Jette Steckel


© Arno Declair
Geboren 1982 in Berlin. Die Tochter der Bühnenbildnerin Susanne Raschig und des Regisseurs Frank-Patrick Steckel begann nach ihrem Abitur an einer Rudolf-Steiner-Schule 2001 mit Hospitanzen an der Berliner Schaubühne bei Christina Paulhofer und Burkhart C. Kosminski. Es folgten Assistenzen bei Andrea Breth am Burgtheater Wien und Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater. 2002 führte Jette Steckel in Bochum erstmals selbst Regie ("Kreisleriana", zusammen mit Carolin Mader), bevor sie 2003 eine Regiestudium an der Hamburger Theaterakademie begann, das sie 2007 abschloss.

Im Rahmen ihres Studiums inszenierte sie verschiedene Stücke, unter anderem von Dea Loher, Anton Tschechow und David Gieselmann und besuchte als Gasthörerin die Russische Akademie für Theaterkunst (GITIS) in Moskau. Bereits vor ihrem Abschluss wurde sie vom Intendanten des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon, eingeladen, auf der kleinen Bühne in der Gaußstraße das Stück "Nachtblind" der jungen Autorin Darja Stocker zu inszenieren. Mit dieser Inszenierung wurde sie zum Stücke-Festival in Mülheim eingeladen und in der Kritikerumfrage von Theater heute zur Nachwuchsregisseurin 2007 gewählt. Es folgten weitere Inszenierungen in der Gaußstraße, so Edwards Bonds "Gerettet" (2007), für den sie den Regie-Förderpreis anlässlich der Verleihung des Gertrud-Eysoldt-Rings in Bensheim (mittlerweile Kurt-Hübner-Preis) erhielt, Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." (2008) und die "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" (2009) nach dem Roman von Ilija Trojanow. Außerdem inszenierte sie 2007 in Kassel Nino Haratischwilis ""Petit Maître", Camus' "Caligula" 2008 am Deutschen Theater Berlin , sowie am Schauspielhaus Wien (Uraufführung von Pilipp Löhles "Die Kaperer", 2008) und in Köln (u.a. Juli Zehs "Spieltrieb", 2009).

Große Stoffe haben ihr danach vor allem Ulrich Khuon am Deutschen Theater und Joachim Lux, sein Nachfolger am Thalia Theater anvertraut. 2009 inszenierte Steckel in Berlin im Bühnenbild ihres regelmäßigen Partners Florian Lösche "Othello" mit Susanne Wolff als Mohr von Venedig. 2010 folgte dann am Thalia "Woyzeck" von Tom Waits, Kathleen Brennan und Robert Wilson mit Felix Knopp in der Hauptrolle. 2011 schließlich am selben Ort Schillers "Don Carlos" mit Mirco Kreibich und Jens Harzer, wofür Steckel teilweise überschwängliche Kritiken erntete.

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Porträt: Steckel, Jette

Wenn Jugend sich bemüht, souverän zu sein, dann wirkt das entweder ultra-cool oder sehr rührend (und manchmal beides). Wenn Jugend aber tatsächlich souverän auftritt, dann hat das etwas Unheimliches. Woher hat etwa eine Frau Anfang zwanzig soviel Menschenkenntnis, dass sie zerrüttete Familienverhältnisse und extreme Gefühlsreaktionen nicht nur versteht, sondern auch noch in eine präzise Inszenierung übertragen kann? Und wie kann es ihr gelingen, trotz eines sehr schnellen und steilen Aufstiegs in der deutschen Theaterwelt frei von Irritationen und Verblasenheit zu bleiben, vielmehr ihre Souveränität so zu festigen, dass sie vier Jahre nach ihrer ersten Stadttheaterinszenierung das Wort "Talent" längst verschlissen hat?

