Christiane Pohle


© Andreas Pohlmann
Geboren am 25.7.1968 in Berlin. Nach dem Abitur absolvierte sie von 1988 bis 1992 eine Schauspielausbildung in Hamburg. Von 1992 bis 1999 arbeitete sie als Schauspielerin u.a. am Theater Schwerin, am Schlosstheater Celle und auf Kampnagel in Hamburg.

1999 inszenierte sie an den Hamburger Kammerspielen „sitzen in Hamburg“ nach Anton Tschechows „Drei Schwestern“. Für die Produktion erhielt sie den Impulse-Preis 2000 für die 3sat-Fernsehaufzeichnung und den Gertrud-Eysoldt-Preis für junge Regisseure 2001. Aus der Produktion ging die freie Theatergruppe LABORLAVACHE hervor.

Seit 2000 inszeniert sie kontinuierlich am Schauspielhaus Zürich und am Dresdner Theater in der Fabrik (TIF). Seit 2002 Inszenierungen am Theater Freiburg, an den Münchner Kammerspielen, bei den Salzburger Festspielen, am Thalia Theater Hamburg und Wiener Burgtheater, wo sie im Mai 2008 Gerd Johnkes „Freier Fall“ zur Uraufführung bringt. Zur Spielzeit 2009/2010 wechselte der Chefdramaturg des Burgtheaters, Joachim Lux, als Intendant ans Thalia Theater. Seither inszeniert Christiane Pohle vor allem in Hamburg.

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Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Nach Thomas Mann "Der Zauberberg"
    2014, Schauspiel Stuttgart
  • Frank Wedekind "Lulu. Eine Monstretragödie"
    2014, Münchner Kammerspiele (Werkraum), Jahrgangsinszenierung des 3. Studienjahrs der Otto Falckenberg Schule
  • Hans Werner Henze "Elegie für junge Liebende"
    2013, Bayerische Staatsoper, München
  • Nach Thomas Bernhard "Der Untergeher"
    2013, Schauspielhaus Graz
  • Nach Matias Faldbakken und Thomas Mann "Desirevolution"
    2012, Theaterakademie Ludwigsburg
  • Wilhelm Jacoby/Carl Laufs, "Pension Schöller"
    2012, Theater Basel
  • Georg Kaiser, "Von morgens bis mitternachts"
    2011, Centraltheater Leipzig
  • Anton Tschechow, "Drei Schwestern"
    2011, Thalia Theater Hamburg
  • Rainald Goetz "Jeff Koons"
    2011, Münchner Kammerspiele
  • Nach Fjodor M. Dostojewski "Spieler"
    2010, Pathos München
  • John Osborne "Der Entertainer"
    2010, Thalia Theater (Thalia in der Gaußstraße), Hamburg
  • Nach Juan Goytisolo "Die Marx-Saga"
    2009, Thalia Theater, Hamburg
  • Anja Hilling "Bulbus"
    2009, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
  • Gert Jonke "Freier Fall"
    2008, Burgtheater, Wien
  • Ödön von Horvath "Zur schönen Aussicht"
    2008, Münchner Kammerspiele
  • Thomas Bernhard "Ein Fest für Boris"
    2007, Salzburger Festspiele, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • nach Motiven von Wolfram von Eschenbach "Parzival (Ein Projekt)"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • Friedrich Schiller "Die Räuber"
    2006, Kammerspiele München
  • Gert Jonke "Die versunkene Kathedrale"
    2005, Burgtheater, Wien
  • "Betrachte meine Seel"
    2005, sophiensäle, Berlin
  • Ferdinand Bruckner "Früchte des Nichts"
    2004, Thalia Theater Hamburg
  • Joanna Laurens „Fünf Goldringe“
    2004, Salzburger Festspiele / Kammerspiele München
  • Nach Jean Paul Sartre „Die Fliegen“
    2004, Theater Freiburg
  • Falk Richter „Electronic City“
    2003, Schaupielhaus Zürich
  • Jon Fosse „Da kommt noch wer“
    2003, Kammerspiele München
  • Gert Jonke „Chorphantasie“
    UA 2003, Kulturhauptstadt Graz / Burgtheater Wien
  • Peter Stamm „Apres Soleil“
    UA 2003, Schauspielhaus Zürich
  • Nach Peter Hoeg „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“
    UA 2002, Theater Freiburg / sophiensaele Berlin
  • Abi Morgan „Splendour“
    2002, Schaubühne Berlin
  • Roland Schimmelpfennig „Push Up“
    2002, TIF Dresden
  • Nach Johann Wolfgang von Goethe „Clavigo“
    2002, Schauspielhaus Zürich
  • Gesine Danckwart „Täglich Brot“
    UA 2001, Theaterhaus Jena / TIF Dresden / sophiensaele Berlin / Thalia Theater Hamburg
  • Nach Maxim Gorki „Sommergäste“
    2000, Kampnagel Hamburg / Schauspielhaus Zürich
  • Christiane Pohle „sitzen in Hamburg“ nach Anton Tschechows „Drei Schwestern“
    1999, Kammerspiele Hamburg

