Luk Perceval


© Phile Deprez
Geboren am 30. Mai 1957 in Lommel/Belgien. Schauspielstudium in Antwerpen; danach En-gagement am Antwerpener Stadttheater „Koninklijke Nederlandse Schouwburg“. 1984 Gründung der freien Gruppe „Blauwe Mandaag Compagnie“ (zusammen mit Guy Joosten), für die Perceval selbst zu inszenieren beginnt und der er ab 1991 allein vorsteht. Als die Gruppe 1998 mit der Koninklijke Nederlandse Schouwburg zum „Het Toneelhuis“ fusioniert, übernimmt Perceval die künstlerische Leitung. Nach „Schlachten!“ – einer Koproduktion des Hamburger Schauspielhauses mit den Salzburger Festspielen, die neben ihrer Einladung zum Theatertreffen den 3sat-Innovationspreis erhielt und von der Kritikerjury der Fachzeitschrift „Theater heute“ zur „Inszenierung des Jahres“ gekürt wurde – beginnt Perceval auch verstärkt im deutschsprachigen Raum zu arbeiten. Von München über Hannover bis Hamburg inszeniert er seither gleichermaßen Kanon-Klassiker wie Gegenwartsstücke. Als sein Vertrag mit dem „Het Toneelhuis“ 2005 ausgelaufen war, band sich Perceval als Hausregisseur vier Jahre lang fest an die Berliner Schaubühne. Von dort wechselte er zur Spielzeit 2009/10 als Oberspielleiter ans Thalia Theater Hamburg.
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Porträt: Luk Perceval

„Es hat mich noch nie interessiert, mich zu wiederholen“, sagt Luk Perceval. „Jedes Stück hat seine eigene Sprache und Form, sein eigenes Geheimnis.“ Zugegeben: Es ließe sich wohl kaum ein Regisseur finden, der dieses Credo nicht vorbehaltlos unterschriebe. Doch trifft es tatsächlich auf die wenigsten in einem derart konsequenten Ausmaß zu wie auf Luk Perceval. Denn der gebürtige Belgier ist gleichzeitig keiner, der sich zurücknimmt; keiner, der etwa hinter den Text zurücktritt und sich so unsichtbar wie möglich in seinen Dienst stellt. Im Gegenteil: Schon als führende Stimme der „flämischen Welle“, die Mitte der 1980er Jahre das verstaubte belgische Stadttheater revolutionierte, drückte Luk Perceval den Stücken stets seinen eigenen Stempel auf; vornehmlich in zeitgemäßen, umgangssprachlichen Klassiker-Bearbeitungen. Nur anders als bei vielen Kollegen, die im Laufe der Zeit ein stark wiedererkennbares Theatervokabular entwickelt haben, sieht Percevals Stempel eben immer verschieden aus. In der „Orestie“-Version „Aars!“ (2000) zum Beispiel bekriegten sich statt der antiken Atriden vier Mitglieder einer modernen Kleinfamilie – und zwar unter physischer Höchstleistung in einem knöcheltief mit Wasser gefüllten Planschbecken. Der ästhetische Kontrast zum intimen, kammerspielartigen „Traum im Herbst“ von Jon Fosse, den Perceval ein Jahr später herausbrachte, könnte größer nicht sein. Und in Arthur Schnitzlers stark eingekürztem „Anatol“ (2008) wiederum besetzte er den freimütig von seinen Liebesaffären plaudernden Protagonisten nicht nur mit einer Frau, sondern siedelte das Geschehen auch in einem denkbar abstrakten Szenario an, das den Aktionsraum der Schauspieler bewusst einschränkte. Dass sich Luk Percevals Arbeit ästhetisch schwer festschreiben lässt, bedeutet aber nicht, dass sie keine wiederkehrenden Motive bzw. Suchbewegungen aufwiese. Um realistische Abbildungen von Lebenswelten geht es dem Regisseur am allerwenigsten. Vielmehr interessiert er sich für die Extreme, für Ursituationen, für elementare Emotionen und Ausdrucksmöglichkeiten. Seinen größten Erfolg feierte Luk Perceval folgerichtig mit dem Marathon „Schlachten!