Roger Vontobel

1977 in Zürich geboren. Aufgewachsen in der Schweiz und Johannesburg, Südafrika. Von 1998 bis 2001 absolviert er ein Schauspielstudium an der American Academy of Dramatic Arts in New York und Pasadena, bevor er unter anderem bei der ARK Theatre Company von Los Angeles als Schauspieler arbeitet und anlässlich einer eigenen Adaption von Maxim Gorkis "Sommergäste" zum ersten mal Regie führt.

2001 geht Roger Vontobel an die Theaterakademie Hamburg, studiert Regie und gründet ein Jahr später die freie Gruppe "VONTOBELhamburg". Seit dieser Zeit arbeitet er immer wieder mit der Schauspielerin Jana Schulz zusammen, für die er Lessings "Philotas" monologisch bearbeitet. "fi'lo:tas" wird Roger Vontobels erste Visitenkarte. Es folgen Einladungen zu mehreren Festivals des Freien Theaters wie den "Impulsen" in Nordrhein-Westfalen und dem Edinburgh Fringe Festival.

Sein Regiestudium schließt Vontobel im Wintersemster 2004/2005 ab. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet er bereits als Regisseur mit seiner freien Gruppe und inszeniert zum ersten Mal in der Gaußstraße des Hamburger Thalia Theaters und im Theaterhaus Jena. Seit Abschluss seines Studiums arbeitet er als fester Regisseur an den Kammerspielen München, dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg und Schauspiel Essen. 2006 wird Roger Vontobel in der Kritikerumfrage von "Theater heute" zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. Für seine Inszenierung von Franz Grillparzers "Das goldene Vlies" erhält er im selben Jahr den Gertrud-Eysoldt Förderpreis für junge Regie. Im Moment arbeitet er als fester Regisseur am Schauspiel Essen, am Schauspielhaus Bochum, den Münchner Kammerspielen und am Hamburger Schauspielhaus.

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Porträt: Roger Vontobel

Als er in Deutschland als Regisseur startete, stand Roger Vontobel zuerst einmal auf eigenen Füßen und sorgte dafür, dass die Mauer zwischen freiem Theater und Stadttheater noch pröser wurde, als sie bereits war. Seine Bearbeitung von Lessings "Philotas" brachte er in Hamburg und mit seiner freien Gruppe "VONTOBELhamburg" zur Uraufführung. Da war er 25, hatte im sonnigen Westen der USA bereits ein zweijähriges Schauspielstudium absolviert und hätte auch als Schauspieler Karriere machen können. Spätestens allerdings als er im Norden Hollywoods unter dem Titel "Summerfolk" eine eigene Adaption von Gorkis "Sommergäste" vorlegte, muss er Blut geleckt haben. Aus dem Schauspieler wurde der inszenierende Roger Vontobel, der nach Deutschland zurückkehrte, an der Hamburger Theaterakademie Regie studierte und sich schon während des Studiums als eigenwilliger Textbearbeiter zu erkennen gab.

Als er 2002 seine monologische Version von Lessings "Philotas" vorstellte, fiel die wichtigste Entscheidung seiner noch jungen Regiekarriere. Gespielt wurde der Monolog von der damaligen Schauspielschülerin Jana Schulz - der Grundstein für eine lang andauernde Zusammenarbeit war gelegt. "fi'lo:tas" wurde aber auch zu wichtigen Festivals der freien Szene wie den "Impulsen" in Nordrhein-Westfalen und dem Edinburgh Fringe Festival eingeladen, während namhafte Theater sich bereits für den Regisseur Vontobel interessierten. Dass aus dem Wunderkind sehr schnell eine feste Regiegröße werden konnte, hat unter anderem damit zu tun, dass er sich sowohl bei Klassiker-Inszenierungen als auch neuen Stücken als inszenierender Co-Autor versteht.

