Dramaturgen: die Multitasker
Ob als Textanalytiker, Spielplangestalter oder Öffentlichkeitsarbeiter: Während der Beruf des Dramaturgen in vielen Ländern gar nicht existiert, ist er eine feste Größe im deutschen Theater. In den letzten Jahren hat er sich weiterentwickelt und verändert. Die ursprünglichen Cheftheoretiker bestimmen den Charakter und das Erscheinungsbild ihrer Häuser mittlerweile in vielen verschiedenen theaterpraktischen Disziplinen.
Wörtlich aus dem Griechischen übersetzt bedeutet Dramaturgie die Architektur, der innere Bauplan einer Handlung. Gotthold Ephraim Lessing, einer der wichtigsten Vertreter der Aufklärung, war der Erste, der 1767 mit seiner Hamburgischen Dramaturgie eine umfassende theatertheoretische Analyse der Dicht- und Schauspielkunst in diesem Sinn veröffentlichte. An deutschen Theatern gehören Dramaturgen inzwischen zum festen Mitarbeiterstamm. In vielen anderen Ländern existiert der Beruf gar nicht.
Produktionsdramaturgie
In der Regel wird in Deutschland jede Theaterproduktion von einem Dramaturgen begleitet. Neben dem Regisseur beteiligen sich diese Produktionsdramaturgen maßgeblich an der Inszenierungsarbeit. Da der Begriff eines Stückes sich im Laufe der Zeit erweitert hat und der Trend zu ursprünglich nicht dramatischen Bühnenstoffen wie Romanadaptionen oder dokumentarischen Formaten steigt, ist ihr Aufgabenfeld mittlerweile vielfältiger geworden. Bei der Erarbeitung von Spielfassungen ist heute etwa spezifische Textkompetenz von Dramaturgen gefragt.
Der Chefdramaturg des Schauspiels Frankfurt, Jens Groß, destillierte 2007 zusammen mit dem Regisseur Armin Petras aus Einar Schleefs 900 Seiten starkem Roman Gertrud einen zweistündigen Theaterabend. Schleef beschreibt dort die Lebensgeschichte seiner Mutter in vier verschiedenen deutschen Gesellschaftssystemen. Groß zog weitere Schleef-Werke wie die Tagebücher zu Rate und stellte fest, dass der Autor seine Erinnerungen immer wieder korrigiert hatte, frühere Eintragungen sozusagen fortwährend überschrieben hatte. Diese Struktur wurde zum ästhetischen Prinzip der Gertrud-Aufführung: Vier Schauspielerinnen unterschiedlichen Alters stellen die Figur in ihren verschiedenen Lebensphasen dar und kommentieren und korrigieren einander direkt auf der Bühne.
Neue Diskurse
Vor einer ähnlichen Herausforderung stand die Chefdramaturgin der Münchner Kammerspiele, Julia Lochte, als der Regisseur Jossi Wieler Elfriede Jelineks Stück Rechnitz (Der Würgeengel) inszenierte. Der komplexe Text, der verschiedene gesellschaftliche Diskurse und Sprechweisen kommentierend integriert, setzt sich mit einer realen Gräueltat während der Nazidiktatur auseinander: Im März 1945 veranstaltete die Gräfin Batthyány, geborene Thyssen, auf ihrem Schloss in Rechnitz ein Fest mit NSDAP-Angehörigen und SS-Größen, bei dem gleichsam als grausamer Party-Höhepunkt 180 jüdische Zwangsarbeiter erschossen wurden. Julia Lochte las das Stück zunächst mit dem Regisseur und der Bühnenbildnerin Anja Rabe zusammen laut, diskutierte Assoziationen oder Schwierigkeiten unmittelbar und komprimierte den Text. Später ging es darum, ihn mit verwandten Diskursen zu umstellen. Dazu gehörte auch, dass Julia Lochte gemeinsam mit dem Ensemble einen der letzten Kriegsverbrecherprozesse zu Verbrechen des Zweiten Weltkrieges in München besuchte.
Die Öffnung des Theaters
Die Kontextualisierung des Theaters mit anderen Disziplinen und Diskursen bleibt nicht auf einzelne Produktionen beschränkt, sondern ist den meisten Bühnen inzwischen zu einer grundsätzlichen Aufgabe geworden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt, das die Chefdramaturgin des Berliner Maxim Gorki Theaters, Andrea Koschwitz, initiierte. Im Rahmen der Studie Leben im Umbruch erforschen junge Soziologen zurzeit die Veränderungen in der ostdeutschen Stadt Wittenberge seit dem politisch-gesellschaftlichen Umbruch 1989. Koschwitz hat die Wissenschaftler mit ausgewählten jungen Autoren in Form einer Arbeitsgruppe zusammengebracht. Aus den gemeinsamen Diskussionen der Forschungsergebnisse entstehen Stücke, die dann am Maxim Gorki Theater aufgeführt werden. So sind Dramaturgen auch maßgeblich an der Spielplangestaltung und Profilgebung ihrer Häuser beteiligt.
Vom Text-Analytiker zum Theater-Manager
Überhaupt hat sich das Berufsbild der Dramaturgen in der Theaterpraxis aus strukturellen wie aus finanziellen Gründen weiterentwickelt. Laut Bernd Stegemann, Professor für Dramaturgie an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ und ab Herbst 2009 Chefdramaturg der Berliner Schaubühne, hat sich die reine dramaturgische Analyse von Stücken auf ihre Theatralisierungsmöglichkeiten hin inzwischen stärker auf die Regisseure selbst verschoben.
Dramaturgen sind heute eher Manager, Öffentlichkeitsarbeiter und Netzwerker. Sie leiten Publikumsgespräche, entscheiden über Spielpläne wie Engagements, betreuen die Jugendklubs der Theater und kuratieren kulturelle Rahmenprogramme, mit denen viele Häuser abseits des konventionellen Bildungskanons neue Publikumsschichten zu interessieren versuchen.
Christine Wahl
ist Theaterkritikerin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für Spiegel Online, den Berliner Tagesspiegel und Theater heute.
ist Theaterkritikerin und Journalistin. Sie schreibt u.a. für Spiegel Online, den Berliner Tagesspiegel und Theater heute.
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März 2009
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