Porträt: Christiane Pohle

Christiane Pohle sucht als Regisseurin die Berührung mit dem choreografischen Theater und setzt tänzerische Elemente im Sprechtheater ein. Überregional bekannt wurde sie, als sie 2000 Maxim Gorkis „Sommergäste“ als Vorlage nahm, um das Stück zu kondensieren und in assoziativen Schnitten Szenen eines heutigen Ennui zu zeigen. Schon da wurde deutlich, dass sie nicht auf ein fest stehendes Bewegungsrepertoire zurückgreift, sondern vom jeweiligen Stück ausgehend eigene szenische Umsetzungsmöglichkeiten entwickelt.

2001 brachte sie Gesine Danckwarts „Täglich Brot“ zur Uraufführung und machte aus dem Stück über panische Jobhamster im Laufrad der New Economy ein Spiel der hintergründigen Art. Sie ließ fünf Schauspieler vor einer Hawaii-Palmentapete jenes Kinderspiel spielen, in dem alle vorrücken dürfen, solange sie beim Vorwärtskommen nicht gesehen werden. Wer ertappt wird, muss wieder zum Ausgangspunkt zurück. Da das Ganze in einem flachen Wasserbecken spielte, wurde aus der Uraufführung ein Bewegungsbild im „Haifischbecken Arbeitsmarkt“. Ein Jahr später inszenierte sie Roland Schimmelpfennigs „Push up 1-3“ im Dresdner Theater in der Fabrik. Schimmelpfennig schickt in seinem Stück Individuen in gehobenerer Stellung ins Rennen, die vor allem gerne mobben. Pohle verlegte das Geschehen in ein geschlossenes Rechteck mit einfachen Konferenztischen. Im Publikum verteilt warteten die sechs Push-ups auf ihren Einsatz im Innern des Rechtecks und absolvierten dialogische Clinchs. Dabei setzte Christiane Pohle einzelne Mitglieder ihrer 1999 in Hamburg gegründeten freien Theatergruppe LABORLAVACHE ein, denen sie auch treu blieb, als sie plötzlich von den großen Schauspielbühnen im deutschsprachigen Raum umworben wurde.

Pohle fährt zweigleisig, inszeniert entweder mit Ensemblemitgliedern des jeweiligen Theaters oder mit Schauspielern der freien Szene und arbeitet weiter an der gemeinsam entwickelten Bewegungssprache. Sie steht offensiv für eine Kooperation von Off- und Stadttheater: „Tauche ich in einem großen Haus eher satellitenartig für acht Wochen auf, bin ich als Solistin mit meiner individuellen Sicht und Interpretation eines Stückes gefragt und kann als Einzelne einen Regiestil entwickeln. Solch ein Stil allerdings interessiert mich immer weniger, wohl aber der Stil eines Projektes oder Stückes, der von allen gemeinsam entwickelt und dadurch unverwechselbar mit dem bearbeiteten Thema verknüpft ist.“