“ (1999), der Shakespeares gesamte Königsdramen zu einem einzigen archetypischen Endlos-Machtkampf verdichtete. Mit diesen zwölfstündigen Rosenkriegen, in deren Verlauf sämtliche politischen Protagonisten genauso zuverlässig wieder fielen wie sie aufgestiegen waren, hatte der Regisseur zuvor bereits in Belgien triumphiert. Auf Einladung des Hamburger Schauspielhauses und der Salzburger Festspiele studierte er die Aufführung in mehrmonatiger Probenzeit noch einmal mit deutschen Schauspielern ein. Der bildmächtige Parcours durch Machtrausch, Gewalt und Intrigen, der gleichzeitig zu einer Tour de force durch verschiedene Stilformen des Theaters wurde, erhielt eine Einladung zum Theatertreffen und gilt vielen Fachleuten bis heute als Percevals überzeugendste Arbeit. In jedem Fall gelang dem Belgier mit diesem Mammutwerk der internationale Durchbruch. Nach seiner künstlerischen Karriere in Antwerpen – zunächst als Schauspieler, dann als Gründungsmitglied und Regisseur der freien Gruppe Blauwe Maandag Compagnie und schließlich als Chef des Het Toneelhuis – inszenierte Perceval ab 1999 zunehmend auch an renommierten deutschen Theatern wie dem Schauspiel Hannover oder den Münchner Kammerspielen. Nach seinem Engagement als Hausregisseur an der Berliner Schaubühne von 2005 bis 2009 wechselte er zur Saison 2009/2010 als Oberspielleiter ans Thalia Theater Hamburg. Von Percevals dortiger Einstandsinszenierung „The Truth about the Kennedys“ – einem Abend über die US-amerikanische Politikerdynastie, der gleichzeitig die Intendanz von Joachim Lux einläutete und sichtlich an den „Schlachten!“-Erfolg anzuknüpfen suchte -, zeigte sich die Presse allerdings enttäuscht. Stellvertretend für viele Kollegen beklagte etwa Stefan Grund in der „Welt“ vor allem die vom Regisseur selbst erstellte, „miserable Textcollage“: „Jedes Komma in einem Königsdrama von Shakespeare entfaltet mehr dramatische Sprengkraft als dieser gesamte Text“, urteilte er. Der Vorwurf berührt eine zentrale Gefährdung in Percevals Arbeit: Auf der Suche nach Ursi-tuationen, nach archaischen Grundmustern, entfernt sich der Regisseur immer weiter von Sprache und Text. Seine Inszenierungen gewinnen zusehends installativen Charakter. Und je stärker diese bildlichen Qualitäten auf Kosten des gesprochenen Wortes gehen, desto gespaltener zeigt sich in der Regel die Kritik. In Kleists „Penthesilea“ (2008) in der Schaubühne beispielsweise rannten die Schauspieler zur Versinnbildlichung des (Geschlechter-)Krieges abendfüllend weiß geschminkt und in hellen, Psychiatrie-Assoziationen weckenden Hemdchen bzw. Hosen um einen gigantischen Scheiterhaufen aus Brettern, der am Schluss wie bei einem Mikadospiel in sich zusammenfiel. Ein live eingespielter, atonaler E-Gitarren-Sound übertönte oft den Kleist-Text, den die Schauspieler zwischendurch monoton in Mikrofone sprachen. Während stark von der Textebene aus argumentierende Kritiker dem Regisseur angesichts solcher Abende Vereinfachung bis hin zum „Schrumpftheater“ vorwerfen, loben eher bildzentrierte Rezensenten sie als physisch eindrückliche Vorstöße in vor- bzw. unbewusste Dimensionen
