Barbara Weber


© Stefan Minder
Geboren 1975 und aufgewachsen in Wattwil (Kanton St. Gallen). Studierte von 1997-2001 Schauspieltheaterregie am Institut für Theater, Musiktheater und Film in Hamburg.
Ab 2001 macht sich Barbara Weber einen Namen mit ihrem "unplugged" Format, das sie in der Freien Szene entwickelt: in Koproduktion mit diversen Häusern entstehen mehrteilige Reihen wie etwa "Hollywood Unplugged" (2001/02). 2005 gewinnt sie mit "RAF-unplugged" am Festival Impulse den Preis des Fonds der darstellenden Künste Berlin.
Neben der Arbeit in der freien Szene inszeniert Barbara Weber ab 2002 auch für feste Schweizer Häuser (u.a. luzernertheater, Stadttheater Bern); 2005 debütiert sie an den Münchener Kammerspielen mit "Sauerstoff" von Iwan Wyrypajew, es folgen weitere Inszenierung für dieses Haus ("Tanger unplugged", "Kebab", daneben arbeitet sie am Schauspiel Essen oder am Maxim Gorki Theater in Berlin.
Barbara Weber ist 2006 als Regisseurin im "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele vertreten, im Jahr danach gewinnt sie den Anerkennungspreis der St. Gallischen Kulturstiftung und 2008 zeigt sie an den Wiener Festwochen "Die Lears". Seit der Spielzeit 2008/09 leitet Barbara Weber mit Rafael Sanchez das Zürcher Theater Neumarkt, inszeniert am eigenen Haus (u.a. "Biografie: Ein Spiel", "Anna Karenina", "Baby Jane") und an deutschen Theatern.

    Porträt: Barbara Weber

    Der klassische Theaterkanon ist nicht ihr Ding. "Fertige Stücke schränken mich ein. Man muss schon wissen, was man damit Neues erzählen will, dann wird's wieder interessant", sagt Barbara Weber im Gespräch und tigert in ihrer giftgrünen Trainerjacke dem Bücherregal entlang, das Volker Hesse und Stephan Müller nach ihrer Direktion dem Theater Neumarkt hinterliessen. Heute logiert Barbara Weber mit Rafael Sanchez in diesem Direktionsbüro, leitet das Zürcher Haus und sucht sich als Regisseurin ihre Stoffe abseits vielbegangener Pfade: Romane, Kinofilme, Biografien, Briefwechsel bilden den Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Und was unmöglich scheint, nimmt sich Barbara Weber vor. Wie etwa Tolstojs 1000-Seiten-Wälzer "Anna Karenina". Weber stellte ihn 2009 ohne viel Federlesens auf die Neumarkt-Bühne: Da lief Anna mit ihrem Liebhaber Wronski in einer zauberhaften Szene auf dem Bretterboden Schlittschuh, ungeachtet der spöttischen Kommentare, die die übrigen Roman-Figuren auf Sofas in einer Bühnenecke fläzend absonderten. Später wurde tränenreich Abschied genommen, am Bahnhof inklusive dampfender Schwaden von einer Lock. Die Bühne dieser Inszenierung war ein Set für grosse Gefühle und ähnelte einer Filmproduktionsstätte mit Kulissen-Teilen und unterschiedlichen Drehorten. Dass hier Gefühle hergestellt werden, war stets klar, auch wenn es das Publikum noch so gerne vergass.

    Mit grossen Gefühlen und grossen Stoffen machte die Regisseurin von Beginn weg auf sich aufmerksam. Nach ihrem Studium am Institut für Theater, Musiktheater und Film zeigte Weber 2001/02 in Zürich und Hamburg die vierteilige Theaterserie "Hollywood Unplugged", die der Traumfabrik und ihren Elaboraten den Stecker zog. Die Dekonstruktion von Pathos war dabei ebenso prägnant wie die schnelle Produktion. Die "Unplugged"-Abende machten aus den Arbeitsbedingungen in der freien Szene ein ästhetisches Prinzip: Sie entstanden mit kleinem Budget in einer Probezeit von einer bis zwei Wochen und waren mit einem Bühnenbild, das in zwei Plastiktüten passte, extrem reisefähig.