Egal ob er nun Grillparzers "Das goldene Vlies" oder Mark Ravenhills "pool, no water" inszeniert - er sucht immer nach prägnanten Lösungen für Bühnen-Erzählungen abseits des literarischen Nachvollzugs. Juli Zehs Roman "Spieltrieb" etwa richtete er zusammen mit Bernhard Studlar für die Bühne ein, ließ vor den kahlen Wänden des Malersaals im Hamburger Schauspielhaus spielen und hatte die Virtualität heutiger Lebenswelten im Blick. Der Prosatext stellt eine Schülerin ins Zentrum, die ihren Sportlehrer verführt und mit Internet-Photos erpresst. Die Schnelligkeit der medialen Umsetzung heutiger Lebensituationen, meinte Vontobel anlässlich der Uraufführung, habe zur Folge, dass Jugendliche nicht mehr den Moment erlebten und deshalb mit Gleichgültigkeit auch auf schreckliche Szenarien reagierten. Die Schülerin, die nicht mehr zwischen tatsächlicher und inszenierter Emotionalität unterscheiden kann, wurde von Jana Schulz gespielt und man konnte einmal mehr den Eindruck gewinnen, Vontobel konzipiere bestimmte Theaterarbeiten "nur" für diese überaus intensiv in die Materie der Figur eindringende Schauspielerin.

Medial verformte Realitäten stehen im Zentrum von Vontobels Regiearbeit. Anfang 2008 grub er Ibsens frühes Stück "Helden auf Helgeland" aus und inszenierte Ibsens Reaktion auf die altnordische Völsungen-Saga zuerst einmal als virtuelles Second-Live. Die eisige Völsungen-Welt entstand als Computer-Animation mit Schauspielern, die wie Simultansprecher ihrer Stellvertreter im Computerspiel wirkten. Vontobel hatte nach einer Möglichkeit des Umgangs mit Ibsens sperrigem Frühwerk gesucht, und landete zu Beginn seiner Inszenierung in einer blutleeren Computeranimation. Erst als er das archaische Familiendrama so nahm, wie es ist, konnte er sich einmal mehr auf Jana Schulz verlassen, die als nordische Brünhild die schäbigen Seiten einer hassverzerrten Frauenseele vorführt. Um Hass ging es auch, als er Marc Ravenvenhills "pool, no water" in Frankfurt inszenierte. Da ziehen vier minder erfolgreiche Künstler über eine erfolgreiche Kollegin her und Vontobel platzierte seine Inszenierung wie ein Environment auf der Bühne, während die Frankfurter Schauspieler all die Eitelkeiten spielten, die ein monomanisches Künstler-Prekariat ins Leben einspeist. "pool, no water" zählt nicht zu Ravenhills stärksten Texten, während "Monsun" nicht unbedingt das stärkste Stück der jungen deutschen Theaterautorin Anja Hilling ist. In beiden Fällen zeigte Vontobel allerdings, wie man solche Texte zum Glänzen bringen kann.

Er ist fester Regisseur am Schauspiel Essen, den Münchner Kammerspielen und am Hamburger Schauspielhaus, wo im Mai 2009 seine Inszenierung von Kleists „Käthchen von Heilbronn“ Premiere hat und Jana Schulz ein Käthchen spielt, das als schauspielerische Sensation gefeiert wird, während die Kritik Vontobels inszenatorischem Spiel mit Videoprojektionen, wallenden Nebeln und chorischen Gesängen eher skeptisch kommentiert.

Seit der Spielzeit 2009/2010 inszeniert Roger Vontobel auch am Züricher Theater Neumarkt und experimentiert mit Jörg Albrechts „Können wir uns die Katastrophen nicht sparen, Herr Calvin?“ weiter in Richtung multimedialer Theaterabende. In Zürich, so die Story, soll eine Katastrophenfilm mit Hollywoodstars entstehen. Vontobel inszeniert das unter anderem mit Live-Videos, die ein e Mikrokamera während der Inszenierung in einem Miniaturmodell der Züricher City filmt. Das Modell hat Vontobel selbst gebaut. Man darf gespannt sein, ob er künftig auch als Bühnenbildner auf sich aufmerksam macht.

