Nicolas Stemann


© David Baltzer
Geboren 1968 in Hamburg. Nach kurzem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaften Regieassistent und Musiker am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Danach Regiestudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und am Institut für Theater, Musiktheater und Film in Hamburg bei Jürgen Flimm und Manfred Brauneck.

1996 beginnt er mit der von ihm gegründeten „Gruppe Stemann“ freie Projekte zu inszenieren, u.a. „Zombie 45 – Am Bass Adolf Hitler“ (1997) und die „Terror-Trilogie“ (1997). Es folgen Aufträge am Stadttheater, zunächst in Hamburg im Deutschen Schauspielhaus, dann in Bochum, Hannover und Basel. Seit 2003 regelmäßige Inszenierungen am Burgtheater Wien, dem Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg, wo er seit 2009 Hausregisseur ist.

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Porträt: Nicolas Stemann

Das Theater von Nicolas Stemann war in seinen Anfangsjahren von diversen Gefahren umstellt: der rebellischen Pose, der Gefühligkeit, dem Medien-Schnickschnack und der Leichtigkeit. All diese Bedrohungen ergaben sich aber aus einem letztlich schönen Impuls: der unbändigen Freude am Spielen. Aus dieser Lust entwickelten sich dann oft sehr ironische Gegen-den-Strich-Bürstungen altbekannter Stoffe, die plötzlich wieder fusselfrei erscheinen.

Mit rotziger Respektlosigkeit fand er in den Anfängen seiner Regiekarriere Ende der Neunziger in Goethe das erste Opfer dieser zeitgenössischen Reinigung. Goethes „Werther“ und „Torquato Tasso“ reduzierte Stemann auf Basiselemente und raubte ihnen mit Video-Einspielungen, Wohngemeinschaftsambiente oder symbolischen Gesten ihre Ehrfürchtigkeit. Goethe selbst lag beim „Tasso“-Projekt allabendlich als Gipsbüste zerschmettert auf der Bühne – soviel zur rebellischen Pose.

Aus den Scherben der Klassiker entwickelte Stemann dann aber kontinuierlich eine komplexe und sehr musikalische Spielweise, die mit verschiedensten Versatzstücken und Theatermitteln Geschichten über heutige Verständigungsprobleme erzählt. Das moderne Individuum, das ohne ideologische Stütze allein für sich selbst verantwortlich ist und dies als Überforderung erlebt, steht immer wieder im Zentrum dieser Mosaike.

Stemanns bekannteste Inszenierung, die Adaption von „Hamlet“ am Schauspiel Hannover, die 2002 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, zeigte einen Medien-Prinzen, der weniger am Verrat als am Anything Goes zugrunde ging. Philipp Hochmair, der in vielen Stemann-Produktionen die Hauptrolle spielt, verlor sich als Hamlet zwischen Medienabbildern, die ihn umstellen, und einem Hof, der Schuld ganz locker sieht, in fröhlicher Hilflosigkeit.

Auch in seiner Inszenierung von Schillers „Räuber“ am Hamburger Thalia Theater 2008 beschäftigte er sich mit ausfransenden Persönlichkeiten. Franz und Karl Moor verschmolz er dort zu einer einzigen aggressiven Persönlichkeit mit zwei unterschiedlichen Handlungsmustern, die von einem Schauspielerquartett als Chor dargestellt wurde. Mit der Energie einer Rockband verwandelten die vier Moors Schillers Jugendstück in eine Hymne der Ähnlichkeiten, den Konflikt zwischen den Brüdern zu einem verinnerlichten Streit eines einzigen Charakters, der auch jeder der Zuschauer sein konnte. Diese gefeierte und erfolgreiche Inszenierung bettete die moralische Frage nicht in Pathos, sondern in eine Pop-Welt, wo sie wie frisch gestellt erschien.

Der Mangel an Tragik, den Stemann-Inszenierungen bis heute aufweisen, hat ihm lange den Vorwurf der Oberflächlichkeit eingetragen. Dabei beschreibt sein spielerischer Zugang in seinen besten Produktionen vilmehr die Verhübschung der Angst und die Bindungslosigkeit der Gegenwart als Freiheiten mit Pferdefuß. Die vermeintliche Offenheit unserer Gesellschaft bleibt dann ein trügerischer Komfort, wenn die moralischen Werte verwischen, die eine Orientierung erst möglich machen.

Diese Methode, empfundene Unsicherheit von Gesinnung und Werten ins Verhältnis zu setzen zu sehr konkreten Vorstellungen von richtigem Verhalten, verbindet Stemann auch mit dem Denken jener Autorin, die er in den letzten Jahren am häufigsten inszeniert hat..

Mittlerweile gilt Stemann (-) nämlich nicht nur als einer der begehrtesten deutschen Regisseuren, sondern vor allem als Spezialist für Elfriede-Jelinek-Stücke. Begonnen hat diese Auseinandersetzung mit der Wiener Literaturnobelpreisträgerin, die mittlerweile sechs Inszenierungen umfasst, im Wiener Akademietheater, wo 2003 mit (-) Jelineks „Das Werk“ eine Inszenierung zustande kam, die Stemanns Qualitäten im Umgang mit komplexen Vorlagen aufs Schönste zeigte.

