Schauspieler – zwischen Ausbildung und Beruf

Nirgendwo auf der Welt existiert eine so vielfältige und dicht besiedelte Theaterlandschaft wie in Deutschland. Auch die (staatlich geregelte) Ausbildung junger Schauspieler steht in einem guten Ruf. Doch nicht zuletzt in Krisenzeiten, in denen auch die Bühnen sparen und Stellen abbauen, wird es für Berufsanfänger immer schwieriger ein festes Engagement zu finden. Aus dem „Sommernachtstraum“ von der Karriere kann schnell eine gar nicht so heitere „Komödie der Irrungen“ werden.
Mehr Absolventen als freie Stellen
Der Andrang ist groß: etwa 200 Absolventen mit Abschluss verlassen jährlich die 15 staatlichen Schauspielschulen in Deutschland, genau so viele kommen von den anerkannten privaten Instituten. Wer es bis hierher geschafft hat, hatte ohnehin schon Glück: 500 Bewerber auf acht Studienplätze (zwei Zahlen aus Stuttgart) sind die Regel. Aber wer sich dann nach dem Studium nicht gleich einreihen will zu den jahresdurchschnittlich etwa 2.500 offiziell als arbeitslos gemeldeten Schauspielern, der ist mehr und mehr auf sich allein gestellt, wenn er in einem der rund 150 öffentlich getragenen Theater – also Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen – unterkommen will.
Zwar sind die meisten der jungen Leute (nach einem Vorsprechen noch während des Studiums) bei der Künstlervermittlung der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) registriert, die in engem Kontakt mit den Bühnen steht – eine Garantie für einen festen Arbeitsplatz (mit knapp 1.700 Euro brutto in den ersten beiden Jahren zudem nicht eben königlich honoriert) gibt es da aber auch nicht. Und die Konkurrenz ist riesig: die Theater können aus der ZAV-Kartei wählen, in der mittlerweile cirka 12.000 Namen verzeichnet sind.
Die Karriere in die eigene Hand nehmen
Es geht also am Anfang einer Karriere keineswegs nach Was ihr wollt oder Wie es euch gefällt. Da ist zum Beispiel Constantin L., 30 Jahre alt. Im 3. Studienjahr gab es ein ZAV-Vorsprechen, seitdem ist er in der Kartei. Nach einem kurzen Festengagement in Nürnberg ist er jetzt wieder „frei“. Er sagt, die Künstlervermittlung könne sich gar nicht speziell und ständig um einen kümmern. Also macht er es wie viele seiner Kollegen: er schreibt unermüdlich Bewerbungen – und wirbt für sich auf der eigenen Homepage. Oder Antje T., 33 Jahre alt und seit fünf Jahren selbständig. Nach der Ausbildung gab es einige Gastengagements. Sie ist heute froh, dass sie neben der Schauspielerei auch noch Kulturmanagement studiert hat, denn ohne den Durchblick auf dem freien Kulturmarkt ginge gar nichts mehr, sagt sie. Sie hat sich Nischen gesucht, ein eigenes Programm erarbeitet und sich in der Off-Szene umgetan. 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt sie auf der Bühne, die andere Hälfte in ihrem Büro und vor dem Computer zuhause. Die Schauspielerin als Kleinst-Unternehmerin.
Özlem D. ist 26 Jahre alt, hatte nach der Ausbildung einige Stückverträge und „sehr viele Vorsprechen“. Jetzt drückt sie noch einmal die Schulbank und nimmt an einem Aufbaustudiengang für Theater- und Bewegungspädagogik teil. Seit einem halben Jahr stand die Schauspielerin auf keiner Bühne mehr („Das ist Gift für uns, man verliert die Sicherheit.“), weil sie lernt und nebenbei kellnern muss, um zu überleben. Die junge Frau weiß heute, dass das Ausbildungssystem an den Schauspielschulen „völlig veraltet“ ist: „Es reicht längst nicht mehr, nur das Spielen zu lernen, man muss auch noch mindestens soviel Ahnung von Philosophie und Büroorganisation haben, um später weiterzukommen.“
Kein Rüstzeug für die Wirklichkeit
„Es gibt viel zu viele Absolventen und viel zu wenig Möglichkeiten für sie“, sagt Sandra Rudorff, die in Hamburg eine Agentur für Theater-Schauspieler leitet und der festen Überzeugung ist, dass Einrichtungen wie ihre für Berufsanfänger außerordentlich nützlich sind. Denn auch sie glaubt, dass die jungen Leute mit der Vermittlung von Schauspielkunst allein von den Schulen nur unzulänglich auf den Markt und seine Gesetze vorbereitet werden. „Die haben in der Regel das Rüstzeug für die harte Wirklichkeit nicht“, meint sie, „und da können wir helfend und vermittelnd eingreifen.“
Rudorff, die selbst vom Theater kommt, hat die Beobachtung gemacht, dass die meisten jungen Schauspieler „offen für alles“ sind, auch für Angebote aus der viel gescholtenen „Provinz“: „Sofort an ein großes Haus zu kommen, das kann auch ungeheuren Druck bedeuten. Es schadet nichts, wenn man sich erst einmal an kleineren Bühnen (mit durchaus größeren Rollen) erprobt.“ Wer sich da von einer Agentur (die im übrigen, so Rudorff, erst bezahlt werden muss, wenn es zu einem Engagement kommt) an die Hand nehmen, wer Qualitäten und Talent richtig „vermarkten“ lässt, hat es sicherlich ein wenig einfacher als derjenige, der mit Bewerbungsmappe und Deutscher Bahn quer durch die Republik reist und auf die große Entdeckung hofft. „Die jungen Leute müssen sich eines klarmachen: Es wartet keiner auf sie“, dämpft die Agentin zu große Euphorie. Aber wenn man den Weg „gemeinsam“ geht, dann sind die Chancen, einen festen Platz in der weiten Theaterlandschaft zu finden, für (fast) jeden jungen Schauspieler durchaus realistisch. Statt Verlorene Liebesmüh wird dann tatsächlich Ende gut, alles gut gegeben.
ist freier Kulturjournalist und Theaterkritiker, unter anderem für Theater heute, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschlandfunk und den Bayerischen Rundfunk.
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Dezember 2009
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