Jürgen Berger

Inszenierungen - Eine Auswahl

  • Gerhart Hauptmann "Einsame Menschen"
    2014, Schauspielhaus Bochum
  • Bertolt Brecht "Im Dickicht der Städte"
    2013, Schauspielhaus Bochum
  • William Shakespeare "Hamlet"
    2012, Staatsschauspiel Dresden
  • Heinrich von Kleist "Der zerbrochene Krug"
    2012, Stasschauspiel Dresden
  • William Shakespeare "Was Ihr wollt"
    2011, Schauspielhaus, Bochum
  • Friedrich Schiller "Die Jungfrau von Orléans"
    2011, Schauspielhaus Bochum
  • Arthur Miller "Alle meine Söhne"
    2010, Deutsches Theater, Berlin
  • Sophokles, Aischylos, Euripides "Die Labdakiden"
    2010, Schauspiel Bochum
  • Heinrich von Kleist "Penthesilea"
    2010, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • Friedrich Schiller "Don Carlos"
    2010, Staatsschauspiel Dresden
  • Henrik Ibsen "Peer Gynt"
    2010, Schauspiel Essen (Grillo Theater)
  • Jörg Albrecht "Können wir uns die Katastrophen nicht sparen, Herr Calvin ?"
    2009, Theater am Neumarkt, Zürich
  • Heinrich von Kleist "Das Käthchen von Heilbronn"
    2009, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
  • Jörg Albrecht "Laß mich dein Leben leben ! Dirty Control 2"
    2009, Münchner Kammerspiele (Werkraum)
  • Johann Wolfgang von Goethe "Clavigo"
    2008, Maxim Gorki Theater Berlin
  • Aischylos "Die Orestie"
    2008, Schauspiel Essen
  • Nach Lukas Moodysson "Lilja-4-ever"
    2008 Münchner Kammerspiele
  • Henrik Ibsen "Die Helden von Helgeland"
    2008, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Mark Ravenhill "pool, no water"
    2007, schauspielfrankfurt
  • Gerhild Steinbuch "Verschwinden, oder die Nacht wird abgeschafft"
    UA 2007, Schauspielhaus Graz/steirischer herbst
  • Heinrich von Kleist "Die Familie Schroffenstein"
    2007, Münchner Kammerspiele
  • Franz Grillparzer "Das Goldene Vliess"
    2007, Schauspiel Essen, Gertrud-Eysoldt Förderpreis für junge Regie
  • Bernhard Studlar "Me and You and the EU"
    UA 2006, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • Christian Dietrich Grabbe "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung"
    2006 Deutsches Schauspielhaus Hamburg/Young Directors Project, Salzburger Festspiele
  • Gerhild Steinbuch "Schlafengehn"
    UA 2006 Schauspiel Essen
  • Bernhard Studlar/Roger Vontobel, nach Juli Zeh "Spieltrieb"
    2006, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Einladung zum Münchner Festival "Radikal Jung" 2007
  • Anja Hilling "Monsun"
    2006 Münchner Kammerspiele
  • Marius von Mayenburg "Eldorado"
    2005 Schauspiel Essen
  • Marius von Mayenburg "Eldorado"
    2005 Schauspiel Essen
  • Heinrich von Kleist, "Die Hermannsschlacht"
    2005 Theaterhaus Jena, Einladung zum Festival "Impulse" 2005
  • Juli Zeh "Präsentation eines Prototypen"
    UA 2005 Münchner Kammerspiele
  • Ferdinand Bruckner "Früchte des Nichts"
    2005, Staatstheater Stuttgart, Einladung zum Münchner Festival "Radikal Jung" 2006, Kritikerpreis
  • Lucy Prebble "Das Zuckersyndrom"
    2004, Münchner Kammerspiele
  • David Gieselmann "Herr Kolpert"
    2004, Thalia Theater Hamburg
  • Vladimir Sorokin "Dostojevskij Trip"
    2002 Zeisehallen Hamburg
  • Nach Lessing "fi'lo:tas"
    UA 2002 Zeisehallen Hamburg