Jette Steckel war 24 und noch Regiestudentin der Hamburger Theaterakademie, als sie sich im November 2006 mit einem Schlag bekannt machte. Ihr künstlerischer Ziehvater Ulrich Khuon gab ihr für eine erste Inszenierung an der kleinen Bühne des Hamburger Thalia-Theaters in der Gaußstraße den Text einer anderen jungen Debütantin, Darja Stockers "Nachtblind", zur Bearbeitung. Und bereits mit dieser Arbeit wurde sie in der Kritikerumfrage von Theater heute 2007 zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt, zum Stücke-Festival nach Mülheim eingeladen und verließ ihre Ausbildung als gefragte Regisseurin – die mittlerweile in Hamburg, Berlin und Köln auf den großen Bühnen arbeitet. Stockers außergewöhnliches Drama über eine bildungsbürgerliche Kleinfamilie, in der alle Mitglieder an partieller Seelenfinsternis leiden, fiel nicht zuletzt deswegen so auf, weil Steckel streng vermied, womit man sich normalerweise das Attribut "jung" verdient: keine trendy Ausstattung, keine wilden Moves, kein Video, keine Popkultur-Zitate, keine lustigen Regieeinfälle und schon gar kein typischer Jugend-Sprech. Stattdessen eine Bühne aus vier Hochsprungmatten, aus denen sich immer neue Spielsituationen bauen ließen (von Florian Lösche, der sie seither als Bühnenbildner begleitet), und eine geradezu brutale Beobachtungspräzision, mit der sie die vier Schauspieler sehr glaubhaft durch ihre intensiven Gefühlsverirrungen führte.

Natürlich lieferte die Kritik für diese oppositionelle Art jung zu sein gleich ein Etikett frei Haus, das Jette Steckel seither fest anhaftet: Sie sei "die Ernsthafte" unter den vielen neuen und neuerdings auch vielen weiblichen Inszenierungskräften, die das deutsche Sprechtheater erobern. Das ist natürlich ein wenig ungerechet, weil man die Arbeit von Jorinde Dröse, Christine Eder, Julia Hölscher oder Friederike Heller (um nur einige andere erfolgreiche Absolventinnen der Hamburger Ausbildung zu nennen) keineswegs unernst nennen kann. Aber trotzdem ist diese Charakterisierung für niemanden so treffend, wie für Jette Steckel.

Düster sind ihre Welten meist, karg, leer und bedrohlich, und der Mensch kann sich in diesen von Florian Lösche komponierten Dunkelkammern nie aus seiner Verlorenheit befreien. Steckels Arbeit besteht vor allem darin zu zeigen, wie das einsame Individuum es im leidenschaftlichen Kampf für sein Glück trotzdem immer wieder versucht – bis es endlich doch scheitern muss. Und dabei werden ihre Figuren so konkret wie ihre Räume abstrakt sind. Bei Edward Bonds "Gerettet" – wiederum ein Stück über Jugendliche, das sehr erwachsen auftritt – entwickelte sie die Aggression als Zwilling der Langeweile aus einer klinischen Anordnung von Parkbänken und beängstigend normalen Typen. Bei "Woyzeck" nach der Version von Robert Wilson und Tom Waits ist Felix Knopp als singender Sinn-Grübler im ständigen Kampf mit einem riesigen Netz, das mal als schwankender Boden, mal als Fessel, mal als sinkender Himmel versucht, den Lebensmutigen auszutrotzen. Und bei ihrer vielgelobten "Don Carlos"-Inszenierung 2011 dreht sich das fragile Machtdreieck aus Carlos, Posa und Philipp auf einer Bühne aus schwarzen Gummizellen, die Trauer, Stille und Gefangenschaft mit den aufgewühlten Sehnsüchten und herrischen Machtgelüsten am spanischen Hof in einen sehr schlüssigen Kontrast setzt.

