Rafael Sanchez


© Sebastian Hoppe
Rafael Sanchez wurde 1975 in Basel geboren, er lebt in Basel und Berlin. Für sein Solostück „Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod“ wurde er gemeinsam mit dem Autor Eberhard Petchinka mit dem „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ und dem internationalen „Premios Ondas“ ausgezeichnet. Von 2003 bis 2006 war er Hausregisseur am Theater Basel, an dem er unter anderem Jeremias Gotthelfs „Geld und Geist“, das Familienstück „Peter Pan“, Pedro Almodóvars „Fessle mich!“, die Uraufführung von Guy Krnetas „E Summer lang, Irina“, die Operette „Im weißen Rössl“, Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“ und Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ inszenierte.

Er arbeitete unter anderem am Düsseldorfer Schauspielhaus, an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Schauspielhaus Zürich und am schauspielhannover. Ab der Spielzeit 2008/09 leitet er gemeinsam mit der Regisseurin Barbara Weber das Theater am Neumarkt in Zürich.

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Porträt: Rafael Sanchez

Der Titel des Stückes klingt wie ein Witz, und man könnte es auch von vorne bis hinten so inszenieren. "Kommt ein Mann zur Welt", ein Menschenleben in rasanten 90 Minuten, geschrieben von Martin Heckmanns. Am Anfang ist die Uraufführung in der Regie von Rafael Sanchez auch sehr komisch, aber immer wieder schleichen sich Zwischentöne ein. Und wenn es ans Sterben geht, tragen Bühnenarbeiter alle zusammen gewürfelten Möbel von der Bühne, die vorher so eine kuschelig-unordentliche Jugendatmosphäre verbreiteten. Dann steht Bruno, der Held des Stückes, ganz einsam da, mit dickem Kissenbauch und ramponiertem Körper, und sucht nach jemandem, mit dem er einige Minuten reden kann. Der Text hätte immer noch komödiantisches Potential, aber Rafael Sanchez reizt es nicht aus. So stirbt Bruno ohne Sentimentalität und Zynismus als ganz normaler Gescheiterter. "Er ruhe in Frieden" sagt sein Sohn, und Suse ergänzt "Er war auch nur ein Mensch."

"Kommt ein Mann zur Welt" am Düsseldorfer Schauspielhaus war bisher eine der meist beachteten Inszenierungen von Rafael Sanchez. Uraufführungen sind die eine Seite seines Schaffens, dazu gehört auch Anja Hillings "Nostalgie 2175" am Hamburger Thalia-Theater. Aber auch an Klassiker wagt sich Rafael Sanchez mit seiner ganz eigenen Handschrift. "Der zerbrochne Krug" von Kleist im Schauspiel Hannover fängt wieder ganz leicht an. Das Dorf Huisum sieht aus wie eine Schrebergartenkolonie, am Anfang ist noch Nachtstimmung, und die Schauspieler lassen sich viel Zeit zum Frühstücken, Rasieren und Joggen. Dann beginnt die Handlung, und wieder gleitet die Aufführung von der Komik in bitteren Ernst. Denn was der Dorfrichter Adam mit der jungen Eve anstellt, ist einfach nicht zum Lachen. Kleist lässt Adam am Schluss fliehen und deutet an, die Menschen könnten ihm verzeihen. Bei Rafael Sanchez wird der Dorfrichter erschossen, jeder Bewohner legt einmal auf ihn an und drückt ab. Die Häuschen sind schon längst im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft geflogen. Sie hängen unterm Himmel, die Wände sind verrutscht, hier ist nicht nur der Krug, sondern das ganze Dorf entzwei gegangen. Ein Bild der schwebenden Schwermut. Tief traurig, und doch federleicht.

