Theaterpädagogik

Was ist eigentlich ein Theaterpädagoge? So etwas Ähnliches wie ein Musiklehrer? Ein Theaterlehrer, der das Theaterspielen lehrt? Oder so etwas Ähnliches wie ein Museumspädagoge?
Ein Kunstvermittler, der Zugänge zu Theaterkunstwerken vermittelt? Und wo findet man Theaterpädagogen? In der Schule oder im Theater? Der Versuch, die theaterpädagogische Profession im Vergleich mit anderen kunstpädagogischen und kulturvermittelnden Berufen zu beschreiben, muss an der Komplexität des theaterpädagogischen Profils und der Breite des Berufsfeldes scheitern. Man erklärt so nur immer einen Teilaspekt, denn das kunst- und kulturpädagogische Feld der Theaterpädagogik hat sich in den letzten zehn Jahren rasant entwickelt. Theaterpädagogen arbeiten an Stadt-, Staats- und Landestheatern, an Kinder- und Jugendtheatern, in Theaterpädagogischen Zentren und in der Schule, sie geben Workshops in der Berufsausbildung und der beruflichen Fort- und Weiterbildung.
Weitgefächertes Aufgabengebiet
Im Zentrum der Theaterpädagogik steht der spielende Mensch. Sei es der Schüler, der das Darstellende Spiel erlernt, sei es der Jugendliche, der im Theaterspielclub gemeinsam mit anderen auf der Bühne steht, sei es der Manager, der mit Rollenspielen sein berufliches Auftreten optimiert.
Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Theaterpädagogik sich in ihrer anleitenden Funktion im Spannungsfeld von kreativer Kunstproduktion und Kompetenzvermittlung bewegt, während sich die vermittelnde Funktion der Theaterpädagogik auf das Kunstwerk Theateraufführung und seine Rezeption bezieht. Etwa wenn Theaterpädagogen mit jugendlichen Zuschauern zu einem bestimmten Thema improvisieren, um damit den Theaterbesuch vorzubereiten. Mit der theaterpädagogischen Begleitung einer Aufführung, zu der auch nachbereitende Gespräche oder Workshops gehören, soll Interesse für das Theater-Sehen geweckt und gleichermaßen sollen Kenntnisse für das Theater-Verstehen vermittelt werden.
Die Rezeption der Theateraufführung wird insofern nicht als nur passives Wahrnehmen begriffen, sondern als die aktive und kreative Auseinandersetzung des Zuschauers mit dem Gesehenen in einem spielerischen Prozess. Theaterpädagogik macht also die vielfältigen Formen, Ausdrucks- und Wirkungsweisen des Theaters für soziale und künstlerische Bildungsprozesse nutzbar.
Theater wird Bestandteil des alltäglichen Lebens
Doch Theaterpädagogik gibt es nicht nur in Deutschland. In anglo-amerikanischen Ländern beispielsweise ist theatre bzw. drama in education integraler Bestandteil des Curriculums an allgemeinbildenden und weiterführenden Schulen und wirkt sich neben allen bildenden Effekten nachweislich positiv auf die schulische Atmosphäre aus. Die Bezeichnung theatre work in social fields, die ebenfalls aus dem englischsprachigen Raum stammt, verweist auf die sozialen Aspekte der Theaterarbeit. In site specific performances, also theatralen Aktionen, die im öffentlichen Raum einer Stadt oder eines Dorfes erarbeitet und präsentiert werden, wird das Theater zum zeitweiligen Bestandteil des alltäglichen Lebens. Dabei greifen die Theaterpädagogen vor Ort vorgefundene Themen und soziale Bedingungen auf und beziehen oft auch die Menschen, die dort leben, in diese sozialen Kunstaktionen mit ein.
Das Medium Theater ist damit nicht mehr an die Institution des bürgerlichen Theaters gebunden, sondern entfaltet seine ästhetischen und sozialen Wirkungen im Arbeits- und Lebensumfeld der Beteiligten. Diese Form des Theaters, inspiriert unter anderem von Augusto Boals Konzept des Theaters der Unterdrückten und von Bertolt Brechts Lehrstück-Konzept, hebt den Unterschied zwischen Spieler und Zuschauer tendenziell auf. Sie erfahren spielend und zuschauend etwas über ihre Welt. Diese theaterpädagogischen Aktivitäten wollen die gesellschaftlichen Verhältnisse als veränder- und beeinflussbar zeigen. In spielerischen Prozessen aktivieren sie die Beteiligten, die so eigenes soziales Verhalten und eigene Haltungen erproben und auf ihre Wirksamkeit überprüfen können.

Verbindungsleute zum Publikum
Parallel zur Ausweitung des theaterpädagogischen Handlungsfeldes in die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche hat die Theaterpädagogik an Theatern einen regelrechten Boom erlebt. Es gibt in Deutschland kaum noch ein Theater ohne Theaterpädagogen. Ursprünglich vor allem als wirkungsvolles Marketinginstrument eingesetzt, hat sich die Theaterpädagogik an den Theatern heute von der Besucherabteilung emanzipiert.
Im direkten Kontakt mit den Zuschauern erfahren sie viel über die Lebenssituationen, die sozialen und beruflichen Bedingungen und nicht zuletzt auch über die Interessen ihres Publikums. Und diese Erfahrungen können wieder in die künstlerische Produktion einfließen. Diese Methode ist vor allem von den Kinder- und Jugendtheatern entwickelt worden, die mit dem engen und kontinuierlichen Kontakt zu ihrem Publikum sicherstellen, dass sie stets über die sich rasant verändernde Lebenswirklichkeit und die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen auf dem Laufenden sind. Theaterpädagogen an Kinder- und Jugendtheatern sind daher heute oft auch gleichzeitig Dramaturgen, die ihre Erfahrungen mit den jungen Zuschauern ganz direkt in den Prozess der Kunstproduktion einbringen können. Theaterpädagogen gelten als wichtige Verbindungsleute zum Publikum.
ist der Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland
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Juli 2008