Wie wenig Jette Steckel in ihrer Arbeit auf modische Gegenwartsbezüge und Sprache der Jungend setzt, das fiel bei "Don Carlos" dadurch besonders auf, dass sie es hier explizit an zwei Stellen doch tat – und es jedem Rezensenten als irritierend auffiel. Mit einem Zitat von Wikileaks-Chef Julian Assange zur Lernunwilligkeit von Staatssystemen und der Zeichnung von Don Carlos (Mirco Kreibich) als Kurt Cobain zog sie zwei deutliche Parallelen zu Konflikten und Persönlichkeiten der jüngeren Vergangenheit. Doch Steckels wahre Stärke ist die Organisation der Sprache im Hinblick auf tragische Konstellationen, bei der mehr als alles andere das persönliche Wachstum des Darstellers zu einem einmaligen, und doch allgemein verständlichen Charakter zählt. Ihre Arbeit mit Schauspielern zeugt von einem genauen Gespür für den richtigen Aufwand: rationiert genug, um natürlich zu erscheinen, dabei komplex genug, das Besondere zu erlangen, sind die Figuren in Jette Steckels Inszenierungen lehrhaft im lebhaftesten Sinne. Das ist weit mehr als solide, aber weit weniger als Revolution. Das ist Text- und Schauspielertheater von jener Güte, die alle Kritiker des zu eigenwilligen Regietheaters immer fordern – ein goldener Mittelweg zwischen deutschen Bühnentraditionen und zeitgenössischer Wachsamkeit. Ein Verständnis von Realismus als Kunst, das mehr psychologisch als emotional agiert, mehr an Begründungen interessiert ist denn an Assoziationen, das also den intellektuellen Begriffen ihrer Vätergeneration mehr verdankt als den spektakulären Kunstvorstellungen ihrer eigenen Zeit. Und damit ist man bei der Ausgangsfrage: Woher hat Jette Steckel ihre frühe Bühnenweisheit? Da entpuppt sich die Theatertradition als Familientradition: Als Tochter des Regisseurs und ehemaligen Bochumer Intendanten Frank-Patrick Steckel und der Bühnenbildnerin Susanne Raschig, die beide zu den Mitbegründern der Berliner Schaubühne zählten, sind verifizierbare Prägungen geliefert. Ohne Frage ist Tochter Jette keine Hoferbin der elterlichen Kunstbegriffe. Dazu ist ihr Menschenbild dann doch viel zu stark inspiriert von den Macken, Metaphern und Mysterien des beschleunigten Zeitgenossen.

Aber das ständige Bohren nach Textbotschaften, die sich in unserer Zeit "beglaubigen" lassen, wie Jette Steckel es nennt, zeigen doch auch die geistige Verwandtschaft zum Elternhaus. Die Vokabel "ernsthaft" fällt präzise, wenn Jette Steckel über die Auseinandersetzungen mit ihrem Vater über das Theater der Zeit spricht. Das stark dramaturgisch abgesicherte Schauspiel, die Verpflichtung gegenüber dem Autor und das Grübeln über die Verbindlichkeit einer Figur verbindet Jette Steckel mit dem Geist der alten Schaubühne selbst dort, wo sie scheinbar postdramatisches Um-die-Ecke-Denken zulässt – etwa bei der Besetzung von Othello mit Susanne Wolff am Deutschen Theater in Berlin. Dieses beeindruckend frühe feste Fundament reifer Theaterarbeit kitzelt eigentlich nur eine Skepsis wach: Findet Jette Steckel für sich auch eine oppositionelle Art älter zu werden?
Till Briegleb

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Gerhart Hauptmann "Die Ratten"
    2014, Thalia Theater, Hamburg
  • Giaccomo Puccini "Tosca"
    2013, Theater Basel
  • Georg Büchner "Dantons Tod"
    2012, Thalia Theater, Hamburg
  • Jean-Paul Sartre "Die schmutzigen Hände"
    2012, Deutsches Theater, Berlin
  • Maxim Gorki "Die Kleinbürger"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Nach Albert Camus "Der Fremde"
    2011, Thalia Theater, Hamburg
  • Friedrich Schiller "Don Carlos"
    2011, Thalia Theater, Hamburg
  • Tom Waits, Kathleen Brennan und Robert Wilson (nach Georg Büchner) "Woyzeck"
    2010, Thalia Theater Hamburg
  • Juli Zeh "Spieltrieb"
    2009, Schauspiel Köln
  • Philipp Löhle "Die Kaperer"
    2008, Schauspielhaus Wien
  • William Shakespeare "Othello"
    2009, Deutsches Theater Berlin
  • Albert Camus "Caligula"
    2008, Deutsches Theater Berlin
  • Ulrich Plenzdorf "Die neuen Leiden des jungen W."
    2008, Thalia in der Gaußstraße
  • Nino Haratischwili "Petit Maître"
    2007, Staatstheater Kassel
  • Edward Bond "Gerettet"
    2007, Thalia in der Gaußstraße
  • Darja Stocker "Nachtblind"
    2006, Thalia in der Gaußstraße