein Theater des Protests und der Ungemütlichkeit. Es opponiert und rebelliert. Es prangert an, deckt auf, wütet und schäumt. Wie einst Bertolt Brecht scheint auch Volker Lösch dem Publikum zuzurufen: "Glotzt nicht so romantisch!" - stattdessen wird der Blick dezidiert auf die Wund- und Schwachstellen unserer marktwirtschaftlichen Demokratie und ihrer gesellschaftlichen Ausformungen an Ort und Stelle gelenkt. Denn Löschs Theater hat immer einen lokalen Bezug - es ist Stadttheater in einem lebendigen, kritischen Sinn.

Seinen ersten Laienchor hat Lösch 2003 in seiner Inszenierung der "Orestie" am Staatsschauspiel Dresden eingesetzt: 33 Dresdner Bürgerinnen und Bürger fungierten in den Auseinandersetzungen mit Klytaimnestra und Orest, Elektra und Apollon als Vertreter des Volks - und damit auch als Agenten des Publikums -, agierten als Masse, skandierten, vermittelten und kommentierten. Fünf Monate hatten die Proben gedauert, einstudiert hat die Chorszenen Bernd Freytag, ehemals Chorist bei Einar Schleef. Die erfolgreiche Zusammenarbeit wurde ein Jahr später fortgesetzt: In Gerhart Hauptmanns Sozialdrama "Die Weber", das vom Elend und dem Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844 erzählt, bildeten die 33 Laien einen authentischen "Chor der Arbeitslosen", der lautstark und voller Wut seine Ängste und Ohnmachtsgefühle angesichts aktueller Arbeitslosigkeit und Hartz IV-Not kundtat. Volker Lösch und sein Dramaturg Stefan Schnabel hatten zuvor Dresdner Bürger nach ihren politischen Ansichten und Visionen befragt und daraus eine unbequeme Textfassung erstellt, die Hauptmanns Stück unmittelbar auf hier und heute, eine Stadt wie Dresden, übertrug. Die Inszenierung - in ihren Mitteln durchaus grobschlächtig und plakativ - schlug ein wie eine Bombe, und die gewaltbereite Drohung, die aus ihr sprach, sorgte für höchste Irritation.

"Die Weber" wurden dann tatsächlich "der Skandal des Jahres", den die Bild-Zeitung gleich nach der Premiere im Oktober 2004 vermeldete. Auf Betreiben des Bühnenverlags Felix Bloch Erben und der Enkelin des Autors, Anja Hauptmann, verhängte das Berliner Landgericht im November 2004 eine einstweilige Verfügung, die es dem Staatsschauspiel Dresden verbot, die Inszenierung zu spielen - eine Entscheidung, die im Januar 2005 vom Gericht bestätigt wurde. Das Einfügen der chorischen Passagen, hieß es, verstoße gegen das Urheberrechtsgesetz und hätte vom Verlag genehmigt werden müssen. Parallel dazu hatte die TV-Moderatorin Sabine Christiansen das Theater verklagt, weil sie sich in einem der Chortexte ("Wen ich sehr schnell erschießen würde, das wäre Frau Christiansen ...") in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Ihr Einspruch wurde jedoch abgelehnt.

Die Dresdner "Weber" ließen sich indessen nicht mundtot machen. Volker Lösch erstellte gemeinsam mit dem Ensemble eine neue, juristisch feuerfeste Fassung, die unter dem Titel "Die Dresdner Weber. Eine Hommage an Gerhart Hauptmann" im Februar 2005 herauskam: ganz ohne Text von Hauptmann, aber doch in dessen Geiste. Die umstrittenen Chorpassagen blieben darin ungekürzt erhalten, in aller Wut und Schärfe, gerahmt von Texten anderer Autoren wie Goethe, Karl Marx oder den Brüdern Grimm. Es war auch ein Abend des Widerstands: politisches Protest-Theater von gesellschaftlicher Brisanz und Relevanz. Nachdem schließlich das Kammergericht Berlin - entgegen den Beschluss des Landgerichts - im Mai 2005 befand, dass das Verbot der ursprünglichen Inszenierung nicht haltbar sei, wurde in Dresden wieder die "alte" Inszenierung gespielt, die inzwischen längst Debatten- und Theaterskandalgeschichte gemacht hatte.

