Berufe und Ausbildung

Probe, Spiel und Dramaturgie – Bernd Stegemann über das Handwerk des Schauspiels

Bernd Stegemann mit Nicolas Stemann (vorne); Foto: Iko Freese/DRAMAEr war im Leitungsteam des Frankfurter Theater am Turm, bevor er als Dramaturg ans Deutsche Theater in Berlin ging. Heute ist Bernd Stegemann Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und Chefdramaturg an der Berliner Schaubühne.

Wir sprechen über das spielerische Erfinden von Bühnensituationen in der Probe. Wie bemerkt man, wann das klappt und wann nicht?

Man sieht es an der eigenen Reaktion. Wir alle reagieren unmittelbar empathisch, sobald wir ein darstellerisches Spiel als echt empfinden. Die handwerklichen Kennzeichen sind, ob ein Satz konkret ist oder ein allgemeiner Text, ob eine Handlung allgemein oder konkret ist, ob zum Beispiel real etwas passiert, wenn ein Schauspieler nach einem Glas greift, oder ob er nur so tut als ob. Das ist ein harter Unterschied, den man allerdings nur weich umschreiben kann. Da passiert ja nichts naturwissenschaftliches, sondern etwas seelisches.

Was ist, wenn ein Schauspieler eine Figur darstellt, die mit anderen spielt, die zum Beispiel wie Shakespeares Richard der Dritte oder der Wurm in Schillers „Kabale und Liebe“ intrigiert?

Das ist natürlich ein ganz spezieller Figurentyp, der sich selbst theatralisiert. Da das Spiel bei diesen Figuren eine zusätzliche und überaus spannende Dimension erhält, mögen sowohl Schauspieler als auch Zuschauer witzigerweise diese Art von Menschsein sehr gerne. Im Alltag sind solche Menschen meist weniger beliebt und man sagt „die machen doch Theater“.

Spielempfehlung

Jürgen Gosch probt „Sommernachtstraum“ am Deutschen Theater Berlin (2007); Foto: Iko Freese/DRAMASie sprechen davon, dass Theaterstücke mehr oder weniger gute Spielempfehlungen geben. Gibt es auch Stücke, die das kaum tun?

Es gibt in der Tat Stücke mit diffusen oder gar keinen Spielempfehlungen. Liest man als Dramaturg ein Stück, ist genau das auch ein entscheidendes Qualitätskriterium. Man liest da allerdings immer auf zwei Ebenen. Zum einen auf der der theatralischen Situation und mit Blick auf die Frage, welche Möglichkeiten zum Spielen gibt sie dem Schauspieler. Und dann auf der Ebene der Figur selbst und mit Blick darauf, wie theatralisiert sie sich. Regisseure fühlen sich von Stücken mit klaren Spielanweisungen häufig abgestoßen und der Regie-Ehrgeiz geht häufig in die Richtung, selbst bei Dramen, denen eine Spielweise eingeschrieben ist, eine andere, möglichst konträre zu suchen.

Ein Beispiel für ein Theaterstück, das wenig Spielangebote macht?

Goethes Faust etwa funktioniert auf der Ebene des dramatischen Spiels erst, sobald Gretchen kommt. Davor ist das ziemlich spröde. Schiller dagegen war ein begnadeter Dramaturg, Erfinder und Gestalter von Situationen. Er schrieb als Dramatiker derart energetisch und einfallsreich, dass er sämtliche melodramatischen Hollywood-Wendungen vorweg genommen hat. Lady Milford in Kabale und Liebe zum Beispiel ist Hollywood pur: Ein gefallenes Mädchen, das sich hoch schläft und dann plötzlich sagt, alles war falsch, also verschenke ich meinen ganzen Besitz und lebe in Armut. Was will man mehr.

Spielverderber

Dimiter Gotscheff probt „Das Pulverfass“ (2009), Produktion Deutsches Theater Berlin und spielzeit’europa / Berliner Festspiele; Foto: Iko Freese/DRAMAMuss der Dramaturg während der Probe manchmal ein Spielverderber sein?

Es sollte so und es sollte vor allem dann so sein, wenn das spielerische Finden von darstellerischen Möglichkeiten sich verselbstständigt, wenn es albern, wenn es doof wird und nur noch darum geht, dass man auf der Bühne Spaß hat. Dann ist es notwendig, dass einer da sitzt, der nörgelt und sagt, das ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Funktioniert das, ohne die gute Laune zu verderben?

Die gute Laune zu verderben, kann ganz gut sein. Schließlich ist die Schauspielerei ein Beruf. Wichtig ist, dass man konkrete Punkte benennt und auf den Text oder auf Situationen in den bisherigen Proben verweist, in denen das Spiel sinnvoller, komplexer, ästhetisch reicher war. Wichtig ist auch, Spielhilfen zu geben, damit das Ganze in eine bessere Richtung geht.

Ein Ziel des Theaters ist, während der Proben etwas ästhetisch Autonomes herzustellen, andererseits sollte Theater aber auch gesellschaftlich relevant sein. Wie kann das funktionieren?

Das ist die Dialektik des Theaters als Kunst. Das Ergebnis der Probe darf nicht eitel sein, kein dadaistisches oder larmoyantes Kreisen um sich selbst. Trotzdem muss das Ergebnis künstlerisch autonom sein und in dieser Autonomie Kontakt zur Gesellschaft haben. Die Bühnenkunst des Abendlandes hat schon immer in diesem Paradox gelebt, mit dem Zuschauer kommunizieren zu wollen, aber eben so zu kommunizieren, dass nicht immer alle vorher schon alles gewusst haben.

Kinderspiel

Heiner Müller probt „Hamletmaschine“ am Deutschen Theater Berlin (1990); Foto: Theile/DRAMAKann es passieren, dass ein Schauspieler sich wie ein Kind ganz im Spiel verliert?

Ja und nein. Ein Schauspielprofi kann in jeder Sekunde wieder aus dem Spiel aussteigen, also verliert er sich nicht als Mensch, sondern die Figur verliert sich in einer als real angenommenen Situation. Das ist ein psychologisch schwer zu verstehender Moment. Der Mensch ist in der Lage, auf verschiedenen Realitätsebenen gleichzeitig zu operieren und ein guter Schauspieler kann das ganz extrem: Er weiß, dass er auf der Bühne ist, trotzdem vergisst seine Figur das in diesem Moment und damit der Schauspieler auch einen Teil seines Selbst. Diese seltsame Gleichzeitigkeit ist etwas überaus Geheimnisvolles und Faszinierendes.

Jürgen Berger
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, TAZ und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises. Seit 2007 ist er in der Jury des Berliner Theatertreffens und Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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