Aus dem sperrigen Text über den katastrophalen Umgang der Menschen mit der Natur am Beispiel des Kaprun-Sperrwerks in Österreich entwickelte Stemann eine eindrückliche szenische Collage, die Ironie in ihrer kritischen Tradition zeigt. Mit einem großen Arbeiterchor, einem kannibalischen Bergmenschen, jungen Diskurs-Typen und hysterischen Mädeln übertrug Stemann Jelineks Anklage in ein bissiges Spektakel.

Dies wiederholte er in den nächsten Jahren gekonnt mit der RAF-Paraphrase „Ulrike Maria Stuart“ oder Jelineks Reaktion auf die Finanzkrise, „Die Kontrakte des Kaufmanns“, bei der er auch selbst auf der Bühne stand. Obwohl Stemann mit Jelinek einen Wandel zum verstärkt Politischen durchgemacht hat, sind seine Inszenierungen immer noch beseelt von einem unverkrampften Verhältnis zur Punk-Operette, das seinen Arbeiten die Jugendlichkeit bewahrt. Sein angstfreier und oft wilder Umgang mit den Effekten der Gegenwarts- und Unterhaltungskultur, die er in collagenhafte Beziehungen zu menschlichen Konflikten stellt, schaffen immer wieder sehr produktive Spannungsverhältnisse zwischen Lust und Kritik. Und dafür ist das Theater der perfekte Ort.

Till Briegleb

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • "Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine"
    2013, Thalia Theater, Hamburg, Koproduktion mit den Wiener Festwochen
  • Elfriede Jelinek/Nicolas Stemann und die Schnelle Theatrale Eingreiftruppe "Rein Gold"
    2012, Prinzregententheater, München
    Urlesung im Rahmen der Münchner Opernfestspiele
  • Nicolas Stemann/Thomas Kürstner/Sebastian Vogel/Benjamin von Blomberg
    "Der demografische Faktor"
    Unterhaltungstragödie mit Musik

    2012, Schauspiel Köln
  • Johann Wolfgang Goethe "Faust I und II"
    2011, Perner-Insel, Hallein, Salzburger Festspiele, Koproduktion mit dem Thalia Theater, Hamburg
  • Nicolas Stemann, Thomas Kuerstner, Sebastian Vogel und Benjamin von Blomberg "Aufhören ! Schluss jetzt ! Lauter ! 12 letzte Lieder"
    2011, Deutsches Theater, Berlin
  • Johann Wolfgang Goethe "Faust", Work in Progress
    2010, Thalia Theater Hamburg, Salzburger Festspiele 2011
  • Bertolt Brecht "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"
    2009, Deutsches Theater, Berlin
  • Gotthold Ephraim Lessing "Nathan der Weise"
    2009, Thalia Theater und Schauspiel Köln
  • Elfriede Jelinek "Die Kontrakte des Kaufmanns"
    2009, Schauspiel Köln und Thalia Theater, Hamburg
    Einladung zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen
  • Friedrich Schiller "Die Räuber"
    2008, Thalia Theater, Hamburg
  • nach Euripides und Johann Wolfgang Goethe "Iphigenie"
    2007, Thalia Theater, Hamburg
  • Elfriede Jelinek "Über Tiere"
    2007, Deutsches Theater Berlin
  • Friedrich Schiller "Don Karlos"
    2007, Deutsches Theater Berlin
  • nach Kurt Vonnegut „Schlachthof 5“
    2005, Schauspiel Hannover, Hannover
  • Elfriede Jelinek "Ulrike Maria Stuart"
    2006, Thalia Theater Hamburg (Einladung zum Berliner Theatertreffen)
    (Einladung zu den Mülheimer Theatertagen "Stücke 2007")
  • Sophokles „Antigone“ (zusammen mit dem „Colegio del Cuerpo“ im Rahmen der „Akte Kolumbien“)
    2005, Laookon-Festival Kampnagel Fabrik, Hamburg
  • Elfriede Jelinek „Babel“
    (Eingeladen zu den Mülheimer Theatertagen „Stücke 2006“)
    2005, Burgtheater, Wien
  • Gerhart Hauptmann "Vor Sonnenaufgang"
    2004, Burgtheater Wien
  • Esther Bialas , Sebastian Blomberg , Sachiko Hara-Franke , Philipp Hochmair , Claudia Lehmann , Katrin Nottrodt , Myriam Schröder "German Roots" (zusammen mit Bernd Stegemann)
    2004, Ruhrfestspiele, Thalia Theater
  • Heinrich von Kleist Das Käthchen von Heilbronn“
    2003 Deutsches Theater Berlin
  • Elfriede Jelinek „Das Werk“
    UA 2003, Burgtheater Wien, Einladung zum Berliner Theatertreffen 2004
  • Georg Büchner „Dantons Tod“
    2002, Theater Basel
  • William Shakespeare „Hamlet“
    2001, Niedersächsisches Staatstheater Hannover, Einladung zum Berliner Theatertreffen
  • Nicolas Stemann nach Johann Wolfgang Goethe „Kauft Tasso!“
    2000, Schauspielhaus Bochum
  • Albert Ostermaier „Death Valley Junction“
    2000, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Gruppe Stemann „Verschwörung“
    1999, Kampnagel Hamburg
  • Gruppe Stemann „Zombie 45 – Am Bass Adolf Hitler“
    1998, Kammerspiele Hamburg
  • Nicolas Stemann nach Johann Wolfgang Goethe „Werther!“
    1997, Freie Produktion