Mit einer Inszenierung von Büchners "Woyzeck" in ähnlicher Manier kehrte Lösch - seit 2005 Hausregisseur am Staatstheater Stuttgart - 2007 noch einmal nach Dresden zurück, "um eine Tiefbohrung in die ostdeutsche Seele" vorzunehmen. Was er dabei in wuchtigen, unbehaglichen Bildern hervorgrub, war nicht nur der Rechtsextremismus der bürgerlichen Mitte, sondern auch ein Gefühl der Angst: Angst vor der Zukunft, dem sozialen Abstieg, Angst vor Übervorteilung, Ausländern, dem globalen Markt. Die Textfassung beruhte auf einer schriftlichen Befragung von 529 Theaterzuschauern und hatte mit den Szenen von Büchner nur noch entfernt zu tun. Einzig die Figuren Woyzeck, Marie und Tambourmajor hat Lösch beibehalten, der Rest war Chorarbeit: ein Chor, der - aufgeteilt in Alte und Junge - auch von der Entfremdung und der mangelnden Kommunikation zwischen den Generationen erzählte.

Seinen Ansatz, Theater lokalpolitisch zu verankern und mit authentischen Stimmen und Befindlichkeiten aus der Bevölkerung zu arbeiten, hat Volker Lösch in den letzten Jahren am Staatstheater Stuttgart, wo er eine der tragenden Säulen der Intendanz von Hasko Weber ist, perfektioniert und variiert. Dass die Stuttgarter von ihm kein Wohlfühltheater zu erwarten haben, machte er schon im April 2005 mit Gogols "Revisor" klar, indem er die russische Korruptionskomödie aus dem Jahr 1835 frech auf Stuttgart hin zuschnitt und eine böse Gesellschafts- und Politfarce daraus machte: eine hochnotkomische Turbo-Satire auf den Turbo-Kapitalismus, der die kommunale Ebene durchseucht. Ähnlich drastisch-kabarettistisch zugespitzt - aber mit weniger Erfolg - verfuhr er 2007 als Gastregisseur in Düsseldorf mit Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame".

Seine Einstandsinszenierung als Hausregisseur in Stuttgart war im Oktober 2005 "Dogville" nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier. Lösch siedelte die Passionsgeschichte der holden Grace im Schwäbischen an, ließ seine Schauspieler einschlägige Volks- und Kirchenlieder singen und kiloweise Äpfel aus dem Remstal zu Mus stampfen, während sie die fremde Grace erst in ihre Gemeinschaft integrieren, dann schändlich erniedrigen und missbrauchen. Die Gewaltszenen lösten bei der Premiere erboste Buhrufe aus, Löschs eindrucksvoll rhythmisiertes, chorisch-gruppendynamisch inszeniertes Veranschaulichungstheater ging dem Publikum direkt unter die Haut. Graces Vater, der am Ende im Parkett erschien, war bei Lösch kein Mafiaboss wie im Film, sondern der ehemalige Chefmanager der Stuttgarter Mercedes-Niederlassung, der mit der naiv argumentierenden Grace-Darstellerin (Dorothea Arnold) einen Disput über Wirtschaft, Kapitalismus und Verantwortung führte. Die Fortsetzung folgt im Juni 2008 mit "Manderlay", dem zweiten Teil von Lars von Triers Amerika-Trilogie, einer Auseinandersetzung mit moderner Sklaverei in Form von Billiglohnkraftausbeutung.

In "Faust 21", einer Auseinandersetzung mit der Gigantomanie wirtschaftlicher Großprojekte auf Grundlage von Goethes "Faust II", brachte Lösch 2006 auch in Stuttgart erstmals einen Bürgerchor auf die Bühne. Er verlinkte Fausts Streben nach Allmacht und Unsterblichkeit mit den Statements von Stuttgarter Bürgern zu Fragen wie "Wovor haben Sie Angst?" oder "Warum sind Kriege notwendig?". Das Wut-Stakkato des Chores hatte auch hier wieder ein enormes Erregungs- und Beeindruckungspotenzial, insgesamt aber lief der Abend auf eine doch eher schlichte und grob assoziierende Globalisierungskritik hinaus. In "Medea" nach Euripides war es ein Chor aus 16 türkischstämmigen Frauen, die Lösch zum Einsatz brachte, und in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", diesem Lehrstück über Massenarbeitslosigkeit und kapitalistischer Geschäftemacherei, ließ er exemplarische Vertreter der Stuttgarter Gesellschaft - vom Oberbürgermeister und VfB-Präsidenten bis hin zum Hartz IV-Empfänger und Armenpfarrer - per Videoeinspielungen zu Wort kommen, während auf der Bühne eine wüste Schlacht mit Leberkäse tobte. Der Gestank des Fleisches zog fast unerträglich ins Parkett. Löschs Johanna stirbt am Ende nicht an ihrer Naivität, sondern schlitzt den Reichen die Gurgel auf, denn: "Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht."