"Schwere vereinfacht," sagt Rafael Sanchez im Gespräch. "Leichtigkeit lässt vieles zu. Ich möchte den Zuschauern Freiheiten lassen, eine Ecke von der Leinwand, die sie selbst füllen können. Die wissen manchmal mehr als wir." Sanchez ist kein Tiefenpsychologe, der sich in Charaktere hinein wühlt und sie von allen Seiten seziert. Er setzt auf Situationen, malt Stimmungen aus. "Und dazwischen entsteht das, was wichtig ist. Manchmal passen Teile einer Aufführung nicht zusammen. Ja, und?" Der 1975 geborene Regisseur ist selbstbewusst genug, auch mal mit den Schultern zu zucken.

Basel war lange Zeit das Zentrum für Rafael Sanchez. Hier haben sich schon seine Eltern kennen gelernt, Spanier, die in die Schweiz emigriert waren. Er spielte am jungen theater, einem kreativen Schmelztiegel aus jugendlichen Amateuren und Stadttheaterprofis. Rafael Sanchez gewöhnte sich an die Bühne und probierte bald das Inszenieren aus. "Sonst hatte ich keine wirkliche Alternative. Höchstens Gorillawärter im Zoo wäre ich gern geworden. Wenn ich in einen Gorillakäfig schaue, habe ich sofort Soaps im Kopf."

Sanchez inszeniert viel, rollt zwischen Hannover und Stuttgart, Berlin und Zürich die Stadttheaterszene auf. Nicht alle Inszenierungen glücken ihm. Seine "Bluthochzeit" von Lorca in Essen fängt zwar sehr charmant an, als trashige Farce aus einem Tourismusspanien. Doch hier kriegt Sanchez den Bogen nicht zu Lorcas düsterer Poesie, den allegorischen Figuren, dem rauschendem Blut. Doch das liegt keinesfalls an Oberflächlichkeit, die ihm manchmal von Kritikern unterstellt wird. Rafael Sanchez schaut immer hinter die Oberfläche, und meistens schlägt sich das auch in den Aufführungen nieder. In Hannover hat er Sartres "Die schmutzigen Hände" auf den ersten Blick den Sehgewohnheiten eines Kinopublikums angenähert. Zu Beginn sieht man den aus dem Gefängnis entlassenen Attentäter, der Angst hat, dass seine Parteigenossen ihn umbringen wollen. Die Geschichte um den Zwiespalt zwischen dem eigenen Gewissen und der Pflicht eines Freiheitskämpfers erzählt Sanchez als Rückblende. Wenn sie einsetzt, fährt ein großes Kinoplakat von der Decke herab. Aber im Detail biedert sich Sanchez überhaupt nicht der Filmästhetik an. Da arbeitet er mit langen Bildern, großen Distanzen, statischen Dialogen. Daraus entsteht eine interessante ästhetische Reibung. Sanchez vereint das Lebensgefühl der Kinogeneration - lange tourte er mit dem Solostück "Rafael Sanchez erzählt Spiel mir das Lied vom Tod" - mit einem genuinen Theaterfeeling. Mit der Regisseurin Barbara Weber übernimmt er die Leitung des Theaters am Neumarkt in Zürich. Die Erwartungen sind zu Recht hoch.

Stefan Keim

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • William Shakespeare "Coriolanus"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Thomas Vinterberg/Mogens Rukov "Die Kommune"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Sibylle Berg "Nur Nachts"
    2010, Deutsches Theater, Berlin
  • Nach Lion Feuchtwanger "Die Jüdin von Toledo"
    2010, Theater am Neumarkt Zürich, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Anja Hilling "Nostalgie 2175"
    2008 Thalia-Theater Hamburg
  • Jean-Paul Sartre "Die schmutzigen Hände"
    2007, Schauspiel Hannover
  • Martin Heckmanns "Kommt ein Mann zur Welt"
    UA 2007 Düsseldorfer Schauspielhaus
  • Heinrich von Kleist "Der zerbrochne Krug"
    2007, Schauspiel Hannover
  • Federico Garcia Lorca "Bluthochzeit"
    2006, Schauspiel Essen
  • Richard Dresser "Augusta"
    DE 2006 Schaubühne am Lehniner Platz Berlin
  • Tony Kushner "Homebody/Kabul"
    DE 2002 Theater Basel/Maxim Gorki Theater Berlin
  • Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod
    (Solostück und Hörspiel)