David Marton


© Matthias
   Matschke
1975 in Budapest geboren. Von 1994 bis 1999 Klavierstudium an der Franz Liszt Musikakademie in Budapest und der Berliner Universität der Künste. Danach studiert er Dirigieren und Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Im Theater arbeitet er zuerst als Bühnenmusiker für Regisseure wie Frank Castorf, Christoph Marthaler und Árpád Schilling. Seit 2003 entwickelt David Marton eigene Projekte und wird zum Grenzgänger zwischen Schauspiel und Musiktheater. 2009 zum Beispiel inszeniert er am Schauspiel Hannover "Lulu" nach Frank Wedekind und Alban Berg, drei Jahren später an der Berliner Schaubühne "Die Heimkehr des Odysseus" nach Motiven von Claudio Monteverdi.

Sein für die Berliner Sophiensaele erarbeitetes "Fairy Queen, oder hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt" (nach Henry Purcell) wird 2006 zum Züricher Theaterspektakel und 2007 zum Festival Impulse eingeladen. 2009 wählt die Fachzeitschrift Die Deutsche Bühne David Marton zum Opernregisseur des Jahres.
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Porträt: David Marton

Der Vater ist Maler, die Mutter Übersetzerin, der kleine David spielt Klavier. Im Ungarn der ausgehenden 1980er Jahre zeichnet sich bereits der Fall des eisernen Vorhangs ab, da besucht der Zwölfjährige ein Budapester Konservatorium und es sieht so aus, als sei eine Karriere als Pianist vorgezeichnet. Aber, so gibt er heute zu Protokoll, das wäre dann doch eine zu gebundene, zu disziplinierte und einsame Lebensform gewesen. Als David Marton nach 1999 dann für ein Jahr als Klavierstudent an die Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler wechselt, ändert sich auch der Lebensplan. Marton ist Mitte Zwanzig, belegt den Studiengang Dirigieren und Musiktheaterregie, wird Bühnenmusiker und arbeitet für Regisseure wie Frank Castorf, Árpad Schilling und Christoph Marthaler.

Vor allem die Arbeit mit Christoph Marthaler dürfte ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass David Marton auf seinem Weg in die Grenzbereiche von Sprech- und Musiktheater ein gefragter Regisseur und Autor seiner Theaterabende wird. Dass da einer bekannte Bühnenstoffe auf ganz eigene Art erzählt, ist von Anfang an so. 2005 etwa widmet er sich an den Berliner Sohiensaelen Henry Purcells "The Fairy Queen" und hängt ein "oder hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt" an. Der Titel ist Programm und wartet mit der Botschaft auf: Da ist zwar Purcells Musiktheater nach Shakespeares "Sommernachtstraum", danach ging die Theater- und Musiktheatergeschichte aber weiter und ich, David Marton, nehme mir nun die Freiheit, aus all dem meine eigene Bühnenerzählung zu bauen.

Das gilt auch, wenn er sich wie 2008 der Bühne von der Literatur her nähert. Da widmet er sich am Wiener Burgtheater Péter Esterházys K.u.K-Familienepos "Harmonia Caelestis", collagiert literarische Sujets mit musikalischen Arrangements von Haydn, Schubert, Verdi, Bartok, Freejazz, Popsongs und verwendet die Fülle der rhythmischen und klanglichen Assoziationen, die sich bei der Bearbeitung des Romans einstellten. Marton taucht in die Rezeptionsgeschichte klassischer und neoklassischer Stoffe ein und zeigt, dass ihm vor allem die Sujets liegen, die sowohl im Sprech- als auch Musiktheater eine tiefen Abdruck hinterlassen haben.

2009 etwa kombiniert er am Schauspiel Hannover Frank Wedekinds Monstretragödie "Lulu" und das Libretto von Alban Bergs Opernfragment. Mit von der Partie ist, wie auch an anderen Abenden, der Pianist und Arrangeur Jan Czajkowski, Martons künstlerischer Wegbegleiter. Czajkowski gehört zur kleinen Künstlerfamilie, mit der David Marton inzwischen die großen Schauspielbühnen von Berlin bis Wien bespielt und eine kaleidoskopische Entfaltung dessen inszeniert, was sich hinter scheinbar wohl vertrauten Geschichten verbirgt.

