Räume für Geschichten – Gespräch mit dem Regisseur und Bühnenbildner Andreas Kriegenburg

Andreas Kriegenburg vereint in sich Regisseur und Bühnenbildner. Nicht selten baut er dem Regisseur in sich einen Spielraum, an dem der sich abzuarbeiten hat.
Im Café der Deutschen Oper Berlin, wo Andreas Kriegenburg zu diesem Zeitpunkt Giuseppe Verdis Otello probt. Der bildmächtige Schauspielregisseur inszeniert allerdings nicht nur im Musiktheater, sondern ist auch häufig sein eigener Bühnenbildner. Dabei gelingen ihm große Würfe wie 2008 mit seiner Münchner Adaption von Franz Kafkas Der Process.
Herr Kriegenburg, Sie sind in Personalunion Regisseur und Bühnenbildner. Wird es das auch in der Oper geben?
Die Grenzlinie werde ich in nächster Zeit wohl nicht überschreiten, da Opernbühnen unter anderem wesentlich aufwendiger sind. Der Raum für Othello zum Beispiel muss hundertsiebzig Menschen beherbergen und da geht es schon um ganz andere Bildwirkungen als auf Schauspielbühnen. Vor dieser visuellen Dimension schrecke ich noch zurück.
Die Theaterwelt kennt Sie als Regisseur. Wann sind Sie ins Bühnenbild-Fach eingestiegen?
In Wien und eher zufällig bei der Vorbereitung zu Büchners Dantons Tod, als ich eine so klare Vision eines mit Filz ausgeschlagenen weißen Raums hatte, dass ich mir sagte: Bevor der Bühnenbildner nur ein Erfüllungsgehilfe sein wird, mache ich das lieber selbst. Das war 2001.
Gesetze der Schwerkraft
Dann haben Sie demnächst ja 10-jähriges Bühnenbildjubiläum. Wann starteten Sie eigentlich als Regisseur?
1984 in Zittau, und zwar mit dem Weihnachtsmärchen Rotkäppchen.
In aktuellen Bühnenbildern wie dem zu ihrer Münchner Inszenierung „Der Prozess“ oder zur Berliner Inszenierung von „Diebe“ spielen Sie mit den Gesetzen der Schwerkraft. Ist das ein neuer Impuls?
Dass ich Motiven der Mechanik wie der Drehung und des Pendelns tatsächlich auch verschiedene Facetten abzugewinnen versuche, ist relativ neu. Davor bot ich den Schauspielern eher geschlossene und statische Imaginationsräume an. Der Wunsch, mit der Aufhebung der Schwerkraft zu spielen, begleitet mich allerdings schon seit meiner Hamburger Inszenierung von Kinder des Olymp. Da waren die Tische und Stühle einer Kneipe an Wänden und Decken angebracht und es gab Auftritte aus der Decke heraus.
Hat das Doppelwesen „Kriegenburg“ zuerst die Idee für das Bühnenbild, oder strukturiert der Regisseur zuerst den Text?
Ich grenze grundsätzlich zuerst thematisch ein, um auch für mich als Bühnenbildner Orientierung zu schaffen. Dann allerdings laufen die Entwicklung des Regie- und Bühnenkonzepts zeitlich parallel und ich weiß bis heute nicht, wie es mir gelingt, dass die beiden Vorgänge sich nicht beeinflussen. Als Bühnenbildner versuche ich auf mich als Regisseur keine Rücksicht zu nehmen und prüfe einen Entwurf nicht auf seine Praktikabilität. Erst wenn das Bühnenbild fertig ist, denkt der Regisseur Kriegenburg darüber nach, wie er szenische Ökonomie entwickeln könnte.
Kann es passieren, dass der Regisseur sagt: Dieser Bühnenbildner spinnt ja?
Die reden gar nicht miteinander. Der Regisseur fängt erst an zu grübeln, wenn der Bühnenbildner fertig ist. Im Moment bereite ich ja den Sommernachtstraum vor, der zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Deutschen Theater Premiere hat. Und da habe ich mir eine Bühne gebaut, die als Arbeitsraum sehr schön ist, den Regisseur aber verzweifeln lässt. Der Raum ist eine ästhetische Setzung, die eine urbane Modernität assoziiert, und ich weiß noch nicht, wie bestimmte Szenen in diesem Raum spielen können. Also versucht der Regisseur jetzt schon seit Wochen verzweifelt den Raum des Bühnenbildners zu bestätigen.
Künstlerischer Widerstand
Gehen Sie dabei wohlwollend mit sich um?
Ja, aber das ist ein Arbeitsansatz, aus dem heraus ich mit jedem Bühnenbildner arbeite. Ich brauche doch den künstlerischen Widerstand und die Überraschung, also versuche ich ästhetisch so gut wie nichts vorzugeben und den Entwurf des Bühnenbildners nicht zu verändern. Es ist eher so, dass der Bühnenbildner dem Regisseur etwas verweigert und zum Beispiel sagt: Nein, bei mir wird nicht auf die Wände gemalt, weil wir die dann nicht mehr sauber bekommen.
Kann es passieren, dass die Schauspieler gegen das Bühnenbild rebellieren und der Regisseur vermitteln muss?
Denkbar ist es, passiert ist es bisher nicht, da die Arbeitsauffassung des Regisseurs natürlich den Bühnenbildner beeinflusst. Bühnenbilder müssen ja immer auch soziale Realitäten zulassen und den Schauspielern Vergnügen bereiten. Der scheinbar die Schwerkraft aufhebende Raum im Prozess zum Beispiel sagt sehr viel über den psychischen Zustand des Protagonisten, bereitet den Schauspielern aber auch ein geradezu kindliches Vergnügen. Es ermöglicht ihnen ein neues körperliches Selbsterleben und da der Regisseur Kriegenburg ein großer Freund der Eleganz ist, kann der Schauspieler sowohl den eigenen Körper als auch sein Sprechen als etwas Elegantes wahrnehmen.
Die Wesenheit des Stoffes
Ihre Ästhetik ist stark vom Slapstick und von Jacques Tati geprägt. Gilt diese „Seelenverwandtschaft“ für den Regisseur und den Bühnenbildner?
Der Regisseur Kriegenburg ist viel stärker beeinflussbar und liebäugelt auch mit Buster Keaton, Aki Kaurismäki und Pina Bausch. Beim Bühnenbildner Kriegenburg ist das anders. Der arbeitet unbeeinflussbar, wartet lange auf Räume für Geschichten und imaginiert in schlaflosen Nächten aus der inneren Wesenheit des vorgegebenen Stoffes heraus einen Raum. Meine wesentliche Arbeitszeit ist ja der Halbschlaf, in dem ich mich in irrationalen Räumen bewegen kann.
Kann es passieren, dass Sie sich tagsüber nicht mehr an geträumte Räume erinnern?
Nein. Ich muss sie nur immer wieder imaginieren, um Details hinzuzufügen.
Können Sie sich vorstellen, Bühnenbilder für Regiekollegen zu entwerfen?
Das würde ich sehr gerne machen, ganz einfach um auch mal andere Arbeitsprozesse in der Regie kennenzulernen. Das ist allerdings ein Zeitproblem und es stellt sich die Frage: Welcher Regisseur lädt sich gerne einen Regiekollegen ein, der dann in der Probe mit dabei sitzt, weil er nun mal der Bühnenbildner ist?
führte das Gespräch. Er ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, TAZ und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und danach bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.
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Juni 2010
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