    Was bleibt von Pathos ohne Technik? Den Schauspielerinnen und Schauspielern war die diebische Freude über diese Frage anzumerken: mit einfachsten Mitteln und viel Verve spielten sie die Boxersaga "Rocky" oder das Tränendrama "Titanic" nach, adaptierten die Filmstoffe als moderne Mythen in ihre Gegenwart und beackerten die Sehnsuchtsräume, die ein mediatisiertes Starsystem eröffnet. Mit dem Schauspieler und Autor Mike Müller, dem Dramaturgen Haiko Pfost und der Bühnenbildnerin Sara Giancane entwickelte Weber in den folgenden Jahren das "Unplugged"-Format weiter, untersuchte Medienphänomene wie Britney Spears oder revolutionäre Mythen. Für "RAF-unplugged" erhielt sie 2005 am Festival Impulse den Preis des Fonds der darstellenden Künste Berlin.

    Die Regisseurin gehört zu den Theatermachern, die in der freien Szene und an festen Häusern arbeiteten. Barbara Webers Karriere ist geprägt von zwei Theatersystemen. Nach dem Studienabschluss produzierte sie bis 2007 frei ihre "Unplugged"-Abende, erarbeitete ein Netz koproduzierender Häuser und fädelte sich gleichzeitig ins System der Stadttheater ein. Sie inszenierte für Schweizer Häuser (u.a. luzernertheater, Stadttheater Bern) und debütierte 2005 an den Münchner Kammerspielen. Im folgenden Jahr arbeitete sie am Volkstheater Wien, am Schauspiel Essen und war am Young Directors Project der Salzburger Festspiele vertreten. Es folgten Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen, am Maxim Gorki Theater in Berlin und an den Wiener Festwochen. Auf die Spielzeit 2008/2009 dann der grosse Schritt: Barbara Weber übernahm mit Rafael Sanchez die Leitung des Zürcher Theaters Neumarkt. Die Erwartungen an das junge Leitungsteam waren geradezu unerfüllbar hoch. Unterdessen hat das Haus seinen Platz in der Zürcher Theaterlandschaft gefunden, aber der Spagat zwischen der Pflege eines festen Schauspielerensembles und dem dichten Spielplan mit vielen rasch abgespielten Produktionen ist gross.

    Den heimatlichen Hafen am Neumarkt schätzt die Regisseurin. "Von einem Zentrum aus zu arbeiten ist gut", sagt Weber. Und während ihre letzten Inszenierungen an deutschen Häusern, z.B. "Die Wahlverwandtschaften" nach Goethe am Maxim Gorki Theater in Berlin (2009), kritisch begleitet wurden, gelingen ihr in Zürich immer wieder herausragende Abende, wie etwa "Baby Jane" (2009), nach dem Film "Whatever happened to Baby Jane" von Robert Aldrich. Auch bei der Umsetzung dieses Stoffs setzte Barbara Weber nicht auf Psychologie, sondern adaptierte einen Mythos ins heute. Sie stellte die gefallenen Hollywood-Stars aus Aldrichs Film in ein Zürcher Abbruchhaus am Rande der Stadt. Dort zerstörten sich die beiden Protagonistinnen in diversen Genres, von der TV-Schmonzette bis zum Horrorfilm, und spielten über ein ausgeklügeltes Mediensystem von Live-Videoschaltungen miteinander.

