Mit Langzeitwirkung: das „Autorenlabor“ am Düsseldorfer Schauspielhaus
Laborsituation, das meint eine Art Versuchsfeld, einen Experimentierraum. Es ist überhaupt erst einmal bemerkenswert, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus, mit Beginn der Intendanz von Amélie Niermeyer zur Saison 2006, ein „Autorenlabor“ eingerichtet hat, um junge Dramatiker zu fördern.

Bemerkenswert deshalb, weil ein um Produktionsausstoß und Effektivität angehaltener Bühnenbetrieb eine Nische für anderes Tempo, anderes Denken schafft. Und sich nicht bloß mit dem schnell erlöschenden Glanz eines „Autoren-Festivals“ schmückt.
Was das Konzept dieser Aus- und Weiterbildung von regulären Studiengängen wie szenisches Schreiben unterscheidet, hängt – neben individueller Aussteuerung und Nachhaltigkeit – zunächst mit der verantwortlichen Person zusammen. Der „Laborant“ ist Thomas Jonigk, der am Niermeyer-Theater mehrere Funktionen ausübt: als Dramaturg, als Hausautor, der bisher die Stücke Hörst du mein heimliches Rufen und Diesseits geliefert hat, und eben als Leiter und Anreger des dramatischen Experiments.
Die fünf Teilnehmer besuchen keine Ganztagsschule. Sie können in ihren gewohnten Lebenszusammenhängen bleiben und treffen sich eine Saison lang alle vier Wochen zu Blockseminaren für drei bis vier Tage in Düsseldorf. Jeder von ihnen erhält pro Monat 500 Euro: „Wir wollten extra keine Komplettversorgung und Luxus-Situation schaffen“, sagt Jonigk, um „Realitätsbezug zu bewahren“.
250 Bewerber, fünf Teilnehmer
Die Auswahl folgt dem Intendantenprinzip: Jonigk entscheidet allein nach Lektüre. Eingereicht wurden 250 Bewerbungen. Zur Grundbedingung gehört, dass bereits ein abendfüllender Text existieren muss, aber nicht mehr als ein Stück uraufgeführt wurde. Die Kandidaten haben also ihr Debüt hinter sich und den Führerschein für die Theaterlaufbahn in der Tasche. Zudem müssen sie nicht zwingend bei einem Theaterverlag unter Vertrag sein. Die Vernetzung findet dann, auch dies Beleg für den Erfolg des Düsseldorfer Modells, im Anschluss statt. Jonigk resümiert, dass alle Absolventen „gut untergekommen“ seien.
Der erste Jahrgang hatte im Mai 2007 seine Ergebnisse vorgelegt. Die öffentlichen Lesungen der entwickelten Bühnentexte wurden bewusst nicht szenisch gestaltet, damit die Aufmerksamkeit nicht der Regie, sondern dem puren Wort zukommt. Der als bester bewertete Text, Nora Mansmanns zwei brüder drei augen im Mediziner- und Mutanten-Milieu, wird im Frühjahr 2008 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt. Zusätzlich bekommt der Sieger 2000 Euro, auch eine vergleichsweise bescheidene Summe. Der Wert des „Autorenlabors“ bemisst sich vorrangig anders.
Wieder Geschichten erzählen
Die Bilanz des 41-jährigen Jonigk fällt positiv aus: Es sei neben der fruchtbaren Arbeitsatmosphäre gelungen, die jungen Autorinnen (Juliane Kann, Nora Mansmann) und Autoren (John Birke, Paul Brodowsky, Dirk Laucke) für die praktischen Gegebenheiten am Schauspielhaus zu interessieren, ihnen Kenntnisse in den Abläufen zu vermitteln und sie in die hausinternen Prozesse zu integrieren. Mit Blick auf die Texte sieht er eine Tendenz zum inhaltlichen Denken und konkreten Erzählen von Geschichten. „Jelinek-Epigonen gibt es nicht mehr.“
Für die selbstverständlich mit dem Fernsehen und im Wissen um ökonomische Bedrohung aufgewachsene Generation gelte es nicht als anrüchig, pragmatisch zu sein, ein Publikum erreichen zu wollen und doch an die Brecht'sche Veränderbarkeit zu glauben. „Die haben eine andere Drahtigkeit“, so Jonigk. Lassen sich generelle Schwächen feststellen? Jonigk registriert eine gewisse „Schlampigkeit in der sprachlichen Ausführung“, fehlenden Feinschliff. Und als weiteres Defizit, dass die Vermittlung zwischen dem, was im Kopf des Autors passiert, und dem, was er zu Papier bringt, nicht immer funktioniere.
Ständiger Dialog und Disput
Mittlerweile wurde die neue „Klasse“ zusammengestellt, diesmal mit etwas älteren Jahrgängen um die 30 und wiederum in der günstigen chemischen Verbindung von zwei Frauen (Katharina Schmidt, Tina Müller) und drei Männern (Thomas Melle, Stephan Seidel, Carsten Brandau). Auch die zweite Generation wird im Laufe der zehn Monate den Fokus zunehmend auf das Lektorat richten und auf konstruktives Analysieren. Dialog und Disput bilden ein ständiges Korrektiv. „Mein Schreiben immer wieder zu erklären“, so Mansmann, empfand die einsame Schreibtischarbeiterin durchaus als Gewinn. Der einmalige Laborversuch genießt in der Theaterszene schon hohe Aufmerksamkeit. In Düsseldorf wird die Idee des Werkstattcharakters ernst genommen, ist Kontinuität ein besonderes Anliegen und das Pensum äußerst praxisorientiert.
ist Chefredakteur der Kulturzeitschrift „K-West“ und war bis 2007 Jurymitglied des Berliner Theatertreffens
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Januar 2008