Ästhetisch kann man gegen manche Lösch-Inszenierungen durchaus Vorbehalte haben. Oft geraten sie - wie bei Jelineks "Sportstück" in Leipzig - zu plakativ, bedienen sich aus rohem Agitprop, lassen Feinschliff und Psychologisierung missen. "Sein chorisches Theater bewegt sich zuweilen hart am Rand des Sloganizing. Statt Vielstimmigkeit drängt sich Einsilbigkeit auf", befand Stefan Kister in der "Welt". Doch Wucht, Dynamik, Furor und eine ungeheure Sprengkraft kann man Löschs Arbeiten nicht absprechen. Sie sind widerspenstig und widerständig. Sie fühlen der Gesellschaft den Puls und auf den Zahn. Sie sind Volks-Theater im besten, politischsten, ja radikalsten Sinn.

Christine Dössel

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Giuseppe Verdi "Die Räuber (I Masnadieri)"
    2015, Nationaltheater Weimar
  • Giuseppe Verdi "Macbeth"
    2013, Theater Magdeburg
  • Wolfgang Borchert "Draußen vor der Tür"
    mit Texten aus »Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben« von Sönke Neitzel und Harald Welzer

    2013, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Robert Harris "Angst"
    2013, Theater Basel
  • Beate Seidel/Volker Lösch nach Peter Stripp "Rote Erde"
    2012, Schauspiel Essen
  • Albert Camus "Die Gerechten"
    2012, Staatstheater Stuttgart
  • Volker Lösch/Beate Seidel "AltArmArbeitslos. Die Bremer Stadtmusikanten"
    2012, Bremer Theater
  • Volker Lösch/Beate Seidel "Metropolis/The Monkey Wrench Gang"
    mit Texten von Fritz Lang, Thea von Harbou, Edward Abbey und Stuttgarter Bürger/innen
    2011, Staatstheater Stuttgart
  • Nach Frank Wedekind "Lulu - Die Nuttenrepublik"
    2010, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Nach Texten der Gebrüder Grimm, Hamburger Kindern und deren Eltern
    "Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg"

    2010, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • William Shakespare "Titus Andronicus"
    2010, Staatstheater Stuttgart
  • nach Maxim Gorki "Nachtasyl Stuttgart"
    2009, Staatstheater Stuttgart
  • Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz"
    2009, Schaubühne am Lehniner Platz
  • Max Eipp "Wut"
    2009, Staatstheater Stuttgart
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2009, Staatstheater Stuttgart
  • frei nach Marat/Sade von Peter Weiss "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden ?"
    2008, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Lars von Trier "Manderlay" (DSE)
    2008, Staatstheater Stuttgart
  • Matias Faldbakken "The Cocka Hola Company"
    2008, Staatstheater Stuttgart
  • Georg Büchner "Woyzeck"
    2007, Staatsschauspiel Dresden
  • "Medea" - Projekt nach Euripides
    2007, Staatstheater Stuttgart
  • Nach Friedrich Dürrenmatt "Der Besuch der alten Dame"
    2007, Schauspielhaus Düsseldorf
  • Bertolt Brecht "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
    2006, Staatstheater Stuttgart
  • Elfriede Jelinek "Ein Sportstück"
    2006, Schauspiel Leipzig
  • "Faust 21" nach Johann Wolfgang von Goethe "Faust II"
    2006, Staatstheater Stuttgart
  • Lars von Trier "Dogville" (DSE)
    2005, Staatstheater Stuttgart
  • Nikolai Gogol "Der Revisor"
    2005, Staatstheater Stuttgart
  • Volker Lösch / Ensemble "Die Dresdner Weber. Eine Hommage an Gerhart Hauptmann"
    2005, Staatsschauspiel Dresden
  • Gerhart Hautmann "Die Weber"
    2004, Staatsschauspiel Dresden
  • Carl Sternheim "Die Hose / Der Snob / 1913"
    2004, Staatstheater Stuttgart
  • Henrik Ibsen "Ein Volksfeind"
    2003/04, Theater Oberhausen
  • Aischylos "Die Orestie"
    2003, Staatsschauspiel Dresden
  • Sarah Kane "Zerbombt"
    2001, Schauspiel Bonn
  • Federico García Lorca "Bernarda Albas Haus"
    2000, Schauspielhaus Graz
  • Jean-Paul Sartre "Die schmutzigen Hände"
    1999, Schillertheater NRW / Wuppertal
  • Johann Wolfgang von Goethe "Iphigenie auf Tauris"
    1998, Schauspiel Essen
  • Bertolt Brecht "Im Dickicht der Städte"
    1997, Landestheater Tübingen