Amélie Niermeyer


© Maurice Korbel
Geboren am 14.10.1965 in Bonn. High School-Diplom in St. Louis / USA, 1984 Abitur in Bonn. Danach Hospitanz am Schauspiel Bonn. Ihre Lehrmeister sind Peter Eschberg und Rudolf Noelte. Nach Reisen durch Südostasien und Australien Kurse an der Drama School in Sydney und von 1986 bis 1989 Studium der Germanistik in Bonn und München. Regieassistentin in Bonn und am Bayerischen Staatsschauspiel München, wo sie 1990 Hausregisseurin wird.

1992 Förderpreis für „Frauenforschung und Frauenkultur“ der Stadt München. Im gleichen Jahr wechselt sie als Oberspielleiterin ans Dortmunder Theater. 1993 Rückkehr ans Münchner Residenztheater. Ab 1995 ständige Regisseurin am Schauspiel Frankfurt, inszeniert aber auch in München, Weimar, Bregenz und am Deutschen Theater Berlin. 2002 wird sie Intendantin am Freiburger Theater. Mit Beginn der Spielzeit 2006/2007 wechselt sie als Intendantin ans Düsseldorfer Schauspielhaus das sie nach fünf Jahren wieder verlässt, um als freie Regisseurin zu arbeiten und am Salzburger Mozarteum als Professerin die Abteilung Regie/Schauspiel zu leiten.

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Porträt: Amélie Niermeyer

Zu Beginn ihrer Karriere am Bayerischen Staatsschauspiel München wurde über sie gesagt, sie stelle „die Schauspieler nicht auf die Bretter, die die Welt bedeuten, sondern auf den Boden der Tatsachen“. Gemeint war, dass Amélie Niermeyer ein starkes Augenmerk auf sozialkritische Stücke legte. 1991 inszenierte sie Bettina Fless' „Memmingen“, ein Stück zum spektakulären Prozess gegen den Memminger Frauenarzt Theissen, der Abtreibungen vorgenommen hatte.

Im gleichen Jahr brachte sie Inez van Dullemens „Schreib mich in den Sand“ über Inzest und sexuellen Missbrauch von Kindern auf die Bühne. Schon da beschäftigte sie sich zwar mit zeitkritischen Stoffen, entwickelte aber einen Regiestil, der einen vordergründigen Bühnen-Dokumentarismus verweigert. Ihr Umgang mit der inzestuösen Missbrauchs-Verstrickung eines Vaters und einer Tochter wurde von der Kritik als Inszenierung gewürdigt, in der „aus dem monströsen Fall, dem fernen Medienereignis, eine Tragödie von nebenan wird: schäbig und treffend“.

Schon in frühen Inszenierungen macht Amélie Niermeyer deutlich, dass es ihr um eindringliche Bühnenatmosphären und um Tuchfühlung mit dem Publikum geht. Das gilt sowohl bei der Umsetzung sozialkritischer Stücke, als auch bei den großen klassischen Stoffen. Es gilt aber vor allem dann, wenn Amélie Niermeyer immer wieder zu Stücken aus verschiedenen Jahrhunderten greift, die die Rolle der Frau in wechselnden gesellschaftlichen Zusammenhängen reflektieren. 1998 inszenierte sie Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“ im Münchner Cuivillièstheater, ein Jahr später Goethes „Stella“ im Frankfurter Schauspiel. In diesem Zusammenhang steht auch die Uraufführung von Simone Schneiders „Kameliendame“, die sie 2000 ebenfalls am Frankfurter Schauspiel herausbrachte. Ihre Bühnen-Neubearbeitung des Dumas-Romans zeigte die berühmteste TBC-Kranke der Weltliteratur als Frau, die zwischen dünnhäutigem Fatalismus und auffahrender Lebensgier, zwischen Selbstverwirklichung und Selbstvernichtung changiert. In der Uraufführung wurde deutlich, dass die Kameliendame trotz ihrer Abhängigkeit von Männern einen Rest emotionaler und moralischer Autonomie bewahrt.