    Mythen, Medien und grossen Gefühlen wird Barbara Weber weiterhin auf der Spur sein. Denn ihre Arbeit sieht die Regisseurin als Fortsetzungsgeschichte - und sagt dazu trocken: "Ich arbeite eigentlich immer an einer Sache, einfach in verschiedenen Kapiteln".
    Ellinor Landmann

    Inszenierungen - Eine Auswahl

    • Sarah Ruhl "Nebenan. The Vibrator Play"
      2012, Residenztheater, München
    • Bertolt Brecht "Der gute Mensch von Sezuan"
      2011, Theater Neumarkt, Zürich
    • Luigi Pirandello "Die Nackten kleiden"
      2011, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Are You Still Afraid of Virginia Woolf ?"
      Ein Projekt von Barbara Weber und Michael Gmaj
      2010, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Brief an den Vater. Franz Kafka"
      2010, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Bonnie und Clyde"
      2010, Münchner Kammerspiele
    • "Baby Jane" nach Motiven des Films "Whatever happened to Baby Jane" von Robert Aldrich
      2009, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Die Wahlverwandtschaften" nach Johann Wolfgang von Goethe
      2009, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • "Anna Karenina" nach dem Roman von Lew Tolstoi
      2009, Theater Neumarkt, Zürich
    • Max Frisch "Biografie: Ein Spiel"
      2008, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Hair Story"
      2008, Theater Neumarkt, Zürich
    • "Die Lears" nach William Shakespeare
      2008, Wiener Festwochen, Hebbel Am Ufer, Berlin, Neumarkt Theater, Zürich
    • G. E. Lessing "Miss Sara Sampson"
      2007, Maxim Gorki Theater, Berlin
    • "Tanger Unplugged"
      2007, Münchner Kammerspiele
    • Gianina Carbunariu "Kebab"
      2007, Münchner Kammerspiele
    • Calderon De La Barca "Das Leben ist Traum"
      2006, Schauspiel Essen
    • "VIKTOR! Happiness is a warm gun" nach Roger Vitrac
      2006, Young Directors Project, Salzburger Festspiele, Theater Freiburg, Hebbel Am Ufer, Berlin
    • "Radikalisierungsgeisterbahn"
      2006, Bunnyhill 2, Münchner Kammerspiele
    • "JACKO unplugged"
      2006, auawirleben Bern, Hebbel Am Ufer, Berlin, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich
    • "paultschi unplugged"
      2006, Volkstheater Wien
    • Niklaus Helbling "Les Syrènes" nach Homer
      2005, Fabriktheater Zürich
    • "X-Wohnungen"
      2005, Hebbel Am Ufer, Berlin
    • "RAF-unplugged"
      2005, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Hebbel Am Ufer, Berlin und "auawirleben", Bern. Gewann den Preis des Fonds der darstellenden Künste Berlin bei IMPULSE 2005
    • Iwan Wyrypajew "Sauerstoff"
      2005, Münchner Kammerspiele
    • Roland Schimmelpfennig "Die Frau von früher"
      2004, Stadttheater Bern (Schweizer Erstaufführung)
    • "mother t." stars unplugged no. 2
      2004, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Hebbel Am Ufer, Berlin, eingeladen zu Politik im Freien Theater 2005
    • "X-Wohnungen",
      2004, Hebbel Am Ufer, Berlin
    • "britneyland" stars unplugged no. 1
      2003, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Hebbel Am Ufer, Berlin
    • Kathrin Röggla "die 50 mal besseren Amerikaner/fake reports"
      2003, Sophiensæle Berlin, TIF/Staatsschaupiel Dresden, Theaterhaus Jena
    • Friedrich Dürrenmatt "Der Besuch der alten Dame"
      2002, luzernertheater
    • Roland Schimmelpfennig "Die arabische Nacht"
      2002, Theater an der Winkelwiese, Zürich (Schweizer Erstaufführung)
    • "Star Wars" Hollywood Unplugged No.4
      2002, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
    • "Titanic" Hollywood Unplugged No.3
      2002, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, eingeladen zu IMPULSE 2002
    • "Rocky" Hollywood Unplugged No. 2
      2001, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
    • "Bonnie&Clyde" Hollywood Unplugged No.1
      2001, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich, Deutsches Schauspielhaus Hamburg