Berufe und Ausbildung

Fokus auf Dramatik: die Mülheimer Übersetzerwerkstatt

Alle zwei Jahre lädt das Internationale Theaterinstitut ITI etwa ein Dutzend Übersetzer deutschsprachiger Dramatik zu einer Übersetzerwerkstatt in das nordrhein-westfälische Mülheim ein. Man sitzt in einem kleinen Hotel in der Innenstadt, diskutiert, übersetzt, vergleicht, lernt – und abends geht man ins Theater.

Teilnehmer, Uebersetzerwerkstatt Muelheim 2009; Copyright: ITI  Germany, Foto: Shinichi Sakayori










Das zweiwöchige Arbeitstreffen findet jeden Mai während der Mülheimer Theatertage „Stücke“ statt, bei dem die besten deutschsprachigen Dramen des vergangenen Jahres gezeigt werden und am Ende ein Sieger ausgesucht wird. Bei dem Festival schaut ein großer Teil der deutschsprachigen Theaterszene vorbei, schon allein dadurch bekommen die Teilnehmer einen intensiven Eindruck vom deutschen Theater.
 
Bojana Denic, Ramon Farrés, Heliana Sinaga, Alla Rybikowa (vlnr), Uebersetzerwerkstatt Muelheim 2009; Copyright: ITI  Germany, Foto: Shinichi SakayoriPro Sprache wird immer nur ein Übersetzer nach Mülheim eingeladen. Da aus jeder Sprache nur ein Vertreter teilnehmen kann und es viele Interessenten aus Lateinamerika gab, wurde 2009 erstmals ein Workshop allein für spanischsprachige Übersetzer abgehalten, geleitet von Thomas Brovot vom Literaturübersetzerverband VdÜ. Alle Teilnehmer sind professionelle Übersetzer und haben sich in aller Regel bereits sehr intensiv mit der deutschsprachigen Dramatik und Theaterszene auseinandergesetzt. „Wer auch immer aus der deutschen Theaterszene hier vorbeischaut“, sagt Andrea Zagorski, die die Werkstatt seit 2000 leitet, „ist überrascht von den intimen Kenntnissen, die die Teilnehmer von der deutschen Theaterszene haben.“

Oft sind es übersetzende Regisseure oder Dramaturgen, manchmal auch Autoren, die an der Übersetzerwerkstatt teilnehmen. Die Hälfte die Teilnehmer war schon einmal in Mülheim bei der Werkstatt, die andere kommt neu hinzu. Ziel dieser Verteilung ist eine ausgewogene Mischung von Kontinuität und Verjüngung.

Nur Zeitgenössisches

Jona Schlegel, Vera San Payo de Lemos, Jukka Pekka Pajunen (vlnr), Uebersetzerwerkstatt Muelheim 2009; Copyright: ITI  Germany, Foto: Shinichi SakayoriBei der Mülheimer Übersetzerwerkstatt geht es ausschließlich um zeitgenössische, gerade erst uraufgeführte Dramen. Dabei steht eine mögliche Aufführung in der anderen Sprache im Zentrum der übersetzerischen Arbeit. Oft gelingt das auch und die Mülheimer Theaterwerkstatt ist so ein Ausgangspunkt vieler Aufführungen deutscher Stücke im Ausland. „Unser Ziel ist vor allem theaternahes Übersetzen“, sagt Andrea Zagorski. Es ist immer gesprochene Sprache, die übersetzt wird: „Das Dialogische steht ganz klar im Vordergrund.“
 
Außerdem hat sich herausgestellt, dass der kulturelle Transfer der Stücke, ihrer Inhalte und Kontexte, von einer Kultur in die andere eine besondere Herausforderung ist. Das fängt mit Dialekten oder Redewendungen an, reicht über Themen, die gerade im deutschen Sprachraum diskutiert werden und geht bis zu Besonderheiten der deutschen, österreichischen oder schweizerischen Geschichte. „Das alles muss in der anderen Sprache und Kultur selbstverständlich rüberkommen“, sagt Zagorski – und so wird in der Werkstatt ausgiebig darüber diskutiert und Möglichkeiten der Übertragung erarbeitet.
 
Stuecke09, Uebersetzerwerkstatt Muelheim 2009; Copyright: ITI Germany, Foto: Shinichi SakayoriIn der Regel werden zwei oder drei neue Stücke von den Teilnehmern während der Werkstatt übersetzt. Bei dem Treffen, das 2009 stattfand, waren es Ewald Palmetshofers hamlet ist tot. keine schwerkraft, Rechnitz von Elfriede Jelinek und Hier und Jetzt von Roland Schimmelpfennig. Jedes Stück wirft dabei ganz eigene Probleme und Fragen der Übersetzung auf. Auf diese Weise spiegelt sich die große Vielfalt der deutschsprachigen Dramatik in den Übungen wieder.

Verbindung von Übersetzungsarbeit und Theaternähe

Heinz Schwarzinger, Seminarleiter Internationale Werkstatt, Uebersetzerwerkstatt Muelheim 2009; Copyright: ITI  Germany, Foto: Shinichi SakayoriDaneben sehen die internationalen Teilnehmer während der zwei Wochen fast jeden Abend eine Theateraufführung, entweder beim „Stücke“-Festival oder in einem der vielen Theater der Umgebung. Dazu diskutieren sie mit den Autoren und Regisseuren der Produktionen bei den öffentlichen Diskussionen des „Stücke“-Festivals. Bei einem Besuch bei den Theater-Dramaturgen bekommen sie eine Vorstellung davon, wie ein Stadttheater-Spielplan zusammengestellt wird. Daneben werden Journalisten, Jurymitglieder, Verleger oder Kulturpolitiker zu Gesprächen über das Theatergeschehen in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen. „Es ist wirklich erstaunlich, was hier im Theater alles geschieht“, sagt ein Teilnehmer.
 
Als zentralen Ort der Weiterbildung und des Austauschs für Übersetzer und Vermittler deutschsprachiger Dramatik gibt es die Übersetzerwerkstatt nun seit zwanzig Jahren. Das Besondere an ihr ist die Verbindung von intensiver Übersetzungsarbeit und Theaternähe. Einen besseren Einblick in die avancierte deutschsprachige Theaterszene wird man in gleich kurzer Zeit nirgendwo bekommen. Das Interesse ist nach wie vor groß. Viele der Teilnehmer veranstalten in ihren Ländern Festivals, sind dort Kuratoren, haben intensive Arbeitskontakte zu den Theatern ihres Landes und arbeiten so intensiv am Austausch der Kulturen.
Peter Michalzik
ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau und ist im Auswahlgremium für das Festival „Stücke – Mülheimer Theatertage“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2009

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