Christian Stückl

Theater als Brauchtum – die Passionsspiele in Oberammergau

Jesus am Ölberg; Foto: Brigitte Maria Mayer / Passionsspiele Oberammergau 2010Alle zehn Jahre finden in Oberammergau die Passionsspiele statt. Regisseur Christian Stückl hat das Stück von seiner antijüdischen Haltung befreit.

Immer schon hat die Oberammergauer die Gabe ausgezeichnet, ihre Tradition zu verteidigen und zugleich im rechten Moment die Zeichen der Zeit zu erkennen und Veränderungen zuzulassen. Darin liegt der einzigartige Erfolg ihres Passionsspiels begründet, das seinen Ursprung in einer Katastrophe hat. 1633 wütete die Pest im Ammertal. Um dem schwarzen Tod Einhalt zu gebieten, gelobten die Gemeindevorsteher „die Passions-Tragödie alle zehn Jahre zu halten“. Danach, so will es die Legende, ist kein einziger Oberammergauer mehr der Pest erlegen. 1634 wurde erstmals das Passionsspiel aufgeführt. 2010, fast drei Jahrhunderte später, steht etwa jeder zweite der 5.000 Oberammergauer auf der Bühne des Passionstheaters. Mitmachen darf, wer im Dorf von Geburt an gemeldet ist oder seit 20 Jahren dort lebt.

Verkündigung, Spektakel und Geschäft

Das Team der Oberammergauer Passionsspiele 2010 (mit Regisseur Christian Stückl in der Mitte); Foto: Thomas Dashuber / Passionsspiele Oberammergau 2010Gelübde wie das von Oberammergau waren im 17. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches und galten als probates Mittel gegen die Pest. Passionsspiele gab es daher zuhauf. Der katholischen Kirche mit ihrem Sinn für Inszenierungen war es anfangs sehr recht, dass sich die bayerisch-bäuerliche Lust am Volkstheater durch die Passionsspiele in den Dienst der Verkündigung stellen ließ. Als aber immer mehr allegorische Figuren auf die Bühnen drängten und das Leidesspiel zusehends zum Spektakel verkam (bei dem etwa der sterbende Judas in Begleitung lautstark rumorender Teufel zur Hölle fuhr), sah sich die Obrigkeit genötigt einzugreifen: In der Aufklärung wurden Passionsspiele in Bayern verboten. Nur den Oberammergauern gelang es 1780, eine Ausnahmegenehmigung zu erwirken. Das bescherte ihnen einen singulären Status, der sich bis ins Ausland herumsprach.

Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte der Reiseveranstalter Thomas Cook Oberammergau. Der Passionstourismus setzte ein, entwickelte sich rasant und brachte dem Dorf den Vorwurf der Profitgier unter dem Deckmantel der Frömmigkeit ein. Lion Feuchtwanger beispielsweise ließ es in seinem Roman Erfolg nicht an bösen Spitzen gegen das „Apostelspiel“ mangeln.

Tatsächlich ist die Passion für das Dorf bis heute ein gutes Geschäft. Doch allein mit der Gewinnsucht seiner Ausrichter lässt sich nicht erklären, wie sich das Spiel über all die Jahrhunderte hinweg behaupten konnte. Gestritten wurde im Dorf immer auch um die Sache; um die bestmögliche Darstellung des Heilsgeschehens.

Das Ringen um Erneuerung

Der Judaskuß; Foto: Brigitte Maria Mayer / Passionsspiele Oberammergau 2010In den 1970er-Jahren wurde der Ruf nach Reform immer lauter. 1977 gab es die so genannte „Rosner-Probe“: Testaufführungen unter dem Rückgriff auf einen Text von 1750 aus der Feder des Ettaler Paters Ferdinand Rosner, in dem jene allegorischen Figuren auftreten, die die Aufklärung von der Bühne verbannt hatte. Auch die Oberammergauer lehnten die Rosner-Passion nach dem Probelauf per Bürgerentscheid ab. Bis heute basiert das Spiel daher auf den Texten des Ettaler Paters Othmar Weis und des Orts-Pfarrers Alois Daisenberger aus dem 19. Jahrhundert. Im Laufe der letzten 20 Jahre aber wurde diese Vorlage so stark überarbeitet wie noch nie.