Amélie Niermeyer setzt auf ein Sprechtheater, das von den Schauspielern her denkt. Bei ihrem – sehr erfolgreichen – Start als Freiburger Intendantin versammelte sie ein hevorragendes Schauspielensemble, eröffnete ihre erste Spielzeit mit William Shakespeares „Sommernachtstraum“ und inszenierte die Liebeswirren im Athener Wald als leichte Komödie mit starken Bildern. Einmal mehr wurde deutlich, dass ihre große Stärke im Schauspielertheater liegt, das das Publikum atmosphärisch einbindet. Inszenierte sie den „Sommernachtstraum“ noch eher konventionell und ohne starke Eingriffe in den Text, ging sie am Ende ihrer ersten Freiburger Spielzeit einen völlig anderen Weg. Shakespeares „Wie es euch gefällt“ kürzte sie stark, ließ ganze Szenen weg und inszenierte eine fragmentarische philosophische Komödie, als arbeite sie an einer Versöhnung von Dekonstruktions- und Erzähltheater. Amélie Niermeyer ging mit dem Stück für ihre Verhältnisse sehr frei um, erzählte die zentrale Geschichte aber doch linear und widmete sich vorrangig der Flucht von Rosalind und Celia sowie dem androgynen Verkleidungsspiel im Ardenner Wald mit seinen Liebesschwüren und -proben. Das Ganze spielte in einer Flokati-Halfpipe, in der die Liebe zur Achterbahnfahrt wird.

In ihrer vorerst letzten Freiburger Inszenierung wagte Amélie Niermeyer eine Bühnenadaption von Herman Melvilles „Moby Dick“ und setzte das Publikum als Schiffspassagiere auf die Drehbühne des großen Hauses. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie von mehreren größeren Bühnen Deutschlands als Intendatin umworben. In ihrer letzten Freiburger Spielzeit wagte Amélie Niermeyer eine Bühnenadaption von Herman Melvilles „Moby Dick“ und setzte das Publikum als Schiffspassagiere auf die Drehbühne des großen Hauses. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie von mehreren größeren Bühnen Deutschlands als Intendantin umworben. Entschieden hat sie sich für das Düsseldorfer Schauspielhaus. Als Abschied von Freiburg brachte sie die „Drei Schwestern“ als zwischen Hysterie und Melancholie schwankende Frauen auf die Bühne, indem sie abrupte Wechsel von Mattigkeit hin zu überschießender Aktivität inszenierte und Tschechows bitterste Sätze wie Solitäre in den Raum stellte.

Die „Drei Schwestern“ übernimmt sie in ihre erste Düsseldorfer Spielzeit 2006/2007, wo sie nach dem Freiburger Dreispartenhaus jetzt ein reines Schauspielhaus leitet und in den Eröffnungspspielplan als eigene Inszenierung Elias Canettis „Hochzeit“ sowie die Uraufführung eines neuen Stückes von Thomas Jonigk einbringt. In ihrem ersten Düsseldorfer Spielplan versammelt Amélie Niermeyer nicht nur so unterschiedliche Regisseure wie Stefan Bachmann, Luc Perceval, Sebastian Baumgarten und Stephan Rottkamp, sie überrascht auch inhaltlich mit einem Mix aus Klassikern, Uraufführungen und einem starken Anteil an Projekten, mit denen Theatermacher wie Rimini Protokoll Stadträume und Lebenswelten erkunden.

Sie selbst legt 2008 mit Tschechows „Iwanow“ eine Inszenierung vor, an der sich die Geister scheiden. Die Frankfurter Rundschau etwa wirft ihr „mangelnden Tiefgang“ vor, während die Frankfurter Allgemeine Zeitung lobt, Amélie Niermeyer habe unaufdringlich aber überzeugend damit gespielt, wie "nah die Ebenen von Tragik und Komik, Illusion und Wahrheit beieinanderliegen." Im Frühjahr 2009 gelingt ihr mit der Dramatisierung von Amos Oz' „Black Box“ dann die überzeugende Übertragung einer komplizierten und in eine von inneren Widersprüchen geprägten israelischen Gesellschaft eingebetteten Geschichte auf die Bühne.