Zum Saisonauftakt 2002 bearbeitete sie am Freiburger Theater den Roman des dänischen Autors Peter Hoeg „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ für die Bühne und inszenierte tänzerisches Theater. Hoeg lässt im Roman drei Jugendliche quälende Tage in einer wohlfahrtstaatlich-diktatorischen Erziehungsanstalt durchleben. In Pohles Bühnenumsetzung waren sprachlich unterfütterte Bewegungsexerzitien zu sehen, die deutlich machten, wie Erziehungsfolter funktioniert. Hervorstechend war dabei auch Pohles Vorliebe für Bühnenbilder, die Schauspieler herausfordern. Gespielt wurde vor und auf Plastikbahnen, die im Hintergrund in die Höhe gezogen waren und gegen die die Schauspieler hechteten, an denen sie immer wieder abprallten und abrutschten. Ein Jahr später, in der Schweizer Erstaufführung von Falk Richters „Electronic City“, inszenierte sie ebenfalls auf einer schiefen Ebene und kehrte zurück zum Thema des globalisierten Arbeitsmarktes. In Richters Textfläche leiden Tom und Joy an der Entfremdung selbst gewählter Arbeitsverhältnisse. Joy ist Kassiererin auf Flughäfen, während Tom als Global Player nie so genau weiß, auf welchem Airport er sich gerade befindet. Die Königskinder können nicht zueinander finden, und Christiane Pohle zeigt sie als Jet-Set-Individuen, die ganz plötzlich ihre Sehnsucht nach lokaler Heimeligkeit entdecken. Tom und Joy sitzen in dreifacher Ausfertigung wie einsame Pfahlmenschen der New Economy auf Barhockern und sind krampfhaft um Haltung bemüht.

Christiane Pohle ist „nebenbei“ Sängerin der Berliner Band „ganz schöne geräuschkulisse“ und hat sich innerhalb kurzer Zeit zur inszenierenden Global Playerin im deutschsprachigen Raum entwickelt. Im Sommer 2004 bringt sie mit Joanna Laurens „Fünf Goldringe“ eine Koproduktion der Salzburger Festspiele und der Münchner Kammerspiele auf die Bühne.

Gleichzeitig bereitete sie das freie Projekt „Betrachte meine Seel“ vor, das im März 2005 an den Berliner Sophiensälen Premiere hatte und in dem sie einen makaber tödlichen Traum vom schnellen Geld in einen „schwebend, leichten Abend“ (Süddeutsche Zeitung) verwandelte – es ging um den authentischen Fall eines Südtirolers, der sich zur Erlangung einer Invalidenrente mit einer Kettensäge ein Bein amputieren ließ und vor Ort verblutete.

Christiane Pohle arbeitet weiterhin überwiegend an den Münchner Kammerspielen und dem Wiener Burgtheater, wo sie 2005 die Uraufführung von Gert Jonkes „Die versunkene Kathedrale“ inszenierte und den lyrischen Text in bestechend starken Bildern auf die Bühne brachte. Text und Inszenierung wurden 2006 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Zu Beginn der Spielzeit 2006/2007 inszenierte sie am Hamburger Thalia Theater eine Adaption des Bernhard-Romans „Auslöschung“ und an den Münchner Kammerspielen gegen Ende der Spielzeit die Uraufführung von „Parzival (Ein Projekt)“ nach Wolfram von Eschenbach, bevor sie in einer Koproduktion des Düsseldorfer Schauspielhauses und der Salzburger Festspiele nicht wirklich deutlich machen kann, was sie an Thomas Bernhards „Ein Fest für Boris“ interessiert. Bernhard, so der Eindruck, ist nicht ihr Fall, Gerd Jonke dagegen umso mehr. Das sieht man einmal mehr, wenn im Mai 2008 am Wiener Burgtheater die Uraufführung von „Freier Fall“ Premiere hat und aus dem tragikomischen Künstlermonolog des poetischen Wortkaskadeurs Jonke eine „Himmelfahrt mit Kommando“ (Neue Züricher Zeitung) wird.

Zur Spielzeit 2009/2010 wechselte der Chefdramaturg des Wiener Burgtheaters, Joachim Lux, als Intendant ans Thalia Theater. Seither inszeniert Christiane Pohle in Hamburg und setzte im Oktober 2009 eine Dramatisierung von Juan Goytisolos „Die Marx-Saga“ auf der Bühne um. „Eine denkfreudige, zwischen Galgenhumor und Resignation balancierende Romanadaption" sei dabei heraus gekommen, kommentiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Ende Februar 2010 hat Christiane Pohles Inszenierung von John Osbornes „Der Entertainer“ Premiere am Thalia Theater.

Jürgen Berger