1990 wurde Christian Stückl (Jahrgang 1961, seit 2002 Intendant am Münchner Volkstheater) jüngster Passionsspielleiter der Ortsgeschichte und brachte eine Entwicklung in Gang, die 2010 ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Stückl verbannte sukzessive alle Antijudaismen aus dem Stück, das zuvor allzu offensichtlich das Klischee von den bösen Juden bedient hatte, die den Christen ihren Herrgott ans Kreuz schlagen – ein Grund übrigens, weshalb sich Hitler vom Oberammergauer Passionsspiel 1934 angetan zeigte. Im Jahr 2000 stand erstmals die Menora, der siebenarmige jüdische Leuchter auf dem Abendmahlstisch.

Mehr Raum für die Botschaft

Jesus vor Pilatus; Foto: Brigitte Maria Mayer / Passionsspiele Oberammergau 20102010 betet Jesus nach der Vertreibung der Händler aus dem Tempel das „Schma Israel“, das zentrale Glaubensbekenntnis der Juden, und hält dabei ein Torarolle hoch. „Jesus war von den Zehen- bis in die Haarspitzen Jude“, ist Stückl überzeugt. Darüber hinaus fasziniert ihn die Konsequenz, mit der Jesus seinen Weg gegangen ist. Hatte Stückl Jesus 1990 noch als Revoluzzer in Szene gesetzt, so steht 20 Jahre später ein Erlöser auf der Bühne, der viel Raum für seine Botschaft bekommen hat. Die Passion soll Jesus nicht mehr nur in seinem Leiden zeigen. Passagen aus früheren Evangelien wurden in den Text eingearbeitet, aus der Bergpredigt zum Beispiel. So wird besser deutlich, wofür Jesus stand. Für die Nächstenliebe vor allem.

Auch einige äußerliche Neuerungen gab es. Ausstatter Stefan Hageneier hat beispielsweise komplett neue Kostüme schneidern lassen: taubenblaue Gewänder für das Volk von Israel, das in den beeindruckenden Massenszenen auf die Bühne drängt; furchteinflößende Hüte und prächtige Roben für die Hohepriester. Die Stoffe dafür wurden zum Teil in Indien eingekauft.

Auferstehung in der Nacht

Die Kreuzigung; Foto: Brigitte Maria Mayer / Passionsspiele Oberammergau 2010Die augenfälligste Veränderung: erstmals beginnt das Spiel nicht am Morgen, sondern erst am Nachmittag. Weshalb es sich in die Abendstunden zieht. Die Kreuzigung findet bei dramatischem Fackelschein statt. Bei der anschließenden Wiederauferstehungsszene aber wird deutlich, dass es Stückl um mehr geht als nur um den bloßen Effekt. Wie in der Liturgie der Osternacht in der katholischen Kirche wird das kleine Licht einer Kerze von Docht zu Docht weitergegeben, bis die Fülle der Flammen die dunkle Nacht erhellt, während Maria Magdalena die Frohe Botschaft vom auferstandenen Christus verkündet. Eine Symbolik, die in ihrer Einfachheit und Eindringlichkeit jeder versteht. Auch deshalb, weil Christian Stückl hier eine Neuerung ins Passionsspiel eingebracht hat, die auf einer uralten jüdisch-christlichen Tradition beruht.

Christoph Leibold
arbeitet als Hörfunkautor und Moderator für den Bayerischen Rundfunk / Bayern2 mit einem Schwerpunkt auf Theaterkritik; außerdem als regelmäßiger Rezensent für Deutschlandradio Kultur und Theater der Zeit. Die Auseinandersetzung der Oberammergauer mit ihrer Passion verfolgt er seit zehn Jahren.

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Juli 2010

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