So glücklich wie in Freiburg verläuft Amélie Niermeyers Düsseldorfer Intendanz nicht. Zum einen ist das Publikum der Nordrhein-Westfälischen Landeshaupstadt ein bekannt schwieriges, zum anderen zündet der Mix ganz unterschiedlicher Regie-Stile, die die Intendantin um sich versammelt hat, nicht wirklich. In der Zeit, in der Amélie Niermeyer mit „Black Box“ einen Erfolg feiert, gibt sie bekannt, dass sie für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung steht und nach der Spielzeit 2010/2011 als Professorin und Leiterin der Abteilung Regie/Schauspiel ans Salzburger Mozarteum wechselt.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • William Shakespeare "Was ihr wollt"
    2014, Residenztheater, München
  • Friedrich Schiller "Kabale und Liebe"
    2013, Residenztheater, München
  • Max Frisch "Biografie. Ein Spiel"
    2012, Theater Basel
  • Ingmar Bergman "Persona"
    2012, Residenztheater, Marstall, München
  • Horace McCoy "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss"
    2011, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • George Tabori "Mein Kampf"
    2010, Schauspiel Frankfurt
  • Anton Tschechow "Die Möwe"
    2010, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Hanan Snir nach Amos Oz "Black Box"
    2009, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Anton Tschechow "Drei Schwestern"
    2009, Düsseldorfer Schauspielhaus (Neueinrichtung der Inszenierung am Theater Freiburg)
  • Anton Tschechow "Iwanow"
    2008, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • William Shakespeare "Wie es euch gefällt"
    2007, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Elias Canetti "Die Hochzeit"
    2006, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Friedrich Schiller "Maria Stuart"
    2006, Bayerisches Staatsschauspiel (Residenztheater), München
  • Anton Tschechow "Drei Schwestern"
    2005, Theater Freiburg
  • Nach Hermann Melville „Moby Dick“
    2004, Theater Freiburg
  • William Shakespeare „Wie es euch gefällt“
    2003, Theater Freiburg
  • Nach Theodor Fontane „Effi Briest“
    2003, Theater Freiburg
  • William Shakespeare „Was ihr wollt“
    2002, Theater Freiburg
  • Simone Schneider „Kameliendame“
    UA 2000, Schauspiel Frankfurt
  • Johann Wolfgang von Goethe „Stella“
    199, Schauspiel Frankfurt
  • Elfriede Jelinek „Krankheit oder Moderne Frauen“
    1998, Bayerisches Staatsschauspiel München
  • Werner Schwab „Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“
    1997, Schauspiel Frankfurt
  • William Shakespeare „Was ihr wollt“
    1996, Schauspiel Frankfurt
  • Heinrich von Kleist „Der Prinz von Homburg“
    1995, Schauspiel Frankfurt
  • Thomas Jonigk „Rottweiler“
    UA 1995, Bayerisches Staatsschauspiel München
  • Alexander Ostrowskij „Das Gewitter“
    1994, Bayerisches Staatsschauspiel München
  • Aristophanes „Lysistrate“
    1993, Theater Dortmund
  • Frank Wedekind „Frühlings Erwachen“
    1992, Bayerisches Statsschauspiel München
  • Inez van Dullemen „Schreib mich in den Sand“
    1991, Bayerisches Staatsschauspiel München
  • Bettina Fless „Memmingen“
    1991, Bayerisches Staatsschauspiel München
  • Ljudmila Rasumowskaja „Liebe Jelena Sergejewna“
    1990, Bayerisches Staatsschaupiel München