Christine Wahl

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Nach Erich Maria Remarque, Henri Barbusse und Zeitdokumenten "FRONT - Im Westen nichts Neues"
    2014, Thalia Theater, Hamburg
  • Nach J.M. Coetzee "Schande"
    2013, Münchner Kammerspiele
  • Hans Fallada "Jeder stirbt für sich allein"
    2012, Thalia Theater, Hamburg
  • Anton Tschechow "Der Kirschgarten"
    2012, Thalia Theater, Hamburg
  • William Shakespeare "Macbeth"
    2011, Ruhrtriennale, Koproduktion mit dem Thalia Theater, Hamburg
  • Wolfgang Borchert "Draußen vor der Tür"
    2011, Thalia Theater, Hamburg
  • William Shakespeare, Neubearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel "Hamlet"
    2010, Thalia Theater, Hamburg
  • Nach dem Film von Helmut Käutner "Grosse Freiheit Nr. 7"
    2010, Thalia Theater, Hamburg
  • Maxim Gorki (Bearbeitung Luk Perceval) "Kinder der Sonne"
    2010, Thalia Theater, Hamburg
  • Luk Perceval "The truth about The Kennedys"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Ingmar Bergmann "Nach der Probe"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Hans Fallada "Kleiner Mann, was nun ?"
    2009, Münchner Kammerspiele
  • Arthur Schnitzler "Anatol"
    2008, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • William Shakespeare (Bearbeitung Paul Brodowsky, Fassung Luk Perceval) "Troilus und Cressida"
    2008, Münchner Kammerspiele, Koproduktion mit den Wiener Festwochen
  • Heinrich von Kleist "Penthesilea"
    2008, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin
  • Feridun Zaimoglu/Günter Senkel/Luk Perceval "Molière. Eine Passion"
    2007, Salzburger Festspiele
  • Friedrich Schiller "Maria Stuart"
    2006, Berliner Schaubühne (Friedrich-Luft-Preis 2006)
  • Claudio Monteverdi "Marienvesper"
    2006, Staatsoper Unter den Linden, Berlin
  • Richard Wagner „Tristan und Isolde“
    2004, Staatsoper Stuttgart
  • Gerardjan Rijnders nach William Shakespeare „Macbeth“
    2004, Het Toneelhuis Antwerpen
  • Peter und Luk Perceval nach Jean Racine „Andromache“
    2003, Berliner Schaubühne (Freidrich-Luft-Preis 2003)
  • Jan van Dijck / Luk Perceval nach Anton Tschechow „Oom Vanja“
    2003, Het Toneelhuis Antwerpen
  • Feridun Zaimoglu / Günter Senkel nach William Shakespeare „Othello“
    2003, Münchner Kammerspiele
  • Marius von Mayenburg „Das kalte Kind“
    UA 2002, Berliner Schaubühne
  • Peter und Luk Perceval/ Klaus Reichert nach William Shakespeare „L. King of Pain“
    2002, Het Toneelhuis Brugge / Schauspiel Hannover / Schauspielhaus Zürich
  • Jon Fosse „Traum im Herbst“
    2001, Münchner Kammerspiele, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Anton Tschechow „Der Kirschgarten“
    2001, Schauspiel Hannover
  • Peter Verhelst / Luk Perceval nach Aischylos „Aars!“
    2000, Het Toneelhuis Antwerpen / Holland Festival
  • Tom Lanoye / Luk Perceval nach William Shakespeare „Schlachten!“
    1999, Salzburger Festspiele / Schauspielhaus Hamburg), Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Tom Lanoye / Luk Perceval nach William Shakespeare „Ten Oorlog“
    1997, Blauwe Maandag Compagnie, Kunstencentrum Vooruit Gent
  • Roland Topor „Joko – Joko fête son anniversaire“
    1993, Blauwe Maandag Compagnie, Kunstencentrum Vooruit Gent