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„Ich mache das relativ hemmungslos“ – Gespräch mit der Regisseurin und Intendantin Karin Beier

Karin Beier, Regisseurin und seit drei Jahren Intendantin des Schauspiel Köln; Foto: Klaus LevebreKarin Beier hat aus dem Kölner Schauspiel innerhalb kurzer Zeit eines der erfolgreichsten Sprechtheater gemacht, sie glänzt aber auch weiterhin als Regisseurin.

Sie ist Regisseurin und seit drei Jahren Intendantin des Schauspiel Köln, aus dem sie ein Erfolgsmodell gemacht hat. Karin Beier sorgt allerdings auch mit eigenen Inszenierungen für Einladungen zum Berliner Theatertreffen und hat sich auch insofern durchgesetzt, als das Schauspielhaus der Domstadt nun doch nicht neu gebaut, sondern sinnvoll saniert wird.

Was verändert sich, wenn man als Regisseurin Intendantin wird?

Relativ wenig. Meine größte Sorge war ja, jene Gelassenheit zu verlieren, die ich mir in den letzten Jahren angeeignet habe. Also nicht mehr um fünf Uhr morgens vor einer Probe aufzuwachen, wenn es gerade mal nicht so gut läuft. Das war ein langer Weg und ich wollte nicht wieder einbrechen.

„Die Nibelungen“ von Friedrich Hebbel, Premiere am 12.10.2007, v.l.n.r.: Michael Wittenborn, Carlo Ljubek; Foto: Christian BrachwitzHaben Sie es sich lange überlegt, bevor Sie in Köln zusagten?

Nein. Während der Vorgespräche mit Kulturdezernent Georg Quander lebte ich in Wien. Es ging mir sehr gut und ich habe das eher spielerisch betrachtet. Das war zeitgleich mit meiner Schwangerschaft und ich hatte dieses Gefühl, nichts wird mehr so sein wie vorher. Es kamen so viele unbekannte Größen auf mich zu und ich hatte keine Ahnung, was das alles mit mir macht, während sich gleichzeitig auch ein Gefühl von Omnipotenz einstellte.

Wo lauern die Gefahren, wenn man als Intendantin ein Haus leitet und parallel als Künstlerin mit den Schauspielern an Texten arbeitet?

Zur Eröffnung habe ich Hebbels Nibelungen inszeniert und da weiß man ganz genau, dass mit dieser ersten Premiere auch ein Urteil über das Haus gefällt wird. Es hätte also sein können, dass ich unter großem Druck stehe. Interessanterweise liefen die Proben aber ganz normal für mich.

Loslassen können

Könnte man den Zielkonflikt beim Antritt einer Intendanz so beschreiben: Die Regisseurin muss plötzlich planen, administrieren und einen Teil ihrer Kreativität in andere Dienste stellen?

Das ist richtig und ich hatte anfänglich große Probleme. Die Planung einer Spielzeit ist eine Sisyphos-Arbeit, während eine Probe ganz direkt über Input-Output funktioniert. Man bekommt immer sofort gespiegelt, was man tut. Als Planerin dagegen schreibt, mailt und telefoniert man von morgens bis abends und die Liste wird nie kleiner.

„König Lear“ von William Shakespeare,  Premiere am 26.9.2009, mit Barbara Nüsse als König Lear; Foto: Klaus LefebvreHaben Sie eine Erklärung dafür, warum gute Regisseure nach der Übernahme einer Intendanz zwar gute Theaterleiter sein können, plötzlich aber schlechte Inszenierungen abliefern?

Überarbeitung. Ich selbst löse das, indem ich mir für meine Inszenierungen die nötige Vorbereitungszeit vorbehalte und zum Beispiel sage, von zehn bis ein Uhr bin ich abwesend. Bleibt man da im Büro, funktioniert das nicht. Also gehe ich während dieser Sperrstunden in ein Café.

Funktioniert das nur, wenn Sie zum Beispiel eine gute Dramaturgie haben?

Das sowieso. Man muss allerdings auch loslassen können. Wäre ich ein Kontrollfreak, hätte der Tag nicht genug Stunden. Ich habe mit meiner Chefdramaturgin Rita Thiele ja ganz einfach eine sehr gute Person, wir haben einen ähnlichen Geschmack und ich vertraue ihr.

Total abkoppeln

Lebt die Regisseurin Karin Beier in Gefahr, die Freiheiten, die die Intendantin ihr gönnt, zu intensiv zu nutzen?

Ja, ich kann besetzen, wen ich will, und das finde ich ziemlich gut. Der Nachteil ist, dass es vielen im Haus schwer fällt, mich zu kritisieren. Hm, Machtmissbrauch! Gutes Thema.

„Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ von Ettore Scola und Ruggero Maccari; Uraufführung am 8.1.2010, v.l.n.r.: Dagmar Sachse, Christoph Luser; Foto: David BaltzerMüssen Sie als Intendantin neue Sensoren zum Beispiel dafür entwickeln, wenn die Ruhe trügerisch wird?

Nein, dafür schützt dieser grundsätzliche Selbstzweifel, den man als Regisseur haben sollte. Ich hinterfrage mich ständig und habe auch nicht das Gefühl, der Intendantenjob behindere mich. Im Gegenteil. Ich kann mir holen, was ich will, und mache das auch relativ hemmungslos.

Wo liegt die größte Gefahr?

Dass der Akku immer leerer wird und es schwer fällt, ihn wieder aufzuladen. Und dass man so selbstdiszipliniert leben muss, was furchtbar langweilig ist. Dieses „Hoch die Tassen“ wie früher ist nicht mehr so möglich. Es fällt was weg, was mit einem hohen Lustfaktor besetzt war.

Wird in so einer Situation die Probebühne als Oase immer wichtiger?

Das ist so. Ich kann mich in der Probe total abkoppeln und bin sofort in einer anderen Welt. Gefährdet war das nur, als es in der heißen Phase um die Entscheidung Neubau oder Sanierung des Theaters ging.

Was müsste passieren, damit Sie nicht mehr Intendantin sein wollen?

Es gibt als Regisseurin Situationen, in denen es einem psychisch nicht wirklich gut geht. Da gehört es dazu. Würde sich das auch im Intendantenjob einstellen und wäre es ein Dauerzustand, würde ich aufhören. Ich möchte nicht, dass mein Leben und das meiner Familie überschattet wird. Das wäre es nicht wert.

Jürgen Berger
führte das Gespräch. Er ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, TAZ und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und danach bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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