Im Fall von Claudio Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in Patria" wird daraus eine zugleich der Vorlage als auch dem Heute verpflichtete Befragung des Zwangszusammenhangs von Liebe und Macht. "Die Heimkehr des Odysseus", 2011 an der Berliner Schaubühne inszeniert, erzählt vom ewig heim- aber nie ankommenden Helden, während Odysseus' Sohn Telemach mit den aufdringlichen Freiern der Mutter wetteifert und Gattin Penelope sich mit weißrotem Absperrband einen kleinen, intimen Bereich im eigenen Palast erhalten will.

Alissa Kolbusch, auch sie gehört zur ständigen Marton-Familie, hat einmal mehr eine Bühne gebaut, die Seelen- und Handlungslandschaft zugleich ist. Auch das ist typisch für David Martons Inszenierungen: Im Verlauf der Proben wird aus der Bühnenerzählung eine Klang- und Raumerfahrung, die den klassischen Figuren eine neue Dringlichkeit gibt.

Christoph Marthaler, sagt David Marton, sei in puncto Musiktheater "das Bedeutendste und Größte der letzten Jahrzehnte" gewesen. Immerhin habe er die Musik und ihre Form ins Zentrum des Theaters gestellt und sie "vom Begleitdienst einer epischen Handlung" befreit. Das Spannende an David Martons Theater ist, dass er doch wieder epische Handlungen inszeniert und das so macht, dass man sich nicht mehr fragt, wo Sprechtheater aufhört und Musiktheater anfängt.
Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • "Doppelgänger"
    Musiktheater nach Motiven von E.T.A. Hoffmann
    2014, Schauspiel Stuttgart
  • "Das wohltemperierte Klavier"
    Musiktheater nach Johann Sebastian Bach
    unter Verwendung des Romans "Melancholie des Widerstands"
    von László Krasznahorkai
    2012, Théâtre de Bobigny M.C. 93, Paris, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • "Rheingold", Musiktheater nach Richard Wagner
    2011, Staatsschauspiel Dresden/Wiener Festwochen
  • "Die Heimkehr des Odysseus", nach Claudio Monteverdi mit Texten von Homer, Giacomo Badoaro, Péter Esterházy, in einer Fassung des Ensembles
    2011, Schaubühne, Berlin
  • Nach Claudio Monteverdi "Die Krönung der Poppea"
    2010, Thalia Theater, Hamburg
  • "Insomnia"
    2009 Königliches Schauspielhaus, Kopenhagen
  • Nach Frank Wedekind und Alban Berg"Lulu"
    2009, Staatsschauspiel, Hannover
  • Nach Péter Esterházy"Harmonia Caelestis"
    2008, Burgtheater, Wien
  • "Don Giovanni - keine Pause"
    2008 Sophiensaele, Berlin
  • Nach Georg Büchner und Alban Berg"Wozzeck"
    2007, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
  • "Café Vaterland. Eine Matthäuspassion", nach Johann Sebastian Bach "Matthäuspassion" und Texten von Werner Heisenberg
    2007, Maxim Gorki Theater, Berlin
  • Nach Valeri Brjussow "Der feurige Engel"
    2006, Sophiensaele, Berlin
  • Nach Henry Purcell"The Fairy Queen, oder hätte ich Glenn Gould nicht kennen gelernt"
    2005, Sohiensaele, Berlin
  • Nach Bertolt Brecht/Paul Dessau "Lukullus Etude", 2005
    Maxim Gorki Theater, Berlin
  • "Nackt, entblößt sogar", ein Musiktheaterabend nach Carl Maria von Weber ("Der Freischütz")
    2004, Villa Elisabeth/Sophiensaele, Berlin